Am Seil
Christine Zander(Author)
Engelsdorfer Verlag
1st Edition
Published in January 2011
219 pages
978-3-86901-187-5 (ISBN)
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Description
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Ein Bergroman, der kein Bergroman ist . Ein dramatischer Weg zum Gipfel, der in jeder Phase die spannungsreiche Begegnung der beiden Liebenden spiegelt. Magdalena sucht ihren Vater. Die Spur führt nach Österreich. Was zunächst wie die üblichen Ausbruchsversuche einer 46jährigen aussieht, bei der das Alter an die Tür klopft und sie in Panik versetzt, entpuppt sich als berührendes Graben nach den Wurzeln, nach einer Kindheit vor der Kindheit, in der die tote Mutter herrscht. Sie ahnt nicht, daß Martin, den sie liebt, auf schuldhafte Weise mit ihnen verkettet ist. Auch dieses dritte Buch der Leipzigerin Christine Zander zeugt von vibrierender Lebenskraft: authentisch, atemlos, voller Phantasie .
More details
Edition
1., Aufl.
Language
German
File size
1,74 MB
ISBN-13
978-3-86901-187-5 (9783869011875)
Schweitzer Classification
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Christine Zander
Am Seil
Book
05/2004
1st Edition
Engelsdorfer Verlag
€12.90
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Content
(S. 68-69)
Solange sie in der Sonne sind, ist jeder Zug Tanz, der Körper ist verliebt in die aufgewärmte Wand, die anziehend wirkt wie ein lebendiger Bauch und Geborgenheit verheißt. Dann plötzlich Schatten. Er löst Beklemmung aus. Nächtelang hat die Frau die schwelende Angst vor den langen Kaminreihen zu bändigen versucht – lotrechte Schluchten, mit drei Metern zu breit, um sich an beiden Seiten abzustützen.
Der Mann steigt weiter. Ruppiger Wind stößt herauf. Für einen Augenblick hat er geglaubt, Stimmen zu hören, weit oben im Kamin, doch jetzt ist es still, auch kein Klirren und Klicken von Karabinern, keine Seilkommandos, sie sind allein in der Route.
„Nachkommen!“ Vom Standplatz aus beobachtet er die Frau. Ihre Bewegungen sind genau, an den schwierigen Stellen muß sie jetzt suchen, die Griffe sind klein, sie setzt an, weicht zurück, sucht eine neue Sequenz. Manche Wandstellen sind naß. In einigen Griffen Eis. Ihre Fingerspitzen sind gerötet vor Kälte, doch sie lacht, und ihre Freude steckt ihn an.
Was kann sie noch aufhalten? Gut die Hälfte der Wand liegt schon unter ihnen, bald tauchen sie ins Licht. Dann werden sie rasten und etwas trinken und den Ausblick genießen, und er wird ihr erzählen, warum er genau diesen Weg mit ihr gehen wollte. Da trägt der Wind von schräg unten Schreie herauf.
Sie mied die Stadt. Sie schlief nachts sehr spät ein. Sie wanderte durch die verlassenen Betten der Wohnung, und manchmal kam es vor, daß sie den großen, weichen Stoffhund der Tochter mit herumschleppte, nur um etwas zu umarmen. Wenn das Telefon klingelte, versuchte sie, der einen oder anderen Freundin zu erzählen, was sie erlebt hatte, und merkte oft nicht, daß sie ihre Begeisterung nicht teilen konnten.
Sie räumte die Wohnung um. Strich den Balkon hellgelb. Sie kaufte sich seidene Unterwäsche, die erste in ihrem Leben, Klaus-Peter hatte sie in weiße, kindliche Baumwolle gesteckt, er war vierzehn Jahre älter, er hatte Söhne, keine Tochter. - Es sind unsere Väter, hatte Lynn gesagt, wir suchen sie, und solange wir sie suchen, werden wir auch nur Väter finden, keinen Mann. - Sie pflanzte Heidekraut in Töpfe. Fuhr Fahrrad bei Regen. Sie ging jede Treppe auf den Fußballen hoch, so als stiege sie bergan, unterm Gipfelweiß der Wolken.
Überm Schuttberg Krähen. Sie lächelte. Aus der Hand hatten die Alpendohlen gefressen, bevor sie ansetzten zum nächsten Höhenflug. Sie besorgte sich Bücher: „Die weiße Spinne“ – „In der Wand“ – „Sturz ins Leere“ – „Lizenz zum Klettern“. Die Fotos im Labor unterschied sie fortan in solche mit oder ohne Berge. Die meisten waren ohne, also uninteressant. Doch die inneren Bilder wollten nirgendwo in ihre äußere Umgebung passen, sie wichen zurück, sie bewahrten sich ihre Eigenfarben, indem sie sich nicht in die grellen Lichter der Stadt fügen ließen. Eines Tages legte ihr Lynn eine alte, bräunliche Fotografie neben Zigaretten und Wein. Endlich oben, stand darunter, dazu eine Jahreszahl. Magda starrte sie lange und wortlos an. Die Frau neben dem Gipfelkreuz war ihre Mutter.
Solange sie in der Sonne sind, ist jeder Zug Tanz, der Körper ist verliebt in die aufgewärmte Wand, die anziehend wirkt wie ein lebendiger Bauch und Geborgenheit verheißt. Dann plötzlich Schatten. Er löst Beklemmung aus. Nächtelang hat die Frau die schwelende Angst vor den langen Kaminreihen zu bändigen versucht – lotrechte Schluchten, mit drei Metern zu breit, um sich an beiden Seiten abzustützen.
Der Mann steigt weiter. Ruppiger Wind stößt herauf. Für einen Augenblick hat er geglaubt, Stimmen zu hören, weit oben im Kamin, doch jetzt ist es still, auch kein Klirren und Klicken von Karabinern, keine Seilkommandos, sie sind allein in der Route.
„Nachkommen!“ Vom Standplatz aus beobachtet er die Frau. Ihre Bewegungen sind genau, an den schwierigen Stellen muß sie jetzt suchen, die Griffe sind klein, sie setzt an, weicht zurück, sucht eine neue Sequenz. Manche Wandstellen sind naß. In einigen Griffen Eis. Ihre Fingerspitzen sind gerötet vor Kälte, doch sie lacht, und ihre Freude steckt ihn an.
Was kann sie noch aufhalten? Gut die Hälfte der Wand liegt schon unter ihnen, bald tauchen sie ins Licht. Dann werden sie rasten und etwas trinken und den Ausblick genießen, und er wird ihr erzählen, warum er genau diesen Weg mit ihr gehen wollte. Da trägt der Wind von schräg unten Schreie herauf.
Sie mied die Stadt. Sie schlief nachts sehr spät ein. Sie wanderte durch die verlassenen Betten der Wohnung, und manchmal kam es vor, daß sie den großen, weichen Stoffhund der Tochter mit herumschleppte, nur um etwas zu umarmen. Wenn das Telefon klingelte, versuchte sie, der einen oder anderen Freundin zu erzählen, was sie erlebt hatte, und merkte oft nicht, daß sie ihre Begeisterung nicht teilen konnten.
Sie räumte die Wohnung um. Strich den Balkon hellgelb. Sie kaufte sich seidene Unterwäsche, die erste in ihrem Leben, Klaus-Peter hatte sie in weiße, kindliche Baumwolle gesteckt, er war vierzehn Jahre älter, er hatte Söhne, keine Tochter. - Es sind unsere Väter, hatte Lynn gesagt, wir suchen sie, und solange wir sie suchen, werden wir auch nur Väter finden, keinen Mann. - Sie pflanzte Heidekraut in Töpfe. Fuhr Fahrrad bei Regen. Sie ging jede Treppe auf den Fußballen hoch, so als stiege sie bergan, unterm Gipfelweiß der Wolken.
Überm Schuttberg Krähen. Sie lächelte. Aus der Hand hatten die Alpendohlen gefressen, bevor sie ansetzten zum nächsten Höhenflug. Sie besorgte sich Bücher: „Die weiße Spinne“ – „In der Wand“ – „Sturz ins Leere“ – „Lizenz zum Klettern“. Die Fotos im Labor unterschied sie fortan in solche mit oder ohne Berge. Die meisten waren ohne, also uninteressant. Doch die inneren Bilder wollten nirgendwo in ihre äußere Umgebung passen, sie wichen zurück, sie bewahrten sich ihre Eigenfarben, indem sie sich nicht in die grellen Lichter der Stadt fügen ließen. Eines Tages legte ihr Lynn eine alte, bräunliche Fotografie neben Zigaretten und Wein. Endlich oben, stand darunter, dazu eine Jahreszahl. Magda starrte sie lange und wortlos an. Die Frau neben dem Gipfelkreuz war ihre Mutter.
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