
Das Bimmel ist ein hochloder Diffel. Aus den Carlos-Kolumnen
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Der Krimi an sich I
Ja, es nervt schon, dass der Krimi nicht dieselbe Wertschätzung erfährt wie beispielsweise dieser Abenteuerroman für die reifere Jugend mit den Herren Gauß und Humboldt. Aber wir sind schon auch selbst schuld. In vorauseilendem Gehorsam betonen Kollegen auf ihren Sites, dass sie selbstverständlich nur unterhalten wollen (was immer hier »nur« und »unterhalten« heißen mag), Romane mit Tiefgang möchten andere schreiben. (Was auch immer »Tiefgang« sein möge.)
Wir sammeln uns in Clubs mit lustigen Namen, wir ziehen uns wie Privatdetektive an, vor allem aber - wir machen alles, wirklich alles mit. Als die Schlagersänger der Literatur lassen wir uns willig in jedes Subgenre drücken, suchen geradezu deren heimelige Enge. Bloß nix riskieren, wir bleiben schön unter uns, dann verreißt uns höchstens der Wörtche. Ranicki wär schlimmer.
Schlagersäger müssen ja bekanntlich keine Genies sein, daher nehmen wir uns auch die ein oder andere gedankliche Auszeit - ist ja normal -, schreiben aber währenddessen weiter - das ist dann oft sehr schlecht.
Es hat großen Spaß gemacht, Beispiele für all dieses zu ersinnen:
Zunächst - was die Leon kann, kann ich auch:
»Comissario di Bendetto ging in seine Lieblingsbar auf der Piazza di San Bertolo und bestellte ein Kännchen Kaffee.«
Oder wie wäre es mit einem Pariskrimi deutscher Zunge? Der zieht bestimmt, man muss nur die kulturellen Eigenheiten unseres Erbfeindes kunstvoll in die Handlung weben:
»Inspector Neuville war müde, aber er musste noch dringend zum Supermarkt. Er kaufte nur das Nötigste: Ein Baguette, ein Stück Käse, eine Flasche Rotwein, drei Schachteln Gaulloises ohne Filter. Zu Hause schlief er auf dem Sofa ein und hatte die Baskenmütze noch auf.«
Treiben wir unser Unwesen dann doch vielleicht lieber daheim. Sind vielleicht noch ein paar Regionalkrimileerstellen zu vergeben? Wohl nicht. Aber ich probiers mal:
»Obermeister Staib biss in die Laugenbrezel von der Bäckerei Schwanz aus der Zerrenerstraße und blickte vom seit der alliierten Bombardierung sogenannten Monte Scherbelino über die Dächer seiner Heimatstadt Pforzheim.
>Woisch<, wandte er sich an seinen Kollegen Bischof. >Es isch koi brudal schöne Stadt, aber Hoimad isch Hoimad. Aber au in de Hoimad bassiere schlämme Sache!<
>Laut Ausweis war das Opfer aus Karlsruhe<, sagte Bischof.
Saib kniff die Augen zusammen. >Das sind dreiundzwanzig Kilometer. Ich mag Fälle nicht, die einen so großen Radius haben.<«
Und für Schreibschwachmaten am anderen Ende der Republik:
»Kommissar Hempelmann schmerzte die Narbe, die er sich letztes Jahr beim Segeln auf der Förde zugezogen hatte, damals noch als Wunde. Das hieß, dass es beim Regen bleiben würde. Nichts ging für Hempelmann über eine verhangene Regennacht im winterlichen Hochhausstadtteil Kiel-Mettenhof. Höchstens ein Pils und ein Krabbenbrötchen in der Forstbaumschule - aber nein. Ein Mörder war unterwegs und verbreitete Angst und Schrecken von Laboe bis Kronshagen. Seufzend ging der gebürtige Kieler nochmals die Akten durch. Sein Chef betrat den Raum.
>Moin, moin!<, rief Hempelmann.
>Moin, moin!<, antwortete Dr. Doose, dessen Familie aus Flensburg stammte, womit ihn Hempelmann mitunter aufzog und neckte.«
Es geht aber noch widerlicher. Wenn schon alle Regionen ihren Ermittler haben, dann wählen wir eben einen anderen Bezugsrahmen für Zielgruppengeschreibe. Essen und Trinken tut ja wohl jeder, und an Sponsoren wäre auch kein Mangel. Hier unterstützen uns Käsebauer Hagehof und Winzer Tulm:
»Kommissar Kern schlug seinem Assistenten Giebel auf die Schulter. >Herrlich, wie das Korn steht, nicht wahr? Der Hagebauer füttert seine Rinder im Winter nur mit diesem Korn, und das schmeckt man dem Käse einfach an, wenn ich das mal so sagen darf! Käse vom Hagehof. Da schmecken selbst die Löcher!<
Giebel nickte: >Und dann noch ein Riesling dazu! Die meisten Leute denken ja bei Käse immer an Rotwein!<
>Blödsinn!<, rief Kern und machte eine wegwerfende Handbewegung. >Aber es muss der richtige Riesling sein!<
>Ein Pfälzer Riesling, am besten vom Weingut Tulm!<, ergänzte Giebel.
>Richtig!<, bekräftigte Kern. >Wann läuft das Ultimatum des gefährlichen Kinderschänders ab?<
Giebel schaute zur Uhr: >In zwei Minuten.<«
Schließlich, damit unser Damenpublikum gut schläft, ersinnen wir Protagonisten, die nicht diese unschönen Eigenschaften haben, wie man sie noch immer in zu vielen Krimis findet: Geschieden, betrunken, zynisch, unglücklich - so sollen unsere Helden nicht sein, es reicht, dass wir das sind:
»Kommissar Niklas Buck betrachtete zufrieden seine manikürten Fingernägel und strich sich über den nicht vorhandenen Bauch. >Der Täter schlachtet also immer Kinder im Alter von drei Jahren ab?<
>Ja<, bestätigte sein gut aussehender Mitarbeiter und Halbtürke Cem Istambul. >Genau das Alter Ihrer sympathischen Drillinge!<
>Ja, das ist mir ja noch gar nicht aufgefallen!<, erwiderte Buck lachend und schlug seinem Mitarbeiter anerkennend auf die Schulter. >Donnerwetter!<, sagte er dann. >Du hast ja wirklich Muckis, Tschemmy.<
>Sie haben sich aber auch gut gehalten!<, erwiderte Istambul.
>Eine schöne, kluge Frau, die besten Kinder der Welt, ein Haus am See mit eigenem Badezugang und ein lustiger Cockerspaniel, alles das hält jung!< Er zwinkerte seinem Kollegen, den er nie spüren ließ, dass er eigentlich der Chef war, also er, Buck, verschwörerisch zu. >Tag und Nacht hält das jung!<
>Olala<, rief Istambul und zwinkerte nun seinerseits Buck zu.
>Na, dann machen wir mal Feierabend<, rief Buck und erhob sich schwungvoll. >Wir werden die Bestie schon noch kriegen.<
>Morgen ist auch noch ein Tag<, bekräftigte Istambul.«
Jetzt fehlt nur noch ein bisschen Sex, und dann haben wir einen unterhaltsamen Krimi geschrieben!
Hier drei Varianten, je nach sonstiger Ausrichtung unseres Meisterunterhaltungsohnetiefgangwerks:
Zunächst sinnlich, Zielgruppe Hennafraktion und jung gebliebene Studienräte:
»Im Nu kniete sie nackt bis auf einen fluoriszierenden Tanga vor mir und öffnete meine Hose.
>Das geht nicht<, sagte ich keuchend. >Wir haben einen Fall zu lösen.<
>Jetzt nicht<, ihre Stimme klang wie das Schnurren einer trägen Katze. >Nicht in der Mittagspause. Mbas hag Eid mbs nachchch.< (= >Das hat Zeit bis nachher.<)«
Jetzt schweinisch, Zielgruppe Ferkel jedes Alters, vor allem Studenten und nymphomane Grundschullehrerinnen:
»Im Nu kniete sie nackt vor mir auf dem schmutzigen Büroboden und schluckte meinen Schwanz. Ich löste mich, trat mich aus der Uniform, packte sie an Titte und Backe, warf sie auf das alte Sofa und nahm sie von hinten, bis wir beide nur noch ein schwitzender, schleimiger, blutiger Haufen erschöpften Fleisches waren.«
Oder doch am besten, sichersten und ja auch am schönsten - romantisch:
»Scheu wand sie sich aus ihrem Büstenalter, und ihre Apfelbrüste ließen meinen Atem stocken.
>Es geht nicht<, hörte ich mich sagen. >Ich habe Frau und Kind!< Sanft bedeckte ich ihre entblößten Milchhöfe mit zwei dottergelben Post-Its.
>Ich weiß<, sagte sie in rührendem Ernst. >Aber beide liegen seit 20 Jahren im Koma.<
>Und dennoch leben sie<, gab ich zu bedenken. >Und wir sind immer noch auf der Suche nach dem Täter.<
>Sie haben sicher recht, Herr Oberkommissar<, bekannte sie errötend und löste eines der gelben Zettelchen von ihrer Brust. >Nehmen Sie das, Arthur. Mein Duft ist an der Gummierung!<
Und so nahm und aß ich diese keusche Hostie der Lust, die mir fast die Sinne raubte.«
»Ein Rezensent hat es nur bis S. 18 geschafft, ich bin immerhin bis zur S. 150 vorgedrungen. Danach habe ich die Notbremse gezogen. Bis dahin war ich bereit, zwei Sterne zu vergeben. Habe dann den Rest des Buches quergelesen (alles andere wäre unzumutbar gewesen) und bin auf den letzten Seiten wieder eingestiegen, weil ich einfach wissen wollte, wie die hanebüchene Geschichte ausgeht - und muss jetzt einen weiteren Stern abziehen. Den verbliebenen Stern bekommt das Buch für die Satire (die allerdings so überzogen ist, dass sie nicht mehr trifft).
Ansonsten: Verworrene und unglaubwürdige Story, die Charaktere [.] nicht überzeugend, der Stil auch nicht überwältigend, zum Teil schlecht . Für die Grammatikfehler (der Genitiv war öfter dem Dativ sein Tod) mache ich den Lektor verantwortlich, er hätte sie zumindest bemerken und korrigieren müssen. Wie es dieser talentlose Autor geschafft hat, mehrere Bücher verlegen zu lassen (bis hin zu Sonderausgaben) und diese auch noch zu verkaufen, ist mir ein Rätsel. Ein quälend langweiliger sog. deutscher Kriminalroman. Das muss man nun wirklich nicht lesen.«
Diese Amazonrenzension der katholischen Theologin und vielfachen Buchautorin Petra Gaidetzka (»Gott liebt dieses Kind«) gilt meinem Erstling »Im falschen Licht« (2002), im Jahre 2008 erst, dann aber richtig, fand die Dame Zeit dazu.
Petra Gaidetzka hat natürlich vollkommen recht. Irgendjemand hätte mich doch meine grammatikalische Fehler hinweisen gekonnt!
Auch fast alles andere stimmt - nur das mit dem einen...
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