
Nachteule
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"Die Grande Dame des raffinierten Verbrechens beherrscht das Metier wie niemand sonst."
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Schon als Vierjährige erfuhr ich von meinen Eltern, dass sie mich adoptiert hatten. Verschweigen hätte auch keinen Sinn gemacht, weil man gar nicht unterschiedlicher aussehen könnte. Mein Vater Ewald ist ein nordischer Riese, sommersprossig und hellhäutig, meine Mutter Silvia stammt aus dem Rheinland, ist eher ein mediterraner Typ und könnte auch für eine Französin oder Schweizerin gehalten werden. Bei mir dagegen sieht man sofort, dass ich von einem indigenen Volk aus einem anderen Erdteil abstamme. Deswegen kommt es immer wieder zu ärgerlichen Situationen. Auf die Feststellung meiner Mitmenschen: »Ich bewundere Ihr perfektes Deutsch«, reagiere ich stets mit einem Gegenkompliment: »Und ich Ihren breiten Dialekt!« Die ewige Frage nach meinem Migrationshintergrund ist durch mein Aussehen zwar nachvollziehbar, aber sie zeigt mir auch, dass man mich doch ausgrenzt und manchmal wie ein Kleinkind anspricht.
Wie bei den meisten Babys war mein erstes Wort Mama, und danach folgte das übliche Geplapper: Heia, Papa, Wau-Wau. Doch schon mit drei Jahren sprach ich in kurzen, weitgehend korrekten Sätzen. Es mag vor allem daran gelegen haben, dass sich meine Eltern besonders viel Mühe mit meiner Spracherziehung gaben und später auch verhinderten, dass ich mir den Szenejargon Gleichaltriger angewöhnte. Wahrscheinlich wirkte ich oft recht altklug, wenn ich zum Beispiel die ewigen Sprichwörter meiner Mutter nachschwätzte und sagte: »Übermut tut selten gut!«, oder sogar den Mitschülern predigte: »Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr!«
Erst mit achtzehn Jahren lernte ich etwas Spanisch, weil ich irgendwann die Heimat meiner unbekannten Vorfahren besuchen wollte. Ein Kurs in Quechua wurde leider nirgends angeboten.
»Ich bin stolz auf meine blonden Haare«, sagte eine Klassenkameradin.
»Dann hast du dir sicher viel Mühe beim Färben gegeben«, meinte ich. Noch nie habe ich verstanden, wieso man auf etwas stolz ist, für das man überhaupt nichts kann. Da war ein Junge stolz auf seine adligen Vorfahren, eine eingebildete Gans war es, weil ihr Urgroßvater Widerstand gegen die Nazis geleistet hatte. Auf mein perfektes Deutsch kann ich ebenso wenig stolz sein wie auf meine kräftigen schwarzen Haare oder meine Luchsaugen, aber auf schlagfertige Antworten schon eher.
Meinen Vornamen Luisa hatten meine Eltern mit Bedacht gewählt, weil er mit seinen drei verschiedenen Vokalen gut klingt. Mein Nachname Müller kann dagegen gar nicht deutscher sein. Angeblich hatte mein Vater erwogen, mich Inka oder Maya zu nennen, was meine Mutter zum Glück aber nicht zuließ.
Natürlich würde ich gern wissen, von wem ich abstamme, aber da man mich kurz nach meiner Geburt vor der Tür eines südperuanischen Missionskrankenhauses abgelegt hat, konnte man auch dort keine Auskunft erteilen. Man nimmt aber an, dass ich die uneheliche Tochter einer Minderjährigen bin. Manchmal frage ich mich, ob ich meine besondere Fähigkeit von meinen unbekannten Verwandten geerbt habe oder ob es sich um eine Mutation handelt.
Ich weiß nicht genau, wie alt ich war, jedenfalls ging ich noch nicht zur Schule, als ich meine Eltern in ungläubiges Staunen versetzte. Bisher hatten sie sich bloß darüber amüsiert, dass ich gruselige Märchen liebte, eine blühende Fantasie hatte und sogar schaurige Geschichten selbst erfand. Angstlust ist bei Kindern jedoch nichts Ungewöhnliches. Aber nach diesem Erlebnis fanden sie meine Wahrnehmungen fast ein wenig unheimlich.
Es war ein Winterabend und draußen stockdunkel. Ich lümmelte im Bademantel auf dem Sofa, hatte eine Kindersendung gesehen und sollte nun ins Bett gehen. Weil ich noch nicht besonders müde war, wollte ich Zeit schinden.
»Gibt es bald Schnee?«, begann ich die Unterhaltung. Meine Eltern wussten es nicht, deshalb schwang ich mich auf das Fensterbrett und blickte sehnsüchtig in den dunklen Garten hinaus.
»Draußen steht ein Mann«, sagte ich. Meine Mutter schaute auch hinaus und schüttelte den Kopf. »Das bildest du dir bloß ein, in dieser pechschwarzen Winternacht kann man nicht mal die Hand vor den Augen sehen!«, stellte sie fest.
»Doch, neben dem Kirschbaum steht einer«, sagte ich, und nun blickte auch mein Vater von seiner Zeitung hoch.
»Du bist ein kleiner Angsthase!«, sagte er. »Ich glaube, du hast dir zu viele Räubergeschichten ausgedacht und solltest jetzt allmählich die Flatter machen. Mama liest dir noch etwas vor, aber bestimmt keine Gruselmärchen .«
»Ich gehe nicht ins Bett, wenn draußen ein Mörder auf uns lauert«, sagte ich.
Meine Eltern sahen sich an und grinsten.
»Ich kann dir beweisen, dass du ein bisschen spinnst«, sagte jetzt mein Papa und drückte auf einen Schalter, der den Garten plötzlich in Flutlicht tauchte. Und jetzt sahen meine Eltern mit eigenen Augen, dass unter dem Kirschbaum ein schwarz gekleideter Mann stand, der mit einem Fernglas in unser helles Wohnzimmer starrte. Als er so unerwartet angestrahlt wurde, geriet er in Panik und flitzte davon.
»Das kann ja wohl nicht wahr sein!«, rief meine Mutter entsetzt, griff zum Handy und wählte den Notruf.
Auch mein sonst so gelassener Vater geriet in Wallung, riss die Terrassentür auf und stürmte in Pantoffeln in den hell erleuchteten Garten hinaus. Unter dem Kirschbaum fand er tatsächlich einen schwarzen Handschuh, der nicht von uns stammte. Während meine Mutter noch telefonierte, packte mich mein Vater am Schlafittchen.
»Wieso konntest du den Mann im Dunkeln sehen? Steht er vielleicht nicht zum ersten Mal in unserem Garten?«
Ich schüttelte den Kopf, denn ich hatte den Fremden noch nie zuvor bemerkt. Meine Eltern musterten mich sowohl ungläubig als auch ratlos. Als dann ein Polizeibeamter erschien, ließ er sich den Sachverhalt schildern, machte sich Notizen und kassierte den fremden Handschuh als Beweismittel. Es war aber klar, dass er die ganze Geschichte nicht besonders ernst nahm und eher an einen Voyeur als an einen Einbrecher dachte.
Meine Eltern beruhigten sich allmählich, ich durf?te bei ihnen im Ehebett schlafen und hatte am nächsten Tag den schwarzen Mann im Garten fast wieder vergessen. Doch mein Vater anscheinend nicht.
Als es draußen dunkel geworden war, sagte er: »Wir machen jetzt mal ein Experiment. Ich verstecke mich im Garten, und du sagst der Mama, ob du mich sehen kannst.« Papa ging in die schwarze Nacht hinaus, und nach fünf Minuten sollte ich ans Fenster kommen und Ausschau halten. Für mich war es kein Problem, meinen Vater sofort neben dem Geräteschuppen zu entdecken. Dann schaltete meine Mama das Licht an und starrte mich schon wieder fassungslos an, weil ich anscheinend im Dunkeln sehen konnte. Das Spiel wurde mehrfach wiederholt, aber auch wenn zur Abwechslung meine Mutter hinausging, hatte ich sie blitzschnell gesichtet.
Erst Jahre später erklärten mir meine Eltern, dass sie auf keinen Fall wollten, dass ich zum Objekt wissenschaftlicher Forschungen würde. Deswegen beschlossen sie, vorerst keine Ärzte zurate zu ziehen. Abgesehen davon wollten sie wohl auch vermeiden, dass ich mich mit meiner einmaligen Gabe wichtig machen könnte. Durch mein Aussehen fiel ich sowieso schon aus dem Rahmen, sodass ich nicht zusätzlich durch unglaubwürdige Behauptungen auf?fallen sollte. Kurz vor meiner Einschulung beschloss meine Mutter allerdings, doch mal mit mir zum Augenarzt zu gehen.
»Ein Sehtest«, sagte sie.
Der Mann im weißen Kittel war ein freundlicher älterer Herr. »Kannst du schon die Zahlen?«, fragte er. Ich war etwas gekränkt, denn ich konnte mehr als das, nämlich lesen und meinen Namen schreiben. Die Prüfung meiner Sehschärfe war keine Herausforderung und schnell beendet.
»Gratuliere«, sagte der Arzt zu meiner Mutter. »Alles bestens, Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen.«
»Ich kann im Dunkeln sehen .«, begann ich. Der Arzt beugte sich zu mir herunter und tätschelte meinen Kopf.
»Du bist also eine kleine Hellseherin? Aber da bist du nicht die Einzige, das können nämlich viele Kinder! Doch was seht ihr, wenn ihr allein im dunklen Schlafzimmer seid? Immer bloß Gespenster! Dabei wisst ihr doch genau, dass Geister unsichtbar sind und euch die Fantasie einen Streich gespielt hat. Zum Beispiel kann ein weißes Hemd auf einer Stuhllehne .«
»Ich sehe keine Gespenster«, unterbrach ich ihn. »Ich sehe Mörder und Einbrecher!«
Der Arzt lächelte. »Dann solltest du Polizistin werden«, meinte er und an meine Mutter gerichtet: »Am Abend lieber keine Krimis erlauben!« Dann reichte er ihr zum Abschied die Hand, mir wuschelte er erneut übers Haar.
Im Laufe der Zeit musste ich feststellen, dass man mir sehr oft und fast beiläufig über meinen schwarzen Schopf strich. Es mochte daran liegen, dass ich etwas kleiner war als gleichaltrige Kinder, vielleicht auch, weil mein rundes Gesicht mit der flachen, aber breiten Nase und den mandelförmigen Augen einen Beschützerreflex auslöste. Doch ich empfand diese Geste, die wohl meistens freundlich gemeint war, als übergrif?fig.
Einmal im Monat aßen meine Eltern und ich in einem altmodischen Wirtshaus, wo es meistens lange dauerte, bis das Gewünschte auf den Tisch kam. Um die Wartezeit zu überbrücken, spielten wir immer das Spiel »Ich sehe was, was du nicht siehst«, dazu musste man noch die betreffende Farbe ergänzen. Nun war es allerdings so, dass ich zwar in allen dunklen Ecken etwas entdeckte, was...
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