
Ein alter Herr. Novelle
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Der Leibarzt berichtet
Einfach war es nie mit dem alten Herrn. In letzter Zeit veränderte er sich. Er wurde in seiner empfindlichen Mischung aus Stolz und Anmaßung ein wenig sonderlich. Vielleicht litt er sogar, doch war der Verlauf diskret. Eher resigniert als entrüstet beklagte er die Verpöbelung der Umgangsformen und den Verlust dessen, was er für Werte gehalten hatte. Der alte Herr war ein Liebhaber versunkener Manieren. Diese Rolle spielte er gern, wie er sich auch als emeritierter Professor gefiel: fossil, abgeklärt und von nichts mehr zu überraschen.
Andere waren unentwegt fortgeschritten, er dagegen war stehen geblieben. Vom Fortschritt hielt er nichts. Mit jedem Tag war ihm ein wenig unbehaglicher, und er sprach nicht selten vom allgemeinen Verfall. Mehr als auf die eigenen berief er sich dabei mit Vorliebe auf jene Erfahrungen, die er aus Büchern hatte, die gänzlich aus der Mode waren.
Es kostete ihn einige Überwindung, morgens zeitig aufzustehen und das Haus zu verlassen. Wohin sollte er auch? Manchmal ging er zum Bahnhof, um abfahrenden Zügen nachzusehen, aber die Lokomotiven mißfielen ihm. Noch lieber saß er in seinem Wintergarten, kindlich hingerissen vom Taumel der Schneeflocken, vom Prasseln eines Sommerregens. In klaren Nächten blinkten durch das Glasdach weit oben die Positionslampen der Flugzeuge, denen er so lange folgte, bis die Dunkelheit sie verschluckte. Das kam ihm vor wie einst, als er mit schüchternem Abstand schönen Frauen auf den Boulevards nachgestiegen war: immer auf der Suche nach einer wie Lauren Bacall. Sie war der einzige weibliche Filmstar, den er schätzte. Jetzt flanierte er auf den verschlungenen Pfaden seines Lebenslaufes. Manchmal stolperte dabei sein Gedächtnis. Dann hatte er den Eindruck, mit der Vergangenheit falsch verbunden zu sein. Schließlich wunderte er sich, ein Alter erreicht zu haben, in dem, wie er sich ausdrückte, Kohle langsam zu Asche wird und die Selbstabdankung des Geistes bevorstand.
Dabei hatte sich der alte Herr schon vor Jahren vorgenommen, jeden Abend ein Kapitel in Senecas Vom glückseligen Leben zu lesen, doch er kam selten über drei Sätze hinaus. Mitunter blätterte er ersatzweise lustlos im New Yorker, den er seit seiner Studienzeit abonniert hatte. Oder er hörte Musik. Zu seinen Favoriten, bei denen er mitbrummte, zählte die Arie des Stadinger: Auch ich war ein Jüngling mit lockigem Haar ..., gesungen von Gottlob Frick. Beim Refrain Das war eine köstliche Zeit ... wurde er jedes Mal kantilenenselig und ließ seine Gedanken von der Leine.
Auf seiner Visitenkarte stand noch Komparatist. Das stimmte insofern, als er gerne Vergleiche zog, besonders zwischen dem Gestern und dem Heute. Passender gewesen wäre allerdings Nostalgiker, aber das ist kein Beruf, sondern eine Haltung. Ihm kam vor, als habe er bis zu seiner Emeritierung, die nun auch schon eine Weile zurück lag, an etlichen Universitäten des In- und Auslandes stets nur auf einem einzigen Gebiet geforscht: dem der Erinnerung. Sein besonderes Interesse daran entsprang einer tiefen Sehnsucht nach unwiederbringlich Verlorenem, wie er sie bereits als junger Mann gekannt hatte.
Rückblickend jedoch zweifelte er an dem, was er getan hatte, und wenn er gedrückter Stimmung war, glaubte er, einen über vierzig Jahre währenden Galiotendienst am Katheder abgeleistet zu haben: ein Rudersklave im Dienste einer immer wieder unter anderer Flagge segelnden Wissenschaft, bis ihm endlich der Ausmusterungsbescheid überstellt wurde.
Mein alter Herr war weit gereist und hatte seinen Fuß auf jeden Erdteil gesetzt. Mit Fug und Recht konnte er von sich behaupten, ein Stück von der Welt gesehen zu haben. Zu mancher Berühmtheit, deren Weg er einst irgendwo an Orten mit exotischen Namen gekreuzt hatte, wußte er im kleinen Kreis hübsch ironisch eine Geschichte zu erzählen. Und obwohl man ihn oft genug ermuntert hatte, solche Anekdoten aufzuschreiben, hatte er es beharrlich abgelehnt mit der Begründung, derlei sei nichts für die Gasse, eines seiner Prinzipien trage den epochenverschleppenden Namen der Diskretion.
In seinen besten Zeiten war der alte Herr Steppenwolf und Salonlöwe zugleich gewesen. Stets hatte er, obwohl nur Zaungast, regen Anteil am Zeitgeschehen genommen, sich bisweilen sogar in überhitzten Artikeln eingemischt. Jetzt dachte er: Derlei macht müde, bindet unnötig Energien, und es ist der Mühe nicht wert. Einmal hätte er sich um ein Haar mit einem Kollegen auf dem Flur geprügelt. Inzwischen schämte er sich für solche Affektlabilität und hatte längst vergessen, worum es damals gegangen war.
Die Zahl seiner Publikationen war respektabel, doch die meisten seiner Bücher hielt er für albernes Zeug ohne geistige Tiefe. Eines Tages stellte er befriedigt fest, dass sie nicht mehr lieferbar und aufgrund unauffälliger privater Aufkäufe stillschweigend vom Markt verschwunden waren. Nur manchmal, wenn er ein angestaubtes Exemplar eines seiner Werke in Händen hielt, überkam ihn eine gewisse Sentimentalität, herübergeweht aus fernen Tagen, da er die weglose Weite der Wissenschaft noch heilig gesprochen hatte. Dann blätterte er in den Schriften und erkannte die törichten Ansichten einer Jugendlichkeit, mit der er jetzt seine liebe Not hatte. Zuletzt langweilte es ihn.
Er war nur noch zahlendes Mitglied diverser gelehrter Gesellschaften und, welche Ehre, sogar der Akademie, die er jedoch wegen ihrer öden Sitzungen mied, bei denen er nicht einmal rauchen durfte. Außerdem hielt er nichts vom Gesellschaftsleben.
Der alte Herr hatte den ruhigen Herbst des Lebens erreicht. Er war dort seßhaft geworden, wo er einst studiert und, fast noch ein bartloser Jüngling, seinen Doktor gemacht hatte. An diese bewegte Zeit erinnerte er sich hin und wieder, besonders, wenn er wegen einer Lappalie mit einem Polizisten aneinander geriet. Das war ein Hobby von ihm. Mit patrizischer Dünkelhaftigkeit fragte er dann den Elitebeamten, welchen Schulabschluß er geschafft habe. Tief in seinem Inneren wünschte er sich jedoch, mit dem Jähzorn eines Kirmesboxers zuzuschlagen.
Es war eben nicht immer einfach mit meinem alten Herrn. Das spürten auch seine Nachbarn in der Siedlung, die überwiegend von kleinen Beamten bevölkert wurde. Sie lehnten den Professor insgeheim ab. Er passte nicht in ihre geistesfreie Welt, weil er als verdächtig vornehm galt. Irgendwie witterten diese einfachen Menschen, dass er mit seinem Intellekt ihre Vorgartenidylle störte. Weil aber sie alle so sein wollten wie die anderen, war der alte Herr ein Fremdkörper. Er wiederum fand es grässlich, aufgrund seiner gediegenen Erziehung zu diesen Leuten höflich sein zu müssen. Zweifellos spürten sie seine Verachtung, denn die Gewöhnlichen beargwöhnen bekanntlich diejenigen, die sich mit Dingen beschäftigen, von denen sie keine Ahnung haben.
Viele seiner überwiegend ausländischen Brieffreundschaften, anfangs noch mit enthusiastischer Sorgfalt gepflegt, waren im Sande verlaufen, etliche Freunde waren mittlerweile ebenfalls alt und gebrechlich, oder sie waren bereits verstorben. Und sobald wieder eine Todesnachricht kam, pflegte der alte Herr zu sagen: Die Reihen lichten sich, aber es wird dunkler dabei. Nun hatte er kaum noch Zeugen außer seiner eigenen Erinnerung.
Als mein alter Herr eines Tages begriff, dass die Zeit auch mit ihm keine Nachsicht üben würde, fühlte er sich gebrochen. Er glaubte sogar, das Knacken seines seelischen Rückgrates gehört zu haben. Anstatt sich der unstillbaren Leidenschaft der Greise hinzugeben, die Zeitungsredaktionen mit besserwisserischen Leserbriefen zu belästigen, beschäftigte er sich mit dem, was er für die einfachen Fragen des Lebens hielt, zum Beispiel: Wann ist ein Mensch tot?
Seine These: Wenn ihm seine Erinnerungen genommen werden und damit die Möglichkeit, das Idol seiner selbst zu sein.
Um derlei letzte Fragen beantworten zu können, nahm sich der Professor vor, noch einmal das Gedankengetriebe eines welkenden Skribenten zu schmieren und zur Feder zu greifen. Er glaubte unerschütterlich, erst das Alter erfülle seinen großen Traum von innerer Ruhe, Gelassenheit und heiterem Darüberstehen, und er war davon überzeugt, von diesem Traum noch etwas in Pacht zu haben. Sorgsam pflegte er die Illusion von einem behaglich diskreten Leben, obgleich er wußte, dass es nichts weiter war als eben ein Trugbild. Zu ihm gehörten Gewohnheiten des Althergebrachten: des Essens, des Sprechens, der Kleidung, der Lektüre. In ihnen sah er Kultur am Werk. Stagnation war ihm jederzeit willkommen. Seinen Lebensstil fand er so hässlich wie den aller anderen, aber er tat nichts dagegen. Das kränkte ihn.
Deshalb wollte er sich Notizen machen. Mein alter Herr besorgte sich in einem Fachgeschäft, in dem weiland schon Thomas Mann seine Schreibutensilien bezogen hatte, einen ansehnlichen Stapel Opaline Papier. Auch das Motto, das er über seine Reflexionen zu setzen gedachte, hatte er bereits. Es war ein Zitat aus dem Roman Die Schönen und Verdammten von F. Scott Fitzgerald: Alles ist begehrenswert, sobald es verloren ist.
An dieser Stelle brachen seine fundamentalen Aufzeichnungen aber auch schon ab.
In seinem Wintergarten blickte er mit weitem Wissen auf sein Leben zurück. Doch dabei geriet er schnell auf Sand, weil er nicht wußte, ob er die Vergangenheit erklären oder verklären sollte. Sie war für ihn ein verlorenes Bild mit einem sanften Trauerrand, auf dem weite Flächen wie von Schnee überweht schienen. Ihre Formen blieben ihm undeutlich, und die Erinnerungen schwebten darüber hinweg wie flüchtige...
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