
Der Puzzlespieler
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Als ich an diesem Abend zu Bett ging, geschah es mit der Gewissheit, wieder etwas Boden unter meinen Füßen verloren zu haben. Ich lag auf der linken Seite des Ehebettes, dort, wo der kühle Lufthauch des leicht geöffneten Fensters das Bett streifte, horchte in die Dunkelheit, suchte den Schlaf, konnte ihn jedoch lange nicht finden. Das milchig-kalte Mondlicht zeichnete Ringe in die vielfältigen Verzweigungen des Astes, der vor dem Schlafzimmerfenster in die regnerische Herbstnacht ragte und bei jedem Windstoß an die Scheiben klopfte. Von Zeit zu Zeit trug der Wind den dünnen, weinenden Ton einer Geige ins Zimmer.
Obwohl es nicht sonderlich kalt war, zitterte ich. Mit hochgezogener Decke rollte ich mich zusammen. Ich musste mein Leben wieder in den Griff bekommen! Wie ich das anstellen sollte, wusste ich allerdings nicht.
Am nächsten Morgen stand ich früher auf als sonst. Es war Samstag, aber es hielt mich nicht mehr im Bett. Die Oktobersonne spiegelte sich in der wassergefüllten Schüssel mit den Rosenknospen, fröhlich tanzende Kringel spielten auf der weißen Wand unserer minimalistisch eingerichteten Wohnküche. Ich bewegte mich sehr leise, um Elisabeth, meine Frau, nicht zu wecken.
Bei geöffnetem Fenster sog ich die Morgenluft ein. Die Kälte, die in mich hineinströmte, ließ mich endgültig wach werden - und sie beruhigte meine Nerven. Die Schatten der vergangenen Nacht hatten viel von ihrer Bedrohlichkeit verloren. Fehler im Beruf passierten anderen auch. Und meine Ehe war eben in einer schwierigen Phase. Ich würde das schaffen. Beides! Das schöne Wetter hatte meine Sorgen zurückgedrängt. Verschwunden waren sie dadurch jedoch nicht.
Als ich für das Frühstück aufdeckte, wurde mir das Fehlen der Sonne in den vergangenen Wochen bewusst. Nebelig und trüb waren die Tage gewesen. Aber jetzt war das Wetter beinahe frühlingshaft. Die Feuchtigkeit der vergangenen Woche dampfte im frühen Sonnenlicht und erfüllte die Luft mit dem Geruch von nasser Erde und frisch geschnittenem Gras. Ich hatte nicht gewusst, wie sehr meine Stimmung vom Wetter abhing.
Die weißen Servietten legte ich in den Schrank zurück, um sie gegen die hellgrünen auszutauschen. Säuberlich gefaltet lagen sie jetzt neben den Tellern. Mir gefiel das Bild: Käse, Schwarzbrot und ein paar kleine Paradeiser hatte ich in der Mitte des Tisches arrangiert. Butter und Schinken ließ ich im Kühlschrank. Elisabeth würde nicht so schnell aufwachen.
Ich las in dem Roman weiter, den ich am vergangenen Wochenende begonnen hatte. Ich liebte diese Tageszeit, das Tageserwachen. Jene Atempause, während Elisabeth noch schlief und die Zeit mir gehörte. An Wochentagen war diese Zeitspanne nur kurz, aber an den Wochenenden waren es manchmal ein paar Stunden, die ich für mich hatte.
Für das Wochenende war sonniges Wetter angekündigt. Den Samstag würden wir, wie üblich, den Einkäufen widmen. Unsere beruflichen Verpflichtungen ließen uns während der Woche kaum Zeit dafür. In den vergangenen Monaten hatte ich mehr und mehr den Eindruck gewonnen, wir würden am Sonntagabend abtauchen und erst am Samstag, mit dem Aufwachen, wieder zu leben beginnen. Dazwischen lag die zombihafte Existenz intensiv Berufstätiger, eine Zeit, in der man perfekt zu funktionieren hatte, aber für das eigentliche Leben keine Zeit mehr fand.
Wir hatten schon lange nichts mehr gemeinsam unternommen. Ich beschloss, einen Sonntagsspaziergang in Baden bei Wien vorzuschlagen. Das Wegerl im Helenental hatte ich in angenehmer Erinnerung. Als Kind war ich oft dort gewesen und hatte mit meiner Tante Maria, der Mizzitant, die Gegend erforscht.
Mit der Mizzitant war das Leben voller aufregender Geheimnisse gewesen. Die Wälder waren von Zwergen und Feen bewohnt und die Menschen, die uns auf der Straße entgegenkamen, erhielten ihre Rollen in den Märchen, die sie mir erzählte.
Später, als ich dem Märchenalter entwachsen war, was mir aber nie vollständig gelungen war, lernte ich sie als scharfe Analytikerin ihrer Umgebung kennen. Sie konnte nach einem kurzen Gespräch mit der Nachbarin, dem ich kaum etwas Aufregendes entnommen hatte, ganze Geschichten erzählen. Sie tat dies, indem sie gut zuhörte, auf die Körpersprache achtete, das Gehörte und das Gesehene mit dem bestehenden Wissen - von dem sie nie etwas vergaß - verband und all diese Informationen in einen logischen Zusammenhang brachte. Wenn sie mir dann erklärte, wie sie zu diesem oder jenem Schluss gelangt war, erschien mir das immer als die einfachste Sache der Welt - nur von selbst wäre ich nie darauf gekommen.
Das Leben der Menschen in der nahegelegenen Eigenheimsiedlung im Süden von Baden schien es ihr besonders angetan zu haben. Vor einigen Jahrzehnten hatten sich dort vor allem junge Paare angesiedelt, die gemeinsam älter geworden waren. Nach außen hin modern, lebten viele noch in den überkommenen Gesellschaftsstrukturen ihrer Eltern und Großeltern. Innerhalb der Wohnung waren es die Frauen, welche herrschten, in der Außenwelt fiel diese Rolle den Männern zu. Auch Keller und Garage gehörten zum Reich der Männer, die sich dort als Bastelräume oder Kellerstübchen deklarierte Refugien einrichteten, um ihre Freunde zu empfangen, auch wenn ihnen diese schon lange abhandengekommen waren. "Manche geben zu", hatte meine Tante einmal erzählt, "einen Kessel mit festen Brennstoffen nur deshalb gewählt zu haben, weil ihnen dieser häufig Ausreden bietet, kurz einmal in den Keller zu gehen, den sie als ihr Reich betrachten."
In den eigentlichen Wohnbereich lud man nur selten jemanden ein, man traf sich meist beim Heurigen. Wenn man Feste feierte, so geschah dies häufig in der Garage. Diese Garagenpartys waren legendär und zählten zu den wenigen Gelegenheiten, in denen in diesem sonst recht puritanischen Soziotop ein kleiner Schwips, wenn schon nicht gefordert, so doch akzeptiert wurde.
Ein Ausflug zu den Plätzen meiner Kindheit schien mir für den kommenden Tag genau richtig.
Langsam, um die Schönheit der Sprache zu genießen, las ich weiter.
Um zehn Uhr war es soweit. Ich legte das Buch beiseite und ging ins Schlafzimmer, um meine Frau zu wecken. Auch Elisabeth war gut gelaunt. 'Wochenend und Sonnenschein' fiel mir ein. Dieser recht kitschige Schlager stammte aus den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts, aber die Menschen hatten sich offenbar nur wenig geändert.
Elisabeth akzeptierte meinen Vorschlag. Wir würden den Sonntag im Grünen verbringen. Eventuell mit einem passenden Abschluss beim Heurigen.
Der Sonntagmorgen war strahlend schön. Gleich nach dem Frühstück fuhren wir mit dem Auto nach Baden; Autobahnabfahrt, dann durch die Stadt. Beim Kreisverkehr bogen wir Richtung Josefsplatz ab und überquerten die Schwechat. Der Fluss trug seinen Namen zu Recht. 'Swechant' kommt aus dem Slawischen und heißt 'die Stinkende', hatte mir die Mizzitant seinerzeit erklärt. Der Geruch nach faulen Eiern war hier, bei der Kaiser-Franz-Josef-Brücke, wegen der vielen Schwefelquellen besonders intensiv.
Ich hütete mich, Elisabeth gegenüber den Geruch zu erwähnen. Sie verabscheute diesen Gestank, ihr ekelte regelrecht davor, und ich war froh, dass sie ihn diesmal nicht wahrzunehmen schien. Für mich war es der Geruch der Kindheit - der Duft der Freiheit. In Baden, bei meiner Tante, war ich frei gewesen. Und die Spaziergänge waren ein Wildes-durch-die-Gegend-Laufen, ein Durch-die-Büsche-Brechen oder Durch-die-Schwechat-Waten.
Und wenn ich einmal ausglitt, ins Wasser fiel und tropfend zur Mizzitant gelaufen kam, dann lachte sie bloß über meine Ungeschicklichkeit und breitete, während ich nur mit der Unterhose bekleidet in der Sonne saß, meine Kleider zum Trocknen über den Büschen aus. Das gab dem Ort den Charakter eines, wie ich es damals empfand, Zigeunerlagerplatzes. Dabei erzählte sie mir immer wieder, wie sie in ihrer Jugend in den Flüssen gebadet hatte. Damals hatte sie keinen Badeanzug angehabt, und schon gar keinen Bikini, sondern sie war mit dem ganzen Gewand in das Wasser gestiegen. Ebenso, wie ich es - wenngleich unfreiwillig - eben getan hatte. Danach hatte sie freilich stundenlang in der Sonne sitzen müssen, um das ganze Zeug, einschließlich der Unterröcke, trocknen zu lassen.
'Zigeuner' hatten mich meine Eltern oft spaßhalber genannt, wenn sie diesen ungestümen Freiheitsdrang ansprachen. Für mich war das stets ein Ehrentitel gewesen, der mich mit Stolz erfüllt hatte.
Wenn ich mit meinen Eltern in Wien unterwegs war, so war das stets ein langsames Schlendern. Es war immer 'gesittet', wie sie es nannten. Und die Spaziergänge - meist entlang der Kärntnerstraße, jedenfalls aber in der Inneren Stadt - waren eben Spaziergänge gewesen. Spaziergänge, bei denen man die anderen sehen, vor allem aber gesehen werden wollte. Selbstdisziplin hatte einen hohen...
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