
Der Morgenstern
Description
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Es ist Sommer in Norwegen. Eigentlich eine beschauliche, sonnengetränkte Zeit. Doch nun scheint etwas aus den Fugen geraten zu sein. Krabben spazieren an Land, Ratten tauchen an überraschenden Stellen auf, eine Katze kommt unter seltsamen Umständen ums Leben. Kurzum: Die Tiere verhalten sich wider ihre Natur.
In seinem neuen Roman schildert Karl Ove Knausgård eine Welt, in der die Natur und die Menschen aus dem Gleichgewicht sind, obwohl das Buch eigentlich ganz realistisch vom Leben einiger Menschen, neun an der Zahl, während mehrerer Hochsommertage erzählt, und zwar in deren eigenen Worten.
Da ist der Literaturprofessor Arne, der mit seiner Familie die Tage im Sommerhaus verbringt, an sich selbst zweifelt und mit seinem Nachbarn Egil über den Glauben an Gott diskutiert. Da ist die Pastorin Kathrine, die plötzlich merkt, dass sie ihre Ehe als Gefängnis empfindet. Da ist der Journalist Jostein, der auf einer exzessiven Trinktour von den mysteriösen Morden an Mitgliedern einer Death Metal Band hört, während seine Frau Turid in einer psychiatrischen Anstalt als Nachtwache arbeitet.
Ihnen allen unerklärlich ist das Auftauchen eines neuen Sterns am Himmel, den auch die Wissenschaft nicht wirklich erklären kann. Ist er der Vorbote von etwas Bösem oder im Gegenteil die Verheißung von etwas Gutem?
Reviews / Votes
"Ich finde es auf spektakuläre Weise gelungen."
"Es bedarf nur weniger Seiten, schon befindet man sich gefangen im Zauberkreis dieses Buches - und hat für die kommenden 800 Seiten keine Chance mehr, daraus zu entkommen."
"Es ist ein grosser Roman, vielleicht der beste von Karl Ove Knausgård, und das will was heissen."
"Man kommt nicht los von diesem Erzählkosmos und ist auch nach knapp 900 Seiten kein bisschen müde. Knausgård macht süchtig."
"Karl Ove Knausgård ist mit >Der Morgenstern< ein zugleich treffend realistischer und faszinierend entrückter Roman geglückt."
"Knausgård ist ein dem Irrationalen nicht abgeneigter, immer wieder der Natur verbundener Romantiker. Dass er dabei nicht abstürzt, dafür sorgt sein wacher Blick für die Nichtigkeiten des Alltags."
"Knausgård erzählt von den Gräben und Verwerfungen zwischen der Welt und den Wesen darauf. Aber er schildert auch voller kraftvoller Empathie die große Sehnsucht nach Nähe und Gemeinschaft."
"Keine dieser Storys wird zu Ende erzählt, doch alle sind fesselnd und zart miteinander verbunden."
"Karl Ove Knausgård hat einen Roman geschrieben, der weiter weist und weiter weiß. Das macht ihn so wichtig in dieser Welt der gestörten Beziehungen."
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Der plötzliche Gedanke, dass die Jungen hinter mir im Haus lagen und schliefen, während sich die Dunkelheit aufs Meer senkte, war so friedvoll und freundlich, dass ich bei ihm verharrte, als er auftauchte, und versuchte, das Gute an ihm zu bestimmen, statt ihn ziehen zu lassen.
Ein, zwei Stunden zuvor hatten wir Netze ausgelegt, ihre Hände riechen also nach Salz, dachte ich. Nie im Leben haben sie sich die Hände gewaschen, das hätte ich ihnen sagen müssen. Sie mochten es, den Übergang zwischen Wachsein und Schlafen möglichst schnell zu gestalten; jedenfalls streiften sie gewöhnlich nur ihre Kleider ab, legten sich unter die Decke, schlossen die Augen und schalteten nicht einmal das Licht aus, wenn ich mich nicht mit meinen Forderungen einmischte, zum Beispiel, dass sie sich die Zähne putzen, das Gesicht waschen, die Kleider ordentlich auf den Stuhl legen sollten.
An diesem Abend hatte ich nichts dergleichen gesagt, und so waren sie einfach in ihre Betten geglitten wie langgliedrige, glatthäutige Tiere.
Aber nicht das war das Gute an dem Gedanken gewesen.
Es war der Gedanke an die Dunkelheit, die sich unabhängig von ihnen senkte. Dass sie schliefen, während das Licht aus den Bäumen und vom Waldboden vor ihren Zimmern verschwand, um noch eine Weile schwach am Himmel zu schimmern, ehe auch er schwarz wurde und das einzige Licht in der Landschaft der Mondschein war, den die Wasserfläche der breiten Bucht gespenstisch reflektierte.
Ja, das war es.
Dass nichts jemals stoppte, dass alles einfach immer weiterging, Tag zu Nacht wurde, Nacht zu Tag, Sommer zu Herbst, Herbst zu Winter, Jahr auf Jahr folgte, und dass sie sich genau hier, in diesem Moment, in dem sie tief und fest in ihren Betten schliefen, befanden. Als wäre die Welt ein Raum, den sie besuchten.
Die roten Lichter an der Spitze des Funkmasts blinkten in der Dunkelheit über den Bäumen am anderen Ufer. Unterhalb von ihm fiel Licht aus den Sommerhäusern. Ich trank einen Schluck Wein und schüttelte die Flasche anschließend leicht, weil es zu dunkel war, um zu erkennen, wie voll sie noch war. Knapp die Hälfte war noch da.
Als Kind war der Juli mein Lieblingsmonat gewesen. Das war nicht weiter verwunderlich, denn mit seinen langen Tagen voller Licht und Wärme ist es ja der kindlichste und einfachste Monat. Als Jugendlicher mochte ich den Herbst, die Dunkelheit und den Regen, vielleicht, weil das dem Leben einen Ernst hinzufügte, den ich romantisch fand und gegen den ich mich behaupten konnte. Die Kindheit war die Zeit, herumzustreichen und einfach nur zu sein, die Jugendzeit war die Entdeckung der eigentümlichen Süße des Todes.
Jetzt mochte ich den August am liebsten. Auch das war nicht weiter verwunderlich; ich stand mitten im Leben, an jenem Ort in der Zeit, an dem Dinge vollendet werden, in der Stagnation des langsam steigenden Überflusses, in dem Augenblick, bevor dieser nach und nach abgeschöpft wird und in einen ebenso langsamen Verfall ausklingt.
Oh, August, du mit deiner Dunkelheit und Wärme, deinen süßen Pflaumen und deinem sonnenversengten Gras! Oh, August, du mit deinen todgeweihten Schmetterlingen und zuckerbesessenen Wespen!
Der Wind stieg den Hang herauf, ich hörte ihn, noch ehe ich ihn auf der Haut spürte, und dann raschelten die Blätter in den Baumwipfeln über mir für einen Moment, ehe sie wieder zur Ruhe kamen. Ähnlich wie ein Schlafender sich plötzlich umdreht, nachdem er lange still gelegen hat, so schien es mir. Und danach rasch wieder zur Ruhe kommt.
Auf den Uferfelsen unter mir tauchte eine Gestalt auf. Auch wenn sich die schattenhafte Figur aus dieser Entfernung nicht wirklich identifizieren ließ, wusste ich, dass es Tove war. Sie ging über den glattgeschliffenen, schwach ansteigenden Felsgrund auf den Bootssteg und nahm von dort den Pfad den Anstieg herauf. Wenig später hörte ich ihre Schritte, als sie den grasbewachsenen Hang direkt unterhalb vom Garten emporstrebten.
Ich saß vollkommen still. Wenn sie aufmerksam war, würde sie mich sehen können, aber das war sie seit mehreren Tagen nicht mehr gewesen.
»Arne?«, sagte sie und blieb stehen. »Bist du da?«
»Ich bin hier«, erwiderte ich. »Am Tisch.«
»Sitzt du im Dunkeln? Magst du nicht das Licht anzünden?«
»Doch, kann ich machen«, sagte ich und zündete mit dem Feuerzeug die Lampe auf dem Tisch vor mir an. Der Docht brannte mit einer tiefen, klaren Flamme, während der Lichtschein, überraschend stark, im Halbdunkel eine Kuppel aus Helligkeit schuf.
»Ich setze mich kurz«, sagte sie.
»Tu das«, entgegnete ich. »Möchtest du einen Schluck Wein?«
»Hast du Gläser?«
»Nicht hier.«
»Dann lassen wir es«, sagte sie und setzte sich in den Korbsessel auf der anderen Seite des Tischs. Sie trug Shorts und ein kurzes Top, ihre Füße steckten in Gummistiefeln, die ihr bis zu den Knien gingen.
Von den Medikamenten war ihr immer schon leicht fülliges Gesicht aufgedunsen.
»Ich nehme mir noch was«, sagte ich und füllte mein Glas. »War es ein schöner Spaziergang?«
»Ja. Mir ist beim Gehen eine Idee gekommen. Deshalb bin ich schnell zurück.«
Sie stand auf.
»Ich fange sofort an.«
»Und womit?«
»Einer Bilderserie.«
»Aber es ist kurz vor elf«, sagte ich. »Du musst auch mal schlafen.«
»Schlafen kann ich, wenn ich tot bin«, sagte sie. »Es ist wichtig. Du kannst dich morgen um die Jungs kümmern, du hast ja Urlaub. Ihr könntet fischen gehen oder so.«
Wann zum Teufel wirst du anfangen, dich für andere außer dich selbst zu interessieren, dachte ich und sah zu dem blinkenden Mast hinaus.
»Sicher, können wir machen«, meinte ich.
»Schön«, sagte sie.
Meine Augen folgten ihr, während sie durch den Garten zu dem weißen Gästehaus an seinem hinteren Ende schritt. Als das Licht in ihm anging, leuchteten die Fenster gelb inmitten der schwarzen Masse, die Bäume und Sträucher in der Dunkelheit davor bildeten.
Im nächsten Moment kam sie wieder heraus. Die Shorts und ihre nackten Beine in den großen Stiefeln lassen sie wie ein kleines Mädchen aussehen, dachte ich. Der Kontrast zu dem Top, das um den rundlichen Körper spannte, und zu ihrem trägen, erschöpften Blick war groß und erfüllte mich plötzlich mit Mitleid.
»Ich habe unten im Wald drei Krebse gesehen«, sagte sie und blieb vor dem Tisch stehen. »Ich habe vergessen, es dir vorhin zu erzählen.«
»Die haben bestimmt ein paar Möwen da abgeworfen«, sagte ich.
»Aber sie waren am Leben«, sagte sie. »Sie sind über den Waldboden gelaufen.«
»Bist du sicher? Dass es Krebse waren, meine ich? Könnten es nicht andere kleine Tiere gewesen sein?«
»Natürlich bin ich mir sicher«, erwiderte sie. »Ich dachte, dass du es gern wissen würdest.«
Sie drehte sich um, ging wieder zurück und schloss die Tür hinter sich. Im nächsten Moment erklang Musik aus dem Haus.
Ich schenkte mir den restlichen Wein ein und überlegte, ob ich ins Bett gehen oder noch einen Moment sitzen bleiben sollte. Dann müsste ich mir einen Pullover holen, dachte ich.
Seit ein, zwei Tagen war sie jetzt in der Hochphase. Die Anzeichen waren immer die gleichen. Sie begann zu mailen und zu telefonieren und schrieb lange Facebookposts und wollte plötzlich alles Mögliche erledigen, was im Grunde zu nichts führte, jedenfalls zu nichts Substantiellem wie zum Beispiel, ein Haus in Ordnung zu halten oder an irgendeiner Sache dranzubleiben. Ein anderes Anzeichen bestand darin, dass sie so achtlos wurde. Sie ließ die Tür offen stehen, wenn sie auf der Toilette saß, sie drehte das Radio extrem laut, ohne Rücksicht auf andere, und wenn sie das Essen zubereitete, sah die Küche hinterher aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen.
Das alles nervte mich unglaublich. Wenn sie endlich einmal vor Energie strotzte, warum konnte sie die dann nicht nutzen, um allen eine Hilfe zu sein? Gleichzeitig tat sie mir aber auch leid, sie war wie ein in der Welt verlorenes Mädchen, das sich einredete, wie gut alles lief.
Aber ein Krebs im Wald? Was war es wohl gewesen? Welches Tier konnte sie auf die Idee gebracht haben, dass es sich um Krebse handelte? Oder hatte sie sich das nur eingebildet?
Ich lächelte, als ich aufstand. Stehend trank ich den restlichen Wein in einem langen Schluck, ehe ich Flasche und Glas nahm und ins Haus ging. Die Zimmer waren von der Wärme des Tages aufgeheizt, und als die warme Luft mein Gesicht und die nackte Haut an den Armen umschloss, fühlte es sich fast so an, als nähme ich ein Bad. Dass alles hell erleuchtet war, verstärkte dieses Gefühl noch, plötzlich war ich in einem anderen Element.
Ich stellte die leere Flasche zwischen die anderen auf den Boden des Schranks, überlegte einen Moment, ob ich sie in eine Tüte stecken und zum Auto tragen sollte, um sie am nächsten Tag zum Glascontainer zu fahren, weil ich die Anzahl der Flaschen auf einmal mit den Augen anderer sah, aber das war noch lange kein Grund, sie gerade jetzt nach draußen zu bringen, um elf Uhr abends, das konnte ich morgen machen, dachte ich, spülte das Glas unter fließendem Wasser, rieb mit den Fingern über den Boden, trocknete es mit dem Küchenhandtuch ab und stellte es in das offene Regal über der Spüle.
So.
Eine winzige Spinne war dabei, sich unter dem Regal an einem Faden abzulassen. Sie war nicht größer als ein Brotkrümel, schien aber genau zu wissen, was sie tat. Als sie etwa zwanzig Zentimeter über der Arbeitsplatte war, hielt sie inne und blieb baumelnd in der Luft...
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