
Pageboy
Description
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Ergreifend und ungeschönt erzählt Elliot Page in seinem Memoir von seinem langen Weg zu sich selbst.
Elliot Page wurde mit Hauptrollen in "Juno" oder "Inception" weltberühmt. Mit 33, im Dezember 2020, outete er sich über Instagram als trans. In seinem ersten Buch erzählt Elliot Page die Geschichte seines einzigartigen Lebens, das ihm seine Transition gerettet hat. Vom Aufwachsen in der kanadischen Hafenstadt Halifax, vom Erwachsenwerden im von traditionellen Geschlechterrollen besessenen Hollywood. Vom Entdecken der eigenen, tabuisierten Sexualität und der tiefgreifenden Scham vor dem eigenen Körper. Von traumatischen Hassverbrechen, von fantastisch anmutenden Erfolgen. Vom Finden der eigenen Identität und der andauernden Reise zu sich selbst. Ein Buch von aufwühlender Schönheit und politischer Schlagkraft.
"Dies ist die Geschichte von jemandem, der sich selbst findet – inmitten von Hindernissen, Scham, Hoffnungslosigkeit und Schmerz. Der daraus auftaucht und auf eine Weise erblüht, die er nie für möglich gehalten hätte." Elliot Page
Reviews / Votes
"Jetzt erzählt der Trans-Star seine berührende Geschichte."
"In Pageboy entsteht allein durch seine einzigartige Geschichte und den Mut der Hauptperson ein Kaleidoskop aus Perspektiven."
"Auf 300 Seiten beschreibt Page sehr bewegend und offen sein bisheriges Leben."
"In seinem ersten Buch nimmt er die Leser auf eine emotionale Reise."
"Pages Buch überzeugt dadurch, dass er sich in jedem Kapitel neu überwindet, seine Geschichte ehrlich und unverblümt zu erzählen."
"Page schreibt in seiner Biografie 'Pageboy' so zerbrechlich ehrlich wie nie über seine Transition und Erfahrungen als privilegierter und trotzdem traumatisierter Transmann in Hollywood."
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Content
2. Wetten dass?
WETTEN DASS? ELLEN PAGE STEHT AUF . - ich las die Überschrift und wurde blass. Der Artikel von Michael Musto erschien während des größten Rummels um den Erfolg von Juno in The Village Voice. Ich überflog ihn. Michael stellte darin Spekulationen über die sexuelle Orientierung einer Zwanzigjährigen an und schrieb Sätze wie: »Na los, jetzt sagt doch mal, ist sie??? Ihr wisst schon, Libanesin! Auf jeden Fall rennt sie rum wie ein Tomboy . Setzen wir die Lesbenteile doch mal zusammen. Ist Juno eine . ihr wisst schon was?«
Ich stand erst seit kurzem im Rampenlicht, aber auch während meiner Schulzeit in Kanada war ich schon als Lesbe beschimpft worden. Eine neue Dimension erreichten die Schikanen in der Highschool. Da war dann alles dabei, von Sticheleien der beliebtesten Mädchen bis hin zu so krassen Sachen wie in die Jungstoilette gezerrt werden. Umgeben von fremdem Uringestank wartete ich mit gerümpfter Nase, bis das Kichern sich entfernte - nur um beim Rauskommen in das finstere Gesicht meiner Englischlehrerin zu blicken: »Ab zur Schulleitung!« Ich entschuldigte mich. Ich sagte nicht, dass die anderen mich reingeschubst hatten.
Kurz bevor das Mobben schlimmer wurde, hatte ich mir während eines Fußballturniers im Wohnheim der St. Francis Xavier University ein Zimmer mit einem Mädchen namens Fiona geteilt. Die Saint FX liegt in Antigonish, einer Kleinstadt am nordwestlichen Zipfel von Nova Scotia, einen Katzensprung entfernt von Cape Breton, und veranstaltet die ältesten fortlaufenden Highland Games außerhalb Schottlands. Nova Scotia ist Latein für »New Scotland«, hieß aber ursprünglich Mi'kma'ki und war über zehntausend Jahre lang die Heimat der Mi'kmaq.
Ich kann mich immer noch an Fionas Lachen erinnern. Es stach glockenhell aus allen anderen Geräuschen heraus. Es drang in meine Ohren, erfüllte mich von innen. Ich wollte in ihrer Nähe sein, wollte, dass sie mich wollte. Ich war klein, aber zweikampfstark und schnell und spielte im rechten Mittelfeld. Sie war Ausputzerin, noch hinter der letzten Abwehrreihe, und zusammen mit unserer zentralen Mittelfeldspielerin Co-Kapitänin. Sie hatte Führungstalent, war autoritär, aber nett, und hielt uns den Rücken frei. Ich liebte es zu beobachten, wie sie mit dem Ball umging - mit starken, fließenden Bewegungen und einem Selbstbewusstsein, um das ich sie beneidete. Ich war verknallt.
Wir lagen auf gegenüberliegenden Seiten des Zimmers in unseren harten Betten, die Wände waren mit dunklem, billigem Holz verkleidet. Ich sah an die Decke und holte tief Luft. Sollte ich es rauslassen oder für mich behalten? Das Gefühl war sehr besonders, als würde ich einen Blick in eine mögliche Zukunft werfen.
»Ich glaube, ich bin vielleicht bisexuell«, sagte ich wie aus dem Nichts. Noch nie hatte ich irgendwem gegenüber irgendetwas Derartiges verkündet.
»Nein, bist du nicht«, antwortete sie sofort, eindeutig ein Reflex, und fing an zu lachen.
Diesmal klang es harsch und schneidend. Trotzdem hätte ich gerne mitgelacht. Queer sein ist nun mal komisch und falsch, oder? Im Aufklärungsunterricht musste das Wort »Homosexualität« nur erwähnt werden, und alles prustete und gackerte los. Die Sitcoms, die ich nach der Schule guckte, schlugen in dieselbe Kerbe. Jedes Mal, wenn ein Witz darüber gemacht wurde oder ich einen machte und die anderen lachten, blieb etwas kleben, wie Scheiße unter den Schuhen. Ein Scheinwerferkegel, der auf der Bühne von rechts nach links schwenkte. Und ich hoffte, beim Aus-der-Reihe-Tanzen nicht ertappt zu werden.
Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie der Wortwechsel mit Fiona weiterging, nur an das verhallende Lachen und die harte Matratze.
Ich konnte nicht schlafen, deshalb stahl ich mich gegen fünf Uhr morgens auf den hell erleuchteten Flur, um zu lesen. Kurt Vonnegut war der erste Autor, den ich wirklich mochte, mit seinem Du-weißt-schon-wem eine Nase drehen. Gerade las ich Mutter Nacht, einen Roman über moralische Ambiguität. »Wir sind, was wir vorgeben zu sein, also sollten wir gut aufpassen, was wir zu sein vorgeben«, schrieb Vonnegut. Allein auf dem Flur sitzend, grübelte ich über diese Worte nach. Und schon war die unterschwellig stets vorhandene Scham wieder da. Mir war etwas durch die Finger gerutscht, und ich bekam es nicht mehr zu fassen. Ich sehnte den Sonnenaufgang herbei.
Wir frühstückten alle zusammen im Gemeinschaftsraum. Es gab Bagels von Tim Hortons und eine große Tüte Orangen, die irgendwelche Eltern mitgebracht hatten. Die Erwachsenen guckten uns zu, während sie ihren Kaffee tranken. Ich aß schweigend. Da ich nicht wusste, wie ich Fiona in die Augen sehen sollte, hielt ich es für das Beste, ihr aus dem Weg zu gehen. Also nahm ich meine Schienbeinschoner, um noch vor den anderen auf dem Platz zu sein und mich fürs Spiel aufzuwärmen.
»Lesbe.« Das Wort, flankiert von jenem hämischen Grinsen, das mir noch so oft begegnen sollte, traf mich mit voller Wucht. Pure Schadenfreude: Ha, zum Glück bin ich nicht wie du. Gesagt hatte es eine von Fionas beliebten Freundinnen. Und es tat weh. Ein Wort wie ein Stich, ein kurzer, punktueller Schmerz, der bleibt.
Danach war alles anders. Als wäre ein Band durchtrennt worden. Ich bekam die Tuscheleien mit, die veränderte Energie, die Spekulationen. Aber vielleicht war das auch für etwas gut? Irgendwann musste der wackelnde Zahn ja rausgerissen werden.
Ein paar Monate später besuchten mein Vater und ich meine Großmutter. Sie wohnte in Lockeport, einem kleinen Fischerdorf mit etwas mehr als fünfhundert Einwohner*innen an der Südküste Nova Scotias. Im Hafen liegen Fischerboote, festgemacht am langen Pier, in Farben wie Weihnachtsbeleuchtung. Ausgeblichenes Gelb, verblasstes Rot, verschiedene Blautöne. Ein Nova-Scotia-Postkartenmotiv.
Als ich noch ein Kind war, fuhr mein Vater immer am 1. Juli mit mir nach Lockeport. Am 1. Juli ist Canada Day, der kanadische Nationalfeiertag. Ähnlich wie der 4. Juli, nur geht es dabei weniger um die Unabhängigkeit von der britischen Krone, sondern vielmehr um »Kanadas Geburtstag«. Als weißes Kind hatte ich keine Ahnung von Kanadas Geschichte, lernte nichts über unsere Wurzeln, den Völkermord, den strukturellen Rassismus, die Segregation.
Ich dachte damals, am Canada Day ginge es um Feuerwerk, eine Parade, Strawberry Shortcake im Kirchenkeller und, mein liebstes Event an diesem Tag, den »grease pole«. Ein langer, dünner Baumstamm wird so auf den Pier gelegt, dass er mehrere Meter übers Hafenbecken hinausragt, hoch über dem Wasser. Das harte Holz ist dick mit Schmalz beschmiert, und ganz am Ende des Stamms liegt unter einem dicken Schmalzklumpen ein Bündel Geldscheine, das die Teilnehmenden sich zu angeln versuchen. Dafür gibt es praktisch nur zwei Strategien. Bei der einen robbten die Leute langsam, Stück für Stück, auf dem Bauch vorwärts, was meistens misslingt. Der Trick scheint zu sein, so schnell es geht über den Stamm zu rutschen, und beim Sturz in den eisigen Atlantik noch möglichst viel Geld zu erwischen. Beim Auftauchen werden dann bibbernd die ins Wasser gefallenen Scheine eingesammelt. Darüber kreisen die Möwen, die es auf das schwimmende Fett abgesehen haben. Nein, ich hab's nie ausprobiert.
Meine Großmutter wohnte immer noch in dem kleinen Haus, in dem mein Vater aufgewachsen war. Zwei Stockwerke mit vier Zimmern und weißer Verkleidung. Dahinter Wald, endloser Wald. Auf der anderen Straßenseite lag der Gemischtwarenladen meines Großvaters, Page's Store. Den Laden gibt es noch, obwohl ich nicht weiß, wie er inzwischen heißt. Er hat jetzt eine Tanksäule.
Die Zimmer im oberen Stockwerk waren durch einen Schrank miteinander verbunden, einen Tunnel, der von einem Raum zum anderen führte. Als Kind versteckte ich mich gern darin, begab mich in eine andere Dimension. Die Tür war winzig, wie für mich gemacht. Ich zog an der Kette der nackten Glühbirne und beleuchtete meine gesammelten Schätze. Wie im Film. Ich inspizierte die Schachteln mit Gewehrkugeln, die Augen zusammengekniffen wie ein Juwelier, fasziniert, dass etwas so Klitzekleines die Böcke töten konnte, die ich durch die Wälder preschen sah. Ihre stoischen Körper, die eigentlich viel zu großartig waren, um wegen so etwas Winzigem ins Wanken zu geraten und zusammenzubrechen.
»Dennis, was machst du, wenn Ellen lesbisch ist?«, fragte meine Großmutter meinen Vater, während wir alle zusammen in ihrem Wintergarten saßen. Sie fragte es im selben scharfen Tonfall, in dem sie sonst rassistische Bemerkungen machte. Dabei hatte mir ausgerechnet diese Großmutter zur Geburt einen Bären mit Regenbogenmuster an Pfoten und Ohren geschenkt. Um es mit Alanis Morissette zu sagen: »Isn't it ironic?« Inzwischen war ich sechzehn und hatte mir erst vor kurzem für einen Film die Haare abrasiert. Im Fernsehen lief ein Spiel der Blue Jays. Baseball war der Lieblingssport meiner Großmutter und Toronto ihr heißgeliebtes Team, oder war es Boston? Es war einer unserer letzten Besuche, bevor sie starb. Was sie wohl von ihrem Enkelsohn hielte, wenn sie noch leben würde? Regenbogenmuster würde sie wahrscheinlich nicht mehr aussuchen. Obwohl, Menschen können sich auch ändern.
Zeitgleich mit dem Erfolg von Juno sagten mir verschiedene Leute aus der Filmbranche, es dürfe auf keinen Fall irgendwer erfahren, dass ich queer sei. Es wäre nicht gut für mich, ich dürfe mir nicht meine Möglichkeiten verbauen, ich solle ihnen...
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