
Ich traf Hitler!
Description
Alles über E-Books | Antworten auf Fragen rund um E-Books, Kopierschutz und Dateiformate finden Sie in unserem Info- & Hilfebereich.
Reviews / Votes
"Sie gehörte zu den einflussreichsten Frauen Amerikas, zählte Sigmund Freud und Bertolt Brecht zu ihren Bekannten: Die große Journalistin und Exzentrikerin Dorothy Thompson wird wiederentdeckt. "Ich traf Hitler!", ihr bekanntestes Buch, erscheint jetzt erstmals auf Deutsch."More details
Other editions
Additional editions

Persons
Content
III.
Ich ging also hin, nicht um einen kleinen politischen Anführer zu treffen, sondern einen möglichen Diktator, der »so sicher an die Macht kommen wird, wie ich hier stehe«, wie er einem Zeitungsredakteur einige Tage zuvor erklärt hatte. Einen Mann, der eine Armee besitzt. Einen Mann, der die Straße terrorisiert. Einen Mann, der ein neues, gefährliches, erwachtes Deutschland vorhersagt.
Ich war ein wenig nervös. Ich überlegte, Riechsalz zu nehmen.
Und Hitler verspätete sich. Um eine Stunde. Während ich im oberen Foyer des Hotels Kaiserhof wartete, sah ich ihn vorbeistürmen, auf dem Weg zu seinen Zimmern, von einem Leibwächter begleitet, der fast wie Al Capone aussah. Minuten vergehen. Eine halbe Stunde. Ich gehe hinüber in das Zimmer des Pressechefs: Ernst Hanfstaengl, Sohn der Dame aus Murnau, Harvard-Absolvent, bei seinen Kommilitonen berühmt für sein Klavierspiel und seine Marotten. Penibel. Amüsant. Die merkwürdigste Wahl für den Pressechef eines Diktators, die man sich vorstellen konnte.
Ich wartete in Dr. Hanfstaengls Zimmer. Ein italienischer Journalist war vor mir dran. Kein Wunder. Hitler, der die Macht ergreifen will, hat schon ein außenpolitisches Ziel: eine Deutsch-Englisch-Italienische Allianz zu bilden, um die französische Vormacht auf dem Kontinent zu brechen. Ich warte. Amerika ist nur ein Kreditgeber, eine der schwächsten Positionen, in der sich eine Nation in der heutigen Welt befinden kann.
Als ich schließlich Adolf Hitlers Salon im Hotel Kaiserhof betrat, war ich der festen Überzeugung, dem künftigen Diktator von Deutschland zu begegnen. Keine fünfzig Sekunden später war ich mir ziemlich sicher, dass dies nicht der Fall war.
Es brauchte nur ungefähr diese Zeit, um die verblüffende Bedeutungslosigkeit dieses Mannes zu ermessen, der die Welt in Atem hielt.
Er ist formlos, fast gesichtslos, ein Mann, dessen Miene einer Karikatur gleicht, ein Mann, dessen Körperbau knorpelig wirkt, ohne Knochen. Er ist belanglos und redselig, von schlechter Haltung und unsicher. Er ist die Verkörperung des kleinen Mannes.
Eine Strähne von schütterem Haar fällt über eine unbedeutende, leicht fliehende Stirn. Der Hinterkopf ist flach. Das Gesicht ist an den Backenknochen breit. Die Nase ist groß, aber unschön geformt und ohne Ausdruck. Seine Bewegungen sind linkisch, fast würdelos und äußerst unkriegerisch. In seinem Gesicht findet sich keine Spur von innerem Konflikt oder von Selbstdisziplin.
Dabei ist er nicht ohne einen gewissen Charme. Aber es ist der weiche, fast feminine Charme des Österreichers! Wenn er spricht, tut er dies mit einem breiten österreichischen Dialekt.
Nur die Augen sind bemerkenswert. Dunkelgrau und hervorquellend - sie haben diesen eigentümlichen Glanz, der oft bei Genies, Alkoholikern und Hysterikern auftritt.
Er hat etwas verblüffend Geziertes an sich. Ich wette, er krümmt seinen kleinen Finger, wenn er eine Tasse Tee trinkt.
Sein Gesicht ist das eines Schauspielers. Imstande, sich nach Belieben aufzublähen oder einzuziehen, auszudehnen oder zurückzunehmen, um einschlägige Gefühle auszudrücken.
Als ich ihn sah, dachte ich an andere deutsche Gesichter.
Der Präsident, von Hindenburg. Ein Gesicht, wie aus Stein gemeißelt. Darin keine Phantasie; kein Licht; kein Humor. Nicht gerade ein ansprechendes Gesicht. Aber eines, das den Charakter so klar offenlegt, als solle es das Schicksal seines Besitzers bestimmen.
Kanzler Brüning. Der Kopf eines hohen Staatsmanns aus dem 18. Jahrhundert. Eine empfindliche Nase mit hohem Rücken. Ein fein geschnittener Mund. Das konvexe Profil der Hartnäckigkeit. Spöttisch, klug, humorvoll. Ein Mann, der nie aufgeben wird. Etwas zu sensibel, vielleicht. Ablehnung erträgt er schlecht.
Ich stellte mir den Mann vor, den ich da vor mir hatte, wie er unter Gleichen zwischen Hindenburg und Brüning saß, und musste unwillkürlich lächeln. Oh, Adolf! Adolf! Dein Glück wird ein Ende haben!
Andere deutsche Gesichter tauchten vor meinem inneren Auge auf, während ich mit Hitler sprach. Der kürzlich verstorbene Gustav Stresemann. Ein fröhlicher, weiser Geist in einer dicken Maske aus Fleisch. Feine Hände und Augen, die scharfe kleine Verstandesfunken versprühten. Die Wissenschaftler - Planck, der Quantentheoretiker, lebendig und klar wie das Feuer. Einstein, wie ein großes, schrecklich begabtes Kind.
Die Schriftsteller : Hauptmann, mit seinem hohen Schädel und dem feinen Haarflaum; Thomas Mann, mit müden, vorausschauenden Augen; Wassermann, der ein bisschen wie ein jüdischer Shakespeare aussieht; Feuchtwanger, wie eine Maske für den Geist der Komödie; die Jüngeren - Remarque (sein nordisches Aussehen könnte Ihnen helfen, Herr Hitler), Zuckmayer, beständig wie das Rheinland, Leonhard Frank, sensibel, sanft -
Während ich Hitler betrachtete, sah ich ein ganzes Panorama deutscher Gesichter; Männer, die dieser Mann zu beherrschen gedenkt. Und ich dachte: Herr Hitler, Sie könnten bei den nächsten Wahlen die fünfzehn Millionen Stimmen erhalten, die Sie erwarten.
Doch fünfzehn Millionen Deutsche KÖNNEN irren.
Das Interview gestaltete sich schwierig, denn man kann mit Adolf Hitler kein Gespräch führen. Er redet die ganze Zeit so, als wäre er auf einer Massenveranstaltung. Im persönlichen Umgang ist er schüchtern, fast peinlich berührt. In jeder Frage sucht er nach einem Motiv, zu dem er loslegen kann. Sein Blick fixiert dann eine ferne Zimmerecke ; ein hysterischer Unterton schleicht sich in seine Stimme, die er bisweilen fast zu einem Schreien steigert. Er vermittelt den Eindruck eines Mannes in Trance. Er schlägt auf den Tisch.
»Noch ist nicht die gesamte Arbeiterklasse auf unserer Seite... wir brauchen einen neuen Geist... der Marxismus hat die Massen unterwandert... Wiedergeburt in einer neuen Ideologie. nicht Arbeiter, nicht Unternehmer, nicht Sozialisten, nicht Katholiken. sondern Deutsche!«
Dies als Antwort auf die Frage: Was werden Sie für die arbeitenden Massen tun, wenn Sie an die Macht kommen?
Es ist eine wichtige Frage. Millionen Deutsche folgen Hitler, weil er den Banken, den Trusts, dem »Kreditkapital« den Krieg erklärt hat. Er hat immer wieder bekräftigt, er werde die Herrschaft einer Klasse über eine andere abschaffen. Doch was bedeuten dieses Aussagen eigentlich in der politischen Praxis?
Ich konnte es nicht herausfinden, und jeder, der das schafft, ist ein besserer Interviewer als ich. Als ich es wagte, den eloquenten Redeschwall durch die stumpfe Wiederholung meiner Frage zu unterbrechen, erwiderte er (ziemlich spröde), er habe nicht die Absicht, den Feinden (dem Deutschen Kanzler) sein Programm auszuhändigen, damit sie es »stehlen« können. Etwas später bekam ich jedoch von einem seiner Adjutanten eine klare Antwort auf die Frage.
Hitler plant, so erzählte er mir, so viele Arbeitslose wie möglich in Baracken unterzubringen (getrennt von Ehefrauen und Kindern) und sie zum Soldatensold im Staatsdienst zu beschäftigen, also für ungefähr sechs Cent am Tag plus Kost und Logis. Das wird zwei Zielen dienen: dem Neubeginn einer allgemeinen militärischen Ausbildung und der Rekrutierung von Arbeitskräften für den Straßenbau, etc. Er plant, große Landgüter zu zerschlagen, die gerade nicht von ihren Eigentümern bewirtschaftet werden, und einen umfangreichen Kolonisierungsplan in die Tat umzusetzen. Dies tut allerdings bereits die derzeitige Regierung.
Diese Idee muss einem Amerikaner völlig undurchführbar erscheinen. Sie erscheint geradezu als eine Art Zwangsarbeit. Es ist jedoch nicht sicher, dass sie in Deutschland nicht funktionieren würde. Die Arbeitslosenunterstützung ist in einem Maße gekürzt worden, dass sie nicht mehr als Lebensunterhalt bezeichnet werden kann, die Menschen hungern und gehen in Lumpen. Wärme, gutes Essen und das Selbstwertgefühl, das aus dem Gefühl erwächst, dem Allgemeinwohl zu dienen, werden von Männern, die seit Monaten nichts von alledem hatten, nicht so leicht abgelehnt werden.
In Bezug auf die Verfassung war Hitler auskunftsfreudiger, dennoch musste ich hier die Ansprache an ein unsichtbares Publikum erneut unterbrechen. »Ich werde legal an die Macht kommen. Dann werde ich das Parlament und die Weimarer Verfassung auflösen. Ich werde einen autoritären Staat errichten, von der kleinsten Einheit bis in die höchsten Instanzen. Überall wird es oben Verantwortung und Autorität und unten Disziplin und Gehorsam geben.«
Das war's dann mit der Republik.
Doch auch dies ist im gegenwärtigen Deutschland bereits in Teilen umgesetzt. Denn Reichskanzler Brüning regiert per Dekret, und was für Dekrete das sind!
Mit dem letzten griff der Staat in alle Bereiche wirtschaftlichen Handelns ein; Löhne und Preise wurden festgeschrieben; Zinssätze vorgeschrieben; Zahlungsaufschübe angeordnet; durch die Kontrolle des Kaufs und Verkaufs ausländischer Währungen kontrolliert man den Außenhandel. Der Unterschied ist nur, dass Reichskanzler Brüning die Diktatur als eine unvermeidliche Notmaßnahme betrachtet, Selbstverwaltung und Demokratie dagegen als wünschenswertere Form für normalere Zeiten. Nicht so Hitler.
Und Frankreich? Und die Reparationen?
Adolf Hitler spricht mit ausländischen Journalisten über dieses Thema sehr viel zurückhaltender, als er es je vor seinen Landsleuten getan hat. »Wir werden keinen Cent mehr bezahlen, als wir können«, erklärte er der Britischen und Amerikanischen Presse. Mir scheint, ich habe diese Worte schon einmal gehört - von den Sprechern jeder Regierung seit 1919. »Wir werden die privaten Schulden bezahlen!«
Die privaten Schulden! Die Kredite, die Deutschland gewährt wurden, um die...
System requirements
File format: ePUB
Copy protection: Watermark-DRM (Digital Rights Management)
System requirements:
- Computer (Windows; MacOS X; Linux): Use a reading software that can process the file format ePUB: e.g., Adobe Digital Editions or FBReader – both free (see eBook Help).
- Tablet/Smartphone (Android; iOS): Before downloading, install the free app Adobe Digital Editions (see eBook Help).
- E-reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino and many more (not Kindle).
The file format ePUB works well for novels and non-fiction books – i.e., „flowing” text without complex layout. On an e-reader or smartphone, line and page breaks automatically adjust to fit the small displays.
This eBook uses Watermark-DRM, a „soft” copy protection. This means that there are no technical restrictions to prevent illegal distribution. However, there is a personalised watermark embedded in the eBook that can be used to identify the purchaser of the eBook in the event of misuse and to provide evidence for legal purposes.
For more information, see our eBook Help page.