
Tanzwut
Kosmos, Kirche und Mensch in der Bedeutungsgeschichte eines mittelalterlichen Krankheitskonzepts
Gregor Rohmann(Author)
Vandenhoeck & Ruprecht (Publisher)
1st Edition
Published on 21. November 2012
712 pages
978-3-647-36721-7 (ISBN)
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Vom 14. bis zum 17. Jahrhundert war im Einzugsgebiet von Rhein, Mosel und Maas eine Krankheit namens »Veitstanz« bzw. »Johannistanz« bekannt. Heute wird sie vielfach auch als »Tanzwut« bezeichnet. Diese Krankheit manifestierte sich zunächst in wiederkehrenden Massenaufläufen von Tänzerinnen und Tänzern an kirchlichen Feiertagen bzw. in und an Kirchen; später auch in regelrechten Wallfahrten zu Kirchen der Heiligen Vitus und Johannes Baptista. Zugleich wurde sie früh zu einem Topos der antiklerikalen und konfessionellen Polemik, wie er auch die Rezeptionsgeschichte bis heute prägt.Gregor Rohmann beschreibt die diskursive Formierung dieser Konzepte seit der Rezeption der antiken Kosmologie im frühmittelalterlichen Christentum.
More details
Series
Thesis
Professorial dissertation
Edition
Aufl.
Language
German
Place of publication
Göttingen
Germany
Illustrations
mit 16 Abb.
File size
8,48 MB
ISBN-13
978-3-647-36721-7 (9783647367217)
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Gregor Rohmann
Tanzwut
Kosmos, Kirche und Mensch in der Bedeutungsgeschichte eines mittelalterlichen Krankheitskonzepts
Book
11/2012
1st Edition
Vandenhoeck & Ruprecht
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Author
Privatdozent Dr. Gregor Rohmann ist Projektleiter im von der DFG geförderten Projekt »Politische Sprache im Mittelalter: Semantische Zugänge« an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main.
Content
- Cover
- Title Page
- Copyright
- Table of Contents
- Body
- Danksagung
- I. Einführung: Chorea, Veitstanz, Tanzwut - zwischen Religion und Medizin
- I.1 Die Tanzwut als Forschungsproblem
- I.1.1 Die »furchtbare Krankheit« der Anna Schön
- I.1.2 Die Tanzwut verstehen: Vier Perspektivwechsel
- I.1.3 Religionsgeschichtliche Erklärungsansätze
- I.1.4 Medizinische und sozialpsychologische Erklärungsansätze
- I.1.5 Erkenntnisleitende Hypothese: Die Tanzwut als emische Krankheitskonzeption mit religiös-spiritueller Semiotik
- I.1.6 Untersuchungsgang
- I.2 Die zweite Erfindung der Tanzwut im 19. Jahrhundert
- I.2.1 Historische Pathologie und sympathetische Medizin: Justus Friedrich Carl Hecker und die »Volkskrankheiten« des Mittelalters
- I.2.2 Von der »psychischen Epidemie« über die »Massenhysterie« zur emotional contagion
- I.2.3 Einen Veitstanz aufführen: Schlaglichter auf die literarische und publizistische Rezeption des Tanzwut-Stereotyps
- I.3 Methodische und theoretische Grundlagen
- I.3.1 Wie kommt die Kultur in den Körper? Zur Semiotik und Diskursivität von Krankheit
- I.3.2 Die Welt als Schwellenraum: Liminalität als Matrix für das Verhältnis von Christentum und Tanz
- I.3.3 »Synkretismus« als diskursive Strategie: Motiv-Analogien und ihre Verhandlung zwischen kulturellen Komplexen
- II. Fundamente einer Semiotik von mania und enthusiasmos zwischen Antike und Mittelalter
- II.1 Tanzwut in der Antike?
- II.2 Antike Kosmologie und christlicher Platonismus
- II.2.1 Sphärenharmonie und ewiger Tanz
- II.2.2 Sympathie oder Theurgie? Porphyrius gegen Jamblichus
- II.2.3 Hierarchia caelestis und hierarchia ecclesiastica
- II.2.4 Von der Kirche als Reigen zur Kirche als Haus Gottes
- II.3 Platonische Vorstellungen von mania und enthusiasmos
- II.3.1 Spirituelle Konzepte
- II.3.2 Der Tanz der Korybanten in den Kontroversen der Antike
- II.3.3 Zwischen humores und göttlicher Einwohnung: Enthusiasmos und mania als frühmittelalterliche Krankheitskonzepte
- II.3.4 Gelbe Galle und Blut als Auslöser der mania: Antike Prätexte des frühmittelalterlichen enthusiasmos
- II.3.5 Vom enthusiasmos zur Tanzwut
- II.4 Querschnitt: Der verdoppelte Diskurs über mania als Grundlage einer Semiotik des unfreiwilligen Tanzes
- III. Bedingungen: Das mittelalterliche Christentum und der Tanz
- III.1 Begriffe: Zur Etymologie und Semantik des lateinischen Tanzvokabulars des Mittelalters
- III.1.1 Chorea, chorus etc.
- III.1.2 Tripudium und tripudiare
- III.2 Normen: Tanz und Recht in der Vormoderne
- III.2.1 Desiderate 1: Der Mythos vom kirchlichen Tanzverbot
- III.2.2 Tanz in der mittelalterlichen Superstitionsliteratur
- III.3 Praxis: Tanz und Religion im mittelalterlichen Lateineuropa
- III.3.1 Ein ungewolltes Wunder?
- III.3.2 Desiderate 2: Sakraler Tanz und Tanz im Sakralraum
- III.3.3 Typologie eines vielgestaltigen Phänomens
- III.4 Diskurse: Die Theologen und der Tanz
- III.4.1 Vorlagen: Tanz im Alten und Neuen Testament
- III.4.2 Desiderate 3: Tanz in der theologischen Diskussion
- III.4.3 Eschatologische Negativprojektion: Der Tanz des Teufels
- III.4.4 Heimarmene und thanatos: Der Totentanz
- III.4.5 Eschatologische Sublimierung und ihr Scheitern: Der Reigen der Engel und Jungfrauen
- III.5 Ausdrucksformen: Ansätze einer Grammatik des religiösen Tanzes im mittelalterlichen Christentum
- III.5.1 Performanz der Heillosigkeit: Körperliche Expressivität und die Abwesenheit Gottes
- III.5.2 Performanz des Heils: Tanz als Integration in die Sphärenharmonie
- III.5.3 Das Heil suchen und finden: Das Labyrinth als Bild gewordener Sphärenreigen
- III.6 Querschnitt: Kosmos, Tanz und Kirche
- IV. Transmissionspotentiale: Das Rhein-Mosel-Maas-Becken als Entstehungs- und Verbreitungsgebiet der Tanzwut
- IV.1 Das Frankenreich und seine Nachfolgegebiete als Zentralraum des religiösen Tanzes
- IV.2 Solarer Henotheismus und neoplatonische Kosmologie am Übergang vom Imperium Romanum zum Regnum Francorum
- IV.2.1 Das Kaisertum und der Sonnengott
- IV.2.2 Sonnenmythologie und kosmischer Reigen als gemeinsamer Sinnhorizont der spätantiken Religionen
- IV.2.3 Zwischen Christentum und Paganismus
- IV.2.4 Die vorchristliche Religion der Franken in merowingerzeitlichen Debatten und in der Forschung
- IV.2.5 Das Christentum der Merowinger
- IV.2.6 Alte und neue Christianität
- IV.3 Das Rhein-Mosel-Maas-Becken als Übergangszone zwischen den mittelalterlichen Kulturräumen
- IV.4 Querschnitt: Vermittlungs- und Verbreitungsräume des christlichen Neoplatonismus im Mittelalter
- V. Tanz auf der Schwelle: Mania als Performanz von Heilsferne in der frühmittelalterlichen Hagiographie
- V.1 Mythische Grundlagen
- V.1.1 Das biblische Urbild: Der vergebliche Reigen der Baalspriester auf dem Berg Karmel
- V.1.2 Das pagane Gegenbild: Die Heilige Hochzeit
- V.2 Theurgie und kosmischer Tanz im frühmittelalterlichen Christentum
- V.2.1 Dauertanz als fehlgeschlagene Kommunikation mit den Sphären: Domitilla und Aurelianus
- V.2.2 La maladie de l'erreur: Neoplatonische Theurgie und christliche Dämonologie
- V.2.3 »Wie Besessene«: Der Fall Amida
- V.3 Verbotener Tanz und erlaubter Tanz: Saltatio und tripudium bei Eligius von Noyon
- V.3.1 Die Predigt des Bischofs gegen Superstitionen und Blasphemien
- V.3.2 »veluti quondam David«: Der Tanz des Eligius
- V.3.3 Astralmythologische Implikationen in der Religionspolitik der späteren Merowinger und in der Vita Eligii
- V.3.4 Eligius und die familia des Erchinoald
- V.4 Skeptische Stimmen des 9. Jahrhunderts: Agobard und Amulus von Lyon über Fälle von angeblicher kollektiver Besessenheit
- V.5 Querschnitt: Unfreiwilliger Tanz als auf Dauer gestellte Liminalität
- VI. Von der Kirche als Reigen zum blasphemischen Tanz: Die Kölbigker Legende als Paradigma
- VI.1 Forschungsstand und Überlieferungssituation
- VI.1.1 Der Tanz von Kölbigk als Problem der Forschung
- VI.1.2 Zur Überlieferungssituation
- VI.2 Textgenese und Prätexte 1: Volkserzählung oder gelehrte Konstruktion?
- VI.2.1 Zum möglichen Entstehungskontext
- VI.2.2 Mythische Narrative als Grundlage des Mirakelberichts
- VI.2.3 Von Tournai nach Kölbigk
- VI.2.4 Augustinus über die Kinder der Witwe von Caesarea
- VI.3 Die drei primären Überlieferungsvarianten
- VI.3.1 Der Bericht der Handschrift Paris, BNM Ms. lat. 9560 (Schröder: Fassung III)
- VI.3.2 Der »Bericht des Othbert« (Schröder: Fassung I)
- VI.3.3 Der »Bericht des Theodericus« (Schröder: Fassung II)
- VI.4 Textgenese und Prätexte 2: Der Tanz von Kölbigk im Kontext der frühen Kirchenreform
- VI.4.1 Im Hintergrund: Der Tanz des Volkes Israel um das Goldene Kalb
- VI.4.2 Amator exclusus: Der Rasende vor der geschlossenen Tür
- VI.4.3 Der Pfarrer von Kölbigk als Nikolait
- VI.4.4 Von der Rute des Vaters geschlagen: Das fragmentierte Priesterkind
- VI.4.5 Das auf Sand gebaute Haus über den Tänzern
- VI.4.6 »Aua« und Eva, »Rodbertus« und Goscelin
- VI.5 »Quid stamus, cur non imus?« Ekklesiologie und Anthropologie in der Kölbigker Legende
- VI.5.1 Der Apostelreigen der gnostischen Johannes-Akten und seine Kölbigker Kontrafaktur
- VI.5.2 Sakralisierung des Kirchenraumes und encadrement: Neue Bedeutungen für eine alte Erzählung
- VI.5.3 Selbst-Verlust im Sternenzwang oder Einwohnung Gottes in der Kontemplation
- VI.6 Metamorphosen einer Erzählung: Das Tanzwunder als Exempel und Warnlegende
- VI.7 Querschnitt: Theologische Reflexion statt Warnlegende
- VII. Heilige Patrone der Tanzwut und ihre Konstruktion: Johannes der Täufer und Vitus
- VII.1 Der verderbliche Tanz und die sinkende Sonne: Salome und Johannes der Täufer
- VII.1.1 Johannistanz und Sonnenwende
- VII.1.2 Der Vorläufer: Die Verehrung Johannes des Täufers
- VII.1.3 Der Orpheus redivivus und die Mänade: Das Martyrium des Täufers in der Auseinandersetzung der Patristik mit den paganen Religionen
- VII.1.4 Der Heilige und die Gauklerin: Salome im Mittelalter
- VII.1.5 Die Raserei der Kinder der Herodias
- VII.1.6 Von Paris an den Bodensee, von der Fallsucht zur mania
- VII.2 Johannes der Evangelist: Der Minnetrunk und der Apostel im Kessel
- VII.3 Kosmologie, Tanz und Fallsucht in der Kultgenese des hl. Vitus
- VII.3.1 Entwicklung und Wanderung des Vitus-Kultes
- VII.3.2 Veit und die Sommersonnenwende
- VII.3.3 Vitus, Guy, Vit, Svantovit - religionsgeschichtliche und etymologische Deutungsansätze
- VII.3.4 Lukanien im 7. Jahrhundert: Die Vitus-Passio als Anti-Mythos
- VII.3.5 Der Anti-Mythos als Spiegel paganer Motive
- VII.3.6 Wege der Neutralisierung: Die Vitus-Passio im hagiographischen Kontext
- VII.3.7 Westfalen im 9. bis 11. Jahrhundert: Der Heilige am Sternenhimmel
- VII.3.8 Der Crater Liberi, die Seelenwanderung, der Fall des Drachen und die fallende Sucht
- VII.3.9 Deutschland im Spätmittelalter: Vitus als Nothelfer
- VII.3.10 Oberrhein und Schwaben um 1500: Vitus als Patron der Tanzwut
- VII.4 Der Veitstanz in der beginnenden konfessionellen Auseinandersetzung
- VII.5 Querschnitt: Die Hüter der Schwelle
- VIII. Fazit: Die Tanzwut als Schwellenzustand zwischen Jenseits und Diesseits, Gnade und Gottesferne
- VIII.1 Ergebnisse
- VIII.2 Ausblick
- VIII.3 Forschungsperspektiven
- Abkürzungen
- Quellen- und Literaturverzeichnis
- Register
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