
Sorry, aber ...
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Eine scharfsinnige und humorvolle Analyse unserer Entschuldigungskultur von Bestseller-Autorin Tara-Louise Wittwer alias @wastarasagt
Wir entschuldigen uns ständig: „Sorry, dass ich störe“, „Sorry, ich muss mal durch“, aber ist das wirklich notwendig? „Sorry, aber ...“ Bestseller-Autorin Tara-Louise Wittwer („Drama Queen“) nervt es, dass ihr eine schnelle Entschuldigung oft so viel leichter über die Lippen geht als für sich einzustehen. Und dass sie sich so oft schuldig fühlt, obwohl es keinen Grund dazu gibt.
Warum ist es überhaupt wichtig, sich zu entschuldigen – und was bedeutet eine Entschuldigung, wenn sie nicht ernst gemeint ist? Entschuldigen wir uns, um die Schuld abzuladen? Entschuldigen wir uns für andere, damit sie sich besser fühlen? Kann man sich überhaupt aktiv entschuldigen, oder muss man um Entschuldigung bitten? Entschuldigen sich Frauen mehr als Männer? Hat sich die Art und Weise, wie wir uns entschuldigen, im Laufe der Zeit verändert? Welchen Einfluss haben die sozialen Netzwerke auf unsere Fehlerkultur?
In ihrem neuen Sachbuch „Sorry, aber...“ hält Tara-Louise Wittwer unserer Gesellschaft erneut den Spiegel vor – und natürlich auch sich selbst.
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„Trotz der Be- und Abhandlung auch durchaus belastender Themen sorgt „Sorry, aber...“ mit seinem humorvollen, mitreißenden, aber vor allem persönlichen Schreibstil dafür, dass man es schlichtweg nicht aus den Händen legen kann – geschweige denn will.“
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Sorry, aber . da muss ich widersprechen
Als Frau zu widersprechen, ist so eine Sache. Das überlege ich mir immer zweimal, denn seit ich denken kann, wird Widerspruch von Frauen nicht nur nicht ernst genommen, sondern er dient Comedians wie Mario Barth als Bühnenprogramm, der damit ganze Arenen ausverkauft. »Widerspreche niemals einer Frau - warte, bis sie es selbst tut«, dröhnendes Gelächter, selbstzufriedener Schenkelklopfer, denn der Witz war gut, der hat gesessen, den versteht jeder. Es wurden ganze Bücher25 über die angeblich streitsüchtige FrauT geschrieben. »Schade, dass das Anlegen der Scold's Bridle heutzutage illegal ist, hahaha!«
Dass Frauen widersprechen, weil etwas Falsches gesagt wurde, kommt scheinbar nicht infrage. Denn dazu müsste erst etwas eingestanden werden, und das geht zu weit. Also lieber das fehlerhafte Verhalten auslagern und die Schuld bei dem Part suchen, der ein Fehlverhalten anspricht: die Frau.
Dass Frauen dazu sozialisiert wurden, möglichst wenig zu sagen, und erst recht nichts gegen jemannden, weil das handfeste, körperliche Bestrafungen zur Folge hatte, ist die eine Sache.22 Dass aber auch geschwiegen werden sollte, selbst wenn eine Frau recht hat, ist die andere und zieht sich bis heute in den Lebensrealitäten vieler Frauen fort.
Ich schreibe das hier als die privilegierteste aller Frauen: Ich bin eine weiße, nicht behinderte cis Frau, die in einer coolen Stadt in Europa lebt und nicht mehr armutsbetroffen ist. Ich kann es mir leisten, diese Zeilen zu schreiben, während ich bei einem Biobäcker sitze, der mir eine heiße Schokolade für 3,90 Euro verkauft. Ich pflege keine Angehörigen, ich arbeite nicht in einem ausbeutenden Berufsfeld und habe keine Kinder, um die ich mich kümmern muss.
Wenn schon ich diese Einschränkung erlebe, wie muss es dann anderen, mehrfach marginalisierten Frauen ergehen, die nicht nur ständigem Sexismus ausgesetzt sind, sondern auch Rassismus, Ableismus, Ageism, Lookism oder Klassismus?23
Und doch: Ich spüre meine Angst davor, mein Gegenüber zu korrigieren.
Und doch: Ich weiß, dass es Konsequenzen für mich haben kann, denn die hatte es immer.
Das fing schon in der Schule an: Ich war zu laut, wir erinnern uns: »Petze«, »Tara« oder »Kann die endlich mal die Schnauze halten« waren nur drei meiner gängigen Namen.
Ich wollte recht haben, wurde mir gesagt.
Dabei wollte ich oft nicht recht haben, ich hatte es einfach und wollte nur verstehen, wieso ich nicht verstanden werden durfte. Seit ich denken kann, wurde ich belächelt, wenn ich jemanden oder etwas korrigieren wollte. »Klugscheißerin«, »Besserwisserin«, »Störenfriedin« waren weitere und noch die netteren Namen, die mir an den Kopf geknallt wurden.
Für mich hat das alles keinen Sinn ergeben: Wir sind in der Schule, um Dinge zu lernen, um besser durchs Leben zu kommen und dieses zu verstehen (dass wir dann nicht so etwas wie Steuern, Versicherungen, den richtigen Umgang mit dem Internet und Co. lernen, ist mir ein Rätsel, aber ich bin nicht hier, um das gesamte Schulsystem zu hinterfragen).
Aber wenn man nachfragt, dann bitte nicht zu laut, und wenn das Lieblingsargument »Weil ich der Lehrer bin!« ausgesprochen wurde, blieb mir nichts anderes übrig, als nichts mehr zu sagen. Auf fast jedem meiner Zeugnisse sammelten sich Anmerkungen à la »aufmüpfiges Verhalten«, »diskutierfreudig«, »stört Unterricht durch irrelevante Gegenfragen«.
Irgendwann ging ich kaum noch in die Schule (liebe Kinder, bitte nicht nachmachen!). Ich konnte nichts mit dem System anfangen, habe mich chronisch unterfordert gefühlt, nicht gehört und nicht gesehen, denn ich kam nicht damit klar, nichts sagen zu sollen und einfach nur schlucken zu müssen.
Als wir in Latein die Geschichte von Marcus Tullius Cicero und dessen Ermordung durchnahmen24, gingen nach Ende der Ausführung der Geschichte die Blicke zu mir. Cicero war einer der wichtigsten Rhetoriker der römischen Antike, hatte allerdings ebenfalls den Ruf weg, von seinen Worten sehr überzeugt zu sein. Dass er jedoch ein Talent für Worte und keine Angst hatte, sie zu benutzen, war nicht zu bestreiten und machte ihn weit über Rom hinaus berühmt. Und über kurz oder lang wurden alle Menschen, die in irgendeiner Weise Macht hatten, gefeiert und/oder umgebracht.
»Cicero wurde geköpft, seine Hände abgehackt, und es wurde, weil seine stärkste Waffe seine Zunge war, eine Nadel durch seine Zunge gestoßen.« Stille im Klassenraum, Blicke zu mir, Gekichere. (Grillenzirpen, irgendwo im Hintergrund flog ein Strohballen durchs Klassenzimmer.)
Irgendwann habe ich gemerkt, dass Diskutieren wenig bringt, wenn es nicht erwünscht ist. Weil ich am Ende meines Abiturs so oft gefehlt hatte, meine schriftlichen Leistungen aber gleich gut blieben, musste ich sogar in die Nachprüfung, weil die gute Abschlussnote meiner Arbeit nicht mit meinen mündlichen Leistungen - die faktisch nicht mehr vorhanden waren - übereinstimmten.
Schule vorbei, alles gut? Schön wär's, denn auch in einem meiner ersten Jobs hatte ich aufgrund meiner Kommunikation Probleme.
Eine Einladung ploppt auf meinem Laptop auf, ich sitze im Homeoffice. »Weekly Content Meeting« um 11:30 Uhr, irgendwann im Juli 2020. Es ist das erste Mal, dass ich so eine Einladung kriege, also bin ich ein bisschen verwirrt. Andererseits bin ich auch erst seit sechs Wochen in der Firma, ganz frisch, sozusagen. Anderer-andererseits sind es eben auch schon sechs Wochen, und man könnte meinen, dass mir ein wöchentliches Meeting innerhalb von sechs Wochen hätte unterkommen müssen.
Ich nehme die Einladung an und mache mir ein paar Notizen, arbeite vor, freue mich darauf, mich einzubringen. Denn ich bin schließlich, trotz meiner kurzen Erfahrung als Angestellte auf dem Arbeitsmarkt, für eine relativ hohe Position eingestellt worden, weil ich schon jahrelange Erfahrung als Content Creatorin hatte.25
Um 11:30 Uhr sitze ich also im Merch-Shirt der Firma (damit man sieht, wie gern ich Teil des Teams bin und dass ich zu schätzen weiß, an diesem Meeting teilnehmen zu dürfen, denn ich hatte oft das Gefühl, ich müsse besonders dankbar sein, irgendwo arbeiten zu dürfen) vor dem Laptop, die Kamera geht an und mein Lächeln aus. Wieso sitzen da der CEO, der Team-Lead und eine Mitarbeiterin aus der Personalabteilung vor mir?
Bedrückte Gesichter, Wischiwaschi-Small-Talk: Hallo, wie geht's, wie hat es dir bei uns gefallen bis jetzt? Sag doch mal.
Ich bin irritiert und weiß noch immer nicht, wohin sich das Gespräch entwickeln wird. Ich antworte ehrlich, dass mir die Arbeit bis jetzt gut gefallen hat, ich das Team schätze, den Input und den Wertekompass der Firma vertreten kann (das ist witzig, wenn man bedenkt, in welche Richtung sich das Gespräch gleich noch entwickeln wird). Kurze Stille, Blicke, die durch die Kamera ausgetauscht werden.
Der CEO setzt an: »Weißt du, Tara, es freut uns zu hören, dass du hier zufrieden bist. Allerdings müssen wir sagen, dass wir nicht das Gefühl haben, dass du zu uns passt.«
Bevor ich nachfragen kann, wird es mir schon erklärt: »Wir finden, der Cultural Fit ist nicht gegeben.«
Wie gut kann eine Erklärung sein, wenn mir die Erklärung erklärt werden muss?
»Cultural Fit?«, wiederhole ich, meine Augen blinzeln einmal zu oft im Unverständnis, und ich bin sicher, sie machen diese Klackklack-Geräusche wie bei der Sendung mit der Maus.
»Na ja, weißt du .« - ich sehe den CEO auf seinem Stuhl herumrutschen, ich glaube, angenehm findet er den nächsten Satz nicht, aber er muss ihn sagen -, »also, wir finden, du schreibst zu harsch.«
Augen auf, Augen zu. Klackklack. Je länger das Gespräch geht, desto weniger verstehe ich.
»Kann mir einmal einfach kurz jemand bitte erklären, worum es geht?«, frage ich nach, sachlich, aber bestimmt, denn ich weiß tatsächlich nicht, wohin dieses Gespräch führen wird.
»Ja, genau! Da . das meinen wir!«
Weil der CEO anscheinend nicht dazu in der Lage ist, einen ganzen Satz zu formulieren, springt nun endlich der Team-Lead ein: »Wir finden die Art, wie du mit uns und anderen Mitarbeiterinnen kommunizierst, zu harsch. Du benutzt .« - und das hat er wirklich so gesagt - »zu wenige Smileys in deiner Kommunikation und fragst nicht bei jeder deiner E-Mails am Anfang, wie es allen zusammen geht. Außerdem haben wir etabliert, dass wir Sätze grundsätzlich mit einer Entschuldigung einleiten, um dem Gegenüber zu signalisieren, dass wir die Zeit, die er oder sie uns schenkt, zu schätzen wissen.«
Ich bewege mich nicht.
»Hallo?«, denken die wahrscheinlich - unsichere Blicke werden gewechselt - »Vielleicht hängt ihr Bild?«
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