
Fräulein Gold: Die Rote Insel
Description
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Hulda Gold ist Hebamme, Seelentrösterin, engagierte Kämpferin gegen das Unrecht. Aber wer hilft ihr in größter Not?
Berlin, 1926. Hulda Gold musste ihre Stelle als Hebamme in der Frauenklinik aufgegeben und lebt nun in einem Arbeiterviertel fern von ihrem alten Kiez. Hier auf der sogenannten Roten Insel kann sie in der Praxis von Grete Fischer mitarbeiten. Gemeinsam kümmern sich die beiden Frauen um Menschen, die täglich gegen Armut und Not kämpfen - während in ganz Berlin die politischen Spannungen zunehmen. Immer wieder kommt es zu Konflikten zwischen Kommunisten, Anhängern der nationalsozialistischen Bewegung und den Ringvereinen. Auch das Viertel auf der Roten Insel ist von den Unruhen geprägt. Grete, die einer kommunistischen Gruppe anhängt, scheint es mit dem Gesetz nicht so genau zu nehmen. Als sich die brodelnde Stimmung in handfeste Gewalt entlädt, gerät Hulda zwischen alle Fronten. Und sie muss sich der größten Bewährungsprobe ihres Lebens stellen.
Teil 5 der Erfolgsreihe: Jeder Band ein Spiegel-Bestseller. Jeder Band ein großes Lesevergnügen!
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Person
Anne Stern wurde in Berlin geboren, wo sie auch heute mit ihrer Familie lebt. Sie ist promovierte Germanistin und arbeitete als Lehrerin und in der Lehrerbildung. Mit der historischen "Fräulein Gold"-Reihe um eine Berliner Hebamme in den 1920er Jahren landete sie einen großen Spiegel-Bestseller-Erfolg. Mit dem Roman "Meine Freundin Lotte" widmet sie sich der spannenden Geschichte der Malerin Lotte Laserstein und ihres Lieblingsmodells Traute Rose, die eine langjährige Freundschaft verband.
Content
1.
Freitag, 4. Juni 1926
«Halten Sie mal?»
Ehe Hulda wusste, wie ihr geschah, hatte sie das kleine Kind mit den seidigen blonden Haaren auf dem Arm. Ein verdutztes Gesichtchen mit Pausbacken starrte sie an, der winzige Mund öffnete sich, sodass ein Zähnchen aufblitzte - dann begann das Kind zu weinen. Hulda hielt es fest, wiegte es sacht hin und her und sah sich nach der Mutter um. Die Frau im schwarzen Kostüm und mit sehr hochhackigen Schuhen war noch einmal zum Taxi geeilt, das wartend am Straßenrand der Sedanstraße in Schöneberg stand, und holte gerade zwei Koffer heraus. Sie schleppte diese über das holprige Pflaster und stellte sie ächzend neben Hulda ab.
«Puh», sagte sie schwer atmend und streckte die Arme aus, «geben Sie mal schnell wieder her. Mein Hildchen ist fremde Leute nicht gewohnt.» Sie nahm das weinende Mädchen aus Huldas Armen und stutzte. «Ach du liebe Güte», sagte sie dann mit Blick auf Huldas Bauch, «verzeihen Sie bitte. Ich habe gar nicht gesehen, dass Sie da selbst eine ordentliche Last mit sich herumtragen.»
«Das macht nichts.» Hulda legte die Hände auf den dünnen Kleiderstoff über ihrem vorstehenden Bauch. «Bisher fühle ich mich hervorragend.»
Das war nur die halbe Wahrheit. Es stimmte, Hulda hatte ihre Schwangerschaft bisher mehr genossen, als sie selbst es je für möglich gehalten hätte. Nach der ersten Übelkeit waren die Monate problemlos verstrichen, der Bauch hatte sich gerundet, doch nicht allzu schnell - es war schließlich ihr erstes Kind, und man hatte es ihr lange nicht angesehen. Aber in den vergangenen Wochen hatte sich Hulda immer mehr wie ein Walfisch gefühlt, als hätte das Kind beschlossen, auf den letzten Metern sein Gewicht noch einmal zu verdoppeln. Der Bauch schien nun beinahe zu platzen, und Hulda musste die Seiten bei allen Kleidern und Röcken herauslassen und notdürftig mit Stoffresten erweitern - und das mit ihren linken Händen, zumindest was Handarbeiten anging. Jetzt sahen die einst hübschen Sachen eher aus wie Zelte, und Hulda vermied den Blick in den Spiegel und sagte sich, dass es ja nur ein vorübergehender Zustand war.
Doch zwei, drei Wochen musste sie wohl noch tapfer sein, dachte sie und blinzelte in die Junisonne, die die baumlose Sedanstraße beschien, als wollte sie ihr Mut machen. Den hatte sie auch dringend nötig, denn sosehr sie sich auf die Erlösung und das Kind freute, so sehr fürchtete sie den Moment, da ihr Leben noch ein ganzes Stück komplizierter würde.
«Sie sehen aber auch blendend aus», sagte die Fremde jetzt und widersprach damit Huldas eigenem Gefühl, «wie das strahlende Leben selbst. Wenn ich da an mich denke .» Sie schüttelte den Kopf und küsste den seidigen Scheitel ihrer Kleinen, die sich inzwischen beruhigt hatte und Hulda aus sicherer Entfernung an der Schulter der Mutter misstrauisch beäugte. «Beine wie ein Elefant!»
Hulda lachte. Sie konnte kaum glauben, dass diese elegante Frau vor nicht einmal einem halben Jahr - denn älter war das Kind nicht - etwas anderes als die schlanken Fesseln gehabt hatte, die sie jetzt an ihr sah. Sie war eine schöne Frau. Doch ihr Gesicht war verschattet, trotz des hellen Lichts dieses frühsommerlichen Vormittags, und wieder fiel Hulda die schwarze Kleidung auf.
«Machen Sie einen Verwandtenbesuch?», fragte sie vorsichtig.
Die Frau ächzte erneut. Ihre Augen wirkten plötzlich blank. «Wie man's nimmt», sagte sie, «ich fürchte, wir bleiben länger. Vielleicht für immer.» Verstohlen wischte sie sich die Augen und presste ihr Kind noch enger an sich. «Ich komme aus Ulm. Mein Mann - wissen Sie, er verstarb kürzlich.»
Hulda nickte mitleidig, sie fühlte sich auf einmal mulmig. Mit dem Tod hatte sie im vergangenen Jahr auch Bekanntschaft gemacht. Johann und sie waren zwar nicht verheiratet gewesen, aber machte sie das weniger zu einer trauernden Witwe als diese Frau? Automatisch fühlte sie in ihrer Tasche nach, wo sie noch immer seinen Ring aufbewahrte, obwohl sie ihn nie gern am Finger getragen hatte. Doch nun fiel es ihr schwer, sich davon zu trennen.
«Mein Beileid», sagte sie freundlich und zwang sich, den Gedanken an Johann und ihre jüngste Vergangenheit beiseitezuschieben. Es zählte nur das Heute, das Hier und Jetzt, und natürlich das Morgen, obwohl sie versuchte, auch so wenig wie möglich an ihre unsichere Zukunft zu denken.
«Tja, nun muss ich wieder arbeiten gehen», sagte die Frau und schniefte. «Ich war Sekretärin, bevor Hildegard kam. Aber allein schaffe ich das alles nicht. Darum ziehen wir wieder zu meinen Eltern, hier in die Nummer 69.»
Sie deutete zu dem Haus, in dem auch Hulda seit einigen Monaten wohnte und arbeitete. Es war ein typisches Exemplar in der Sedanstraße, viergeschossig, mit strengen, geometrischen Stuckverzierungen und hintenraus ein Gewerbehof. Hinter einigen der Häuser befanden sich noch Ställe mit Vieh. Ein wenig schroff wirkten die Fassaden trotz ihrer Stuckaturen und Reliefs, so als wüssten sie, dass man hier jenseits der Bahn nichts zu verschenken hatte - weder Geld noch übertriebene Herzlichkeit.
«Wie schön», sagte Hulda und lächelte, «dann sind wir ja Nachbarn. Mein Name ist Hulda, Hulda Gold.»
«Sehr angenehm», sagte die Frau und nickte ihr in Ermangelung einer freien Hand zu. «Frieda Knef.»
«Dann kommen Sie aus Berlin, wenn Ihre Eltern noch hier leben?», fragte Hulda.
«Echtes Berliner Original!» Jetzt lachte Frau Knef zum ersten Mal. «Jetauft mit Berliner Kindl, sozusagen, und aufjewachsen hier uff der Roten Insel.» Sie fiel ein wenig ins Berlinerische, als wolle sie zeigen, dass sie wirklich eine von hier war.
«Na dann, willkommen zu Hause», sagte Hulda und fügte beinahe bedauernd hinzu: «Ich muss jetzt weiter, die Arbeit ruft, aber vorher brauche ich ein Mittagessen.»
«Was arbeiten Sie denn?», rief ihr Frau Knef hinterher, als Hulda schon ein paar Schritte weiter war.
Sie drehte sich noch einmal um. «Ich bin Arzthelferin hier in der Praxis bei Doktor Fischer», erklärte sie und winkte. «Kommen Sie jederzeit vorbei, egal, ob Sie Hustensaft brauchen oder eine Tasse Kaffee.»
Damit lief sie weiter die Straße hinunter, bog ab in Richtung Königin-Luise-Gedächtniskirche mit der Käseglocke als Dach und fand sich in der Gustav-Müller-Straße wieder. Die Krimlinden ringsum blühten herrlich, doch Hulda spürte eine Spur Unwillen. Immer noch kam ihr das Wort Arzthelferin nicht leicht über die Lippen, denn sie war schließlich Hebamme! War es immer gewesen, hatte all ihren Stolz und ihre Stärke aus dieser Arbeit bezogen: Kindern auf die Welt zu helfen, Familien beizustehen, die Welt in einer Nacht zu einem etwas besseren Ort zu machen, einfach dadurch, dass wieder ein neues, noch unbeschattetes Leben darin seinen Platz einnahm und ihnen allen, die bereits länger auf dieser Erde wandelten, Grund zur Hoffnung gab.
Aber dann war sie schwanger geworden und hatte ihren Verlobten an die tückischen Strömungen in der Havel verloren. Wenn sie daran dachte, spürte sie ein schmerzliches Ziehen. Und obwohl es über ein halbes Jahr her war, kamen ihr immer noch sofort die Tränen. Johanns Tod hatte ihre ganze Existenz bis auf die Grundfesten erschüttert. Sie war achtkantig aus der Frauenklinik geflogen, wo eine Hebamme unter den männlichen Medizinerkollegen ohnehin schon um ihre Rolle fürchten musste, eine ledige, schwangere Hebamme aber ein Ding der Unmöglichkeit war. Der neue Direktor Stoeckel hatte zwar kein Hehl daraus gemacht, dass er eine patente, erfahrene Arbeiterin wie sie ungern ziehen ließ, doch andererseits betonte er, dass sie ohnehin in wichtigen Dingen verschiedener Meinung gewesen seien.
«Fräulein», hatte er gesagt und das Wort dabei so betont, als sei es eigentlich eine Beleidigung, «besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.»
Dann hatte er gönnerhaft einen Extra-Monatslohn auf den Tisch gelegt. «Für das Kleine.» Und sie hatte das Geld mit schamesroten Wangen genommen, denn eine unverheiratete, arbeitslose Frau mit einem Kind im Bauch konnte sich falschen Stolz nicht leisten.
Zum Glück gab es Grete, dachte Hulda und lief erst am Uhrmacher Hermann Lüders vorbei, dann am Eisenwarengeschäft von Hugo Berger an der Ecke. Die junge Ärztin, mit der sie bereits oft zusammengearbeitet hatte und die sie seit vielen Jahren schätzte, hatte das zusätzliche Paar fachkundiger Hände gern angenommen und Hulda sogar noch die kleine Hausmeisterwohnung im Souterrain vermittelt. Dank Grete hatte Hulda nun ein Dach über dem Kopf und ein bescheidenes Einkommen - vorerst. Die Stelle war die Rettung gewesen, und Hulda vergaß das nie, auch dann nicht, wenn sie sich dabei ertappte, dass sie Sehnsucht hatte nach ihrer früheren Arbeit an einer der renommiertesten Kliniken der Stadt. Und nach ihrem alten Ich.
Vor ihr lag nun die breite Kolonnenstraße, das Herzstück der Schöneberger Insel, die deswegen so hieß, weil sie rundum durch Bahnschienen von der restlichen Stadt getrennt war - vier Brücken führten aufs Festland zurück nach Berlin. Und Hulda fand, dass es sich auch wirklich so anfühlte, als lebte man hier auf einer Insel - die der kleinen Leute, der Handwerker und, vor allem, der traditionellen KPD-Wähler.
Sie blieb einen Moment stehen und verschnaufte. Dabei musste sie beinahe lachen - wie oft hatte sie Frauen in ihrem Zustand gut zugeredet, alles langsamer anzugehen, sich in den letzten Wochen der Schwangerschaft nicht unnötig zu belasten? Und nun rannte sie...
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