Weiß

 
 
Dörlemann (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. Februar 2017
  • |
  • 192 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-03820-943-0 (ISBN)
 
»Das Schmerzhafteste war: sein Gesichtsausdruck, der von so einer erschütternden Intensität war, von einer Gefühlskraft, die sie an Jo nie gesehen hatte. Es war ein Ausdruck tief empfundenen Glücks.«
Hannah führt mit Jo ein glückliches Leben und teilt mit ihm die Begeisterung für moderne Kunst und Architektur, für alles Schöne und Feinsinnige. Doch eines Tages macht Hannah eine Entdeckung, die alles in Frage stellt, was zwischen ihr und Jo an Nähe und Vertrauen gewachsen ist.
Ein Roman über Täuschung und Selbsttäuschung, über die Grenzen des Verstehens und über eine eigenartige Obsession: Weiß.
  • Deutsch
  • Zürich
  • |
  • Schweiz
  • 0,35 MB
978-3-03820-943-0 (9783038209430)
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MARKUS GÜNTHER, geboren 1965 in Bottrop, studierte Geschichte und Politikwissenschaften, bevor er für verschie- dene Zeitungen tätig war. Für seine Texte wurde er vielfach ausgezeichnet. Weiß ist sein Prosa-Debüt. Markus Günther ist Autor der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und lebt in Washington, D.C.

Weiss

Unmöglich, die Tür geräuschlos zu öffnen. Hannah dachte nach. Sie hielt den Schlüssel in der Hand, den sie gerade aus der Manteltasche gezogen hatte, und blickte auf das Schloss. Fast hätte sie, ohne jedes Zögern oder Nachdenken, einfach in der routinierten Bewegung ihres Alltags, in einem Schwung den Schlüssel eingeführt, umgedreht, die Tür herangezogen und mit einem kleinen Ruck geöffnet. Doch als sie den Schlüssel in die schmale Zylinderöffnung schieben wollte, hielt sie inne. Jo hatte sich bestimmt hingelegt, er war müde gewesen und schlief nun, vermutlich auf seinem Lieblingsplatz unter der Lichtkuppel im Foyer. Sie würde ihn wecken. Hannah überlegte, steckte den Schlüssel, der an einer weißen Filzschlinge hing, wieder in die Tasche und ging zum Gartentor hinüber. Wollte sie sicher sein, Jo nicht zu wecken, müsste sie das Haus von hinten betreten. Es würde ohnehin nur wenige Augenblicke dauern. Ein Aspirin gegen die beginnenden Kopfschmerzen, besser jetzt gleich, und dann rasch wieder hinaus. Das Wetter sollte noch schlechter werden, es hieß, es werde sogar schneien, kaum zu glauben nach den warmen Tagen. Schon jetzt war es kühl geworden, der Himmel hatte sich zugezogen, sie wollte dennoch die kleine Runde gehen, wie sie und Jo die Strecke nannten, vielleicht sechs Kilometer, über den Feldbach bis zur Stiftskirche und dann durch den Wald über den Dachsberg zurück. Jo wäre mitgegangen, wie fast immer, hatte aber offenbar wieder eine unruhige Nacht gehabt, was sie gar nicht bemerkt hatte, und nun war er zu müde, wie er sagte. Er wollte sich lieber ausruhen, um später an den Entwürfen für die Neue Kunsthalle arbeiten zu können.

Hannah hielt das Gartentor aus grau lackiertem Stahlgeflecht fest in der Hand, ließ es vorsichtig zurückgleiten und ging beinahe lautlos den leicht abschüssigen Weg an der Westseite des Hauses hinab zu der verzinkten Stahltreppe, die in einem rechten Winkel am Gästezimmer vorbeiführte. Dort wohnte Eve in diesen Tagen, aber sie war gleich nach dem Frühstück aus dem Haus gegangen und in die Stadt gefahren, um sich mit einer Freundin zu treffen, und würde erst am frühen Abend zurück sein. Hannah achtete bei jedem Schritt darauf, bloß keinen Lärm zu machen, als sie die Treppe auf Zehenspitzen hinaufging, auf die Küche zu, vorbei an dem schmalen Oberlicht und der Dachkante. Ihr Blick fiel ganz ohne Absicht, ja gedankenlos, vermutlich überhaupt nur wegen der ungewohnten Langsamkeit ihrer Bewegungen durch das Fenster, das sie sonst nicht weiter beachtete. Hannah erschrak. Sie fuhr zurück, noch bevor sie einen Gedanken fassen konnte. Sie hatte jemanden gesehen, unten, im Gästezimmer, obwohl das gar nicht sein konnte. Eve war nicht da, und Jo schlief. Oder war das tatsächlich Jo gewesen? War da überhaupt jemand? Der erste Schrecken warf sie zurück, beinahe so, als suchte sie sich rasch zu verstecken. Doch so weit hatte sie gar nicht gedacht. Es war eine unwillkürliche Reaktion gewesen, ein Zurückweichen wie beim Überqueren einer Straße, wenn man plötzlich die Gefahr spürt, die von einem herannahenden Fahrzeug ausgeht, das man nicht wahrgenommen hatte und jetzt in letzter Sekunde im Augenwinkel näher kommen sieht.

Nun stand sie zwei Stufen tiefer auf der Treppe, gerade so, dass sie nicht durch das Fenster hindurchsehen, aber auch selbst nicht gesehen werden konnte. Hannah war verwirrt und stand für einen Augenblick unbewegt da. Schon im nächsten Moment war sie gar nicht mehr sicher, was sie denn eigentlich gesehen hatte. Vermutlich, sagte sie sich, hatte sie sich von ihrem eigenen Schatten oder einer Reflexion auf dem Fensterglas täuschen lassen. War das denkbar? Aber sie hatte sich die Bewegung unten im Zimmer doch nicht eingebildet. Nein, sie hatte jemanden gesehen. Hannah lehnte sich wieder nach vorn, stieg mit einem Fuß eine Stufe hinauf, machte sich groß, ganz langsam, schob ihre Augen über die Kante des Fensters und versuchte, noch einmal hineinzuschauen. Als sie sich jetzt mit ihren Blicken allmählich vortastete, wich der Zweifel, und sie sah schräg unter dem Fenster Jo, der auf dem Fußboden saß. Sie erschrak noch einmal und wäre beinahe wieder zurückgewichen, schon weil sie befürchten musste, dass er sie bemerken würde. Was sie sah, fesselte nun für eine Sekunde oder zwei ihren Blick, auch wenn sie immer noch Mühe hatte zu begreifen, was genau sie sah. Es war Jo, natürlich war er es, daran konnte sie nicht mehr zweifeln, er saß auf dem Boden, oder nein, er kniete direkt vor einem offenen Koffer und drückte etwas Weißes, ein Tuch vielleicht, einen Stoff, ein Stück Wäsche, mit beiden Händen in sein Gesicht, die Augen geschlossen, den Kopf leicht vorgebeugt. Hannah sah Jos Hände in diesem Weiß, die Fingerspitzen, die sich tief in den Stoff hineingruben und darin unsichtbar wurden. Mund und Nase sah sie nicht, sie lagen verborgen unter diesem Weiß, doch sie sah seine geschlossenen Augen und was sonst von seinen Gesichtszügen sichtbar war, ganz fremd und ganz vertraut, Jos gutes Gesicht, wie schlafend, wie immer, aber auch wie verwandelt, wie entrückt, wie das Gesicht eines unbekannten Mannes, den sie jetzt und hier zum ersten Mal in ihrem Leben sah. Es schien, als konzentriere er sich auf etwas oder atme tief ein oder . - Hannah fuhr wieder zurück, von neuem erschrocken, sie stand wieder eine Stufe tiefer, außerhalb seines Blickfeldes, sie spürte, wie ihr Herz bis in den Hals hinein heftig schlug, wie Gedanken ungeordnet durch ihren Kopf jagten. Sie strich mit den drei mittleren Fingern ihrer rechten Hand erst über ihre Stirn und dann über ihre rechte Wange, legte die ganze Hand für einen kurzen Moment auf den Mund und ließ sie dann langsam über ihr Kinn und ihren Hals hinabgleiten, bis sie auf der Brust zum Liegen kam. Jo hatte also .? Er war .? Aber das konnte ja gar nicht sein. Er schlief doch. Deshalb war er hiergeblieben. Und er würde nicht heimlich in Eves Zimmer schleichen und dort .

Noch einmal tastete sich ihr Blick vor, sie war jetzt sehr erregt und atmete schnell, sie schluckte mehrfach hintereinander vor Aufregung, sah von neuem über die Kante des schwarzen Fensterrahmens und erblickte unten im Zimmer - nichts. Eves Koffer lag aufgeklappt dort, ein Durcheinander aus Wäsche, Heften, Haarklammern, Kosmetik und Büchern, ein unübersichtliches Bild aus vielen Einzelheiten, aber Jo war nicht zu sehen. Hatte er sie bemerkt? Wo war er? Versteckte er sich oder war er auf dem Weg zu ihr? Was würde er jetzt sagen? Und was sollte sie sagen? Sie musste fort. Nein, sagte sie sich, sie sollte besser hier stehen bleiben und warten und nicht das Risiko eingehen, dass er sie bemerken würde. Aber nein, lieber fort! Nach ein paar Augenblicken hatte Hannah sich wenigstens so weit gefasst, dass sie sich zu einer Entscheidung durchringen konnte: Fort! Heraus aus diesem Augenblick, aus dieser Unerträglichkeit, aus dieser Verwirrung. Sie nahm den Rückweg, so, wie sie gekommen war, genauso leise, auf Zehenspitzen, was ihr jetzt in der Erregung viel schwerer fiel, die Treppe hinab, fast wäre sie sogar gestolpert, und dann vorbei an der fensterlosen Westseite des Hauses bis hinauf zum grauen Gartentor, das sie jetzt nicht mehr langsam und geräuschlos schloss, sondern rasch zuzog. Sie lief hinaus auf die Straße.

Hannah ging schnell, und sie blickte kein einziges Mal zurück, bis sie sicher war, sich so weit vom Haus entfernt zu haben, dass Jo sie nicht mehr sehen konnte, sollte er etwa von einem Fenster aus ihr nachschauen. Erst jetzt traute sie sich, stehen zu bleiben. Ihr Herz raste immer noch, sie war außer Atem. Als Erstes schaute sie auf die Uhr. Warum, wusste sie selber nicht. Die Uhrzeit tat gar nichts zur Sache. Kurz nach zwei, stellte sie fest, so, wie man in den ersten Momenten nach einem Unfall das Gefühl hat, alle Informationen sammeln zu müssen und auch die Zeit zu notieren, nach der man später sicher gefragt wird. Kurz nach zwei. Sie sah auf das Ziffernblatt mit den römischen Ziffern und den winzigen Fenstern mit der 21 und dem MAR für den Monat, am oberen Rand die Mondphase mit dem lächerlichen runden Gesicht, das ihr jeden Monat so kitschig vorkam. Aber das alles war ja ganz bedeutungslos. Die Bilder, oder genauer: das eine Bild, stand nun in ihrem Kopf wie eine großformatige, sperrige Leinwand im Atelier, sie konnte nicht daran vorbeisehen, und sie konnte sie nicht zur Seite schieben. Sie konnte nur ratlos und verzweifelt um diese Leinwand herumlaufen, wie um einen Brand, der nicht mehr zu löschen war, wenn nicht ein Wunder passierte und ein gewaltiger Regen hereinbrach oder eine himmlische Feuerwehr den Schauplatz betrat, ein unerwarteter Retter, ein Zauberer, ein Held, der das alles ungeschehen machen oder ins Gute wenden könnte. Alles nur ein böser Traum. Ja, so fühlte es sich an, ein Traum, der noch nicht ganz verklungen war, sondern im ersten Wachzustand nachwirkte und die Gedanken immer noch durcheinanderwarf, bis sich endlich das klare Bewusstsein durchsetzte, dass es eben nur ein Traum war und man erleichtert die Sache auf sich beruhen lassen konnte.

Aber nein, kein Traum, kein Wunder, keine Rettung. Es war wirklich geschehen. Die Zerstörung war nicht mehr aufzuhalten, sie hatte stattgefunden, in diesem einen Augenblick oder in dem, was dieser Augenblick hatte sichtbar werden lassen, Verrat und Heimlichkeit, Abartigkeit und Abgrund. In jeden Gedanken, was nun zu tun sei, ob sie die kleine Runde doch noch laufen wolle, ob sie jetzt gleich wieder nach Hause gehen würde und was denn nun geschehen solle, mischte sich dieses eine Bild: Jo, der - aber was genau hatte er da getan? Was genau hatte sie gesehen? »Ruhe!«, sagte sie zu sich selbst, atmete, so gut es in der Aufregung eben ging, tief durch und ging langsam...

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