
Zauberberg 2
Description
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Eine Hommage an den Klassiker von Thomas Mann, ein großer Roman – ganz und gar Heinz Strunk
Jonas Heidbrink, ein Erfolgsmensch. Schon vor dem dreißigsten hat er sein Start-up versilbert; arbeiten muss er sein Leben lang nicht mehr. Aber es geht Heidbrink nicht gut, überhaupt nicht. Und so fährt er eines kalten Januartages los Richtung Osten, in die mecklenburgische Einöde, wo inmitten von Sümpfen ein schlossartiger Bau emporragt: das Sanatorium. Alles ausgesprochen nobel, aber eben doch: Klinik, für Menschen mit dem einen oder anderen Knacks.
Schnell ist Heidbrink in das Korsett von Visiten und Anwendungen eingepackt, muss er sich entscheiden, ob er im Speisesaal seiner Misanthropie folgen oder Anschluss finden will. Die Menschen hier, Ärzte, Schwestern, Patienten, sind ihm fremd, doch bald sind sie seine Welt.
Nur scheint die Klinik wirtschaftlich nicht rundzulaufen. Ein Nebengebäude wird geschlossen, das Personal reduziert sich, man munkelt, in der Küche werde nur noch Convenience Food in der Mikrowelle aufgewärmt. Und so reiht sich ein Monat an den anderen – bis es in den Sümpfen zu einem rätselhaften Unglücksfall kommt.
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"Ein Kosmos der Verlierer. Alles rülpst, furzt, stinkt – und gerade diese erzählerische Niedertracht macht diese Prosa zum Ereignis."
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Person
Der Schriftsteller, Musiker und Schauspieler Heinz Strunk wurde 1962 in Bevensen geboren. Seit seinem ersten Roman Fleisch ist mein Gemüse hat er 14 weitere Bücher veröffentlicht. Der goldene Handschuh stand monatelang auf der Bestsellerliste; die Verfilmung durch Fatih Akin lief im Wettbewerb der Berlinale. 2016 wurde der Autor mit dem Wilhelm Raabe-Literaturpreis geehrt. Seine Romane Es ist immer so schön mit dir und Ein Sommer in Niendorf waren für den Deutschen Buchpreis nominiert.
Content
1
Überlandfahrt
Heidbrink fixiert die blassbläulich schimmernden Leuchtziffern des Digitalweckers, als hoffte er, sie durch schiere Willenskraft vorantreiben zu können. Ein taubes Prickeln hat seine Fingerspitzen befallen, sein Gesicht spannt, als hätte er Klebeband unter der Haut. Die klammen Rückstände von Schlaflosigkeit auf seiner Haut fühlen sich eklig an, aber unter keinen Umständen wird er jetzt unter die Dusche springen. Die Nacht soll vergehen, vergehen, vergehen.
Seit drei Uhr siebenundzwanzig ist sie für ihn zu Ende. Noch vier Stunden, bis der Wecker klingelt. Düstere Gedanken quellen aus den Kratern und Schlünden seines Gehirns hervor und kreisen um bevorstehende Widrigkeiten, erwartbare Hindernisse, mögliche Komplikationen. Die Bilder steigen innen an seinen Lidern hoch, er reibt sie weg. Sie kriechen hoch, er reibt sie weg, sie krabbeln hoch, er reibt sie weg. Er macht einen tiefen Atemzug. Und noch einen, und einen weiteren, versucht, mit dem Rhythmus seines Atems in langsamen Spiralen Richtung Schlaf zu gleiten. Gedanken werden zu Bildern, verblassen zu Schemen, beginnen sich traumhaft zu verwirren. Schlaf senkt sich in Wellen über ihn, jede mächtiger als die letzte. Endlich! Bis sich Juckreiz meldet. Immer, wenn er an der Schwelle steht, macht der vermaledeite Juckreiz alles kaputt. Erst der Hals, dann der Bauch, dann der Hinterkopf, dann die linke Wade. Er dreht sich auf den Bauch und drückt sein Gesicht in die Matratze. Todmüde/hellwach. Todmüde/hellwach.
GEBIETSKÖRPERSCHAFT, schießt es ihm durch den Kopf. Warum auch immer, das Wortungetüm übt seit Ewigkeiten eine unerklärliche Anziehungskraft auf ihn aus. Aber doch nicht jetzt! Wie unter Zwang murmelt er den Begriff leise vor sich hin: Gebietskörperschaft, Gebietskörperschaft, Gebietskörperschaft.
Das wird nichts mehr. Aufstehen, Action, go! In der Horizontalen hervorgebrachtes Denken führt zu nichts außer Unbehagen, in der Bewegung lösen sich die Verknotungen oft von selbst, man konzentriert sich auf etwas anderes, und schon sind sie vergessen. Trinken, pinkeln, Hände waschen. Den üblen Geschmack spült er seit Neuestem mit Mundwasser weg. Ein Gurgler, Mouthwash-Dude, Mundhöhlenfreak. Vorbote des Alters? Das Waschmittelfach des Frontladers hängt heraus wie eine mit Brausepulver belegte Zunge; hat er vor dem Zubettgehen wieder mal vergessen, die Maschine anzustellen. Anschalten, einmummeln, wegnickern. Die Tür zum Bad lässt er offen, damit er über dem schlotzigen Schwappen und puckernden Schwenken in den Schlaf findet. Mit den extra dafür produzierten Geräuschen (Distant Thunder, Ten Hour Rain, Waves, Frogs) klappt das nämlich nur selten, sein Gehirn, eine schäumend sich drehende Waschmaschine voll Schmutzwäsche, lässt sich so leicht nicht überlisten. Die Sekunden ticken, die Minuten in der Schwebe, Spinnenfäden winden sich um seinen Kopf, und ihn überkommt eine pelzige, sabbschige Müdigkeit. Als die Waschmaschine nach einer Stunde fünfzig mit einem hochfrequenten, wimmernden Schrei in den Schleudergang schaltet, schreckt er hoch. Los jetzt, hochschnellen, ausräumen, aufhängen. Atomkleine Fetzen eines Papiertaschentuches haben sich in Hosen, Hemden, T-Shirts, Strümpfen verfangen, es wird tausend Wäschen dauern, bis sich auch das letzte aufgelöst hat oder abgezupft wurde.
Nach aktueller Verkehrslage beträgt die Fahrtzeit 4 Stunden und 52 Minuten. Wobei Verkehrslage das falsche Wort ist, denn so früh am Morgen spricht man noch von keiner Lage; am Zielort dürfte das Fahrzeugaufkommen gen null gehen. Er hat die Strecke so oft studiert, dass sie sich ihm (jetzt schon) unauslöschlich eingebrannt hat: A1, A20 bis Pasewalk-Süd, und dann geht es auf der Landstraße weiter. Die Straßenschilder voller Lost Places mit O: Rubkow, Bargischow, Neu Kosenow, Klein Jasedow: Führe er weiter Richtung Osten, wäre er schnell in Polen. Oder: Er bleibt einfach hier. Er könnte Bier/Wein/Likör trinken und dabei eine Mail an die Klinik schreiben: Unvorhergesehene Umstände .
In der Küche ist es kalt, ein Luftzug dringt durch das auf Kipp gestellte Fenster. Seit gestern Abend schneit es unablässig, eine Milliarde Flocken haben ein Tuch aus reinem Weiß über der Welt ausgebreitet. Vielleicht ist die Autobahn unpassierbar? Die Bundes-, Land- und Kreisstraßen sind es ganz gewiss. Haben die so tief im Osten überhaupt Räumfahrzeuge?
Aber Ausreden gelten nicht, sind verboten. Er wird das durchziehen. Ein Monat. Dreißig Tage. Seit einem halben Jahr ragt der Tag aus dem Kalender wie ein Nagel, er ist wie eine Raubkatze von hinten an Heidbrink herangeschlichen, der vorbereitend nichts anderes getan hat, als sich mental vorzubereiten. Und nach diesem enormen Stress in letzter Sekunde zu kneifen, wäre a) das Eingeständnis völligen Scheiterns und b) unverhältnismäßig. Er ist ein Sportler, für den nach monatelangem Training nun der Tag des Wettkampfs gekommen ist. So muss man's sehen, Und wenn Heidbrink erst mal da ist, sitzt er sowieso in der Falle, und andere bestimmen über sein Schicksal.
Ein Koffer und eine große Tasche (mit 180 Litern sogar eine sehr große Tasche) warten seit Tagen fertig gepackt im Flur. An Frühstück ist nicht denken, der Appetit wird sich im Laufe des Vormittags schon noch einstellen. Im Handschuhfach lagert die Notreserve: Vollmilchnussschokolade, Erdnussriegel, Studentenfutter und, als herzhafte Variante, Südtiroler Kaminwurzen (plus Mini-Senftüten), die darauf warten, vor Ablauf des Verfallsdatums verputzt zu werden.
Ein Windstoß lässt ein paar abgebrochene Zweiglein über den Boden hüpfen, eine zerfetzte Plastiktüte fliegt mit Tempo in die Höhe. Wind mutmaßlich polaren Ursprungs fährt ihm unter den Kragen und den Rücken hinab und macht seinen Schweiß eiskalt. In einem Hauseingang hockt ein riesiger Hund mit einem Kopf so groß wie ein Farbeimer. In dem Vieh hätte sicher noch ein zweiter Hund Platz, ein Hund im Hund. Ein Hüne von einem Hund, als Lawinensuchhund könnte der sicher zwei oder drei Opfer gleichzeitig bergen. Auf dem Weg zur Tiefgarage besorgt er sich Cappuccino, Avocado-Schwarzbrot (mit Dill) und Franzbrötchen. Fünf Stunden Überlandfahrt liegen vor ihm. Dieser Begriff hat einen festen Platz im Vokabular von Fahrschulen und bezeichnet eine zweihundertfünfundzwanzig Minuten dauernde Sonderfahrt außerhalb geschlossener Ortschaften.
Am Horner Kreisel nimmt er die Ausfahrt auf die A24 Richtung Berlin. Autos rauschen in schmutzig aufsprühenden Tropfenschleiern an ihm vorbei, Schneeregengrau spritzt gegen seine Windschutzscheibe. Sein Gesicht im Rückspiegel: kein schöner Anblick. Ein Pseudointellektueller, Kindergreis, Woody Allen junior, fahl, käsig, kränklich, die Augen rot und verschwommen, als hätte jemand Salz hineingestreut. Außerdem wirkt seine Miene völlig ausdruckslos, obwohl ja so viel in ihm vorgeht. Nach zweieinhalb Stunden passiert er das Kreuz Rostock. Da war er auch noch nie. Er könnte die nächste Abfahrt nehmen und umkehren, er ist frei, zu tun und zu lassen, was er will. Laut Navi erreicht er sein Ziel um 12:45, als Störenfried, der mitten in die Haupttagesschwerpunktmahlzeit platzt. Was es heute wohl Schönes gibt? Hausmannskost de luxe, stellt er sich vor; Königsberger Klopse mit saurer Soße und Kapern. Wie kommt er denn jetzt darauf? Weil er das Alltagsessen von früher seit Kindertagen nicht mehr gegessen hat? Kulinarischer Flashback. Bei dem Gedanken an die locker-luftige Hackspezialität läuft ihm das Wasser im Mund zusammen, Spucke sammelt sich als warme Pfütze in seiner Backentasche. Kurz vor Anklam biegt er auf eine Parkbucht und frühstückt. Der Avocado-Sandwich schmeckt köstlich, das Franzbrötchen matschig. Das Geheimnis leckerer Franzbrötchen: stets zweimal toasten, geht im Auto nicht, das entzieht dem Matschgebäck die Feuchtigkeit und macht es schön kross. Im Schlitz versenken, Hebel nach unten drücken, Hebel rastet ein, Hitze steigt auf und beschlägt das Gesicht mit einer zuckrigen Glasur. Juckreiz schlägt zu, diesmal im Nacken. Er lässt den Kopf auf der Kopfstütze hin und her rollen, was aussieht, als würde er ein Sonnenbad nehmen.
Was hat Anklam eigentlich an Hotels und Ferienunterkünften zu bieten? Wohnung «Otto Lilienthal» und «Siedlungsnest» sind mit fünf Sternen hervorragend bewertet. Gutshaus Stolpe (Relais & Châteaux) verfügt laut Internetauftritt über eine herrschaftliche Auffahrt. Einen weitläufigen Park. Warme Lichter im Gutshaus. Dort könnte er sich ein paar Tage in Spa und Restaurant verwöhnen lassen und dann erholt die Heimreise antreten. Oder nicht? Auf einem Grasfleck kauert ein Kaninchen, die Ohren eng angelegt, und beobachtet ihn mit zitterndem Näschen. Nein, sagt das Kaninchen, go!
Das Lenkrad ist klebrig vom Franzbrötchenzucker. Flocken treffen auf die Windschutzscheibe und lösen sich auf. Je näher er seinem Ziel kommt, desto mulmiger wird ihm. Eine unsichtbare Schlinge legt sich ihm um den Hals, sein Magen pulsiert, als versammelte sich ein Insektenschwarm in ihm. Noch fünf Komma fünf Kilometer. Hier ist wirklich nichts. Kein Haus, keine Maus. Kein Hof, keine Scheunen und...
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