Angel

Roman
 
 
Dörlemann (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. Februar 2018
  • |
  • 400 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-03820-952-2 (ISBN)
 
Angelica Deverell wächst Anfang des 20. Jahrhunderts in einer englischen Kleinstadt auf. Ihr Leben über dem Lebensmittelladen der Mutter empfindet sie als trostlos: Niemand erkennt, dass sie zu Größerem berufen ist. Schrei bend fantasiert sie sich in das prächtige Anwesen Paradise House und träumt von einer Karriere als Autorin. Als ein Verlag tatsächlich ihr überbordendes Manuskript annimmt, wird ihr märchenhafter Mädchentraum war.

Auf der Höhe ihres Triumphes kauft sie Paradise House - doch Ruhm ist vergänglich und Angel verliert zunehmend den Bezug zur Realität.

Mit sprachlicher Eleganz und subtilem Witz gelingt Eli zabeth Taylor das zugleich komische und zutiefst tragische Porträt einer ungeheuerlichen Schriftstellerin.
  • Deutsch
  • Zürich
  • |
  • Schweiz
  • 0,76 MB
978-3-03820-952-2 (9783038209522)
303820952X (303820952X)
weitere Ausgaben werden ermittelt
ELIZABETH TAYLOR, geboren 1912 in Reading, lebte in Penn, Buckinghamshire. Sie war kurz Mitglied der KP, danach Anhängerin der Labour Party. Taylors erster Roman, At Mrs Lippincote's, erschien 1945. Elf weitere Romane, ein Kinderbuch und Kurzgeschichten folgten. Taylor befasst sich in ihren Werken vorwiegend mit den Facetten des Alltagslebens. 2007 verfilmte François Ozon ihren Roman Angel, der nun erstmals auf Deutsch vorliegt. Elizabeth Taylor starb am 19. November 1975. Im Dörlemann Verlag sind bisher ihre Romane Blick auf den Hafen (2011, Original 1947) und Versteckspiel (2013, Original 1951) erschienen, beide in der Übersetzung von Bettina Abarbanell. Weitere Werke sollen folgen.

i

»>in die unermessliche Leere des Empyreums<«, las Miss Dawson. »Und kannst du mir auch verraten, was >Empyreum< heißt?«

»Es heißt«, sagte Angel. Sie fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und blickte aus dem Klassenzimmerfenster zum Himmel jenseits der kahlen Bäume. »Es heißt >die höchsten Himmelssphären<.«

»Himmel, ja«, sagte Miss Dawson argwöhnisch und gab Angel das Schreibheft zurück. Sie stand vor einem Rätsel. Es war bekannt, dass das Mädchen oft schwindelte, und Miss Dawson hatte diesen seltsamen Aufsatz - »Sturm auf hoher See« - mit wachsender Unruhe gelesen, besorgt, dass sie ihn irgendwoher schon kannte oder jedenfalls kennen müsste. Einen Abend lang hatte sie aufgeregt in Pater, Ruskin und anderen nachgeblättert. Zwar missbilligte sie solche verschnörkelte Prosa, solche Crescendi und Alliterationen, doch bevor sie den Stil als blumig und vulgär abkanzelte, hoffte sie doch erst einmal herauszufinden, wer sein Urheber war.

Sie hatte sich der Direktorin anvertraut, die ebenfalls fand, dass Vorsicht geboten sei. Für ein fünfzehnjähriges Mädchen sei der Aufsatz erstaunlich, meinte sie - wenn er denn von einem fünfzehnjährigen Mädchen stamme.

»Hat sie so etwas schon öfter geschrieben?«

»Noch nie. Ein, zwei mit Tinte bekleckste Zeilen.«

»>Blitze schnürten und äderten den Himmel<«, las die Direktorin. »Haben Sie bei Oscar Wilde nachgesehen?«

»Ja, und Walter Pater.«

»Sie müssen sie ins Gebet nehmen. Es wäre nicht das erste Mal, dass sie uns zum Narren hält.«

Wenn Angel sich langweilte, wurde sie mitunter schwach, und einmal hatte sie überall herum erzählt, sie sei eines Winternachmittags auf dem Heimweg von der Schule durch die mit Gaslaternen beleuchteten Straßen verfolgt worden. Einem Polizisten gegenüber hatte sie allerdings später eingeräumt, dass sie sich auch getäuscht haben könnte.

Nachdem die anderen Mädchen nach Hause gegangen waren, stellte Miss Dawson sie zur Rede. Sie glaubt nicht, dass ich es geschrieben habe, dachte Angel und blickte verächtlich auf die wuschige kleine Frau mit dem ewig herunterrutschenden Kneifer und der Vogelnestfrisur. Was meint sie denn, wer es sonst geschrieben hat? Wer das überhaupt könnte? Was für eine Art, sein Leben zu verbringen - sich mit Unterrichtsstunden abplagen, den ganzen Rock voller Kreide, und abends in sein möbliertes Zimmer gehen, um den Shakespeare für den nächsten Tag zu bearbeiten - hier etwas kürzen, da etwas kaschieren, damit wir bloß das Wort >Schoß< nicht zu lesen bekommen.

Sie blickte sich in dem trostlosen, allmählich dunkler werdenden Klassenzimmer um, sah die langen Bank- und Pultreihen und all die vertrauten Landkarten und religiösen Bilder. Früher war es ein Schlafzimmer in einem Privathaus namens Die vier Zedern gewesen, das jetzt diese so ziellos geleitete Schule für die Töchter der ortsansässigen Kaufleute abgab. Während öder Stunden malte Angel es sich oft wieder als Schlafzimmer aus, mit dicken zugezogenen Stoffvorhängen, einem Feuer im Kamin, einem weißen Satinnachthemd über dem Stuhl, und mittendrin sie selbst, die gerade von einer Zofe in ihr Korsett geschnürt wurde.

»Nun, ich hoffe, du hältst das durch«, sagte Miss Dawson zweideutig. Sie tauchte einen Füllfederhalter in rote Tinte und schrieb >Sehr schön< unter den Aufsatz.

»Liest du viel, Angelica?«

»Nein, nie.«

»Aber warum denn nicht?«

»Ich finde es nicht interessant.«

»Wie schade. Und was machst du stattdessen in deiner freien Zeit?«

»Meistens spiele ich Harfe.«

Das glaubt sie mir auch nicht, dachte Angel, als sie sah, wie jener argwöhnische Ausdruck wieder Miss Dawsons Gesicht verspannte. Dass sie ihr das mit der Harfe nicht glaubte - was tatsächlich nicht stimmte -, ärgerte sie genauso sehr wie die Sache mit dem Aufsatz, den sie sehr wohl selbst geschrieben hatte, noch dazu mühelos und schnell, einfach bloß, weil ihr der Sinn danach stand.

Als Miss Dawson sie gehen ließ, machte sie einen kleinen federnden Knicks, wie es von ihr erwartet wurde, und lief hinunter in die Garderobe. Im Treppenhaus war es sehr düster. Nur aus einer offenen Tür jenseits des Korridors kam etwas Licht. Das Gewächshaus mit seinen Palmen und Eukalyptusbäumen wirkte grau und gespenstisch. Alle anderen Mädchen waren schon nach Hause gegangen.

Die Garderobe war früher eine große Spülküche gewesen. Sie war mit Haken ausgestattet, an denen jetzt nur Schuhbeutel hingen und ganz hinten in der Ecke Angels Kapuzenumhang. Oft liefen Schaben über den rissigen Steinfußboden, die Wände waren feucht, die Fenster vergittert; zu dieser Tageszeit war es unheimlich dort. Die Mädchen benutzten die Hintertür, wo zwischen den Farnen Abstreifroste waren, eine Reihe Mülltonnen, ein Haufen Kohle und immer sehr viele hellgelbe Schnecken.

Von dem Pfad an der Seite des Gebäudes und dem Lieferanteneingang aus konnte man die Rasenflächen, die Einfahrt, die erleuchteten Fenster und auch die vier Zedern sehen. Hier, zwischen den Lorbeeren, warteten zwei kleine Mädchen, jünger als Angel. Sie hatte die Aufgabe, die beiden sicher zur Schule und von der Schule wieder nach Hause zu begleiten. Ihre Eltern waren Kundinnen im Lebensmittelgeschäft ihrer Mutter.

Die beiden kleinen Mädchen, Gwen und Polly, hatten sich dort in der Dunkelheit gefürchtet. Der Lampenanzünder war längst vorbei, und der Himmel hatte einen dunkelblauen Ton angenommen. Die Luft roch nach Abend, rauchig und beunruhigend.

»Ich musste noch dableiben und mir mein Loblied anhören«, sagte Angel. Während sie den Gehweg entlangeilte, streifte sie sich ihre Wollhandschuhe über. Gwen und Polly trabten neben ihr her. Sie liefen den Berg hinunter, vorbei an terrassen- und halbmondförmigen Straßen mit georgianischen Villen und dunklen Gärten voll wispernder toter Blätter.

»Wenn du im Paradise House bist«, fragte Polly, »gehst du dann manchmal im Dunkeln allein in den Garten?«

»Ich nehme meinen Hund mit, Trapper. Wir laufen überall auf dem Gelände herum. Bei den Ställen ist es ziemlich gruselig - allein schon, wie die Pferde schnauben und stampfen.«

»Sind es deine eigenen Pferde?«

»Später, wenn ich erbe, ja.«

»Aber wer kümmert sich jetzt um sie?«

»Stallmeister und Stallburschen. Alles wird gut gepflegt, genauso wie das Haus. Wir haben Staubdecken im Wohnzimmer und Teppichschoner, aber die Haushälterin sorgt dafür, dass an dem Tag, an dem ich dort einziehen kann, alles blitzt und blinkt.«

»Aber es ist doch schade, dass du warten musst«, sagte Polly. »Warum kannst du nicht jetzt schon einziehen?«

»Meine Mutter hat ihr Erbe verloren, weil sie unter ihrem Stand geheiratet hat. Sie kann nie mehr dorthin zurückkehren, deshalb dürft ihr niemandem vom Paradise House erzählen, auf keinen Fall.«

»Natürlich nicht«, flüsterten sie rasch, wie immer. »Aber warum nicht?«, fragte Gwen.

»Weil es meiner Mutter das Herz bricht, davon zu hören. Wenn ihr zuhause auch nur ein Sterbenswörtchen darüber verliert und es ihr zu Ohren kommt, kann ich für nichts garantieren.«

»Wir verlieren kein Sterbenswörtchen«, sagte Polly. »Erzählst du uns weiter von den weißen Pfauen?«

Jeden Tag lauschten sie den Geschichten vom Paradise House. Sie waren lebendiger für sie als die ärmlichen Gassen, zu denen die Halbmond- und Terrassenstraßen sich mehr und mehr verengten, je näher sie ihrem eigenen Zuhause kamen. In kleinen Eckläden brannten nackte Gasflammen, doch die Reihen gelber Backsteinhäuser waren dunkel: In deren nach vorne gelegenen Stuben, hinter den Farnsimsen und Pflanzenkübeln, brannte nur sonntags Licht. Kohlenwagen und Bierkarren ratterten vorbei, aber Kutschen fuhren hier nicht. Den üblen Geruch der nahen Brauerei nahmen die Mädchen gar nicht wahr, damit waren sie aufgewachsen.

»Erzählst du uns morgen noch mehr?«, fragte Polly, als sie am Zaun ihres kleinen Vorgartens angekommen waren.

Oft erschrak Angel, wenn die Mädchen so an ihrem Gartentor stehen blieben, zum einen, weil sie die beiden vergessen hatte, zum anderen, weil sie sich zu plötzlich vom Paradise House in diese ärmliche Gegend mit ihren Lagerhäusern und Fabriken und dem großen, brütenden Gasspeicher zurückversetzen musste.

»Vielleicht«, sagte sie achtlos. Sie öffneten das Tor und verabschiedeten sich von ihr, aber sie war schon weitergegangen, fest in ihren Umhang gehüllt, und eilte die Straße entlang, wieder mit ihren eigenen, seltsamen Gedanken beschäftigt.

Auf halbem Weg die Volunteer Street hinunter gab es eine Reihe von Geschäften: einen Fish-and-Chips-Imbiss, aus dem Kinder mit heißen, fettigen Päckchen gelaufen kamen; einen Zeitungshändler; eine Apotheke, aus der ein schwaches Licht durch drei Glasflaschen voll roter, grüner und violetter Flüssigkeit schien und die mit Sennesfrüchten und Schwefel gefüllten Schalen im Schaufenster färbte. Hinter dem Textilgeschäft und damit das letzte in der Reihe war das Lebensmittelgeschäft; hier packte Eddie Gilkes, der Lieferjunge, gerade eine Warenbestellung ein und wog Zucker in rosa Tüten ab. Neben ihm auf dem Ladentisch lag ein mit den Abdrücken seiner dreckigen Finger übersätes Stück Käse. Das Sägemehl auf dem Boden war jetzt, am Ende des Tages, ganz verwischt und zertreten.

Angel ignorierte Eddies Gruß und ging durch den Laden nach hinten. Kisten stapelten sich auf dem dunklen Flur jenseits der Tür. Am Fuß der Treppe standen Gläser mit eingelegten Gurken...

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