Der Strand

Roman
 
 
Dörlemann (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 16. April 2018
  • |
  • 200 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-03820-957-7 (ISBN)
 
Eine Frau fährt mit dem Bus zu einem verlasse nen Strand und der Grotte, in der sie mit ihrem Freund glückliche Stunden verbracht hat. Dort angekommen badet sie im Meer und spürt seit langem das erste Mal wieder ihren Körper.

Doch sie ist nicht alleine. Die Grotte wird bewohnt von einem Mann und einem Mädchen, das die Welt mit anderen Augen zu sehen scheint. Drei Menschen, ein Strand, das Meer. Als die junge Frau die Insel verlässt, ist sie nicht mehr dieselbe.
  • Deutsch
  • Zürich
  • |
  • Schweiz
  • 0,53 MB
978-3-03820-957-7 (9783038209577)
3038209570 (3038209570)
weitere Ausgaben werden ermittelt
MARIE NIMIER, geboren 1957 in Paris, war zunächst Schauspielerin und Chansonnière, bevor sie sich dem Schreiben widmete. Inzwischen sind von ihr dreizehn Romane erschienen, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Auf Deutsch liegen ihre Romane Die Giraffe (Suhrkamp,1990) und Hypnose für jedermann (Rowohlt, 1995) vor. 2004 erhielt sie für La Reine du Silence den Prix Médicis. Der Strand ist ihr neuster Roman (Gallimard, 2016). Neben Romanen schreibt sie Kinderbücher, Theaterstücke, Radiohörspiele und Texte für Chansons.

II


Am Ausgang der Schluchten tut sich ein erster Strand auf.

Ein Strand ohne Urbanität, ein Meer ohne Surfbretter und Fischerboote, ein Meer für sich, das Meer, so könnte man fortfahren, wie man die Hoffnung oder die Wahrheit sagt, klar, befreit von allem nützlichen Ritual, von jedem Hinweis auf Tourismus.

Keine Kabine, kein Sonnenschirm, auch keine Schwimmer, keine spitzen Schreie, kein Entschuldigen Sie, dass der Ball .

Nichts zu kaufen, nichts zu verkaufen, sagt sich die Unbekannte und fügt dem Katalog der negativen Sätze einen neuen Eintrag hinzu. Aufzählen, was nicht ist, um sichtbar zu machen, was ist, durch ein Ausschlussverfahren zu Werke gehen: das hat sie von ihrem Vater gelernt.

Kein Geruch von Sonnencreme, keine in Ehren zu haltenden Bräuche, keine zu ertragenden Menschenmengen.

Ein Strand am Sommeranfang, wie man ihn sich erträumt - das ist es, was ihr helfen sollte, wieder auf die Beine zu kommen.

Das sollte ihr helfen, wenn sie nur das Meer lieben würde. Aber die Unbekannte liebt das Meer nicht. Wenigstens nicht sonderlich. Sie findet es eindeutig überschätzt. All das Flüssige überall, das geht, das kommt, das hält in ihren Augen viele Unannehmlichkeiten bereit.

Mit dreizehn Jahren hat sie das Meer zum ersten Mal gesehen, sicher ein wenig spät, um es in ihre innere Kartografie einzubauen. Ihre ganze Kindheit über hatte ihr Vater sie von den Küsten ferngehalten, als wollte er sie vor einem schlimmen Schicksal bewahren. Sie hatte Filme gesehen, Fotos natürlich, denen man schwerlich entkommen konnte, aber nichts, was dem Strudel der widersprüchlichen Empfindungen ähnelte, den sie erlebte, als sie das Meer entdeckte. Am liebsten hätte sie alles in Bausch und Bogen zurückgewiesen, das Möwengeschrei, die Quallen, die klebrigen Algen, die gewaltigen Wellen, die Vorstellung zu ertrinken und diesen Mann im Hawaiihemd, der sie anzüglich ansah, als er den Sand mit seinem Metalldetektor absuchte. Sie hatte darauf bestanden, den August wie gehabt mit ihrem Vater in den Vogesen zu verbringen. Sie brachen zu langen Touren auf, schliefen in Zelten oder Schlafsälen, die nach Holz und Schweiß rochen. Sie pflegten ihre Gewohnheiten, hatten ihre bevorzugten Unterkünfte. Sobald sie alt genug zum Arbeiten war, fand sie Gelegenheitsjobs, um sich etwas Taschengeld zu verdienen, und ließ den Gedanken, Ferien zu machen, in der Versenkung verschwinden.

Zu ihren Erfahrungen, so gering sie sein mochten, kamen die Erzählungen von Kollegen aus dem Atelier hinzu, vor allem von Frauen, die braungebrannt aus dem Badeurlaub zurückkamen, mit gespannter Haut und Telefonen voller Fotos von sich und ihren Sprösslingen.

Die Unbekannte mag also das Meer nicht besonders, aber sie schwimmt gern - besonders am Abend, in der städtischen Badeanstalt, geschützt von Glasfenstern. Besser noch: eingegrenzt. Hier stört sie, dass das Wasser kein Ende zu haben scheint. Die Horizontlinie dehnt sich wie mit dem Lineal gezogen - das Auge sucht Zuflucht bei der Geometrie, aber der Geist findet keine Ruhe.

Die Unbekannte braucht Geländer, wenn sie schwimmt, gekachelte Ränder.

Warum also ist sie ausgerechnet hierhergekommen? Der Reisende und sie hatten in einer Höhle miteinander geschlafen, am anderen Ende des letzten Strandes. Diese Stelle zieht sie an. Dieser Ort fehlt ihr, als ob er ein Geheimnis enthalte, das sie einmal kannte, aber vergessen hat. Vielleicht will sie die zwei Jahre auslöschen, die seither vergangen sind, düstere, einsame Jahre. Und warum sich dann rechtfertigen? Niemand wird ihr diese Frage stellen außer sie selbst.

Dort muss sie sein, dort geht sie hin.

Ein Fels, der die Form eines Schulterblatts hat, trennt die beiden ersten Strände. Ziemlich hoch und sehr dünn ist er, und man fragt sich, wie er standhält. Drei andere Steingebilde mit scharfem Profil graben sich ins Meer, in absteigender Reihenfolge, drei Brüder mit Zuckerhüten. Drei bis zu den Zähnen bewaffnete Räuber.

Der Sand glänzt silbern, er ist ziemlich fest, durchsetzt mit runden Steinen und Muschelscherben. Als die Unbekannte auf den Schulterblattfelsen steigt, schrammt sie sich den Knöchel auf, eine sehr deutliche Schnittwunde, deren Ränder sie zusammendrückt. Das Blut will nicht herausquellen, es ist nur ein Kratzer, sie ist beinahe enttäuscht. Auf der anderen Seite ist der Sand heller. Sie hängt ihren Rucksack an den obersten Zweig einer kümmerlichen Tamariske, einer Überlebenden heftiger Stürme, und zieht sich aus. Entledigt sich windend ihrer Shorts, faltet sie zusammen, wickelt ihr Hemd um ihre Turnschuhe.

Dreht den Kopf nach rechts, nach links, ihr Hals ist tatsächlich nicht mehr steif. Die Erschütterungen der Fahrt hätten eigentlich eher den Schmerz verstärken müssen, als ihn zu lindern. Ein Rätsel. Nicht danach fragen. Es als positives Zeichen nehmen, das der Hals ihr sendet, eine kleine Botschaft der Versöhnung. Slip und BH landen bei ihren übrigen Kleidungsstücken.

Sie geht Richtung Wasser, so natürlich wie möglich. Die Nacktheit hat etwas Künstliches, sie fühlt sich unbeholfen, verstrickt, unbehaglich, weil sie keine Kleider anhat. Vor allem ihre Brüste sind sperrig. Sie hätte es lieber, dass sie in ihrem Oberkörper verschwinden, dorthin zurückkehren würden, aber man kann seine Brüste nicht wie seinen Bauch einziehen - allerhöchstens den Rücken krümmen.

Die Unbekannte sehnt sich nach ihrem Mädchenkörper.

Wenn sie Fotos von sich aus dieser Zeit sieht, findet sie sich hübsch. Sie ist sogar ein wenig verliebt in dieses Mädchen, das sich ohne jede Scham beim Baden fotografieren lässt. Sie nimmt ihm übel, sie verlassen zu haben. Das sind die einzigen Bilder von sich, die anzusehen sie in der Lage ist, die Bilder aus ihrer Kindheit, die anderen gefallen ihr nicht. Mit ihren Brüsten hatte sie bei den Jungen immer viel Erfolg, aber sie findet sie zu ausladend für ihren schmalen Rücken. Dementsprechend: keine Hüften, lange Beine - ohne Verbindung zur oberen Hälfte. Mit ihren Augen und Haaren übt sie noch am ehesten Nachsicht, wenngleich ihre kräftigen Locken ihr zu schaffen machen. Im Sommer rieb ihr Vater ihr die Haare vor dem Waschen mit Olivenöl ein, so, sagte er, habe es seine Frau gemacht. Von ihr sprach er nicht oft. So wenig wie möglich. Einmal hatte er versucht, mehr von ihr zu erzählen, aber die Kleine hatte sich die Ohren mit den Händen zugehalten. Sie wusste sehr gut, was sie nicht hören wollte. Kinder haben eine gute Intuition.

Das erste Bad also. Es fängt nicht gut an. Sie rechnet damit, fortgerissen zu werden: Das Wasser ist lauwarm, ölig, die Wellen kraftlos. Das Meer fühlt sich weich an, müde, könnte man sagen. Sie hat ein wenig Schaum von der Gischt in den Mundwinkeln, bläst ihn weg mit einem dünnen Lied, mit dreizehnsilbigen Alexandrinern. Die Unbekannte geht weiter, bückt sich, macht sich bis zur Hüfte nass. Noch ein Schritt und sie wird hineintauchen, endlich wird sie hineintauchen, bis ihr bewusst wird, dass sie vergessen hat, den Hut des Vaters abzulegen. Vor sich hin tropfend geht sie an den Strand zurück und sucht einen Stein, um ihn zu beschweren. Papa unter einen Stein klemmen, sagt sie sich, ihn zwingen, mir nah zu bleiben. Nicht bewegen, verstanden? Sie braucht ihn, um sich vor der Sonne zu schützen.

Was Steine betrifft, hat sie die Qual der Wahl, und genau das bringt sie in Verlegenheit.

Sie sind ganz unterschiedlich, und dennoch alle geeignet, die Aufgabe gleichermaßen wirkungsvoll zu erfüllen.

Warum diesen nehmen und nicht den daneben?

Hat die Natur ein Bewusstsein für diese Art Ungerechtigkeit?

Die Unbekannte schaltet die Fragen aus, steckt den Hut in die Seitentasche ihres Rucksacks und nimmt ihren scheinbar lässigen Gang zum Meer wieder auf. Keine Tasche, um die Hände hineinzuschieben, kein Gummiband, das festzuzurren wäre . Sie wird Zeit brauchen, um sich an das Nacktsein zu gewöhnen. Wenn sie anfängt sich daran zu gewöhnen, wird sie sich aus einem Grund, den sie noch nicht kennt, wieder anziehen müssen.

Jetzt schwimmt sie erst einmal mit langgezogenen, regelmäßigen Armstößen, wie im Schwimmbad, zwanzig Mal hin und her. Das Wasser ist klar, am Grund von einem milchigen Beige, das durchzogen ist von aneinandergereihten durchscheinenden Algen. Dicke Würste stören hier und dort deren schöne Ordnung. Pflanzen? Tiere? Man müsste sie berühren, sehen, ob sie sich davonmachen, ob sie ausspucken, sich vergraben, zusammenziehen. Sie ignoriert das lieber. Dreht sich auf den Rücken, treibt ab, denn eine Strömung kommt auf, obwohl die Wellen offensichtlich so kraftlos wirken.

Dass ihre ganze Haut ohne jedes hindernde Kleidungsstück mit dem Meer in Kontakt kommt, macht sie schließlich glücklich. Das Wasser gleitet bei jeder Beinbewegung zwischen ihren Schenkeln durch. Nackt verändert ihr Körper seine Proportionen. Die Arme wirken sehr lang, viel nützlicher als an Land und viel muskulöser. Sie hängen an ihrem Rücken, oberhalb der Schultern. Die Brüste sind auch Teil der Arme, sind keine Auswüchse mehr, die sie stützen muss, kein sperriges Paket, dem die Männer begehrliche Blicke zuwerfen.

Sie streckt sich. Sie fühlt sich gut. Grund genug, an ihren Vorurteilen gegenüber dem Schwimmen und dem Meer zu zweifeln. Als sie das letzte Mal ins Schwimmbad gegangen ist, hat sie eine Unterhaltung in der Nachbarkabine mitbekommen. Ein Vater sagte zu seiner Tochter, sie solle sich am ganzen Körper abtrocknen, bis in jede Ecke. Kein unangebrachtes Wort, nur ein Rat, den jeder hätte geben können, aber sie fühlte sich sehr unbehaglich, sodass sie aufs Schwimmen...

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