
Verlorene Provence
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Ein Mord vor laufender Kamera - der zwölfte Band der Provence-Krimi-Reihe von Bestseller-Autor Pierre Lagrange
Frühling in Südfrankreich: Während in Cannes die glamourösen Filmfestspiele stattfinden, wird im Hinterland der Provence ein Remake des französischen Thriller-Klassikers »Die Mörderischen« gedreht - mit internationaler Star-Besetzung. Als einer der Hauptdarsteller vor laufender Kamera erschossen wird, mogelt sich der pensionierte Commissaire Albin Leclerc mitsamt seinem Mops Tyson in die Ermittlungen. Die Zahl der Verdächtigen ist groß, denn scheinbar jeder hat ein Motiv, vom eifersüchtigen Schauspieler über den rivalisierenden Regisseur bis zum undurchsichtigen Produzenten. Als es einen weiteren Mordanschlag gibt, wird Albin und Tyson klar: Ein Killer ist am Set. Und er ist noch nicht fertig.
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An manchen Tagen, dachte Albin, lag etwas in der Luft. Man spürte es, roch es, schmeckte es - also: abgesehen davon, dass Frühling war und die Provence süß und köstlich und frisch duftete. Irgendetwas war anders als sonst. Etwas kündigte sich an, zog herauf.
Heute war ein solcher Tag.
Es war schwer zu beschreiben, wie diese Art der Wahrnehmung funktionierte. Eigentlich gar nicht. Zum Beispiel wusste niemand genau, woher kreative Menschen ihre Inspirationen bekamen. Wenn man sie befragte, wie ihre Ideen zustande kamen, zuckten sie meist nur mit den Achseln und sagten: »Keine Ahnung, kam aus dem Nichts, ist mir plötzlich unter der Dusche eingefallen.« Tausende Forscher haben versucht, der Funktionsweise der Kreativität auf die Spur zu kommen, um sie für die Allgemeinheit nutzbar zu machen, damit endlich jeder ein Einstein oder Molière, Monet oder Bill Gates sein konnte.
Was aber nicht ging. Es gab keinen solchen Werkzeugkasten, und Genies blieben Genies. Wobei diese Bezeichnung von dem lateinischen Begriff »Genius« hergeleitet wurde und für ein Geistwesen stand, das jemandem einen göttlichen Gedanken einflüsterte. Und vielleicht stimmte das am Ende, und es handelte sich womöglich wirklich um eine Art übersinnliches Eingreifen, das man weder wissenschaftlich erklären noch künstlich nachempfinden konnte.
Ähnlich war es wohl mit den Vorahnungen. Weil Albin nicht den blassesten Schimmer hatte, wie es funktionierte und woher diese Ahnungen kamen, erklärte er es sich manchmal schlicht und ergreifend mit der Idee vom Äther. Das war so eine Art unsichtbarer Stoff, der den Raum füllte wie die Dunkle Materie das All. Die alten Griechen hatten den Äther als fünftes Element beschrieben. Auch in anderen Gegenden wie Indien gab es solche Konzepte, in der Alchemie ebenfalls.
Wenn man sich diesen Äther wie einen großen Teich vorstellte, in den jemand einen Stein warf, dann schlug er kleine Wellen. Es gab Interferenzen. Tiere konnten derlei Störungen wahrnehmen und Menschen mit besonders sensiblen Antennen und geschärften Sinnen ebenfalls. Heutzutage versuchten Wissenschaftler, einen solchen Spürsinn mit künstlicher Intelligenz nachzuahmen. Es gab Programme, die sich mit Verbrechensvorhersagen befassten, die mit Millionen von statistischen Daten gefüttert und die - zugegeben - immer besser wurden. Aber sie würden niemals so gut werden wie jemand, der zwar nur über sporadische Statistiken verfügte, allerdings über viel Erfahrung. Jemand, der von der Natur sozusagen ausersehen war, mit beiden Beinen im Ätherteich zu stehen und jeden geringfügigen Wellenschlag zu spüren oder wenn auch nur ein Lüftchen die Oberfläche kräuselte.
Menschen wie Ex-Commissaire Albin Leclerc. Er hatte wahrgenommen, dass heute einer dieser speziellen Tage sein würde, als er mit seinem Mops Tyson vor die Haustür getreten war, die bereits sehr warme Morgenluft inhaliert hatte und darauf den Rauch einer Gitanes folgen ließ. Sein Eindruck festigte sich, je näher Albin dem Café du Midi kam, wo er seinen zweiten Morgenkaffee einnehmen wollte.
Das Café du Midi wurde von seinem alten Freund Matteo geführt - eine für Frankreich typische Mischung aus Bar Tabac, Café und Bistro mit einem angeschlossenen Pétanque-Platz. Die früher rote Markise war längst von der Sonne verblichen, die Fläche vor dem Café unter den Platanen mit Kies bestreut. Darauf standen einige kleine Tische, und auf einem davon befand sich ein gelber Aschenbecher mit dem Aufdruck »Ricard«, der Albins Stammplatz markierte. Er nannte ihn gerne sein »Büro«, weil er dort regelmäßig saß und alles gut im Blick hatte - insbesondere wenn Streifenwagen vom nahen Hôtel de Police hier stoppten, weil sich die Besatzung einen Kaffee oder ein Eis holte. Albin nutzte diese Gelegenheiten, um einen Schwatz zu halten und an Informationen darüber zu gelangen, was in Sachen Kriminalität gerade so los war und was es ansonsten Neues gab.
Normalerweise hielt sich Matteo im Halbdunkel des Innenraums auf, bis Albin erschien. Dann kam er mit einem frisch gebrühten Kaffee heraus und einer Schale Wasser für Tyson. Das Ritual war so verlässlich wie das Amen in der Kirche. Man konnte die Uhr danach stellen.
Heute aber nicht.
Heute war alles anders.
Matteo war draußen und lief zwischen dem Café und seinem uralten Lieferwagen hin und her. Dabei handelte es sich um das klassische Wellblechmodell von Citroën, einen Typ H in einer undefinierbaren Farbe zwischen Eierschale und Rost. Der Wagen war so aerodynamisch wie ein Ziegelstein mit stumpfer Front und dem riesigen Kühlergrill, auf dem ein überdimensionales Citroën-Logo angebracht war. Matteo kümmerte sich nicht im Geringsten darum, dass Albin bereits an seinem Tisch angekommen war. Er drückte die Gitanes im Aschenbecher aus und sah Matteo eine Weile beim Hin- und Herlaufen zu. Zwischen dem schütteren Haar glänzte die Kopfhaut des Wirtes feucht in der Sonne. Das Polohemd, das ein ebenso verblichenes Rot aufwies wie die Markise, war unter den Achseln und am Rücken vom Schweiß dunkel verfärbt. Die Jeans, die noch aus den Neunzigern stammen musste, war ihm tief auf die Hüften gerutscht, was jedes Mal unangenehme Perspektiven ermöglichte, wenn er sich bückte, um etwas in den Wagen zu wuchten.
Albin blickte zu Tyson, der neben ihm hockte und das Treiben ebenfalls verfolgte. Dann sah er wieder zu Matteo, der Albin nach wie vor geflissentlich ignorierte.
Albin sagte: »Wie soll aus dieser Bruchbude von Café noch etwas werden, wenn der Wirt seine Kunden nicht beachtet?«
Matteo schleppte eine Getränkekiste, hob sie in den Lieferwagen und erwiderte schwer atmend: »Kunden sind Personen, die Umsatz bringen. Pensionäre, die Sitzplätze blockieren und sich den ganzen Tag lang an einem Kaffee festhalten, sind keine Kunden. Sie sind eine Plage.«
»Wird das hier ein Umzug? Ist der Laden endlich pleite, und du räumst das Lager aus?«
»Ha!«
Matteo trat etwas näher. Er schnaufte wie ein Stier. Die Brust seines massigen Körpers hob und senkte sich rasch. Er reichte Albin gerade einmal bis zum Schlüsselbein. Mit seinen deutlich über eins neunzig überragte Albin die meisten Menschen. Er wurde gelegentlich mit einem weißhaarigen normannischen Kleiderschrank verglichen. Matteo hatte im Vergleich eher das Format eines baskischen Koffers.
Mit der Fingerspitze tippte er gegen Albins Brustbein. »Es gibt noch Menschen, die arbeiten müssen, mein Lieber, die die Wirtschaft ankurbeln, die artig ihre Steuern zahlen und dieses herrliche Land am Laufen halten, damit sich ältere Herrschaften wie der feine Monsieur Ex-Commissaire Leclerc in der sozialen Hängematte ausruhen können.«
Albin zog die zerknautschte Gitanespackung aus der Hosentasche und steckte sich eine neue Zigarette an. Wie lange waren er und Matteo Freunde? Schon immer. Matteo war ein wenig jünger als Albin und früher ein guter Amateurboxer gewesen. Er hatte eine reizende, aber etwas anstrengende Frau namens Iris. Die Ehe war kinderlos geblieben, und vielleicht deswegen hatte sich Matteo gegenüber Albins Tochter Manon immer besonders herzlich und beschützend verhalten.
Matteo war, wie so viele in Frankreich und vor allem im Süden, ein glühender Patriot und Anhänger des Rassemblement National, insbesondere von seiner ehemaligen Vorsitzenden Marine Le Pen, deren Bild mit Unterschrift über der Theke im Café hing. Er hatte sogar einmal für die Partei, die im Süden zahllose Bürgermeister stellte und in einigen Regionen stärkste politische Kraft war, kandidieren wollen.
Albin hingegen machte sich nichts aus Politik. Es gab Links und Rechts und die Mitte - und vielleicht brauchte es so unterschiedliche Kräfte, um ein Land in der Balance zu halten. An der Kriminalität änderte das alles jedenfalls nichts, und das schon seit Jahrtausenden - ganz egal, unter welcher Regierungsform oder politischen Ausrichtung, ob unter Königen, Diktatoren, revolutionären Republiken oder Stammesfürsten. Und es war auch völlig gleichgültig, ob man Tausende oder zig Millionen Euro pro Jahr zu deren Bekämpfung ausgab. Das Böse suchte sich wie Wasser stets einen Weg.
Albin paffte eine weiße Wolke in den knallblauen Himmel. Es würde ein heißer Tag werden. Ein komischer glühender Sommertag.
»Also?«, fragte er schließlich. »Was wird das hier, Matteo?«
»Das wirst du mir nie im Leben glauben.«
»Ich habe dir noch nie im Leben etwas geglaubt. Aber versuch es ruhig.«
»Ich bin doch im Wirteverein.«
»Ja.«
»Im Gaststättenverband und so weiter.«
»Mhm.«
»Da hört man so dies und das. Und ich habe meinen Cousin bei der Tourismusverwaltung. Da hört man ebenfalls dies und das.«
»Ja.«
»Also habe ich diesen großen Cateringauftrag bekommen. Und natürlich teilen wir uns das im Verband brüderlich, denn die Aufgabe ist so groß, da fällt für jeden etwas ab. Na ja. Catering, also, was man so Catering nennt. Natürlich haben die noch ganz anderes Catering vor Ort, aber es geht um Zulieferung, wie auch immer. Und heute ist es meine Tour. So sieht es aus.«
»Zulieferung? Catering, das kein Catering ist? Was soll das für ein Catering sein? Das klingt so, als würde man dich über den Tisch ziehen.«
Matteo grinste. »Ich sage doch: Du glaubst es mir nie. Tatsächlich weiß ich gar nicht, ob ich darüber mit Außenstehenden reden darf. Und ich habe eigentlich auch keine Zeit, es dir zu erklären, weil ich mich beeilen muss, und mir hilft ja niemand.«
»Du könntest jemanden um Hilfe bitten.«
»Wen denn?«
Albin...
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