Fallen

 
 
Dörlemann (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 15. Februar 2016
  • |
  • 160 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-03820-929-4 (ISBN)
 
Vera Gerber fällt aus ihrer heilen Kleinfamilien-Welt: Ihr fünfzehnjähriger Sohn Luca bricht beim Bankomaten zusammen und bleibt liegen. Er wollte Geld für seine erste Reise ohne Eltern holen. Zehn Personen gehen an dem Jungen vorbei, die elfte ruft nach einer Stunde die Polizei. Später wird ein Hirnschlag diagnostiziert, der Jugendliche ist halbseitig gelähmt und redet nicht mehr.

In knapper, eindringlicher Sprache erzählt der Roman, dem eine wahre Zeitungsmeldung zugrunde liegt, wie eine Sekunde alles verändert. Sandra Hughes spürt dem Schmerz der Mutter und ihrer Wut nach und zeigt die Suche der Familie nach einem neuen Gleichgewicht.
  • Deutsch
  • Zürich
  • |
  • Schweiz
  • 1,41 MB
978-3-03820-929-4 (9783038209294)
weitere Ausgaben werden ermittelt
SANDRA HUGHES, geboren 1966, wuchs in Luzern auf. Sie studierte Kunstwissenschaft und arbeitet heute in der Abteilung Kultur Basel-Stadt. Bisher erschienen die Romane Lee Gustavo (2006), Maus im Kopf (2009) und Zimmer 307 (2012, Dörlemann). Sandra Hughes erhielt 2013 den Kulturpreis des Kantons Basel-Landschaft in der Sparte Literatur. Sie lebt mit ihrer Familie in Allschwil bei Basel.

Juli 2013

Bis später.

Sie wollte die Hand heben, kurz nur, so wie jeweils morgens um sieben, wenn sie mit nackten Füßen auf der Gummimatte vor der Haustür stand.

Machs gut.

Manchmal ließ er einen flüchtigen Kuss zu, wenn das Mädchen von nebenan noch nicht aus der Tür getreten war, die schreiende kleine Schwester hinter sich her zerrend.

Fahr vorsichtig, rief sie ihm nach, jeden Morgen, und im Spätherbst, pass auf, die Blätter. Gelbrot und braun lagen sie da, feucht verklebt zur rutschigen Fläche. Seit Lucas Sturz war sie froh, wenn er vor der Kurve bremste, bevor er aus ihrem Blickfeld verschwand. Mit schmerzverzerrtem Gesicht war er vor der Tür gestanden, blutrot die Striemen über Kinn und Wange. Nein!, rief er, ich bleibe nicht zu Hause, gib mir ein Pflaster, schnell.

Aber jetzt war kein Schultag, zu dem Luca hastig aufbrechen musste, es war Sonntag und Sommer. Ihre Hand blieb auf halbem Weg stehen. Luca fuhr bloß schnell zur Hauptstraße, Bargeld holen für die Reise. Sie schloss die Tür hinter sich. Im Flur stand sein leerer Rucksack. Luca sollte endlich seine Sachen packen. Nie packte er rechtzeitig, immer geschah alles in letzter Minute. Mama, rief er dann, wo ist meine blaue Turnhose? Und sie rannte in die Waschküche und rief: Kind, wie soll das mit dir enden, wenn deine Mutter nicht mehr da ist? Sie trafen sich grinsend wieder an der Haustür, er mit Zahnpasta in den Mundwinkeln und zerfledderten Heften, die er in die Schultasche stopfte, viel zu langsam. Hilfe, mein Kind ist ein Messie!, rief sie manchmal und war froh, wenn er auch lachte, während er die Turnhose nachschob und das Sandwich, das sie ihm jeden Morgen zubereitete. Wenige Tage nur war er ohne Sandwich zur Oberstufe gegangen. Dort isst keiner mehr Brote von der Mama, sagte er, sicher nicht. Mama, sagte er nach ein paar Tagen, ist okay, ein Brot, und seither lächelte sie manchmal morgens in sich hinein beim Schinkenschneiden.

Jetzt stupste sie mit dem Fuß gegen Lucas Rucksack. Da war etwas Hartes. Etwas hatte er schon eingepackt. Sie griff hinein, zog sein Necessaire hervor. Sie zögerte. Ihre Finger nestelten am Reißverschluss. Nein. Sie ließ den Beutel in den Rucksack fallen und dachte an das Notizbuch von Luca, das sie vor vielen Jahren zurückgelegt hatte, mit brennenden Wangen. MAMA IST BLÖD, hatte er in krakeligen Großbuchstaben geschrieben mit fettroten Stiften, PAPA IST LIB. Einen Totenkopf hatte er dazugezeichnet. Mama ist blöd, hämmerte es in ihrem Kopf, und wenn sie in den Wochen danach Luca tadelte, dachte sie: Jetzt denkt er, Mama ist blöd. Jetzt denkt er schon wieder, Mama ist blöd. Mama ist blöd.

Lucas Rucksack rutschte von der Wand, sie ließ ihn liegen, mitten im Flur. Soll Luca sehen, was er noch zu tun hat bis morgen früh. Um sechs Uhr würde er aus dem Haus gehen, auf seine erste Reise allein. Aber ja, hatte sie gerufen, als Luca vor Wochen von seinen Plänen erzählte, ist doch toll, wenn du allein in die Ferien fährst. Aber ich fahre nicht allein, sagte Luca, ich fahre mit Alain und Jonas. Sie hatte genickt und sich schnell erhoben, um in der Küche den Kloß zu schlucken, der plötzlich in ihrer Kehle drückte. Mein Kind allein, dachte sie und tupfte die Tränen weg, behutsam, um nicht mit roten Augen an den Tisch zurückzukehren.

Sie ging nochmals zurück zum Rucksack, um ihn so aufzurichten, wie ihn Luca platziert hatte. Etwas Schwarzes ließ sie aufschrecken. Es war ein Vogel, der aufflog, draußen vor der Tür. Ihr gefiel es, eine Haustür aus Glas zu haben, auf den Weg mit Kieseln zu blicken, der an ihrem Haus vorbeiführte, dahinter ein Streifen Magerwiese, ein Zaun zur Straße hin. Durch die Tür aus Glas sah sie bereits vom Flur her, wer davorstand. Am Mittag Luca, der ihr von Weitem bedeutete: Ich habe Hunger. Den Daumen mit dem stets zu langen Fingernagel nach oben: Test in Mathe gelungen. Manchmal aber erschreckten sie Krähen, schwarze Schatten, die aufflogen, und wenn es Nacht wurde, sah sie einen in der Dunkelheit hocken, der zu ihr hereinstarrte und beobachtete, wie sie den Wäschekorb die Treppe hochtrug.

Die Dielen knarrten unnatürlich laut, als sie durch den Flur ins Wohnzimmer ging. Es war so still. Wo war Jan? Ihr Herz klopfte heftiger. Sie wunderte sich. Noch nie hatte sie Jan im Haus vermisst. Sie wusste immer, in welchem Zimmer er sich befand, ohne dass sie es wissen wollte. Manchmal dachte sie: Ich will nicht wissen, wo er ist, ich tue so, als wäre ich allein im Haus. Noch nie war ihr das gelungen. Ihr Hörsinn richtete sich nach ihm und auf die Geräusche, die er machte. Das Schlurfen am Morgen vom Bett ins Badezimmer, die Spülung, später seine Hosenschläge, die sich beim Gehen an den Dielen scheuerten, ein Räuspern, die Tür zur Terrasse, wenn er sie hinter sich zuzog, damit kein Rauch ins Haus wehte. Neunzehn Jahre teilte sie Räume mit Jan. Da, sein Husten, er war oben im Zimmer. Luca ist zum Bankomaten gefahren, rief sie, er ist gleich wieder zurück. Wie dumm von mir, dachte sie, als würde Jan auf Luca warten, als wäre es eine Bemerkung wert, wenn einer schnell zum Bankomaten fährt. Sie ging in die Küche. Schon wieder lag das klebrige Schneidebrett im Spültrog. Wieso räumte das Kind sein Schneidebrett nie weg? Kind, dachte sie, Kind kann ich nicht mehr sagen, das Kind fährt morgen nach Spanien ohne mich. Sie atmete tief ein und wieder aus. Aber du musst doch keine Angst haben, Mama, hatte Luca gesagt. Wir passen auf.

Sie spülte den Aprikosensaft vom Schneidebrett und stellte es ins Gitter zum Trocknen. Von Jan oben im Zimmer war keine Reaktion gekommen. Jan schaute Autorennen, wie immer im Sommer am Sonntagnachmittag. Die beste Erholung, sagte er, als Luca sich noch lustig machte. So entspannend, ein bisschen dösen und von ferne hören, wie die Fahrer im Kreis drehen.

Sie trocknete die Hände, polierte den Spültrog, ging ins Wohnzimmer. Staub flirrte im Sonnenlicht. Sie setzte sich aufs Sofa. Ich sehe dem Staub zu, dachte sie, dabei könnte ich etwas tun. Was nur. Es gab nichts zu tun, für heute war außer Kochen alles erledigt. An einem Sonntag kurz nach siebzehn Uhr mit Kochen zu beginnen, war zu früh. Absurd, den schönen Spätnachmittag in der Küche zu verbringen, wo doch gar keiner da war, der Hunger hatte. Sie spürte einen Stich. Wer hatte denn hier noch Hunger ab morgen, wenn Luca verreist war. Keiner mehr vor der Glastür draußen, der sich den Bauch rieb. Hallo Mama, was gibts heute zum Mittagessen? Nur noch sie und Jan, die vor ihren Tellern saßen. Drei Wochen sie beide ohne Luca. Zehn Tage davon wollten sie in die Ferien fahren. Ferien ganz für uns allein, hatte Jan gesagt und sie prüfend angeschaut, als sie den Umschlag öffnete, freust du dich denn gar nicht? Doch doch, sagte sie und spürte wieder diesen Kloß in ihrer Kehle, sehr, zehn Tage Toskana, wie schön. Schau, hatte Jan gesagt und ihr die Dokumente aus der Hand genommen, hier logieren wir. Sie sah Olivenbäume und Zypressen und strahlend blaues Wasser im Swimmingpool. Hier werden wir es uns gut gehen lassen, sagte Jan, und sie dachte: Hier logieren wir, wie komisch er manchmal redet, logieren, gut gehen lassen. Wie schön, wiederholte sie und dachte: Ich wiederhole mich.

Sie erhob sich vom Sofa, öffnete die Glastür zum Gartensitzplatz. Heiße Luft schlug ihr entgegen. Ich könnte lesen, aber nicht in dieser Hitze da draußen. Sie schloss die Tür wieder und sah einer Meise zu, die auf der Hecke wippte. Das Mädchen von nebenan schrie draußen seine Schwester an, sie hörte es durch geschlossene Türen und Fenster. Eine Schwester, dachte sie und spürte wieder einen Stich, wenn Luca eine Schwester hätte, wäre ich ab morgen nicht allein. Aber was denkst du denn. Du bist nicht allein. Jan war hier und Luca blieb, auch wenn er für drei Wochen wegfuhr. Danach würde er wieder mit ihr und Jan sein. Die spinnt, sagte sie zur Meise draußen und tippte sich an die Stirn, so ein wehleidiges Getue. Ich muss etwas tun. Sie setzte sich auf das Sofa, nahm das Buch zur Hand, suchte die Stelle, an der sie unterbrochen hatte. Zu viele Figuren spielten hier mit. Seit Wochen mühte sie sich mit dieser Geschichte ab, darauf bedacht, den Überblick zu behalten. Sie sah auf ihr Handy. 17.20. Luca müsste zurück sein, zum Bankomaten an der Hauptstraße war es nicht weit. Vielleicht hatte er noch jemanden getroffen, den er kannte. Sie wandte sich wieder dem Buch zu. Früher hatte sie Stunden am Stück gelesen, gedankenlos, einzig dem Film folgend, der sich in ihrem Kopf abspielte. Sie hörte nichts, wenn ihre Mutter sie ansprach oder die Wohngenossinnen oder später Jan. Kein Ton drang von außen zu ihr vor, sie hörte bloß die Stimmen der Figuren in ihrem Kopf. Jetzt war nichts mehr davon übrig. Ein Tropfen Schweiß löste sich von ihrer Stirn, fiel auf Seite 83. Sie klappte das Buch zu. Erhob sich, ging in die Küche. Nahm einen Apfel aus der Schale, legte ihn zurück. Ging ins Wohnzimmer, blickte wieder auf ihr Handy. 17.26. Eine Nachricht könnte er wenigstens schreiben. Bin in fünf Minuten zu Hause. Sie spürte, wie ihre Ohren warm wurden. Was ist denn mit deinen Ohren, Mama, sie sind ganz rot, hatte Luca vor Jahren gefragt und gelacht, aber nur kurz, weil sie zu schreien begann, plötzlich voller Wut. Später hatte sie sich entschuldigt, er sich auch. Es tut mir leid, ja, mir auch.

Sie ging vom Wohnzimmer in die Küche und wieder zurück zum Handy. Nur eine Nachricht tippen für mich, das ist nicht zu viel verlangt, so viele Male habe ich ihn darum gebeten. Luca, hatte sie gesagt, wenn er wieder zu spät war, ich denke mir solche Sachen aus, wenn du nicht zur Zeit da bist. Aber ich kann doch nicht immer zur Zeit hier sein, Mama. Dann schreibst du mir eine Nachricht, verdammt!, rief sie, und Luca...

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