
Der Islam in der Moderne
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Über den Autor
Wolfgang Günter Lerch, Jahrgang 1946, studierte Germanistik, Philosophie und Islamkunde. Er unternahm zahlreiche Reisen in den Orient und begleitete archäologische Explorationen, vor allem in die Türkei und nach Syrien. Seit 1978 ist er als Redakteur bei der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« für den Bereich Nordafrika und Naher Osten zuständig.
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Content
2 - Vorwort [Seite 8]
3 - Der Islam - eine andere Religion [Seite 12]
3.1 - Der Westen als "Ausreißer" [Seite 16]
3.2 - Der Koran als Mitte des Glaubens [Seite 18]
3.3 - Die drei großen Differenzen [Seite 22]
3.4 - Eine politische Religion [Seite 25]
4 - Muhammad im Inneren seiner Seelenwelt [Seite 28]
5 - Dschihad - "heiliger Krieg" im Islam [Seite 47]
5.1 - Krieg und Kampf im alten Arabien [Seite 49]
5.2 - Das Zeitalter der Eroberungen [Seite 52]
5.3 - Dschihad im islamischen Recht [Seite 53]
5.4 - Die anderen Formen des Dschihad [Seite 58]
5.5 - Wiedergeburt des Dschihad als Krieg [Seite 59]
6 - Die Stellung der Frau im Islam [Seite 65]
6.1 - Die Stellung der Frau vor dem Islam [Seite 69]
6.2 - Die Stellung der Frau im Koran [Seite 70]
6.3 - Die Frau im islamischen Recht [Seite 73]
6.4 - Einige Reizthemen [Seite 75]
7 - Rhythmen, Zyklen und Zersplitterung in der islamischen Geschichte [Seite 81]
7.1 - Das islamische Eschaton [Seite 84]
7.2 - Von einer Einheit zur Vielfalt [Seite 87]
7.3 - Die Kreisläufe des Ibn Khaldun [Seite 93]
7.4 - Die eigene Historiographie [Seite 98]
8 - Islam und Krise: Die große Demütigung [Seite 102]
8.1 - Ein Hort der Autokratie [Seite 103]
8.2 - Unbefriedigende Ursachenforschung [Seite 107]
8.3 - Tiefengründe der Konflikte [Seite 108]
9 - Ignaz Goldziher und seine Erben: Die Orientalistik [Seite 115]
9.1 - Vor neuen Herausforderungen [Seite 125]
10 - Islam und Demokratie - eine Ermunterung [Seite 129]
11 - Mehr eBooks bei www.ciando.com [Seite 0]
Das beliebteste Erklärungsmuster unverstandener Ereignisse im Orient ist bis heute die Verschwörungstheorie. Das arabische Wort dafür - "mu´amara" - wird von Politikern und Publizisten, Wissenschaftlern und Philosophen unverhältnismäßig häufig verwendet.
Es trifft nicht allein vermeintliche oder wirkliche Machenschaften islamischer Protagonisten, sondern findet vor allem auch auf Nicht- Muslime Anwendung, deren perfi der Politik man die Schuld am eigenen Versagen gibt. Jedenfalls oft genug. Alle, die auf irgendeine Weise mit der Region zu tun haben, kennen diese Erfahrung. Amerika und Israel sind dabei schnell als die Hauptdrahtzieher von Weltverschwörungen gegen den Islam ausgemacht. Nahrung finden die Verschwörungstheorien tatsächlich immer wieder dadurch, dass man historische Fakten anführen kann, die geeignet scheinen, sie zu bestätigen, und zwar immer und immer wieder: die Kreuzzüge, die christliche Reconquista in Spanien, die Piraterie der großen, zu Beginn des 16. Jahrhunderts aufstrebenden westlichen Seemächte, den Kolonialismus, den Imperialismus, den Kapitalismus mit seiner Globalisierung - dies das jüngste Stichwort einer "mu´amara". Vor allem die Prediger des Islamismus stoßen gerne in dieses Horn, enthebt es sie doch weiteren Denkens und Räsonierens über die eigene muslimische Befindlichkeit.
Auch die westlichen Islamforscher unterliegen gelegentlich diesem Verdikt von muslimischer Seite. Eklatantes Beispiel für die Beliebtheit der Verschwörungstheorie war seinerzeit die Behauptung des iranischen Revolutionsführers und Begründers der Islamischen Republik Iran, Ajatollah Ruhollah Chomeini (1902-1989), der Westen, die Amerikaner vor allem, habe die Gemeinde der Muslime, die Umma, mit politischer Absicht gespalten, damit sie ihm nicht geeint entgegentreten und somit Opfer seiner - des Westens - Manipulationen werden könne. Chomeini machte dies besonders für den Gegensatz zwischen Sunniten und Schiiten geltend, den er, jedenfalls zu diesem Zeitpunkt, aufgehoben sehen wollte. Es ging damals darum, den élan vital der iranischen, im Kern schiitischen Revolution auch in der übrigen, mehrheitlich sunnitischen Welt des Islams einzupflanzen.
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