
Alles geben
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Wie gerecht ist es, dass ein Fußballer Millionen verdient, während eine Putzfrau von einem Job allein nicht leben kann? Dass wir jederzeit ein Glas Wasser trinken können, aber täglich 2.000 Kinder an Krankheiten sterben, die durch verunreinigtes Wasser übertragen werden? Die Frage der Gerechtigkeit zieht sich durch Neven Subotics Leben - schon lange bevor ihm dies bewusst wurde.
In den neunziger Jahren floh er mit seinen Eltern aus Jugoslawien nach Deutschland, als die Abschiebung drohte, gingen sie in die USA. Mit 17 kam er wieder, um Fußballprofi zu werden. Mit Borussia Dortmund wurde er Meister und galt als einer der besten Verteidiger der Liga. Es folgten Nächte des Rauschs, schnelle Autos, ein riesiges Haus mit Jacuzzi - aber es kamen auch Zweifel und Scham.
Auf dem Höhepunkt seiner Karriere entschied er, seine Leidenschaft und sein Geld denen zu widmen, die ein Leben im anderen Extrem führen müssen: Heute ermöglicht die von ihm gegründete Stiftung Menschen in Äthiopien Zugang zu sauberem Wasser. Fast seine ganze Zeit und der Großteil seines Gehalts fließen in diese Arbeit. Das Buch erzählt von einem Sportler, den das kapitalistische System Profifußball groß machte, bevor er zum gesellschaftspolitischen Aktivisten wurde.
Ein Plädoyer für mehr Bewusstsein und Gerechtigkeit im abgehobenen System Profifußball und in einer globalisierten Welt!
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"[Alles geben] ist auch ein Appell: Was für uns selbstverständlich ist, stellt für viele einen Luxus dar, den sie nie erleben werden."
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Inhaltsverzeichnis Kapitel 1 Beginnt das Leben gerecht?
Als ich sieben war, stand ich vor einem Bulli, beladen mit Medikamenten, Windeln, Mehl, Nudeln und Schokolade. Medikamente, Windeln, Mehl und Nudeln interessierten mich nicht, ich sah nur einen Bulli vollgestapelt mit Schokolade. Wie kann das sein, fragte ich mich. Schokolade darf keine Grenze überqueren, bei Schokolade geht es allein darum, dass sie bleibt. Noch während ich mir meiner Gedanken bewusst wurde, hatten die anderen sie längst gehört: Schokolade, warum schickt ihr die ganze Schokolade weg? Beim besten Willen, ich konnte das nicht verstehen. Ich musste die Schokolade bei mir behalten, für sie kämpfen, sie befreien. In Sekundenschnelle wurde ich zum Schokoladenanwalt. Anscheinend erwies ich mich in diesem kurzfristig ergriffenen Job nicht schlecht, die anderen streckten mir eine Packung entgegen, ich schaute sie an und begriff: Es war dunkle Milchschokolade! Nein, so hatte ich mir das nicht gedacht. Ich will weiße, schrie ich: Ich mag nur weiße! Eine Hand griff nach meiner, und genauso schnell wie die Schokolade gekommen war, wurde sie mir wieder genommen, der Bulli fuhr ab und nahm die ganze Schokolade mit. Wo auch immer er anhalten würde, die Menschen dort würden bald in Schokolade baden können. Ich sah dem Bulli nach und verstand gar nichts. Wie konnte ich so schnell verloren haben? Wie konnten andere so viel bekommen und ich nichts? Warum war die Welt so ungerecht? Ich sehe mich förmlich da stehen: Ein zeternder Junge stemmt die Hände in die Hüften. So vollgepumpt mit Ärger, wie er ist, so wenig Wissen hat er darüber, was da wirklich vor sich geht.
Die ersten Bilder, die ich aus meiner Kindheit im Kopf habe, sind aus Schömberg im Schwarzwald: Nie vergessen habe ich die Bullis, die meine Eltern und ihre Freunde mit Hilfsgütern für Menschen in Jugoslawien beluden. © privat
Als wir in dieses Land gekommen waren, wohnten wir in einem Dachgeschoss, es war ein Raum, in dem sonst Sachen lagerten, ohne Dusche. In meiner Erinnerung sehe ich viel Holz an den Wänden. Vielleicht war das Holz aber auch eine Etage unter uns, im Vereinsheim. Im Garten standen eine Grillbude und Biertische, natürlich war das nicht unser Garten, sondern der des Vereinsheims. Und an den Biertischen standen nicht wir, sondern die, die zuvor auf dem Platz gekickt hatten. Mein Vater begann auch zu spielen. Er war sehr gut. Er erzählt, dass er da, wo er herkam, vielleicht bald in die Nationalmannschaft aufgenommen worden wäre, aber da war nun Krieg, also kickte er für den TSV Schömberg im Schwarzwald, Kreisliga. Er soll auf dem Platz ein Windhund gewesen sein, während sich die anderen im Vergleich mit ihm wie lahme Esel fühlten. Was für die anderen ein Hobby war, war für ihn die Herausforderung: Er wollte der Beste sein, nicht in Konkurrenz zu anderen, sondern in Konkurrenz zu sich selbst - der Beste, der er sein konnte, er wollte alles aus sich herausholen. Für den Verein gewann er die Spiele, und die Männer gaben ihm Jobs. Das war der Deal. Eigentlich hatte mein Vater, genau wie meine Mutter, keine Arbeitserlaubnis, aber auf einmal konnten ihn alle gebrauchen: Er wurde Bauarbeiter, Fliesenleger, Gärtner, Schneeschipper. Da er kein Auto hatte, joggte er auch schon mal zehn Kilometer an einen Ort, um eine Aufgabe erledigen zu können. Wenn er nichts zu tun hatte, ging er von Tür zu Tür, klopfte und fragte: Haben Sie Arbeit? Ich könnte etwas tun, und meine Frau könnte putzen.
Aus dem Vereinsheim zogen wir zu Frau Stumpf. Sie wohnte in einem Mehrfamilienhaus mit zwei Eingängen, drei Stockwerken und zwölf Wohnungen. Bald nachdem mein Vater sie gefragt hatte, ob sie einen Job für ihn habe, hatte sie ihn gefragt, ob er für seine Familie denn eine Wohnung habe. Als sie hörte, dass das Vereinsheim für uns keine Bleibe auf Dauer war, bot sie uns an, zu ihr zu kommen. Ihr könnt einziehen, hatte sie gesagt, ich bin alleine. Sie räumte für meine Eltern ihr Schlafzimmer und zog auf die Couch, wir Kinder bekamen das Gästezimmer. Meine Mutter, die sich schämte, nichts bezahlen oder zurückgeben zu können, wollte zumindest alles richtig machen. Sie nahm die Ordnungsstrukturen, die sie bei Frau Stumpf beobachtete, in sich auf und wandte sie genauso an. Ich erinnere mich, wie wir einmal alle am Tisch saßen und meine Mutter nach einem Muster aß, sie arbeitete sich auf dem Teller vor, von links nach rechts. Meine Mutter erklärte uns: Frau Stumpf habe auch so gegessen, daher müsse man das so machen. Wir anderen aßen einfach weiter, wie die Schweine.
Einmal hatten wir Freunde zu Besuch, meine Schwester und ich spielten mit ihnen im Wohnzimmer, dann schickte man uns raus. Wir rannten los, ich war der Letzte, aber vielleicht wusste das der Vorletzte nicht, er schloss die Glastür und ich wollte hindurchgehen, als gäbe es die Tür nicht. Ich sehe noch, wie das Rot in den Abfluss läuft, meine Hände im Waschbecken, über die das Blut wie durch Adern rinnt, als gäbe es vorgefertigte Bahnen in einem sorgfältig geknüpften Netz.
Vor einigen Jahren traf ich Frau Stumpf wieder. Ich fragte sie, warum sie so viel für uns getan hatte. Sie war noch immer dieselbe ordnungsliebende Person, die wir kennengelernt hatten. Frau Stumpf sagte mir: Keiner soll so leben, wie ihr gelebt habt. Und dann erzählte sie mir einen Teil ihrer Geschichte, wie sie aus Schlesien geflüchtet war.
Anneliese Stumpf half uns, im Schwarzwald anzukommen. 1990 lud sie uns ein, zu ihr in ihre Wohnung zu ziehen. Sie selbst schlief auf der Couch. Vor einigen Jahren habe ich sie besucht. © privat
Auch als wir noch einmal umzogen, mussten meine Eltern der Familie, bei der wir nun wohnten, keine Miete bezahlen, sie bezahlten mit ihrer Arbeit. Aus dieser Zeit habe ich zwei Fotos. Auf dem einen bin ich ganz alleine auf einem großen Schrank zu sehen. Ich war herumgelaufen und hatte nicht hören wollen, dann hatte man mich ganz oben darauf gesetzt. Ich sehe nicht unzufrieden aus auf diesem Bild, eher, als gefiele es mir, da zu sein, wo ich alleine nicht herunterkommen würde. Auf einem anderen Foto stehen meine Schwester und ich in Schneeanzügen, und in den Händen halten wir kleine farbige Actionfiguren, aus unseren Gesichtern springt das Glück. Wir konnten es nicht glauben, war das wirklich uns widerfahren? Wir waren gewohnt, mit uns zu spielen, mit unseren Körpern und unseren Gedanken. Nicht mit Figuren.
Ich habe diese Szene im Kopf: Alle Kinder spielen mit ihrem Jojo, und ich stehe rum, schaue zu, finde es total cool und habe keins. Mit dem Taschengeld, das ich erhielt, sparte ich, und endlich konnte ich mir auch eines kaufen. Nun hatte ich ein Jojo, es war schwarz. Ich spielte damit, und es machte mir auch Spaß, aber ich war allein, die anderen hatten es schon wieder weggelegt. Inzwischen fuhren sie Inlineskates und trugen Buffaloschuhe - zwei Dinge, die ich nie erlangte.
Mir war damals nicht bewusst, aus welchem Land meine Eltern gekommen waren oder warum, sie erzählten nie darüber. Das Land, das ich bewohnte, hatte sein Zentrum in der Brunnenstraße 28. So lautete unsere Adresse. Von dort sind es zweihundert Meter zum Bach. Wie viele Stunden ich da wohl verbrachte, um einen Staudamm zu bauen? Nur damit er kurze Zeit später brach. Ging ich vom Bach weiter, kam ich zum Kindergarten, was heißt ging, ich sehe mich diesen Weg springen, tanzen, das war wunderschön, als würde ich in einem Film leben, in dem immer wieder die gleichen Höhepunkte aufeinander folgten. Wenn es warm wurde, hüpften wir auf Heuballen. Im Winter spielten wir auf einem Teich: Wer kann das Eis durchbrechen? Neben dem Teich war ein Gebäude mit viel Glas und vielen Besprechungszimmern, in dem meine Mutter putzte - ein Berufsförderungswerk, ausgerechnet.
Ich kenne noch den Weg zur Schillereiche, das ist ein Park, auf einem Berg gelegen, da waren zwei Tore und man konnte ein bisschen kicken, ganz in der Nähe von dem Haus, in dem Nora wohnte. Nora. Sie war meine Freundin. Ich weiß gar nicht, ob wir uns mal küssten, aber nach der Schule brachte ich sie immer nach Hause. Ihre Familie hatte drei Etagen, und obendrauf war eine Kuppel, in der das Arbeitszimmer des Vaters war. Drinnen, im Bad, war ein Bidet, von dem ich keine Ahnung hatte, wofür das gut sein sollte. Ich fragte Noras Bruder, und er sagte: Kannste reinpinkeln.
Natürlich lebten nicht alle so wie Nora. Weil ich in der Schule keinen Religionsunterricht hatte, verbrachte ich die Zeit allein mit zwei anderen Jungs nebenan in einem leeren Klassenzimmer. Der eine hieß Egzon und war Kurde, der andere Ridvan, ein Afghane. Wir hauten einen Tennisball gegen die Wand oder kickten mit einem Fußball. Die beiden wohnten in einem riesigen Gebäude, fünf Stockwerke schätze ich, zweihundert Meter lang, und du sahst nie jemanden, der da rausschaute. Kaum einer traute sich rein. Man hatte Angst vor diesem Koloss, den man A1 und A2 nannte, Asylantenheim. Später wurde das Gebäude abgerissen, an der Stelle entstanden ein Supermarkt und Einfamilienhäuser.
Mein bester Freund in der Schule kam wie ich aus Jugoslawien, aus einer bosnisch-muslimischen Familie. Ich habe immer mit ihm gespielt, ich war bei ihm und er bei uns, aber unsere Eltern haben sich nie besucht. Erst dachte ich: Ist ja mein Freund, warum sollten die sich sehen? Meine Eltern tranken aber mit anderen Eltern Kaffee, die auch aus Jugoslawien kamen, daher begann ich mich zu wundern. Er sprach...
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