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1
Teufels Küche
Die Sonne versengte meinen Rücken durch mein dünnes Shirt hindurch. Es war schon September, aber hier draußen in der Prärie hielt sich die Hitze noch mit hochsommerlichem Ungestüm.
Ich versuchte es an dem Tor im Stacheldrahtzaun, doch es war mit einem schweren Vorhängeschloss versperrt; als ich kräftig dagegendrückte, um zu sehen, ob ich durch den Spalt schlüpfen konnte, verbrannte das Metall mir die Finger. Oben auf dem Torpfosten waren eine Kamera und ein Mikrofon montiert, aber beides war zerschossen.
Ich trat ein Stück zurück und blickte mich in der leeren Landschaft um. Mein Wagen war weit und breit das einzige Auto gewesen, seit ich vom Abzweig in Palfry auf einer Schotterstraße hierher geholpert war. Bis auf die Krähen, die Kreise zogen und immer wieder auf das gegenüberliegende bräunliche Maisfeld hinabstießen, war ich völlig allein. Ich fühlte mich winzig und verwundbar unter der blauen Himmelsschüssel. Sie spannte sich in alle Richtungen über der Erde, schien die Luft auszusperren, ließ nichts durch als Licht und Hitze.
Trotz Sonnenbrille und Schirmmütze pochten meine Augen von dem grellen Hell. Als ich rund ums Haus nach einem Loch im Zaun suchte, waberten purpurrote Rauchkringel vor meinem Sichtfeld.
Das Haus selbst war alt und baufällig. Die meisten Fensterscheiben waren gesprungen oder herausgebrochen. Jemand hatte Sperrholzplatten davorgenagelt, sich aber keine große Mühe gegeben: An etlichen Stellen hingen die Platten lose, nur von ein oder zwei Nägeln gehalten. Hinter dem Sperrholz hatte irgendwer Pappe oder schmuddeligen Stoff in die geborstenen Rahmen gestopft.
Über dem Stahlzaun war Natodraht gespannt, um Eindringlinge wie mich zu entmutigen. Schilder warnten vor Wachhunden, aber ich hörte kein Gebell oder Schnüffeln, als ich das Gelände umrundete.
Vorne stand das Haus dicht am Zaun und an der Straße, aber nach hinten fasste die Umzäunung einen Streifen Land ein. In einer Ecke war ein alter Schuppen in sich zusammengefallen. Daneben hatte jemand eine riesige Grube ausgehoben, die mit Unrat gefüllt war und nach Chemikalien stank. Allerlei Behälter, Sprühdosen mit Lösungsmittel und weiteres Zubehör einer Methküche rangen mit Kaffeesatz und Hähnchenknochen um die Geruchsdominanz.
Und hinter dem Schuppen fand ich auch die Öffnung, die ich brauchte. Jemand mit einem großen Bolzenschneider war vor mir da gewesen und hatte ein Stück Zaun entfernt, breit genug, um mit einem Auto hindurchzufahren. Die Schnitte sahen frisch aus, der Stahl an den Drahtenden blinkte noch im Gegensatz zu dem sonstigen stumpfen Grau. Als ich durch die Öffnung trat, kribbelte es in meinem Nacken, und nicht nur wegen der Hitze. Ich wünschte mir, ich hätte meine Kanone dabei, aber als ich Chicago verließ, hatte ich noch nicht geahnt, dass ich auf dem Weg zu einer Drogenküche war.
Wer immer den Zaun zerschnitten hatte, war ähnlich ökonomisch mit der Hintertür umgegangen, indem er sie so eintrat, dass sie nur noch an einer Angel hing. Der Geruch, der aus der Türöffnung drang - metallisch, wie eine Mischung aus Eisen und verwesendem Fleisch -, war nur allzu leicht einzuordnen. Ich zog mir mein Shirt über die Nase und spähte vorsichtig hinein. Ein Hund lag gleich hinter der Schwelle, die Brust aufgeplatzt. Etwas Großkalibriges hatte ihn niedergestreckt, als er versuchte, das Gesocks zu verteidigen, bei dem er lebte.
»Du armer alter Rottweiler, wenn deine Mama wüsste, dass du eine Drogenhöhle bewachen musstest«, flüsterte ich. »Nicht dein Fehler, Junge, falscher Ort, falsche Zeit, falsche Leute.«
Fliegen arbeiteten geschäftig an seinen Wunden, die Enden seiner Rippen lagen schon frei, weiße Flecken zwischen dem Schwarz aus geronnenem Blut und Muskeln. Seine Augen hatten die Insekten gegessen. Ich spürte, wie mir das Mittagessen hochkam, und eilte die Stufen hinunter, um neben die Grube beim Schuppen zu kotzen.
Auf wackligen Beinen ging ich zu meinem Wagen und ließ mich in den Fahrersitz fallen. Ich trank etwas Wasser aus der Flasche, die ich dabeihatte. Es war so warm wie die Luft und schmeckte nach Plastik, aber es besänftigte meinen Magen. Ein paar Minuten blieb ich sitzen und sah zu, wie in der Ferne ein Farmer auf einem Acker auf und ab fuhr, wobei er um sich herum eine Staubwolke aufwirbelte. Er war zu weit weg, um etwas zu hören. Die einzigen Geräusche kamen vom Wind im Maisfeld und den Krähen, die darüber kreisten.
Als meine Beine und mein Magen sich halbwegs erholt hatten, nahm ich das große Strandtuch vom Rücksitz, das ich für meine Hunde benutze. Im Kofferraum fand ich ein altes T-Shirt und schlitzte es auf, so dass ich es mir über Nase und Mund binden konnte. Mit dieser selbstgebastelten Maske bewehrt kehrte ich zum Haus zurück. Ich wedelte mit dem Strandtuch, bis die meisten Fliegen vertrieben waren, dann deckte ich es über den Hund.
Ich stieg über seine Leiche und trat in des Teufels Höllenküche. Ein zerschrammter, ehemals weißer Geschirrschrank stand voller Dosen mit Starthilfespray, Abflussreiniger, halbvollen Marmeladengläsern mit übel aussehenden Flüssigkeiten, Pipetten, Inhalatoren sowie Kanistern mit der Aufschrift Salzsäure. Eine behelfsmäßige Abzugshaube mit einem Lüftungsrohr war über dem Geschirrschrank angebracht. Halb begraben unter dem ganzen Mist lagen ein paar Industrie-Atemschutzmasken.
Wer immer die Tür eingetreten hatte, hatte auch das Linoleum vom Boden gerissen und einige der modrigen Dielen darunter aufgehebelt. Ich ging in die Hocke und richtete meine Taschenlampe in eine Lücke zwischen den freigelegten Balken. Auf dem nackten Erdboden unter mir stand ein Boiler, eine Heizungsanlage, aber keine Leichen in meinem Sichtfeld. Kühle Luft stieg aus dem Keller auf, dazu ein Geruch modernden Laubs, der verglichen mit den Chemikalien ringsum urgesund wirkte.
Ich richtete mich auf und schwenkte mein Licht im Raum umher. Es war schwer zu sagen, welchen Teil des Chaos die Hundemörder angerichtet hatten und was von den Bewohnern stammte.
Ich stieg über achtlos zu Boden geworfene Kanister, umrundete ein paar Heizlüfter und drang in die hinteren Räume vor.
Es war ein altes Farmhaus mit einem Vorderzimmer, das einst ein repräsentativer Salon gewesen war, schloss man von den Scherben der Zierfliesen rund um den unbenutzten Kamin. Sie waren aus dem Sims herausgebrochen und zerschmettert worden. Den alten Sekretär hatte jemand als Zielscheibe benutzt. Eine wütende Hand hatte die Schubladen zertrümmert und Papiere über den Boden verteilt.
Ich bückte mich, um sie mir anzusehen. Hauptsächlich Mahnungen von der Kreisverwaltung für Steuern und Müllabfuhr. Die Bibliothek von Palfry forderte die Vom Winde verweht-Ausgabe zurück, die Agnes Schlafly 1979 ausgeliehen hatte.
In Fetzen gerissene Fotos waren alles, was von einem wild misshandelten Fotoalbum noch übrig war. Als ich es zurück auf den Haufen fallen ließ, rutschte jedoch ein unbeschädigtes Bild heraus. Es war ein altes Foto, verblichen und leicht zerschrammt, und zeigte eine Gruppe Menschen vor einem großen Metall-Ei, das auf einem gigantischen Dreifuß befestigt war. Es sah aus wie die Comicversion einer eben gelandeten außerirdischen Raumkapsel, doch die Leute blickten mit feierlichem Stolz in die Kamera. Drei Frauen in den länglichen Kleidern und dickhackigen Schuhen der 1930er saßen in der Mitte, fünf Männer standen hinter ihnen, alle in Jackett und Krawatte.
Ich starrte es stirnrunzelnd an und fragte mich, was das Metall-Ei darstellen sollte. Röhren liefen hindurch, womöglich war es der Prototyp einer Maschine, die Milch direkt von der Kuh zum Kühlschrank beförderte. Weil es so bizarr aussah, steckte ich es ein.
Der angrenzende Raum enthielt ein paar Klapptische und Stühle mit abgebrochenen Rückenlehnen. Leere Pizzaschachteln, Hühnerknochen und eine Müslischale, in der Schimmel wuchs: ein Bosch-Stillleben.
Eine Treppe führte in den ersten Stock; darunter war eine verstopfte Toilette eingebaut. Eine bessere Detektivin als ich hätte vielleicht hineingesehen, doch der Geruch verriet mir schon mehr, als ich wissen wollte.
Am oberen Ende der Treppe lagen drei Schlafzimmer unter dem Dachstuhl. Zwei enthielten bloß Matratzen und Plastikkörbe. Die waren umgekippt und schmutzige Wäsche über den Boden verteilt. Die Matratzen waren aufgeschlitzt, Fetzen der Füllung bedeckten die Dreckwäsche. Im dritten Schlafzimmer hatten ein richtiges Bett und eine Kommode gestanden, aber auch sie waren jetzt Kleinholz. Ein Porträtfoto von einer jungen Frau mit Baby im Arm war aus dem Rahmen gerupft, der entzweigebrochen auf dem zerfetzten Bettzeug lag. Ich hob das Foto auf, vorsichtig, berührte es nur an den Rändern. Die Farben waren stark verblasst, so dass ich das Gesicht der Frau nicht richtig erkennen konnte, bloß einen Heiligenschein aus dunklen Locken. Ich schob das Bild in meine Schultertasche zu dem von der Milchkapsel.
Ein großes Poster von Judy Garland mit der Titelzeile Somewhere Over The Rainbow hing nur noch an einer Ecke über der Bettstatt, das Klebeband an den anderen Seiten war abgerissen. Sollte das der Witz eines Drogenkonsumenten sein? Way up high? Es fällt schwer, sich Methsüchtige als Meister der Ironie vorzustellen - aber es ist wiederum leicht, Vorurteile gegen Leute zu hegen, die man nie kennengelernt hat.
Die wenigen Sachen im Schrank - ein goldenes Abendkleid, ein Samtjackett, einst kastanienbraun, und eine Designerjeans - waren ebenfalls zerschlitzt. »Du hast wohl irgendwen stinksauer...
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