
Schicksal
Description
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Eine Begegnung, die alles in Frage stellt.
Nach dem Tod ihres Vaters sucht Atara seine geheimnisvolle erste Frau. Wer ist diese Rachel, von der in Ataras Kindheit nie geredet werden durfte? Aber als sie Rachel endlich gefunden hat, nimmt ein gänzlich ungeahntes Schicksal seinen Lauf.
Familiäre Verstrickungen, Schuld, vor allem aber die Liebe - das sind die Themen von Zeruya Shalevs großem neuen Roman.
Reviews / Votes
"Zeruya Shalevs neuer, so kluger und intensiver Roman 'Schicksal' handelt von Fehlentscheidungen und unglücklichen Verkettungen, davon, dass jemand zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Die Lektüre dieses welthaltigen Romans schmerzt geradezu körperlich. Er ist ein Ereignis."
"In 'Schicksal' steckt (.) mindestens ein zeitgenössisches Meisterwerk."
"Zeruya Shalev ist dank ihrer vielfach ausgezeichneten Trilogie über die moderne Liebe ('Liebesleben', 'Mann und Frau', 'Späte Familie') eine der wichtigsten Stimmen der israelischen Gegenwartsliteratur. In ihrem neuen Roman zeigt sie einmal mehr wie das geht - auch mit Gefühl und Pathos, aber immer stilvoll."
"Mitreißend erzählter Roman"
"Der Roman erzählt nicht nur von fataler Verstrickung und von Komplexität; davon, wie alles mit allem zusammenhängt, sondern auch die Geschichte einer Desillusionierung, die mit dem Land Israel verbunden ist. Das macht das Buch hochaktuell - zugleich aber auch anders als die bisherigen Romane von Zeruya Shalev."
"Radikal, intensiv und vielschichtig ist dieser Roman."
"Mit 'Schicksal' legt Zeruya Shalev wohl ihren bisher politischsten Roman vor - packend und beklemmend."
"Es ist jedes Mal ein besonderes Leseerlebnis, in ihren aus israelischem Gegenwarts-Alltag, Spuren des Nahostkonflikts, biblischen Referenzen, Naturmystik und Paarbeziehungen kunstvoll gesponnenen Kosmos einzutauchen. Bei 'Schicksal' ist das jetzt nicht anders."
"Raffiniert und atmosphärisch dicht verwebt die Autorin politische und private Konflikte, erzählt ergreifend von den beiden Frauenleben und schonungslos die Geschichte Israels, was angesichts der aktuellen Ereignisse an Brisanz kaum zu überbieten ist."
"Eine großartige Schriftstellerin"
"Ich bin großer Shalev-Fan und auch hier war ich wieder direkt von Anfang an im Leseflow."
"Ein berührender und atmosphärisch sehr dichter Roman, der zudem die Auswirkungen der schwierigen und differenzierten Lage Israels auf seine Bewohner sichtbar macht."
"Eine großartige Erzählerin, die das Handwerk wirklich einfach beherrscht."
"Der bittere Ernst liegt darin, dass die Schicksalsverstrickung dieses Romans zwingend vor Augen führt, wie weit noch das Privateste unterwandert ist von jenen Kräften, die gerade erst in Israel wieder gezeigt haben, wie schnell sie alles, an was einer Denkmalschützerin gelegen sein könnte, in Schutt und Asche verwandeln."
"Shalev konstruiert hier zwischen Privatem und Politischen vermeintliche Parallelen. Sie verquickt die Geschichte einer Terroristin, die einen Staat ohne fremde Vormundschaft aufbauen will, mit der Geschichte einer Frau, die ihr privates Lebensglück sucht."
"Zeruya Shalevs neues Buch überzeugt in seiner ästhetischen Fülle und erschüttert mit berührenden Liebesabstürzen."
"Ein fesselnder Roman, der sich angesichts der aktuellen Entwicklungen in Israel mit noch beklemmenderem Gefühl liest."
"Zeruya Shalev gräbt sich in die Seele ihrer Figuren. Traurig wird man allein schon beim Zuschauen. Man sieht, wie sie am Abgrund ins Taumeln geraten. Aber sie fallen nicht. Sie dürfen wachsen."
"Zeruya Shalevs neuer Roman 'Schicksal' ist ein Familien- und Freiheitsdrama, ein Abgesang auf die Liebe und eine Anklage gegen die Gewalt in der Geschichte Israels."
"Erschreckend aktuell dieser Roman, obwohl er weit in die Vergangenheit reicht."
"Geworden ist daraus ein Schlüsselwerk über die Wurzeln des permanenten Hasses im Nahen Osten, aber der Versuch, auf ein versöhnliches Miteinander zu hoffen, ist auf unbestimmte Zeit verschoben, zerstört durch die aktuellen Ereignisse. Keineswegs aufschieben sollte man jedoch die Lektüre dieser zutiefst berührenden und tragischen Suche nach einer endlich friedvolleren Zeit. In einem Epos, das belegt, wie schmal der Grat zwischen Liebe und Leid sein kann."
"Zeruya Shalev erzählt in 'Schicksal' meisterhalft von zwei Frauen im heutigen Israel, gefangen in ihrer Geschichte und der ihrer Heimat."
"Niemand schreibt so ehrlich über die Liebe wie Zeruya Shalev." Brigitte
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Zeruya Shalev, 1959 in einem Kibbuz am See Genezareth geboren, studierte Bibelwissenschaften und lebt mit ihrer Familie in Haifa. Ihre vielfach ausgezeichnete Trilogie über die moderne Liebe - "Liebesleben", "Mann und Frau", "Späte Familie" - wurde in über zwanzig Sprachen übertragen. Zeruya Shalev gehört zu den bedeutendsten Erzählerinnen unserer Zeit; zuletzt erschien 2015 ihr Roman "Schmerz".
Content
Erstes Kapitel:
Ich bin's, Rachel
Schweigend stand sie vor der geschlossenen Tür. Wozu noch klingeln oder klopfen, seine Mutter hat sie ja schon bemerkt. Hinter dem offenen Küchenfenster gewahrte sie den Schatten einer Bewegung, lautlos wie ein Augenzwinkern. Ein riesiger Topf köchelte auf dem Petroleumkocher, bestimmt versteckte sich dahinter die klein gewachsene Frau mit dem Holzlöffel in der Hand und kochte Linsensuppe für ihren geliebten Sohn. Die Dämpfe quollen durchs Fenster zu ihr nach draußen, ließen ihr Gesicht erröten, wurden aufgesogen von ihrem Haar. Kochte sie wirklich für ihn? War er zu Hause?
»Sonja, mach mir auf«, rief sie in Richtung des Topfes und fügte völlig unnötig hinzu, »ich bin's, Rachel.« Es war, als höre sie regelrecht das Zögern ihrer Schwiegermutter, wie raufende Schatten. Wird die es wagen, sie zu ignorieren, nachdem sie all die Gefahren des Weges auf sich genommen hat?
In diesen Tagen ins belagerte Jerusalem zu fahren, war verdammt gefährlich. Arabische Banden lauerten am Straßenrand und beschossen die Fahrzeugkolonnen. Ihre Freunde in Tel Aviv hatten versucht, sie von der Fahrt abzubringen, doch sie hatte darauf bestanden. Das ist doch Selbstmord, hatten sie immer wieder zu ihr gesagt, aber sie hatte keine Wahl gehabt. Sie hatte ihm einen Brief nach dem andern geschickt, und er hatte nicht geantwortet.
»Sonja, ich muss Meno sehen!«, versuchte sie es wieder. »Ich bin extra aus Tel Aviv gekommen. Ich mache mir Sorgen um ihn, ich verstehe nicht, was passiert ist. Ist er da?«
Die Dämpfe hüllten sich um ihren Körper wie ein aus der Flasche gelassener Geist, und es schien, als würde sie gleich schmelzen und nur eine kleine Pfütze hinterlassen, die ihre Schwiegermutter triumphierend die Treppe hinunterwischen würde. Sie hatte vergessen, wie aggressiv die Jerusalemer Sonne an den ersten Chamssin-Tagen im Frühling sein konnte. Sie brannte genau über ihrem Schädel. »Sonja, ich bin durstig«, rief sie, hielt sich an dem rostigen Fenstergitter fest, »hast du ein Glas Wasser für mich?«
Bei ihrem ersten Besuch in dieser Wohnung vor vier Jahren war sie der schwerfälligen Frau in dem ausgeblichenen Morgenrock genau an dieser Stelle der Treppe begegnet, als die, ohne mit der Wimper zu zucken, einen Kessel kochend Wasser über den Kindern des Viertels entleerte, die die Wollmispelfrüchte von ihrem Baum pflückten. Ein paar Tropfen davon waren auf ihr rotes Kleid mit den gelben Blumen gespritzt, das sie extra für diesen Besuch angezogen hatte. Sie war auf dem Treppenabsatz stehen geblieben, hatte gesehen, wie die Kinder schreiend auseinanderstoben, und hatte auch das schiefe Lächeln gesehen, das sich auf dem teigigen Gesicht der Frau ausbreitete. Unmöglich, dass das Menos Mutter war. Sie hatte den Rückzug angetreten, sie musste den falschen Aufgang genommen haben, die Häuser hier sahen sich so ähnlich, doch in eben diesem Moment war er bleich und beschämt zu ihr herausgekommen und hatte diese Frau zurückhaltend gescholten. Er hatte immer auf Umgangsformen und gutes Benehmen geachtet, bis er eines Tages aufgestanden und einfach gegangen war, ohne ein Wort zu sagen, ohne einen Brief zu hinterlassen.
Bei diesem Besuch nun waren die Mispeln aus irgendeinem Grund noch grün und zogen außer ein paar Wespen niemanden an. Sobald sie reif sind, werden sie in der belagerten Stadt besonders begehrt sein, aber seine Mutter wird es nicht wagen, das streng rationierte Wasser auf diese Art zu verschwenden. Wie wird sie die kleinen Räuber verjagen, mit Steinen? Und wie wird sie ihre Schwiegertochter vertreiben? Die hatte ihr ihre kostbarste Frucht, ihren Jüngsten, ja bereits vor vier Jahren geraubt.
Sie vernahm ein leises Geräusch aus Richtung des Balkons und wandte den Blick zu dem Wassertank, der dort erst vor Kurzem installiert worden war, ein großer Wassertank aus Blech. Ob sie sich dahinter versteckte? Die Araber hatten die Wasserversorgung in die Stadt unterbrochen, und in einem ihrer Briefe hatte sie geschrieben, sie habe auf dem Balkon einen Tank für Notzeiten anbringen lassen. Sie streue Brotkrumen darauf, die Vögel kämen und pickten sie auf, und am Geräusch des Pickens höre sie, wie viel Wasser noch drin sei.
»Sonja, bist du da?«, versuchte sie es wieder, »mach mir nur für einen Moment auf, ich bleibe auch nicht lang, ich muss zurück nach Tel Aviv.« Was hätte sie sonst noch sagen können, was hatte sie damals tatsächlich noch gesagt, um das Herz dieser Frau zu erweichen? Irgendwann hatte sie gehört, wie sie sich schlurfend der Tür näherte. Widerwillig drehte sich ein Schlüssel im Schloss. Dann erschien ihr aufgedunsenes Gesicht, das fettige Haar, der misstrauische schwarze Blick. Seine Mutter hatte sie noch nie gemocht. Vielleicht hatte sie gefürchtet, dass ihre Schwiegertochter, so schön und umworben, wie sie war, ihrem geliebten Spätling eines Tages das Herz brechen werde?
Aber da hatte sie sich geirrt. Er war es gewesen, er hatte sie plötzlich und ohne ein Wort verlassen. Er war es, der nicht auf ihre Briefe antwortete. Klammheimlich hatte er sein Weggehen geplant, und sie, in ihrer Arglosigkeit, hatte keinen Verdacht geschöpft. Sie hatte wohl gemerkt, dass ihn etwas umtrieb, dass er sich quälte, aber dass er aus ihrer Welt völlig verschwinden würde, damit hatte sie nicht gerechnet.
»Warum bist du hergekommen? Was willst du?«, fragte seine Mutter mit schwerem polnischen Akzent, der sich noch immer nicht abgeschliffen hatte, obwohl seit ihrer Ankunft aus Warschau schon Jahrzehnte vergangen waren. Auch für ihren Akzent und für ihre hartnäckigen Aussprachefehler hatte er sich geschämt. Sein Ivrith dagegen war brillant. Für einen Moment fürchtete sie, sie werde es nie wieder hören. »Was ich will? Meno sehen. Ist er zu Hause?« Und beinah hätte sie hinzugefügt, »und Suppe essen«, denn der Geruch riss in ihrem Magen ein Loch auf, und sie meinte, gleich ohnmächtig zu werden.
»Du kannst ihn nicht sehen«, stellte ihre Schwiegermutter mit sonderbarer Genugtuung fest, »er ist krank. Er hat gesagt, falls du kommen solltest, soll ich dich nicht reinlassen, auf keinen Fall.« Hinter ihr lag das große Zimmer, dunkel wie eine Höhle, dort stand neben dem Fenster mit den runtergelassenen Rollläden sein Bett, und sie strengte ihre Augen an. Sah sie da nicht eine Bewegung unter der Decke? War dies wohl der Fleck seines Kopfes auf dem Kissen?
»Er ist krank? Was hat er?« Ihre Stimme klang resigniert, sie hielt sich am Türrahmen fest, während seine Mutter ungeduldig antwortete: »Rachel, geh zurück nach Tel Aviv und komm nicht mehr hierher. Er kann dich nicht sehen.« - Hatte sie gesagt, er kann nicht oder er will nicht?
Plötzlich scheint es ihr ungeheuer wichtig, sich gerade an dieses Detail zu erinnern, vor allem jetzt, wo sie sich auf das bevorstehende Treffen vorbereitet. Hatte er nicht gekonnt, oder hatte er nicht gewollt? Doch was sie auf einmal noch mehr umtreibt, ist die Frage, warum sie die böswillige Türhüterin vor siebzig Jahren nicht einfach weggestoßen hatte und ins Zimmer gestürmt war. Wo sie doch viel jünger und stärker gewesen war als seine Mutter. Problemlos hätte sie sie überwältigen und sich auf sein Bett stürzen können. Wäre es ihr damals gelungen, zu ihm durchzukommen und mit ihm zu reden, hätte er seine Meinung vielleicht geändert und das schlimme Verdikt abgewendet.
Seitdem hat sie ihn wirklich nicht mehr gesehen, mit Ausnahme der knappen Stunde ein paar Monate später im Rabbinatsgebäude in der Jaffastraße; dort hatte er peinlichst darauf geachtet, in sicherer Entfernung von ihr zu sitzen und nicht ihrem Blick zu begegnen, und nach der demütigenden Zeremonie, als sie ihm noch ein paar Worte zum Abschied sagen wollte, war er mit schnellen Schritten einfach an ihr vorbei- und weitergegangen, und sie selbst hatte schweigend dort gestanden, an derselben Stelle, an der sie geheiratet hatten, und erst da hatte sie auf das Datum geschaut, 29. Tammus 1948, genau der Tag, an dem sie ein Jahr zuvor geheiratet hatten.
So viele Träume waren in jenem Jahr zerbrochen, von so vielen Neuanfängen war nichts geblieben. Sie seufzt, während sie jetzt kalte, glatte Pflaumen für ihre Besucherin wäscht, die sich bereits verspätet. Vor einer Stunde hat das Telefon geklingelt, und als sie die Stimme von Menos Tochter hörte, fürchtete sie einen Moment, sie wolle das Treffen absagen. Nur daran hatte sie gemerkt, wie sehr sie dieser Begegnung entgegenfieberte, einer Begegnung, zu der sie beinah gezwungen worden war und die sie mit allerlei Ausflüchten so lang wie möglich hinausgeschoben hatte.
Aber nicht, um das Treffen zu verschieben, hatte Atara sie angerufen, sondern um ihr zu sagen, dass sie im Stau stehe und sich etwas verspäten werde, und sie, die angespannt auf dem Sofa gewartet hatte, hatte die Pflaumen nach und nach selbst gegessen, und jetzt wusch sie drei weitere, um das kleine Schälchen wieder zu füllen.
Heute verspätet man sich wegen Staus auf der Autobahn, früher wussten wir nicht, ob wir überhaupt ankommen würden, grollt sie plötzlich, als sie sich an ihre Rückfahrt an jenem furchtbaren Tag aus Jerusalem erinnert. Dutzende verängstigter Fahrgäste hatten dicht gedrängt in dem Bus gesessen, die Oberkörper tief runtergebeugt aus Angst vor den arabischen Scharfschützen, die überall am Straßenrand lauern konnten, und nur sie hatte aufrecht dagesessen und auf die Kugel gewartet, die das Fenster neben ihr durchschlagen und sie in den Kopf treffen würde. Eine Kugel hätte gereicht, um sie von ihrem Leben zu trennen, und das erschien ihr damals noch hoffnungsloser als ihr Tod. Was sie nach dem Tod erwartete, wusste sie natürlich nicht, aber nachdem Meno sie verlassen hatte - Meno, Menachem, dessen Name doch...
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