T. Singer

Roman
 
 
Dörlemann (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. Februar 2019
  • |
  • 280 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-03820-965-2 (ISBN)
 
Singer ist vierunddreißig und hat gerade die Ausbildung zum Bibliothekar abgeschlossen, als er mit dem Zug in der Kleinstadt Notodden ankommt, um ein neues Leben zu be- ginnen. Er verliebt sich in Merete, eine Töpferin, und zieht mit ihr und ihrer kleinen Tochter zusammen. Im Lauf der Jahre beginnt die Beziehung zu bröckeln. Und gerade als sich das Paar scheiden lassen will, nimmt Singers Schicksal durch einen Autounfall eine unerwartete Wendung.
  • Deutsch
  • Zürich
  • |
  • Schweiz
  • 0,67 MB
978-3-03820-965-2 (9783038209652)
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DAG SOLSTAD, geboren am 16. Juli 1941 in Sandefjord, gehört zur ersten Garde der norwegischen Schriftsteller. Er hat zahlreiche Roma- ne, Artikel, Theaterstücke und Essays verfasst. Seine Werke wur- den vielfach ausgezeichnet und in zahlreiche Sprachen übersetzt. 2017 wurde ihm der Nordische Preis der Schwedischen Akademie verliehen, der auch als "Kleiner Nobelpreis" gilt.

Singer setzte sich wieder. Er saß lange da und starrte vor sich hin.

»Der Tod ist zu grausam«, sagte er schließlich. »Er lässt sich unmöglich erfassen. Nicht mit unserem Verstand, und auch nicht mit unseren Gefühlen. Er macht uns verlogen. Was immer wir sagen, auch wenn es eine Tatsache ist, wird geschmacklos, sobald wir ihm gegenüberstehen. Hätte ich dir erzählt, was ich jetzt empfinde, wäre dir schlecht geworden. Ich habe dir nur einen kleinen Ausschnitt geschildert, dir eine kleine exakte Information gegeben, nämlich dass Merete und ich ein paar Wochen vor Meretes Tod beschlossen hatten, uns scheiden zu lassen. Dass der Mann, der die Todesnachricht in seiner Eigenschaft als ihr engster Vertrauter empfangen hat, aufgrund einer gemeinsam getroffenen Entscheidung ein Mann war, der keine Bedeutung mehr für sie hatte. Das zu erfahren erfüllt dich mit Unbehagen. Diese einfache exakte Information. Ich hätte sie für mich behalten sollen. Ja, ich weiß es, aber ich musste mich jemandem anvertrauen. Mich anvertrauen? Warum sage ich, mich jemandem anvertrauen? Es gibt doch nichts, das ich jemandem anvertrauen müsste. Trotzdem vertraue ich mich dir an. Und das hätte ich besser unterlassen. Denn indem ich es tue, tritt etwas Abscheuliches zutage. Nicht weil Merete und ich uns scheiden lassen wollten. Sondern weil ich es jetzt sage, nachdem Merete tot ist und bevor wir geschieden wurden.«

»Schwierige Dinge sprichst du hier an«, sagte der andere, der Mann seiner Kollegin. »Ist es nicht besser, wenn du noch etwas wartest, bevor du darüber nachdenkst? Wenn du etwas mehr Abstand bekommst?«

»Was du mir vorwirfst, ist, dass ich sie nicht geliebt habe. Du wirfst mir vor, dass ich bei ihrem Anblick nicht länger Freude empfunden habe. Und das stimmt, ich empfand bei ihrem Anblick nicht länger Freude. Trotzdem empfinde ich Trauer.«

»Ich weiß, dass du Trauer empfindest«, sagte der andere. »Das sehe ich ja, du sitzt ja völlig niedergedrückt da, darum sprichst du so, wie du sprichst.«

»Ja, aber ich verspüre keine persönliche Trauer. Meine Trauer ist allgemeiner Natur, wenn du verstehst, was ich meine. Erträgst du es, wenn ich dir von meiner Trauer erzähle?« Der imaginäre andere nickte. Und Singer fuhr fort. »Ich stelle mir Meretes Gesicht im Augenblick des Todes vor. Ihren ungläubigen Gesichtsausdruck, als sie begreift, was passiert. Es ist nicht schwer, sich das vorzustellen, es ist fast unmöglich, es sich nicht vorzustellen. Ein Mensch hat ja anderen gegenüber eine begrenzte Mimik. Denk selbst mal darüber nach, wenn du dir ein Bild von einem anderen Menschen machst, es mögen drei oder vier typische Gesichtszüge sein, mehr nicht. Es ist die Eigenart des anderen als Bild. Ich kannte alle Gesichtsausdrücke von Merete und hatte aufgehört, mich über sie zu freuen. Um ehrlich zu sein, war ihre Mimik für mich bedeutungslos geworden. Doch der ungläubige Blick, ihr Gesichtsausdruck, als es passiert. Der prägt sich ein. Und der erfüllt mich mit Trauer. Allgemeiner Trauer. Weil es mit diesem Gesichtsausdruck, mit dieser Mimik geschieht. Womit ich mich nicht versöhnen kann, nicht jetzt. Es hat erneut etwas Bedeutungsloses an sich, das sich nicht entfernen lässt. Nicht von mir. Die Abnutzung zwischen uns lässt sich nicht ausradieren. Meretes Mimik aus der ersten Zeit unserer Verliebtheit zum Beispiel kann ich nicht wiederherstellen, ihren ungläubigen Gesichtsausdruck von damals, denselben, den ich jetzt vor mir sehe, im Augenblick des Todes, nein, der lässt sich nicht wiederherstellen. Die Abgekämpftheit in dem, was ich jetzt vor mir sehe, die Gereiztheit, ist da, sogar im Moment des Schreckens. Verstehst du mich?«

»Nein«, sagte der andere. »Nein, ich glaube, ich kann dir hier nicht folgen. Aber ich höre zu.«

»Du wirst mich verstehen, wenn du es versuchst«, sagte Singer.

»Wenn es so ist, kann ich es nicht versuchen«, sagte der andere, »aber ich bin hier, und ich höre zu.«

»Ich verspüre also keine persönliche Trauer«, fuhr Singer nach einer neuerlichen Pause fort. »Aber Meretes Gesicht im Moment des Todes. Als der Lebensfaden brutal zerschnitten wird. Und sie es weiß. Das kann ich mir vorstellen, und ich spüre einen Stich. Dem Tod gegenüber sind wir so hilflos, im Sinne von aufgelöst. Was um Himmels willen ist ein Mensch? Angesichts des Todes. Was besagt diese Unlogik in mir? Dass ich einen Anflug von Gewissensbissen verspüre, weil meine Frau tot ist und wir uns scheiden lassen wollten. Es besteht ja kein Zusammenhang, trotzdem hörst du, wie ich rede, ja, vielleicht hörst du auch, wie du antwortest. Beides ist das Ergebnis eines Trugschlusses. Aber wir können damit nicht vernünftig umgehen. Er ist da. Der Trugschluss. Wir, zumindest ich, haben kein Problem damit, ihn zu durchschauen, aber er ist da, wir müssen ihn akzeptieren. Hat das etwas mit der menschlichen Formel zu tun? Selbst wenn wir den Trugschluss erkennen, hört er nicht auf zu wirken. Er ist. Angesichts des Todes werden wir in unserem Innersten von etwas erschüttert, von dem wir wissen, dass es ein Trugschluss ist, ja, eine elementare logische Dummheit. Denn das ist es. Es ist dumm, zu dumm. Trotzdem erschüttert es mich, und du, das sehe ich genau, bist über meine Worte ebenso erschrocken wie ich. Ist das hier die Gleichung? Wenn ja, verstehe ich sie nicht. Sie ist verkehrt. Ich bin unschuldig. Hörst du, ich bin unschuldig.«

»Ja, ich höre«, sagte der andere, der imaginäre Mann, »und ich habe nicht gesagt, dass du schuldig bist. Du erlegst dir selbst die Schuld auf.«

»Trotzdem bist du erschüttert?«

»Ja«, sagte der andere, »das bin ich.«

»Warum?«, fragte Singer. »Jetzt musst du mir mit deinen Worten erzählen, warum du von dem, was ich sage, so erschüttert bist. Das zu erfahren, wäre sehr wichtig für mich.«

Es wurde still. Beide saßen still und in Gedanken versunken da, fast so, als wären sie eingenickt, denn es war reichlich spät geworden. Als Singer aufsah und zu dem anderen hinüberschaute, war dieser nicht mehr da. Er war weg. Singer erschrak.

»Komm zurück«, rief er. »Ich muss dir noch viel mehr erzählen. Ich habe gerade erst angefangen.« Zum Glück kam der andere zurück und ließ sich in aller Ruhe wieder auf dem Sessel nieder.

»Sprich weiter«, sagte er. »Ich höre.«

»Isabella wird bei mir wohnen«, sagte Singer. »Was sagst du dazu?«

»Das ist eine schöne Geste von dir«, sagte der andere, »denn es wäre nicht nötig. Sie gehört ja nicht zu dir.«

»Ist das ironisch gemeint?«, fragte Singer, wachsam.

»Nein«, sagte der imaginäre andere, »aber es ist schon eine Ironie des Schicksals, dass du Isabella jetzt zu dir nehmen willst. Wäre Merete noch am Leben, würdest du sie nie mehr wiedersehen.«

»Was willst du damit sagen?«, fragte Singer.

»Nichts«, erwiderte der andere, »ich verweise nur auf diese Ironie, sie ist ein Fakt.«

»Ja, das ist merkwürdig«, gab Singer zu. »Denn wie du sagst, bräuchte ich es nicht zu tun. Im Gegenteil, könnte man fast sagen. Meretes Familie würde sie gern zu sich nehmen, das haben sie sogar gesagt.«

»Wissen sie es?«, fragte der andere.

»Was denn?«

»Dass ihr euch scheiden lassen wolltet, Merete und du.«

»Nein«, sagte Singer, »das konnte ich ihnen nicht sagen. Nicht jetzt. Und ich glaube auch nicht, dass Merete es ihnen erzählt hat. Sie wissen also nichts davon.«

»Sie leben also in dem glücklichen Irrglauben, dass zwischen euch, ihrer verstorbenen Tochter und deren Mann, jetzt Witwer, alles bestens war?«

»Ja.«

»Ist es nicht schwer, damit zu leben?«

»Eigentlich nicht«, antwortete Singer, »es gehört zu den Dingen, die mir am wenigsten schwerfallen.«

»Aha. Obwohl du weißt, dass du Isabella nicht bekommen würdest, wenn sie es wüssten, jedenfalls nicht ohne Weiteres? Meretes Eltern fänden es dann völlig inakzeptabel, dass du sie zu dir nimmst, das musst du doch verstehen.«

»Ja, das verstehe ich. Aber ich konnte es ihnen einfach nicht erzählen. Dafür war es zu spät. Wenn Merete es aus welchem Grund auch immer nicht geschafft hat, es ihnen zu sagen, kann ich jetzt nicht ankommen und ihnen mitteilen, dass ihre verstorbene Tochter für mich so unwichtig geworden war, dass ich überlegt hatte, bei ihr auszuziehen. Oder umgekehrt, dass ich ihr so unwichtig geworden war, dass sie nur darauf gewartet hatte, dass ich bei ihr auszog. Ja, Letzteres hätte man ihnen wohl zumuten können«, schob Singer mit einem Lächeln hinterher. »Aber mir fiel es zu schwer, es ihnen zu sagen.«

»Dir fiel es zu schwer, es ihnen zu sagen? Du wolltest sie also nicht verletzen?«

»Na ja, wie ich schon sagte, hätte ich wahrheitsgemäß gesagt, dass Merete nur darauf gewartet hat, dass ich bei ihr ausziehe, wäre es nicht so verletzend gewesen. Es wäre sicher ein Schock für sie gewesen, doch sie hätten Mitgefühl mit mir gehabt, und ich hätte einfach gehen können. Aber genau das zu sagen war einfach zu schwer. Du musst mir glauben, auch wenn es banal klingt, dass es so war. Ich habe es nicht über mich gebracht. Und so bin ich mit Isabella zurückgeblieben.«

»Du bist mit Isabella zurückgeblieben?«, stieß der andere aus. »Das wäre nicht nötig gewesen. Es war nicht einmal richtig von dir. Als sie gesagt haben, sie wollten, dass Isabella in ihrer Familie aufwächst, bei ihrem Onkel, hättest du einfach nicken und sagen können: Ja, das wäre wohl das Beste. Du sehest dich nicht in der Lage, für sie zu sorgen oder so, und du seist froh, Isabella in sicheren Händen zu wissen.«

Singer nickte. »Ja«, sagte er....

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