Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen

Novelle
 
 
Dörlemann (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 29. Januar 2018
  • |
  • 128 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-03820-955-3 (ISBN)
 
Anna ist Tänzerin. Gut verheiratet lebt sie ein schönes Leben. Dann trifft sie auf Gürkan. An der Seepromenade spricht er sie an. Und nichts ist mehr wie zuvor.

Die Dame mit dem maghrebinischem Hündchen erzählt von einer ungewöhnlichen Liebe in Zürich, aus dem Herzen einer Gesellschaft, die dem schönen Leben frönen will. In einer hellen, flirrenden Atmosphäre entsteht das Bild einer heterogenen Gesellschaft, in der Exotik und Zugehörigkeit sowie die Rolle der Kunst neu ausgehandelt werden.

Eine hinreißende Geschichte über die Sehnsucht nach Sinn und Sinnlichkeit und über die Zeiten hinweg eine Hommage an Anton Tschechow.
  • Deutsch
  • Zürich
  • |
  • Schweiz
  • 0,98 MB
978-3-03820-955-3 (9783038209553)
3038209554 (3038209554)
weitere Ausgaben werden ermittelt
DANA GRIGORCEA, geboren 1979 in Bukarest, studierte Deutsche und Niederländische Philologie in Bukarest und Brüssel. Mit einem Auszug aus ihrem Roman Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit wurde Dana Grigorcea in Klagenfurt 2015 mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet. Ihr Erstling Baba Rada. Das Leben ist vergänglich wie die Kopfhaare ist im Oktober 2015 im Dörlemann Verlag ebenfalls erschienen. Nach Jahren in Deutschland und Österreich lebt Dana Grigorcea mit ihrer Familie in Zürich.

II

Eine Woche war vergangen, seit sie sich kennengelernt hatten. Jeden Tag trafen sie sich seitdem am Zürichsee.

Es war ein Freitag und Föhnwetter, der Himmel blau, die Sonne schien. Die schneebedeckten Alpen zum Greifen nah, der warme Fallwind hatte die Temperatur schlagartig steigen lassen. In der Hornanlage in Küsnacht liefen die Gymnasiasten mit um die Hüfte gebundenem Pullover und hochgekrempelten Hemden um die Wette. Einige sprangen gleich mit den Hosen in den See und johlten.

Anna und Gürkan saßen auf der Bank im Schatten einer Eibe und schauten den Gymnasiasten zu. Vom grellen Licht brannten ihnen die Augen, und sie hatten vom Wind trockene Lippen. Mehrmals hatte Gürkan zum Brunnen gehen müssen, um Annas Trinkflasche aufzufüllen. Er lief jetzt über die Seestraße zum Supermarkt, um Erdbeeren zu kaufen.

Im Schatten war es Anna zu kühl, in der Sonne allerdings zu heiß. Sie setzte sich mehrfach um, stand auf und lief durch den Park. Im Gehen streifte sie die angerostete Eisenbrüstung, roch an einem blühenden Flieder, griff mehrfach nach Pappelflaum und hob einen gefalteten Bahnfahrschein vom Boden auf. Dabei erschien ihr jede Geste bedeutungsvoll, orchestriert, als würde sie von vielen Augen beobachtet - die sie selbst aber zu beachten nicht gewillt war, war sie doch frei zu tun und zu lassen, was ihr beliebte.

Sie dachte an die Dernière, die vergangene Woche stattgefunden hatte, und war versucht, sich von der Musik, die sie noch im Ohr hatte, treiben zu lassen zur kühnsten Pirouettenfolge, die sie allerdings auf Kieseln und in Sandalen lächerlich vollführt hätte, im Ansinnen aber berührend und ja, erhaben.

Sie meinte bald, in der unentwegten Drehung die Luftstöße an immer anderen Körperstellen zu spüren; dann erschien ihr ein kleines Lindenblatt an den Rändern gezackter, als sie es kannte. Das Grün der weiten Wiese schimmerte auf ihren Fingernägeln wider, und sie versuchte, sich zu merken, was sie Gürkan erzählen wollte, wenn er zurück war, aber dann vergaß sie es gleich.

Sie hakte sich bei ihm unter, und so, Arm in Arm, gingen sie durch den Park, langsamer, als ihnen zumute war, vorbei an den Gymnasiasten und an jungen Müttern mit ihren zugedeckten Kinderwagen. Die Schatten der Äste schienen sich bei jedem Windstoß zu verknoten, lösten sich alsdann voneinander und streiften Anna und Gürkan unter den Füßen.

Vom blauweiß beflaggten Rundfahrtschiff nach Rapperswil winkten die Passagiere, und sie winkten ihnen zurück, mit einer Hingabe, als wären das gute Freunde.

Als sie am Ende des Parks angelangt waren und ihnen eine grüne Hecke den Weg zum Privatgrund versperrte, schauten sie einander an und lachten. Anna schaute in Gürkans leuchtende Augen und dann auf seinen Mund mit den weißen Zähnen. Er nahm sie in die Arme, drückte sie an sich, ihre Schneidezähne stießen aneinander. Anna lachte auf, fasste Gürkans Kopf und küsste ihn nochmals. Er roch nach einem Parfüm, das sie bei den Bühnentechnikern und neulich auch am Flughafen wahrgenommen hatte, als sie nach Rom geflogen war.

Als sie ihn losließ, schaute sich Gürkan ängstlich um.

»Lass uns irgendwo hingehen«, sagte er.

In Annas altem VW-Käfer fuhren sie die Seestraße ab, in der Hoffnung auf eine geeignete Abzweigung zum Wald hin oder zu einer einsamen Wiese. Anna fuhr sonst immer mit dem Navigationsgerät, wollte sich jetzt aber ohne orientieren.

»Hier war doch eine Wiese«, sagte sie.

»Wir sind vorbeigefahren, glaube ich.«

Licht besprenkelte die Scheiben, durch die geöffneten Fenster drang das von den Bäumen und Büschen modulierte Rauschen des Fahrtwinds.

»Schau mich nicht so an«, sagte Anna und lachte.

Gürkan betrachtete sie weiterhin, mit Nachdruck, als wäre er darauf bedacht, dass sie seinem Blick etwas entnähme, das Offensichtliche wohl. Und dann begann er zu singen, tief und kehlig. Anna meinte, ihren Namen herauszuhören. Er schaute sie an, als würde er sie besingen, das tat er wahrscheinlich auch, »Anna, Anna«. Bei dem langen Refrain beschlichen sie aber Zweifel, denn so oft, wie ihr Name vorkam, musste »Anna« in seiner Sprache wohl »ich« bedeuten.

Sie hatte noch nie jemanden so lange singen hören, der nicht Sänger war oder es werden wollte.

Anna schaute jetzt nicht mehr zu Gürkan, sie blickte mit einem Lächeln geradeaus, auf die helle Seestraße, auf der zu dieser Stunde kaum Gegenverkehr kam. War das jetzt ein Blitzer - oder doch nur ein Lichtschlag aus der Baumreihe? Gürkan war immer noch beim Refrain, und Anna kam der Gedanke, dass am Ende jede künstlerische Darbietung nur der Versuch ist, den genuinen Trieb des Menschen nachzuahmen.

»Du singst schön.«

Gürkan machte eine wegwerfende Kopfbewegung und sang weiter, den Blick auf Anna gerichtet.

Sie wendete und parkte bei einem Bootssteg. Sie kurbelte ihren Sitz nach hinten. Das Lied war noch nicht zu Ende, der endlose Refrain. Anna zog den Mann zu sich, und wieder stießen ihre Schneidezähne aufeinander, weil er lächelte. Seine Unbeholfenheit spornte sie an. Die Autoscheiben beschlugen, dennoch bemerkte Anna einen gelben Sportwagen, der zwei Parkplätze weiter vorn anhielt, und auch den Fahrer, der wohl etwas in sein Navigationsgerät tippte. Sie zog sich Gürkans Hemd über.

Sie saßen nebeneinander da, in ihren Sitzen, schauten auf das Gestrüpp, dazwischen auf die blauen Blitze, die der See in großer Zahl zu ihnen sandte. Durch die geöffneten Fenster drangen Schwanenrufe, sie klangen wie Trompetenstöße. Anna zog das fremde Hemd aus, glättete es mit dem Handrücken und gab es Gürkan zurück. Sie streifte sich ihr Kleid über, zog mit nach hinten angewinkelten Armen den Reißverschluss bis zum Nacken hoch.

Gürkan aber saß da, reglos, das Hemd über die Brust geworfen wie eine Decke. Er schaute mit gläsernem Blick an Anna vorbei.

»Du wirst nicht gut von mir denken«, sagte er.

»Wieso?«

»Du wirst denken, ich wollte dich ausnutzen.«

Anna fand im Handschuhfach ein paar Cracker. Gürkan wollte keine, also aß sie sie auf.

»Du kannst dir meine Situation nicht vorstellen«, sagte er weiter, während Anna, kauend, ihre Fußsohlen an der Windschutzscheibe abstützte, sie dabei von der Ferse in die Spitze drückte und dann in den Knöcheln drehte. Gürkans unerwartete Weinerlichkeit fand sie despektierlich, sein Klagen heischte nach tröstenden Worten, drängte Anna in die Rolle einer Mutter.

»Was willst du?«, fragte sie.

Er nahm ihre Hände und küsste sie, verbarg sein Gesicht darin.

»Glaub mir, Anna, in Gottes Namen! Ich bin ein ehrlicher Mensch. Ich will ein Leben, das ehrlich ist und ohne Sünde. Ich weiß nicht, was ich tue. Glaub mir bitte.«

Er küsste ihre Hände, legte sein Gesicht hinein.

»Glaub mir, Anna, ich bin kein Tier, wie du denkst.«

Anna zog die Hände weg.

»Das denke ich nicht.«

Gürkans Kopf spiegelte sich in der Windschutzscheibe, sein fahles Gesicht mit nun schlaffen Wangen, die Augen groß und leuchtend. Wie primitiv er ist, dachte Anna, wie wenig er gelebt haben muss.

Er erzählte von der Unruhe in sich, und dass er in letzter Zeit sehr viel herumgelaufen war, wie in Eile. Er habe die Bahn verpasst, sei in die falsche gestiegen, und auch wenn er dann nur eine Haltestelle weit gefahren war oder zwei, sei er an Orte gekommen, die er schon früher hätte entdecken müssen; sie lagen so nah an seinem Weg, und er habe keine Ahnung gehabt. Er habe zwar gewusst, dass es diese Orte wohl geben muss, aber er habe sie nicht in Verbindung gebracht mit den Orten, die er aus dem Zugfenster schon gesehen hatte. »Man wohnt in der Schweiz und geht nicht in die Berge und geht nicht zu den Seen .«

Und dann stehe er in einem kleinen Bahnhof mit nur zwei Gleisen - eines für hin, eines für zurück - und atme tief ein, diesen satten Grasgeruch. Von oben herab kämen fröhliche Glockenklänge von freilaufenden Tieren, und er würde so tun, als sei er gleich von da oder zumindest aus der Nähe, als würde er jederzeit wieder herkommen können, noch bevor die Mohnblumen verblühten.

Und dann habe er Anna gesehen, und sie habe ihn so angeschaut.

»Wie?«, fragte Anna.

Er habe sie schon Tage zuvor gesehen, mit ihrem Hündchen am See. Und als sie sich dann am Nebentisch hingesetzt und ihn so angeschaut habe, sei ein starkes, ein gewaltiges Gefühl in ihm hochgekommen, von ganz tief unten, aus dem Boden fast schon.

Anna begann, ihm über den Kopf zu streicheln wie einem Kind.

Er habe sehr jung geheiratet, was habe er schon gewusst! Er war der Älteste von acht Geschwistern. Diese Frau ist eine Blume, hatten alle gesagt - und auch er habe ihr immer gesagt, dass sie eine Blume sei, aber was heiße das schon. Sie wollten beide weg, und alle Verwandten haben ihnen dabei geholfen. Und sie haben alles gemeinsam gemacht, immer alles gemeinsam.

»Ich weiß, was du jetzt denkst.«

Anna streichelte sein Gesicht.

Sie begann, sanft auf ihn einzureden. Man müsse sich nicht für alles schuldig fühlen, es sich schwer machen im Leben. Was hätten sie schon Böses getan? Das sei die Natur. Der Mensch stecke voller Wünsche und Sehnsüchte. Warum dagegen angehen? Wäre es denn ehrlicher, sich selbst zu verleugnen?

Gürkan hörte ihr schweigend zu.

Sie habe nicht alle Städte gesehen, in denen sie tanzte, sagte sie langsam. Ihr mache das nichts aus, man könne sich vieles auch einfach nur vorstellen. Einmal habe sie im Flugzeug die Augen geöffnet und einen Moment lang...

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