
"Auserwählte Opfer"?
Description
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Mit diesen Worten beendete der amerikanische Historiker Guenter Lewy seinen Vortrag über die Verfolgung der Sinti und Roma im "Dritten Reich", den er am 21. September 2000 im Washingtoner Holocaust-Museum gehalten hat.
Gestützt auf sein ein Jahr zuvor veröffentlichtes Buch über "The Nazi Persecution of the Gypsies" vertrat Lewy folgende Thesen: "Auserwählte Opfer" seien nur die Juden und nicht die Sinti und Roma gewesen. Im Unterschied zu den Juden seien die Sinti und Roma nicht aus rassistischen Gründen verfolgt worden. Ihre Ermordung sei zudem nicht intendiert gewesen und könne daher nicht einmal als Genozid bezeichnet werden. Alle Vergleiche zwischen der Shoah und dem Massenmord an den Sinti und Roma, der von einigen Roma mit dem Romanes-Wort "Porrajmos" bezeichnet wird, seien daher unzulässig.
Mit diesen provozierenden Thesen knüpfte Lewy an eine Kontroverse an, die in den 80er Jahren gewissermaßen an gleicher Stelle über die Frage geführt worden war, ob in dem damals noch geplanten Washingtoner Holocaust-Museum auch der Sinti und Roma gedacht werden sollte oder nicht. Dies war von verschiedenen jüdischen Historikern und einigen Repräsentanten jüdischer Organisationen mit der Begründung abgelehnt worden, daß die Shoah einzigartig sei und daher nicht mit anderen Genoziden, auch nicht mit den von den Nationalsozialisten begangenen verglichen werden könne. Der Nobelpreisträger Elie Wiesel hatte dies mit der folgenden Bemerkung auf den Punkt gebracht: "Nicht alle Opfer (= des Nationalsozialismus) waren Juden, doch alle Juden waren Opfer".
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Content
2 - "Auserwählte Opfer"? Einleitung [Seite 8]
3 - 1. Vorgeschichte und Verlauf [Seite 14]
3.1 - 1.1 "Vom Vorurteil zur Vernichtung" Antisemitismus und Antiziganismus von den Anfängen bis zur NS-Zeit [Seite 14]
3.2 - 1.2 "Artfremden Blutes" Die rassistische Diskriminierung und Entrechtung der Juden und Sinti und Roma im "Dritten Reich" [Seite 27]
3.3 - 1.3 "Kein Unterschied" Die Verfolgung und Ermordung der Juden und Sinti und Roma während des Zweiten Weltkrieges [Seite 38]
4 - 2. Verdrängung und Aufarbeitung [Seite 49]
4.1 - 2.1 "Unfähigkeit zu trauern" Die Verdrängung von Shoah und Porrajmos im Nachkriegsdeutschland [Seite 49]
4.2 - 2.2. "Wiedergutmachung" und "wider die Gutmachung." Die rechtliche Ungleichbehandlung von Shoah und Porrajmos [Seite 57]
4.3 - 2.3 "Kumulative Radikalisierung" Die täter- und die opferorientierte Holocaustforschung [Seite 65]
4.4 - 2. 4 "Unser Recht fordern!" Die Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma und der Porrajmos [Seite 72]
4.5 - 2.5 "Vergessener Holocaust" Historiker entdecken den Porrajmos [Seite 84]
5 - 3. Leugnung und Relativierung [Seite 93]
5.1 - 3.1 "Hierarchie der Opfer" [Seite 93]
5.1.1 - 3.1.1 "Zweierlei Untergang" [Seite 93]
5.1.2 - 3.1.2 "Willige Vollstrecker" [Seite 97]
5.1.3 - 3.1.3 "Denkmuster des modernen Nationalismus" [Seite 100]
5.1.4 - 3.1.4 "Pariah-Syndrom" [Seite 104]
5.1.5 - 3.1.5 "Monumentalisierung der Schande" [Seite 108]
5.2 - 3. 2 "Nur Zigeuner" Shoah und Porrajmos in der neueren Forschung [Seite 115]
5.2.1 - 3.2.1 "Keine Endlösung" [Seite 115]
5.2.2 - 3.2.2 "Improvisierte Synthese" [Seite 119]
5.2.3 - 3.2.3 "Kein Genozid" [Seite 124]
5.2.4 - 3.2.4 Exkurs zur Genozidforschung [Seite 126]
5.2.5 - 3.2.5 "Deckerinnerung" [Seite 134]
6 - "Geringste meiner Brüder" Zusammenfassung [Seite 142]
7 - QUELLEN- UND LITERATURVERZEICHNIS [Seite 148]
7.1 - Quellen [Seite 148]
7.2 - Forschungen [Seite 153]
2.1 "Unfähigkeit zu trauern" Die Verdrängung von Shoah und Porrajmos im Nachkriegsdeutschland
Entgegen vielen nachträglichen Schutzbehauptungen war die nationalsozialistische Judenverfolgung in ihren Grundzügen in Deutschland bekannt. Dies galt selbstverständlich auch für das Ausland. Doch obwohl die Regierungen und auch Medien der westlichen Länder über erstaunlich genaue Kenntnisse über den Juden- und Rassenmord der Nationalsozialisten verfügten, wurden diese Nachrichten, wenn schon nicht bewußt unterdrückt, so doch insgeheim angezweifelt und als weniger wichtig dargestellt. Derartiges wollte kaum jemand "wissen". Um so schockierter reagierten vor allem die Soldaten der westalliierten Armeen, als sie bei der Befreiung der nationalsozialistischen Konzentrationslager Berge von Leichen und damit die unumstößlichen Beweise dafür antrafen, daß "die Deutschen" nicht nur einen Angriffskrieg vom Zaum gebrochen, sondern ihn zugleich als beispiellosen "Rassenkrieg" geführt hatten.
Noch unter dem Eindruck dessen, was sie entweder selber (wie General Eisenhower) miterlebt oder auf Bildern und Filmen gesehen hatten, bereiteten die Sieger des Zweiten Weltkrieges den Nürnberger Prozeß gegen die "Hauptkriegsverbrecher" vor. Unter "Kriegsverbrechen" wurden die "Vorbereitung eines Angriffskriegs" und "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" verstanden. Darunter wurden sehr unterschiedliche Dinge subsumiert. Angefangen von der Erschießung von kriegsgefangenen alliierten Soldaten und andern Verstößen gegen die Haager Landkriegsordnung bis hin zu den Massenmorden an vornehmlich jüdischen Zivilisten hinter der Front und in den Konzentrations- und Vernichtungslagern. Der Holocaust galt als "Kriegsverbrechen". Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Daß er eine singuläre Bedeutung hatte oder gehabt haben soll, war den alliierten Anklägern und Richtern nicht bewußt.
Der Holocaust stand auch keineswegs im Mittelpunkt des Nürnberger Kriegsverbrecherprozesses. Dennoch hatten die alliierten Ermittler und Ankläger so viele Dokumente über ihn gesammelt und vorgelegt, daß es zunächst niemand wagte, seine Existenz zu leugnen. Selbst die Angeklagten des Nürnberger und der verschiedenen Nachfolgeprozesse versuchten dies nicht. Allerdings trachteten sie danach, die Verantwortung für die "NS-Verbrechen" (worunter keineswegs nur der Holocaust verstanden wurde) von sich auf andere abzuwälzen und mit dem Hinweis auf einen nicht existierenden Befehlsnotstand zu entschuldigen. In diesem Bestreben wurden sie sehr bald von großen Teilen der (west-) deutschen Öffentlichkeit unterstützt, die sich, angeführt von Repräsentanten der Kirchen und der alten Eliten aus Bürokratie, Wirtschaft und Wehrmacht für eine Beendigung der Prozesse und die Begnadigung der schon verurteilten Täter einsetzten. Das Interesse an dem Schicksal der Opfer nahm dagegen sukzessive ab.
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