
Sister Europe
Description
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Sister Europe ist der sensationell gelungene Berlin-Roman einer seit einem Vierteljahrhundert in Deutschland lebenden Amerikanerin, die sich hier besser auskennt als die meisten Berliner. Ein geistreiches, ein großes Lesevergnügen. *Platz 1 auf der SWR-Bestenliste*
Berlin im Vorfrühling. Eine Zufallsgemeinschaft ganz unterschiedlicher Menschen - ein Kunstkritiker und seine halbwüchsige trans Tochter, ein arabischer Prinz, ein alternder Lebemann mit seinem deutlich jüngeren Internet-Date und eine hinreißende Grande Dame - wandert durch die Stadt, von einem Galadiner im verblüht noblen Hotel Interconti quer durch den nächtlichen Tiergarten, stets verfolgt von einem Kripomann, der Verbotenes wittert. En passant entspinnt sich ein Gespräch voller Witz, Intelligenz, eingebettet in die Topografie und Geschichte der deutschen Hauptstadt, und durch den Plauderton hindurch dringen leise die großen Fragen: nach der Einsamkeit des Menschen, nach der Möglichkeit, sie zu durchbrechen, nach dem eigenen Platz auf dieser Welt. Am Ende finden sich die, die zusammenpassen, und die es nicht tun, finden sich auch.
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«Der Roman einer Autorin mit ganz und gar unverwechselbarer, einfühlsamer Stimme. Nach der Lektüre möchte man gleich weiterlesen.» The Washington Post
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I
«Es regnete vierzig Tage und vierzig Nächte», erzählte Demian seiner jüngeren Tochter Maxima («Maxi»), die mit leichtem Fieber früher als sonst ins Bett gegangen war. Am Morgen würde es sich bestimmt zu etwas Größerem ausgewachsen haben. Er war Deutscher, ihre Mutter aber nicht, und weil Maxi auf eine deutsche Schule ging und sich mit ihren Freundinnen auf Deutsch unterhielt, hatten sie als Familie beschlossen, zu Hause Englisch zu sprechen. «Das Eis schmolz und schmolz, bis es ganz von Wasser bedeckt war und auf einem See schwamm, der gar nicht hätte da sein dürfen. Und dann plötzlich rutschte es direkt in den Ozean. Platsch!» Mit beiden Händen stellte er eine Kiste nach, die von einem schiefen Regal rutschte. «Stell dir vor, ein Eisblock so groß wie Grönland!»
Sie nahm den Daumen aus dem Mund und fragte: «Wie groß ist Grönland?»
Er wusste es nicht. Es war bekannt dafür, kleiner zu sein, als es auf der Mercator-Projektion aussah, aber doch sicherlich groß, weil sein Schmelzen den globalen Meeresspiegel um rund sieben Meter würde ansteigen lassen. Ohne auf ihre Frage einzugehen, fuhr er mit der bestellten Geschichte über einen Tsunami fort, der ihr Haus traf. «Das Eis plumpste in den Ozean und erzeugte eine Welle, die so gigantisch war, dass sie über den Nordatlantik bis nach Norwegen schwappte.» Er fand, es könne nicht schaden, eine kleine Erdkundelektion einzubauen. «Die Riesenwelle umrundete Schottland und durchquerte die Nordsee, von England nach Holland, gelangte bis nach Hamburg und dann hundertfünfzig Kilometer die Elbe hoch. Als sie die Mündung der Havel erreichte, trat sie auf die Bremse und bog scharf nach links ab. Alle Enten in den Sümpfen flogen hoch. Allez hop!» Er hüpfte, indem er seinen Rumpf ein paar Zentimeter von der Matratze hob, und ließ sich gleich wieder fallen, damit sie weiter mit seinem Haar spielen konnte. «Dann ist sie die Havel rauf bis nach Potsdam, und als sie den Wannsee erreicht hat, ist sie rechts auf den See abgebogen. Und dann war sie vor unserem Haus - ein gigantischer Tsunami, der den ganzen Weg von Grönland bis hierher zurückgelegt hat!»
Sie sah zufrieden aus und sagte: «Mega.»
«Giselher und Almut» - so hießen ihre betagten Vermieter - «kamen rauf, um das Ganze mit ihren Smartphones zu filmen.» Einen Moment lang störte ihn das Faktenwidrige daran; die beiden waren schon seit Jahren nicht mehr die Treppe hinaufgestiegen. Doch das hieß nicht, dass sie es nicht mehr konnten, wenn die Motivation nur groß genug wäre.
«Waren sie tot?» Sie klang hoffnungsfroh.
Er wollte seine Erzählung nicht unterbrechen, um zu erklären, dass mit dem Tod eine gewisse Regungslosigkeit einherging und er somit etwas Schlechtes war, ganz besonders in diesem Fall (die Erben würden sofort das ganze Haus an sich reißen), also antwortete er: «Nein. Es ist nichts Schlimmes passiert. Die Welle war müde, weil sie Tausende Kilometer gereist war und Treibgut mitgebracht hatte.» Ihr Blick verriet ihm, dass er Treibgut genauer definieren musste. «Sie hatte Dreck dabei und Schrott und Strandgut und Eisberge und Häuser und Autos und Fähren und Feuerwehrautos .» Er hielt inne, obwohl er sah, dass ihr die Liste gefiel. Ihm fehlte die Lust, weitere Objekte aufzuzählen, weil er sich unwillkürlich eine Flottille von Leichnamen ausmalte, die aufgedunsen an der Oberfläche trieben, als wären sie schon seit Tagen tot. «Als sie Berlin erreichte, war sie so erschöpft, dass sie nur noch fünf Zentimeter hoch war. Sie konnte sich kaum noch bewegen! Sie suchte vor allem nach einer Stelle, wo sie die ganzen Sachen ablegen konnte.»
«Wo hat sie sie denn hingelegt?»
«In Siemensstadt.» Er machte sich nicht die Mühe, darüber nachzudenken, dass er perverserweise ein Arbeiterviertel genannt hatte. Niedrig gelegene Flächen in Flussnähe waren oft Industriegebiete, das war nicht seine Schuld.
«Waren auch Bäume dabei?» Sie wollte eindeutig, dass auch Bäume dabei waren, also nickte er. «Was hatte sie sonst noch dabei?»
«Da gab es Ameisen und Heuhaufen und Chlor und Puppen und Elefanten und Freundschaften und Ziegen und Hügel und Krankheiten und Bei-Rot-über-die-Straße-Geher und koreanische Fernsehserien» - seine Aufzählung geriet ins Stocken, als sei der Selbstzweifel dabei, ihm die Kontrolle zu entreißen - «und Lichtmasten und Geld und Nudeln und Optionen und Fortschritt und Matschboden und retrograde Amnesie und Vernunft und Bäume und das Universum und Votivgaben und Wale und Xylofone und Yahoos und Zebras.»
Er verstand ihr leises Seufzen als Bitte um noch mehr Bäume. Er wollte gerade darauf eingehen, doch dann sah er, dass sie eingeschlafen war. Ihre Augen waren geöffnet; die alphabetische Liste (auf Englisch war sie nämlich alphabetisch gewesen) hatte sie gegen ihren Willen hypnotisiert.
«Schlaf jetzt», sagte er. Sie schloss die Augen. Ihr Mund klappte auf, und ihre Hand ließ sein Haar los. Er spürte, wie väterlicher Stolz in ihm aufwallte, weil sie solchen Wert auf Bäume legte oder überhaupt auf Naturphänomene, auch wenn das in ihrem Alter (viereinhalb) alles Mögliche bedeuten konnte. Vorsichtig stand er auf, schlich auf Zehenspitzen durch den Flur und betrat die elterliche Suite - ein Arbeitszimmer und ein Schlafzimmer, die durch einen Ankleideraum mit Bad miteinander verbunden waren -, um sich für den Abend anzuziehen.
Er wählte sein edelstes, konservativstes Outfit - einen Dreiteiler aus blauer Wolle, den er in München gekauft hatte, und dazu ein maßgeschneidertes weißes Hemd. Das Hemd hatte einen Bubikragen. Immer wieder erhielt er Komplimente für seine Hemden mit den runden Kragen, und immer verriet er ganz genau, wo er sie bestellte: bei einem Mütterchen in Slubice. Bei der Auswahl der Krawatte zögerte er. Er wollte nicht auffallen, doch er rechnete mit einem eher exzentrischen Publikum und hatte das Gefühl, selbst auch ein wenig unkonventionell aussehen zu müssen, oder zumindest nicht wie ein Banker.
Er lief durch den Flur, ohne Krawatte, die Weste und das Hemd aufgeknöpft. Seine Frau Harriet saß am Küchentisch, aß ein Stück Apfelkuchen vom Blech, das sie am Nachmittag gekauft hatte, und las auf ihrem Telefon eine lange E-Mail. Ihr kinnlanges blondes Haar war zu einem kurzen Pferdeschwanz gebunden. Abgesehen von ihren Elsa-aus-Die-Eiskönigin-Hausschuhen (ein Geschenk von Maxi) trug sie ausschließlich Schwarz, bis hin zu den schwarzen Socken und dem Halstuch. Sie blickte auf und legte das Telefon mit dem Display nach unten auf den Tisch.
«Ist Nicole schon zurück?», fragte er. «Sie muss mich modisch beraten.»
«Sie hat gerade geschrieben, dass sie bei Einbruch der Dunkelheit da ist.»
«Und wann ist das?»
«In einer Stunde vielleicht.»
Es war Dienstag, der 21. Februar 2023, und um 16:30 war das schwache Glimmen der Sonne noch am strukturlosen Himmel über dem Grunewald zu sehen. Die Küche im ersten Stock ihrer geteilten Villa ging auf einen der naturbelassensten Seen im Berliner Stadtgebiet hinaus, den Schlachtensee. Ab Mitte April würde die Aussicht von den Blättern verdeckt sein. Im winterlichen Dämmerlicht sah man, wie das schwarze Wasser vom Wind und vom verhaltenen Regen erzitterte.
«Das ist zu spät», sagte er. «Was meinst du, krawattenmäßig - vielleicht die Hermès mit den kleinen Leoparden?»
«Auf dich achtet eh niemand», sagte sie. «Das ist kein formelles Event. Das sind Reiche. Zieh ein gemustertes Hemd an, damit keiner denkt, du gehörst zum Catering.»
Demian ging in sein Zimmer zurück und nahm die Alternativen in den Blick. Schließlich blieb er bei weißem Hemd und Dreiteiler und wählte dazu eine dunkelblaue Krawatte und gelbe Socken. Wieder präsentierte er sich Harriet und sagte: «Ich zieh meine neuen roten Sneaker an. Was sagst du?»
«Süß.»
Sie hatte gar nicht richtig hingesehen. Er drückte seinen rechten Daumen gegen die Rückseite seines Telefons und trat an die Fensterfront. Die Welt da draußen sah nass und stürmisch aus, doch die Wetter-App behauptete, der meiste Niederschlag sei für diese Woche durch. Es könnte noch ein, zwei Liter pro Quadratmeter regnen. Ihm fiel ein, dass man von glänzenden Lederschuhen den Matsch besser abbekam, für den Fall, dass er durch Matsch laufen musste. Diese Änderung seiner Schuhwerksplanung kam ihm nicht wichtig genug vor, um sie mit seiner Frau zu teilen, die inzwischen mit Noise-Cancelling-Kopfhörern auf dem Kopf konzentriert auf eine Videokonferenz starrte. Wenn ihr Arbeitstag zu Ende ging, würde er mit ihrer schönen gemeinsamen Freundin Livia bei einem Gourmet-Dinner sitzen. Er hatte keine Schuldgefühle. Das Mahl musste er sich durch die Teilnahme an einer literarischen Preisverleihung hart erarbeiten.
Er kannte den Preisträger gut: einen alterslosen (achtundsiebzig, mit beinahe makelloser Haut, weil er nur selten die Sonne sah) arabischen (er war schon mit elf von der Sinai-Halbinsel nach Norwegen geflohen, schrieb aber mit unverminderter und äußerst produktiver Intensität über seine Jugend, ohne je literarische Kompetenz in einer zweiten Sprache erlangt zu haben) Fabuliermeister, dem er erstmals an einem dänischen Strand begegnet war.
Demian war damals jung und leicht zu beeindrucken gewesen, traurig und schüchtern - achtzehn Jahre alt und ein begeisterter Leser von Lyrik, auch von arabischen Versen in Übersetzung. Tagelang hörte er Masuds blumigem, stockendem Englisch zu, außerstande, seine ständigen Einladungen abzulehnen. Er war mit gerade so viel...
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