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Kapitel 1
Sisgard zupfte die Saiten der Leier, ihre Stimme klang für sie wie aus der Ferne. Ein kühler Windhauch streifte ihre Wange. Hätte sie doch Flügel, die sie mit dem Wind davontragen könnten. Aus dem Herzen heraus formten sich die Worte auf ihren Lippen. Sie erzählten von einer Amsel, die ein Bauernsohn für sein Liebchen gefangen hatte. Sisgard fühlte die Sehnsucht des Singvogels danach, seine Freiheit zu erlangen und vom höchsten Ast einer Linde aus den Regen auf seinen Federn zu spüren.
Die Glocke erklang. Sisgard riss die Augen auf. Der Ruf zur Vesper. Da war die Wirklichkeit wieder, der sie nur in ihren Träumen entfliehen konnte. Sie blickte in Gesichter mit schwärmerischem Ausdruck, und manch eine Näharbeit ruhte auf dem Schoß. Die ersten Schwestern erhoben sich, auch Sisgard stand von der Bank im Kreuzgang auf, legte die Leier beiseite und schlug den Weg zur Kirche ein. Hoch über dem Gotteshaus flog eine Saatkrähe. Sisgard blieb stehen und schaute genauer. Eine schwarze Feder schwebte direkt vor ihr gen Boden. Unbarmherzig rief die Glocke weiter zum Gebet. Schnell fing Sisgard die Feder und verbarg sie wie einen Schatz in ihrem Ärmel. Sie reihte sich wieder in die Prozession ein, mit der seit drei Sommern geübten Unschuldsmiene.
»Du könntest unsere Vorsängerin beerben«, flüsterte Grete ihr zu. »Deine Stimme ist viel schöner.«
Sisgard lächelte über die Schmeichelei ihrer Freundin. Singen war das Einzige, dem sie sich leidenschaftlich hingab. Es versüßte ihr den Alltag. Durch ein Amt würde sie sich jedoch endgültig an das Kloster binden. Das wollte sie so lange wie möglich hinauszögern. »Warum hast du noch nicht das Gelübde abgelegt?«
»Im Gegensatz zu dir bin ich die einzige Tochter meiner Eltern. Ich soll lernen, meinem künftigen Gemahl ein gutes Weib zu werden.« Grete zuckte leichthin die Schultern.
Beide waren sie anno 1047 dem Kloster Werbe beigetreten und lebten seither nach den Regeln, die der Heilige Benedikt gelehrt hatte: Gehorsamkeit, Schweigen, Demut.
Sisgard schüttelte sich. »Findest du das wirklich so erstrebenswert? Denk an die Heilige Notburga von Hochhausen, derer wir heute Morgen gedachten.«
Kurz blieb Grete stehen. »Aber sie war einem grausamen Mann versprochen. Da widmete sie doch besser ihr Leben der Nächstenliebe. Gott schickte sogar seine Engel, um ihre Seele nach ihrem Tod abzuholen.«
»Sie hatte selbst entschieden, eine Einsiedlerin zu sein.« Eine Wahl, die Sisgards Vater ihr verwehrte.
Vor der Kirchentür schaute sie zu den Spatzen, die unter den ersten gefallenen Blättern nach Nahrung suchten. Zumindest schenkte die Sonne noch in der Mitte des Holzmonds ihre Wärme und gönnte so den Nonnen und Novizinnen oft, im Freien zu sein.
Sisgard atmete tief durch und trat ein. Morgen, am Sonntag, würden die Gläubigen aus dem Dorf Werbe etwas Abwechslung bringen. Dieser weiß verputzte Steinbau, geschmückt mit farbigen Bildnissen von Heiligen, sah immerhin am Tag freundlich aus. Wäre da nicht der Leidende, der ans Holzkreuz genagelt auf die armen Seelen herabblickte.
Sisgard kniete an ihrem Platz in der Reihe der Novizinnen auf dem Steinboden nieder. Vor dem Altar harrte bereits die Priorin ihrer kleinen Gemeinschaft von zwanzig jungen und älteren Weibern aus. Diese ließ ihren prüfenden Blick schweifen und erhob die Hände.
»Oh Gott, komm mir zu Hilfe«, eröffnete sie das Stundengebet und somit den Lobgesang auf den Herrn. Die Lesung der Psalmen und des Textes aus dem Evangelium wählte Magistra Hermintrud nach der Tagesheiligen aus. Wie innig sie sich ihrer Aufgabe hingab! Wie viel Ehrfurcht in ihrer Stimme lag, wenn sie die Taten der Heiligen aufzählte! Ihre Vorsteherin lebte nicht nur im, sondern mit ganzem Herzen für das Kloster. Wäre dies hier eine eigenständige Abtei, Magistra Hermintrud regierte längst als Äbtissin.
Sollte Sisgard die Ältere um ihre Inbrunst beneiden? Die brauchte sich um ihr Seelenheil keine Gedanken machen, so fromm wie sie war, und auch nicht um das ihrer Familie. Sisgard hatte ihren Vater nicht davon abbringen können, sie hierher zu geben und mit dem Seelenheil derer von der Ehrenburg zu betrauen. Und das nach den Ängsten, die sie auch heute noch hin und wieder heimsuchten. Ja, sie hatte überlebt, aber kam ihre Rettung tatsächlich vom Herrn im Himmel, dem sie nun dienen musste? Sie gab ihr Bestes für das Geschlecht der Ehrenburger. Sie hatte damals nicht aufgegeben und war auch heute stark genug, ihre Pflicht zu erfüllen. Vielleicht reichte es, dass sie die Choräle aus vollem Herzen sang? Dabei konnte sie wenigstens ihrem Mund wohltönende Klänge entlocken und ihren Leib und Geist mit Musik ausfüllen. Das letzte Lied ging zu Ende.
»Du wirst heute nach dem abendlichen Mahl abwaschen.« Die Magistra musterte Sisgard nach den rituellen Schlussworten mit strengem Blick.
Verwirrt schüttelte sie den Kopf. »Aber ich war erst gestern dran.«
»Keine Widerrede. Du scheinst Bewegung zu brauchen, sonst würdest du bei unseren Chorälen nicht hin und her schwanken.«
Sisgard presste die Lippen aufeinander. Schwanken? Sie wiegte sich im Klang! War das etwa unchristlich? Sie starrte der Priorin hinterher, die hoch erhobenen Hauptes das Gotteshaus verließ.
Jemand stupste gegen ihren Arm. »Du hattest Glück, dass sie nichts von deinem Ausflug vorgestern merkte.« Grete lächelte sie mitfühlend an.
»Es wachsen die letzten Wildbeeren. Und du hast für dein Schweigen auch welche bekommen.«
»Sie waren auch köstlich. Du triffst dich wirklich nicht mit einem der Burschen?«
Sisgard schüttelte den Kopf. »Niemals. Es darf mich auch keiner sehen, der es ihr«, sie wies mit dem Kinn zur Priorin, »erzählt. Ich brauche nur ab und an Weite um mich herum, damit ich frei atmen kann.«
Damit schien Grete zufrieden zu sein und wies zum Ausgang. »Wir sollten uns beeilen, in den Speisesaal zu kommen, sonst wird sie noch ungehaltener.«
Ihre Freundin hatte Recht, zumal Sisgard bereits das eine oder andere Mal zu Bußübungen verurteilt worden war. Als sei etwas dabei, wenn sie nach der Sonntagsmesse mit den Dörflern plauderte oder sich bei Besorgungen außerhalb des Klosters Zeit ließ. Das minderte schließlich nicht ihre Hingabe. Wo die Gebäude nicht den Grund der Priorei begrenzten, stand nur eine mannshohe Einfassung. Dennoch kam Sisgard diese trutziger vor als die Wehranlage der Ehrenburg.
»Mit einer Leiter könnten wir über die Mauer schauen und uns mit den Leuten draußen unterhalten.« Sie wies mit dem Kinn zum Garten.
Grete riss die Augen auf. »Lass das ja nicht die Magistra hören.«
»Wieso? Gottes Natur erstreckt sich auch dahinter. Und wie sollen wir das Neueste erfahren, wenn wir nur unter uns sind?«
An Grete vorbei entdeckte sie, wie besagte Magistra jemanden durch die Pforte in den Innenhof winkte. Sisgard reckte beim Weitergehen den Hals. Wem mochte ihre Vorsteherin Einlass gewähren? Beim Überqueren des Kreuzgangs blieb ihr ein wenig Zeit, das Geschehen zu beobachten. Die Mönchskutte wies den Besucher als Bruder im Herrn aus. Beide standen nun dicht beieinander ins Gespräch vertieft. Sehr vertraulich sah es aus. Er beugte sich zu ihrem Ohr, sie nickte bedächtig. Belauschen konnte Sisgard nichts, und auch das Aussehen des Mönchs blieb ihr verborgen. Er trug die Hände in den Ärmeln versteckt und die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Es musste wichtig sein, denn ohne Grund hätte die Priorin ihn auf die Zeit nach dem Essen vertröstet. Eine heimliche Liebschaft? Nein, so etwas traute Sisgard ihr nicht zu.
»Eines Tages«, plauderte Grete weiter, »werde ich Herrin in meinem eigenen Haus sein.«
»Unter deinem Gemahl. Oder glaubst du, dass ein Edelmann von einer Frouwe Befehle annimmt? Selbst Magistra Hermintrud muss dem Abt Rechenschaft ablegen.« Sie gewährte ihrer Freundin an der Tür zum Speisesaal den Vortritt und lugte noch einmal zur Magistra und ihrem Besucher hinüber.
Auch an diesem Ort erhielten die Höchsten die besten Plätze. So stellten sich die Novizinnen ans untere Ende des Tisches. Von nun an mussten sie wieder schweigen. Oder sich nicht erwischen lassen, wenn sie das Gebot umgingen. Sisgards Mundwinkel zuckte. Bereits die ersten Geistlichen erfanden eine Zeichensprache, um sich mitzuteilen. Das lenkte genauso ab wie ein gesprochenes Wort, fand Sisgard. Kurz nach ihr und Grete traf auch die Priorin ein. Den Mönch hatte sie nicht dabei. Schade. Jetzt konnte Sisgard ihre Neugier nicht stillen. Die Gemeinschaft faltete die Hände und Magistra Hermintrud sprach das Tischgebet mit einem äußerst zufriedenen Lächeln auf den Lippen.
Nach dem Mahl sammelte Sisgard die Schalen und Löffel ein. Das Wasser holte sie aus dem Brunnen, der sich in der Mitte des Kreuzgangs befand. Sie war allein in der Küche, nur vor dem Fenster streunte eine Katze umher. Eine rote, wie die, die sie zehn Lenze zuvor verletzt in einem Schuppen bei der Burg gefunden und gepflegt hatte. Sisgard lächelte wehmütig. Zuhause hatten ihre ältere Schwester und sie mit offenen Mündern der Großmutter gelauscht. Sie hatte ihnen Geschichten über das Leben und den Glauben ihrer Ahnen erzählt.
»Es gab Zeiten, da konnten die Weiber selbst über sich bestimmen«, murmelte Sisgard. Immer mussten beide schwören, es nur im Geheimen an die nächsten Töchter der Familie weiterzugeben. So sollte das Wissen erhalten bleiben, das der Klerus ihnen verbot. Lange vorbei waren die Tage, in denen die Fürsten der Germanen herrschten. Gewiss hätte ihre Großmutter noch vieles zu erzählen gehabt, doch im letzten...
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