Ozean

 
 
Dörlemann (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 9. September 2015
  • |
  • 256 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-03820-923-2 (ISBN)
 
Über die menschliche Ohnmacht im Angesicht der Weiten des Meeres

Als die Aurora nach einem Torpedobeschuss sinkt, findet sich Joseph Curtain an Bord eines Rettungsbootes wieder, gemeinsam mit vier anderen Männern. Sofort übernimmt der erfahrene Seemann Curtain das Kommando und teilt Nahrungsmittel und Wasser ein. Als die Tage vergehen, treten die Stärken und Schwächen der einzelnen Männer hervor. Und der Wasservorrat schwindet, ebenso wie das Leben des schwerverletzten Priesters Father Michaels. Und noch immer kein Zeichen der Rettung.
  • Deutsch
  • Zürich
  • |
  • Schweiz
  • 0,94 MB
978-3-03820-923-2 (9783038209232)
3-03820-923-6 (3038209236)
weitere Ausgaben werden ermittelt
JAMES HANLEY, geboren 1897 und aufgewachsen in Liverpool. Er verfasste 31 Romane und zahlreiche Kurzgeschichten und Theaterstücke. Er verbrachte neun Jahre auf See, was sein Schreiben stark beeinflußte. Sein Roman Boy (1931) wurde der obszönen Verleumdung beschuldigt, was der Grund sein mag, warum der meisterhafte Autor und sein Werk der Vergessenheit anheim fiel. Der Ozean erschien 1941 bei Faber & Faber in London. James Hanley starb 1985.

NIKOLAUS HANSEN, geboren in Hamburg und Verleger von Rogner & Bernhard, von Rowohlt, des marebuchverlags, des Arche Literaturverlags/Atrium Verlags, segelte als junger Mann zwei Jahre um die Welt.

I

Als es hell wurde, stand der Seemann auf und sah sich um. Klarer Himmel, lautlos wabernde Wassermassen. Keine anderen Boote. Die Horizontlinie verschwommen.

»Gott sei Dank dafür«, sagte er und setzte sich.

Es war eine Welt, vor der er seine Augen zusammenkniff, ein erschütterndes Blau. Er sah hinab ins Boot. Beim Bug saß eine Gestalt, ganz still, nur der Kopf schaukelte hin und her wie ein Kork im Wasser. Zu seinen Füßen lag ein Mann flach auf dem Rücken. Einer hockte auf einem Knie und erbrach sich über Bord. Ein anderer hatte sich im Schlaf zusammengerollt und schnarchte laut. Der Seemann stand wieder auf und ließ den Blick schweifen. Dann ging er ganz nach achtern. Er sah einen Mann, der, Gesicht nach unten, auf den Bodenbrettern lag. Unter sich das Wasserfass.

»Armer Crilley«, sagte er.

Er zog den Körper vom Fass herunter und brachte ihn weiter nach mitschiffs. Dann legte er ihn in eine würdigere Position, nahm ein Stück Plane und deckte ihn damit zu. Der Körper war von Kugeln durchsiebt. Er ging zurück zu seinem Platz.

»Gott sei Dank, endlich Licht«, murmelte er in sich hinein. Allmählich kam die Erinnerung zurück.

Er war von kleinem, stämmigem Wuchs. Er trug eine Seemannsjacke, eine blaue Arbeitshose und ein braunes Hemd mit offenem Kragen. Er trug keine Kopfbedeckung und sein dickes schwarzes Haar schien verfilzt. Hin und wieder schob er seine Finger durch das Dickicht und kratzte sich. Er war fahrig - seine grauen Augen wurden von den buschigen Brauen fast völlig verborgen, sie waren blutunterlaufen, und eine große Schwere lag in seinem Blick.

»Ich versteh das nicht«, sagte er, erhob sich wieder und starrte vor sich hin, bis ihm der Sinn leichter wurde beim Blick auf den Haufen unter der Plane.

»Bei Gott! Sie sind verschwunden«, sagte er.

Diesmal ließ er sich schwer auf die Bank fallen.

Die Stille glich einem Gebirge, geistlos strotzende Kraft.

Seine Hand glitt in die Hosentasche und er holte seine Uhr hervor. Das zerschlagene Zifferblatt zeigte fünf Minuten nach zwölf.

»Klar! Stimmt. Kurz nach Mitternacht.«

Jetzt erinnerte er sich wieder. Er hatte sich gerade in die Koje gelegt, als eine heftige Detonation die Aurora erschütterte, die ihn wieder von der Matratze schleuderte. Die Alarmsirene heulte. Er griff nach Hose und Jacke, warf sie über und stolperte zusammen mit anderen durch das nunmehr dunkle Vorschiff hinaus aufs Welldeck. Er rutschte aus und fiel, stand wieder auf und lief zu seinem Boot. Das Schiff hatte Schlagseite. Überall um ihn herum Rufe und Schreie. Irgendwo auf der Steuerbordseite hörte er ein lautes Krachen. Er wusste, sein Boot war nicht auf der Luvseite. Er stieß gegen eine Windhutze, fand schließlich den Niedergang, packte das Geländer, stieg hinauf, bahnte sich den Weg durch eine Gruppe von Männern, die Namen riefen. Er fing an, Befehle zu geben, und er sah, wie das Boot frei schwang. Im selben Augenblick holte das Schiff heftig über, das Fall brach, ein Block quietschte, er rief: »Warschau!« Und dann war das Boot nicht mehr da, er aber stand noch an derselben Stelle, und Hände zerrten an ihm. Er rief ihnen zu: »Nur die Ruhe!«

Er machte sich los, griff das frei schwingende Ende des Falls und verschwand. Ein brennendes Gefühl in den Händen, dann erreichte er das Boot. Es war nicht gekentert. Als er den Tampen losließ, kam er ins Taumeln und stolperte durch das halbe Boot, das von einer Welle emporgeworfen wurde. Er konnte seine ausgestreckte Hand sehen, mehr aber auch nicht.

»Verdammt!«, sagte er, »verdammt.«

Dann arbeitete er sich zu der Stelle vor, wo das lose Ende des Falls herabhing. Er konnte die Aurora nicht sehen, spürte aber ihre sich neigende Bordwand über sich, ihre dunkle Masse, und ganz hoch oben meinte er tanzende Schatten zu erkennen, genau dort, wo eben noch das Boot gewesen war.

»Kommt runter, los.«

Und während die Männer herunterkamen, hatte er sich einen festen Stand gesucht, hielt den Tampen stramm und griff mit der freien Hand die zitternden Körperbündel. »Gut so.« Einer nach dem anderen kamen sie. Es begann zu regnen. Die schwere See kam genau von vorne. Er dachte die ganze Zeit, dass das Boot am stählernen Rumpf der Aurora zerschellen würde. Er dachte die ganze Zeit an die Männer, die herunterkamen. Er dachte an einen Mann namens Crilley.

»Crilley!

Komm runter.«

Er griff nach Crilleys Beinen, dann schoss der Mann davon, sein Körper verharrte einen Moment lang in der elektrisierten Starre eines Fisches am Haken. Dann war er verschwunden. Zwei weitere folgten. Der Tampen schwang träge im Wind.

»Komm runter!«, schrie er, so laut er konnte. »Komm runter!«

Er stand und wartete.

»Komm runter«, schrie er. »Komm runter.«

Der Tampen schwang weiter. Über ihm viele Schreie. Das Schiff schien jetzt ziemlich ruhig zu liegen, es war die Dunkelheit, die trunken torkelte.

»Kommt noch wer?«, schrie er, so laut er konnte. »Kommt noch wer?«

Er bewegte sich langsam durchs Boot, stieß gegen Leiber. Alle zitterten. Er tastete nach jedem einzelnen Körper. »Alles in Ordnung jetzt?«

Geräusche drangen an sein Ohr, Gemurmel, ein Stöhnen, jemand übergab sich. Er hangelte sich zurück, fledermausartig, dorthin, wo das Fall hing. Er hörte ein dumpfes Tosen, und in seinem Kopf brüllte es. »Weg, bloß weg.«

Er zog ein Takelmesser aus der Tasche und schnitt den Tampen durch. Das Boot holte über, stieß mit der Nase gegen den Rumpf der Aurora.

»Kommt runter«, schrie er. »Kommt noch wer?« Er lauschte, er zog am Tampen. »Nutzlos«, sagte er und kappte den anderen Tampen. Das Boot tanzte, es war frei. Er fiel, schlug lang hin, seine Hände tasteten umher, er zerrte an einem Riemen. Er kam auf die Beine, brachte den Riemen in Position, stieß mit aller Kraft ab vom Rumpf der Aurora.

»Weg«, brüllte es in seinem Kopf. »Weg, bloß weg.«

Er spürte die Sogkraft des Wassers unter seinem Boot. Er stieß sich mit aller Kraft ab. Plötzlich war das Boot in taghelles Licht getaucht. »Mein Gott!«, sagte er.

»Runter, runter«, rief er mit heiserer Stimme. »Runter.« Kugeln schwirrten ihm um den Kopf. Sein Körper krallte sich an die Bodenbretter des Bootes.

»Crilley, das Wasser«, schrie er, »das Wasser.«

»Alles klar«, sagte Crilley.

Das Licht verschwand, tiefste Dunkelheit umgab sie. Der Seemann lag flach auf dem Bauch. Er sah nichts, spürte nichts, hörte nichts. Er lag still. Alle Geräusche verstummten. In seinem Kopf hatte ein Rad rotiert, und plötzlich war es stehen geblieben. Stille. Er lag da und wartete. Nach ein paar Minuten setzte er sich auf, sah sich um, rief mit belegter Stimme: »Crilley.« Keine Antwort.

»Crilley.«

Keine Antwort.

»Cril-ley.«

Stille.

»Mein Gott!«, sagte er. »Crilley.«

Eine tiefe Ruhe durchströmte ihn, sein Hirn entspannte sich, er saß ganz still da. Regen rann ihm in den Nacken, Tropfen hingen an seiner Nase. Er hob die Hand zum Kopf, betastete sein nasses und verfilztes Haar. »Verflucht! Wo bin ich gewesen? Im Wasser? Aber wie das?«

Er konnte sich an nichts mehr erinnern.

»Hört mich irgendwer?«, rief er.

Jemand musste sich übergeben, stöhnte.

»Wie viele seid ihr? Macht zum Teufel den Mund auf, ihr seid außer Lebensgefahr.«

»Ich bin in Ordnung.«

»Wer bist du?«

»Mein Name ist Benton.«

»Wer noch?«

»Mein Name ist Stone.«

»Bist du in Ordnung?«

»Hier vorne ist ein alter Mann, dem geht's schlecht«, sagte eine Stimme.

»Komm her«, sagte der Seemann.

Eine Gestalt kam näher, und er packte zu.

»Setz dich«, sagte der Seemann. »Neben mich.«

Der Mann setzte sich.

»Du bist Stone?«

»Nein. Benton.«

»Gut! Hier.«

Er drückte dem Mann Riemen in die Hände. »Rudern«, sagte er. »Ganz egal wie. Einfach rudern. Ruhe bewahren, alles wird gut.«

Ohne es wirklich zu merken, ruderte er selbst auch.

An all dies erinnerte er sich, als er achtern saß und die Gestalten im Boot betrachtete, und sein Blick registrierte die unterschiedlichen Haltungen ihrer Körper. Als es heller wurde, waren sie deutlicher zu erkennen. Er zählte sie. Sechs. Er stellte sich hin, reckte die Arme, gähnte laut und sah in die Ferne zum Horizont. Ein Inbegriff der Leere.

»Jetzt gibt's ein paar Dinge zu tun«, sagte er.

Am Boden vor ihm lag ein Mann, und der Seemann stieß ihn vorsichtig mit dem Fuß an.

»Wie heißt du?«, fragte er.

Der Mann öffnete die Augen und setzte sich auf. »Verflucht«, sagte er, »ist das kalt.«

Später sagte er: »Ich bin Stone.« Die dunklen Stoppeln am Kinn des Seemanns fielen ihm auf.

»Gut! Alles klar, du kannst dich wieder hinlegen«, sagte der Seemann.

»Und wie heißt du?«, fragte der andere.

»Ich? Curtain. Joseph Curtain.«

Dann ging er weiter zum nächsten Mann. Der war hellwach und lag in verdrehter Haltung auf einer Bank mittschiffs.

»Wer ist Benton?«, sagte er.

»Ich bin Benton.«

»Bist du in Ordnung? Keine Knochen oder sonst was gebrochen?«

»Ich bin in Ordnung«, sagte der Mann und ließ sich zurück in seine ursprüngliche Position sinken.

Curtain ging weiter nach vorn. Ein Mann saß dort im Bug des Bootes. Es sah recht unbeholfen aus, wie sein...

Dateiformat: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat EPUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

16,99 €
inkl. 19% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen