
Prekarisierung und Ressentiments
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"Sommers Arbeit kommt der große Verdienst zu, die eindimensionale Fixierung für die Erklärung von rechtsextremen Einstellungen auf Modernisierungsopfer und Prekarisierung in Frage gestellt zu haben." Mitteilungen des DÖW (Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes), Oktober-2011
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1 Einleitung
Die Feststellung, dass zwischen der prekären Lage eines Menschen und der Herausbildung rechtsextremer Orientierungen kein mechanischer Zusammenhang besteht, ist banal. Auch die verschiedenen Autoren der hier berücksichtigten Untersuchungen versäumen es nicht, zu betonen, dass gleiche oder ähnliche soziale Lagen von verschiedenen Individuen unterschiedlich verarbeitet werden.
Zugleich hat die Auswertung der verschiedenen Studien aber auch gezeigt, dass gesellschaftliche Teilentwicklungen, die unter dem Begriff der Prekarisierung zusammengefasst werden, bei den von diesen Entwicklungen betroffenen Personen sehr wohl eine Art „Problemrohstoff“ (Dörre/Kraemer/ Speidel 2004b: 99) entstehen lassen können, der in Form von ressentimentgeladenen und ausgrenzenden Identitätskonstruktionen be- und verarbeitet wird.
Wenn aber derartige Haltungen, die hier auch als rechtsextreme Orientierungen bezeichnet werden, eine mögliche Reaktionsform auf das Gefühl der sozialen Verunsicherung darstellen, so bleibt klärungsbedürftig, worin die besondere Attraktivität gerade dieser „Verarbeitungsstrategien“ für bestimmte Personen liegt, schließlich sind die Identitätsangebote moderner Gesellschaften vielfältig.
In der Rassismus- und Rechtsextremismusforschung wird davon ausgegangen, dass die konkreten Inhalte der Ressentiments weitgehend unabhängig von den jeweiligen Personengruppen sind, welche die Opfer der Abwertung darstellen. In dem hier ausgewerteten Interviewmaterial zeigte sich dies u. a. an den Projektionen einer systematischen Bevorzugung von Zuwanderern gegenüber Einheimischen. Die besondere Ausgeprägtheit von Fremdenfeindlichkeit und „Überfremdungsängsten“ in Regionen mit vergleichsweise geringem Zuwanderungsanteil kann als ein weiterer Beleg für diesen Sachverhalt gelten.
Mit der Erkenntnis, dass die Gründe für die Ablehnung bei den Vorurteilsbeladenen selbst (und nicht im Verhalten oder in den Eigenschaften der abgewerteten Minderheit) liegen, rückt die Frage nach dem Nutzen oder der Funktion der Ressentiments für den Ressentimenterfüllten in den Mittelpunkt. Bereits in seiner klassischen Studie zur autoritären Persönlichkeit stellte Theodor W. Adorno die Frage „Antisemitismus – wozu?“, suchte also zu ergründen, welchen Zwecken antijüdische Ressentiments im Leben eines Individuums dienen können (vgl. Adorno 1995: 122ff.). Und auch in der sozialpsychologischen Vorurteilsforschung kommt der Frage, welche psychologische Funktion Vorurteile erfüllen, seit jeher eine zentrale Rolle zu (vgl. Allport 1979 sowie Nelson 2002: 46).
Ausgehend von diesen Überlegungen soll hier der Frage nachgegangen werden, welche Funktion oder welchen Nutzen Ressentiments für Personen haben können, die sich im Status der sozialen Verunsicherung befinden. Dabei ist zu berücksichtigen, dass rechtsextreme Ideologeme den Verunsicherten aus verschiedenen Motiven attraktiv erscheinen können, bzw. dass Menschen, die ihre soziale Position als bedroht erfahren, aus unterschiedlichen Gründen psychosoziale Kompensation und Zuflucht in Vorstellungen einer radikalen menschlichen Ungleichwertigkeit suchen.
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