
Am Ende des Fegefeuers.
Description
Alles über E-Books | Antworten auf Fragen rund um E-Books, Kopierschutz und Dateiformate finden Sie in unserem Info- & Hilfebereich.
All prices
More details
Other editions
Additional editions

Person
Content
Freitag, 16. September 2011
Nach zehn Nachtdiensten hat Michael jetzt acht Tage frei. Er wird heute nicht schlafen, sondern versuchen, in einen normalen Tag-Nacht-Rhythmus zu kommen. Er macht ein wenig Ordnung, geht mit dem Staubsauger durch die Wohnung, stellt die Spülmaschine an und wischt über die Flächen in der Küche. Gegen elf bringt er den Müll hinunter und geht einkaufen. Lebensmittel, ein paar Brötchen und eine Zeitung. Auf dem Rückweg öffnet er den Briefkasten und ein Stapel Papier fällt ihm entgegen. Er hat keine Lust, die Werbung auszusortieren, und nimmt einfach alles mit.
Oben angekommen, legt er die Post zur Seite, er erwartet nichts. Er kocht Kaffee, schmiert sich die Brötchen und setzt sich aufs Sofa, um Zeitung zu lesen. Sein Kater Peter lässt sich auf seinem Schoß nieder und schnurrt, als Michael ihm den Nacken krault. Nach einer Weile fallen Michael doch die Augen zu.
Das Klingeln des Telefons lässt ihn hochschrecken. Als er das Gerät endlich findet, hat es aufgehört und der Anrufbeantworter ist angesprungen. Die Nummer auf dem Display ist ihm unbekannt, die Vorwahl hingegen vertraut. Er wartet die Ansage ab. Niemand sagt etwas. Wer ihn aus der Gegend wohl anruft? Eigentlich hat er gar keinen Kontakt mehr dorthin. Wieder ein Klassentreffen? Er versucht sich zu erinnern, wie viel Zeit seit dem Abi vergangen ist, aber er ist zu müde zum Denken, ihm fällt nicht einmal sein Abi-Jahrgang ein. Er setzt sich auf das Sofa und sieht die Post durch. Ein Anzeigenblatt, das Faltblatt einer Pizzeria, Prospekte vom Supermarkt, Baumarkt und dergleichen, ein Kontoauszug wie jede Monatsmitte. Und ein weißer Umschlag mit einem Sichtfenster. Der Absender kommt aus seinem Heimatort. Also doch wieder ein Klassentreffen? Dr. Gernot Sonneburg, Rechtsanwalt und Notar. Das sagt ihm nichts, was aber nicht bedeutet, dass er nicht doch einen Klassen- beziehungsweise Abi-Jahrgangskameraden dieses Namens gehabt haben könnte. War nicht erst letztes Jahr Klassentreffen? Nein, jetzt fällt es ihm wieder ein. Es war vor drei Jahren, er ist Abi-Jahrgang 1983. Dann kann doch nicht jetzt schon wieder Klassentreffen sein, oder?
Michael öffnet den Umschlag und entfaltet ein Blatt:
»Sehr geehrter Herr Weber,
wir bedauern Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihre Großmutter väterlicherseits, Frau Elfriede Weber, am 14. September 2011 verstorben ist und sprechen Ihnen hiermit unsere aufrichtige Anteilnahme aus. Sie und Ihre Geschwister sind die einzigen überlebenden direkten Nachfahren von Frau Weber. Überdies liegt ein Testament von Frau Weber vor, in dem Sie drei als Erben eingesetzt sind. Weitere Verwandte, die Anspruch auf das Erbe hätten, sind nicht bekannt. Ich bin der Nachlasspfleger Ihrer Großmutter und als solcher beauftragt, die Erben von Frau Weber ausfindig zu machen.
Wir bitten dringend um Ihren Rückruf in dieser Angelegenheit. Falls Sie Kontakt zu Ihren Geschwistern haben, bitten wir Sie, diese zu informieren und sie ebenfalls zu bitten, uns dringend anzurufen.
Die Beisetzung Ihrer Großmutter findet am kommenden Donnerstag, den 22. September 2011 um fünfzehn Uhr statt.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Gernot Sonneburg«
Michael wählt die Telefonnummer, die im Briefkopf steht.
»Sonneburg Rechtsanwälte und Notare, Steiner, guten Tag.«
»Michael Weber, ich hätte gerne Herrn Doktor Sonneburg gesprochen.«
»Welchen Herrn Doktor Sonneburg möchten Sie denn sprechen?«
»Doktor Gernot Sonneburg.«
»Einen Moment bitte.«
»Hallo Michi, schön, dass du dich so schnell meldest. Entschuldige, dass mein Brief so förmlich war, aber ich hab lange überlegt, wie ich es machen soll …«
Der Mann spricht weiter, doch Michael hört ihm nicht zu, er überlegt krampfhaft, welcher seiner vielen Klassenkameraden der Mann am Telefon wohl sein könnte, denn anders kann er sich die vertraute Anrede nicht erklären.
»… Bist du noch dran, Michi? Du weißt nicht, wer ich bin?«
»Ich vermute, wir sind zusammen zur Schule gegangen.«
»Mehr als das.«
Michael denkt nach.
»Gernot Schmidt«, hilft ihm der Mann am anderen Ende der Leitung auf die Sprünge.
»Gernot, natürlich, ich bin gerade etwas müde im Kopf, ich hatte Nachtdienst.«
»Bist du Arzt oder so was?«
»Krankenpfleger.«
»Macht ja nichts.«
Michael lacht. »Nein, macht nichts.«
»Nein, ich meine, dass du dich nicht erinnerst. Ich heiße ja jetzt anders.«
»Du hast geheiratet?«
»Ja, vor einem halben Jahr.«
»Ja, dann herzlichen Glückwunsch. Ich erinnere mich noch gut an dich. Natürlich.«
»Natürlich.« Der Mann lacht trocken. »Wie schön, ich erinnere mich auch noch gut an dich.«
Michael weiß nicht, wie er auf die Ironie in der Stimme des Mannes reagieren soll. Des Mannes, der Gernot ist. Gernot, den er seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hat, denn als Michael seine Großeltern mütterlicherseits noch regelmäßig besuchte, war Gernot nicht da.
»Bist also wieder da«, stellt Michael fest.
»Ja, schon eine ganze Weile.« Gernot räuspert sich. »Tut mir leid mit deiner Großmutter, aber ich nehme an, ihr standet euch nicht sehr nah.«
»Ich wusste gar nicht, dass sie noch lebt. Sie muss ja steinalt gewesen sein.«
»Hunderteins.«
Michael schnalzt mit der Zunge. »Als ich sie zuletzt gesehen habe, war sie Anfang sechzig, und da kam sie mir schon alt vor. Jetzt erscheint mir das noch ziemlich jung.«
»Tja, so ändert sich die Wahrnehmung.«
Die beiden Männer schweigen.
»Und wie geht es jetzt weiter?«, fragt Michael.
»Du hast nicht zufällig Kontakt zu deinen Geschwistern?«
»Zu meinen Geschwistern?« Michael lacht. »Du weißt doch genau, dass meine Geschwister tot sind.«
»Nach allem, was ich weiß, sind sie noch am Leben.«
»Quatsch, Gernot.«
»Kein Quatsch, Michi.«
?
Der Regionalzug nach Rostock ist voller, als Lisa gedacht hätte. Sie steht eine Weile im Gang, ehe sie sich traut, eine junge Frau zu fragen, ob der Platz neben ihr frei ist. Die junge Frau nickt, nimmt ihren Rucksack weg und Lisa lässt sich in den Sitz fallen. Schräg gegenüber sitzen vier Mädchen. Lisa schätzt sie auf vierzehn, fünfzehn. Sie kichern und kreischen und können kaum eine Minute still sitzen. Normalerweise hätte Lisa sich gestört gefühlt, aber heute ist sie froh über die Ablenkung. Sie beobachtet, wie sie ständig die Plätze wechseln und sich gegenseitig mit ihren Mobiltelefonen fotografieren. Als an einer der Haltestellen der Geruch nach Mist hereinzieht, packen sie ein Duftspray aus. Von dem widerlich süßlichen Geruch wird Lisa fast schlecht. Dann doch lieber frische Landluft, denkt sie.
Wenn sie nicht die Mädchen beobachtet, blickt sie auf den blauen Bildschirm am anderen Ende des Abteils. Dort werden die Haltestellen mit den Ankunftszeiten angezeigt. Die junge Frau neben ihr studiert fotokopierte Seiten mit Zeichnungen und Gleichungen, eine Weile versucht Lisa, daraus schlau zu werden, aber es gelingt ihr nicht. In Fürstenberg wird der Zug bedeutend leerer, auch die vier Mädchen steigen aus. Lisa setzt sich auf einen frei gewordenen Platz am Fenster. Sie fühlt sich wohler, als sie es noch vor zwei Stunden für möglich gehalten hätte. Anscheinend schafft sie es tatsächlich, ihre Angst und ihren Schmerz hinter sich zu lassen, von Haltestelle zu Haltestelle entfernt sie sich weiter davon.
Es ist gut, dass sie gefahren ist, trotz allem. Zwei Tage lang hat sie mit der Entscheidung gerungen, seit Bettinas Absage.
Erst wollte sie auch ihren Arzttermin gestern absagen. Sie hat sich mit einer Flasche Wein betrunken und die halbe Nacht durchgeheult. Und am anderen Morgen beschlossen, den Kopf nicht in den Sand zu stecken. Sie würde einfach ihr Leben weiterleben, wie geplant, auch ohne Bettina.
Es wäre besser gewesen, sie hätte den Arzttermin verschoben. Jetzt möchte sie den Kopf in den Sand stecken. Wenigstens heute und morgen und übermorgen. Bis Montag.
In Rostock hat ihr Intercity Verspätung, sie hat Angst, ihren Bus zu verpassen, aber in Ribnitz-Dammgarten steht er noch vor dem Bahnhof, mit einer langen Schlange davor, in die Lisa sich einreiht.
Es fängt an zu regnen. Sie denkt an das Meer, das sie bald sehen wird, die Ostsee, die sie so liebt. Und an Ahrenshoop, den kleinen Ort, in den sie sich vor ein paar Jahren so heftig verliebt hat, dass sie ihn immer wieder besuchen muss, dass sie davon träumt, irgendwann einmal dort hinzuziehen.
Zum Glück geht das Einsteigen schnell. Lisa findet noch einen Platz für sich und ihren Koffer. Der Bus füllt sich immer mehr mit Schulkindern auf dem Nachhauseweg und Reisenden mit großen Koffern. Mittlerweile gießt es in Strömen und der Busfahrer weist niemanden ab. Endlich geht es los, eine Viertelstunde zu spät, aber Lisa hat ja keine Eile, die Busfahrt ist die letzte Etappe ihrer Anreise.
An den nächsten Haltestellen stehen auch Menschen und Lisa rechnet damit, dass der Busfahrer vorbeifahren wird, doch er lässt niemanden im Regen stehen. Lisa kann kaum glauben, wie viele Menschen in diesen Bus passen. Und wie freundlich und hilfsbereit sie trotz der Enge sind. Und alle kommen auch wieder heraus. Unversehrt und mit Gepäck. Auch Lisa.
Der Ort wirkt grau. Aber so ist das mit Geliebten, sie zeigen sich nicht immer von der besten Seite. Das hat sie auch Bettina begreiflich zu machen versucht. Es ist gar nicht notwendig, dass du immer perfekt bist. Und es ist erst recht nicht notwendig, dass du dich meinetwegen verbiegst. Du darfst hässlich sein und krank und schwach. Es darf in dir regnen.
So hat sie es ihr nicht gesagt, sie hat es anders formuliert....
System requirements
File format: ePUB
Copy protection: Adobe-DRM (Digital Rights Management)
System requirements:
- Computer (Windows; MacOS X; Linux): Install the free reader Adobe Digital Editions prior to download (see eBook Help).
- Tablet/smartphone (Android; iOS): Install the free app Adobe Digital Editions or the app PocketBook before downloading (see eBook Help).
- E-reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino and many more (not Kindle).
The file format ePub works well for novels and non-fiction books – i.e., „flowing” text without complex layout. On an e-reader or smartphone, line and page breaks automatically adjust to fit the small displays.
This eBook uses Adobe-DRM, a „hard” copy protection. If the necessary requirements are not met, unfortunately you will not be able to open the eBook. You will therefore need to prepare your reading hardware before downloading.
Please note: We strongly recommend that you authorise using your personal Adobe ID after installation of any reading software.
For more information, see our ebook Help page.
File format: ePUB
Copy protection: without DRM (Digital Rights Management)
System requirements:
- Computer (Windows; MacOS X; Linux): Use a reader that can handle the file format ePUB, such as Adobe Digital Editions or FBReader – both free (see eBook Help).
- Tablet/Smartphone (Android; iOS): Install the free app Adobe Digital Editions or the app PocketBook (see eBook Help).
- E-reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino and many more (not Kindle).
The file format ePUB works well for novels and non-fiction books – i.e., 'flowing' text without complex layout. On an e-reader or smartphone, line and page breaks automatically adjust to fit the small displays.
This eBook does not use copy protection or Digital Rights Management
For more information, see our eBook Help page.