
Spätmoderne
Description
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Der Autor
Dr. Alfrun Kliems, derzeitig Fachkoordinatorin für Literaturwissenschaft am GWZO Leipzig, und Dr. Ute Raßloff, ebenfalls als Literaturwissenschaftlerin am GWZO Leipzig tätig, befassen sich in ihren Studien vor allem mit der tschechischen und slowakischen Literatur. Diesen Schwerpunkt haben auch die Forschungen von Prof. Dr. Peter Zajac, der an der Humboldt-Universität zu Berlin lehrt.
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Content
2 - Vorwort: Lyrik des 20. Jahrhunderts in Ost-Mittel-Europa Eingrenzungen und Abgrenzungen [Seite 10]
2.1 - I. Skizzierung des Gesamtvorhabens [Seite 10]
2.2 - II. Spätmoderne als Epochenkonzept: Möglichkeiten und Grenzen [Seite 13]
2.3 - III. Zusammenschau der Beiträge [Seite 16]
3 - 1. Medientheoretische und literatur- geschichtliche Ausgangspositionen [Seite 22]
3.1 - Dichtungsgeschichte und mediale Kulturtechniken [Seite 24]
3.2 - Mythos Natur - Mythos Stadt. Ihre Relation zwischen der ersten und der zweiten Avantgarde in Polen [Seite 42]
3.3 - Spur und Rebellion. Zur Poetik von René Chars "Fureur et mystère" [Seite 54]
3.3.1 - I. Surrealistische Anfänge [Seite 54]
3.3.2 - II. Ursprung und Geschichte [Seite 55]
3.3.3 - III. "Surréalité" des Surrealismus [Seite 57]
3.3.4 - IV. Differenz des Poetischen [Seite 59]
3.3.5 - V. Schattenloser Wanderer [Seite 64]
3.4 - Defiguralisierung des Textes. T. S. Eliots "The Waste Land" und die Spätmoderne [Seite 88]
3.5 - Zur Einordnung des tschechischen Poetismus im Spannungsfeld von Avantgarde und Spätmoderne: Teiges Programmatik und Nezvals Pásmo-Dichtungen [Seite 102]
3.5.1 - 1. Die Doppelkonzeption von Poetismus und Konstruktivismus in der tschechischen Avantgarde [Seite 105]
3.5.2 - 2. Nezvals Pásmo-Komposition "Podivuhodný kouzelník" als Beispiel poetistischer Dichtung [Seite 109]
3.5.3 - 3. Schluss [Seite 117]
3.6 - Eine "spätmoderne" Libido? Poetologische Überlegungen zur Absetzung von Moderne, Avantgarde und Spätmoderne in der tschechischen Lyrik [Seite 122]
3.6.1 - "Spätmoderne" - ein Begriff in der Diskussion [Seite 122]
3.6.2 - Poetismus: Jaroslav Seifert oder die Lust am Knall [Seite 123]
3.6.3 - Spätmoderne I: Ivan Jelínek oder der Geschlechtertausch im Schilf [Seite 126]
3.6.4 - Spätmoderne II: Milada Soucková oder die Entjungferung am Ufer [Seite 132]
3.6.5 - Schlussüberlegung: Moderne, Avantgarde und Spätmoderne [Seite 134]
4 - 2. Die klassische Moderne: Weiterführung oder Abkehr? [Seite 144]
4.1 - Jakub Deml und die "Spätmoderne" [Seite 146]
4.2 - Jaroslaw Iwaszkiewicz und die klassizistischen Tendenzenin der polnischen Spätmoderne [Seite 178]
4.2.1 - Literaturhistorische Voraussetzungen [Seite 178]
4.2.2 - Formen und Vertreter des Klassizismus [Seite 180]
4.2.3 - Iwaszkiewiczs Reise in das klassizistische Europa [Seite 184]
4.3 - Zwischen "ewigem Polentum" und verpflichtender Tradition. Das Dilemma des Jan Lechon [Seite 198]
4.4 - Imagination, Konstruktion und Mythographie. Bohdan-Ihor Antonyc und die ukrainische Spätmoderne 30er [Seite 212]
4.4.1 - Ukrainische Moderne [Seite 213]
4.4.2 - Imagination und Konstruktion [Seite 214]
4.4.3 - Poesie als Mythographie [Seite 217]
4.4.4 - Antonyc und die polnische Lyrik der 30er Jahre: ein gemeinsames Paradigma? [Seite 219]
4.5 - Die Worte treiben Unzucht im Himmel. Boleslaw Lesmianund die Subjektauffassungen der Spätmoderne [Seite 226]
4.5.1 - Lesmians Verhältnis zur Hochmoderne und zur Avantgarde [Seite 226]
4.5.2 - Zerstückelung des Subjekts [Seite 227]
4.5.3 - Überstehen ist alles."10 Poetik der Widersprüche [Seite 228]
4.5.4 - Der Tod des selbstmächtigen Künstlers [Seite 229]
4.5.5 - Zwischen Subjektwerdung oder Subjektzerfall [Seite 230]
4.5.6 - Verzicht auf Moralistik [Seite 231]
4.5.7 - Die Sprache des "Semiotischen" oder der Aufstand gegen den logozentrischen Diskurs [Seite 231]
4.5.8 - Ist Lesmian ein metaphysischer Dichter? [Seite 232]
5 - 3. Der Gang durch die historischen Avantgarden [Seite 236]
5.1 - Kolárs Interpretation des Futurismus [Seite 238]
5.2 - Die tschechische Ballade im Zeichen des Poetismus. Kulturpoetik, literarische Evolutionierung und Traditionsbruch bei Jaroslav Seifert [Seite 254]
5.2.1 - I. [Seite 254]
5.2.2 - II. [Seite 255]
5.2.3 - III. [Seite 258]
5.2.4 - IV. [Seite 259]
5.2.5 - V. [Seite 265]
5.3 - Postavantgardistische Signi.kantenketten. Jaroslav Seiferts Gedichtband "Slavík zpívá spatne" [Seite 270]
5.3.1 - I. [Seite 272]
5.3.2 - II. [Seite 276]
5.3.3 - III. [Seite 281]
5.3.4 - IV. [Seite 282]
5.4 - "Barbaren gehen, Barbaren gehen". Die "Panychida" von Vilém Závada und ihre Kontexte [Seite 288]
5.4.1 - I. [Seite 288]
5.4.2 - II. [Seite 289]
5.4.3 - III. [Seite 292]
5.5 - Zum Verhältnis von Oxymoron und Metonymie im Werk von Frantisek Halas [Seite 296]
6 - 4. Die Spätmoderne als integratives (Epochen)Konzept? [Seite 304]
6.1 - Gottfried Benn und Sándor Ferenczi [Seite 306]
6.2 - Anthropomorphismen in Marina Cvetaevas "Vskryla zily" unter Berücksichtigung eines erweiterten Anthropomorphismus-Begriffs [Seite 314]
6.2.1 - Wiederkehr des Menschenmaßes? Situierung des Erkenntnisinteresses [Seite 314]
6.2.2 - Anthropomorphisierung durch hypertrophe Performativität [Seite 318]
6.3 - Ein verhinderter Selbstmord. Kohärenz als spätmoderne Option in der Lyrik Laco Novomeskýs [Seite 324]
6.3.1 - I. Ausgangspositionen [Seite 324]
6.3.2 - II. Zur Rezeption Laco Novomeskýs [Seite 327]
6.3.3 - III. Das Kunstwerk zwischen Kohärenz und Inkohärenz [Seite 328]
6.3.4 - IV. Kohärenz durch Architektonik [Seite 329]
6.3.5 - V. Kohärenz durch Syntagmatik [Seite 334]
6.3.6 - VI. Resümee [Seite 339]
6.3.7 - Anhang [Seite 340]
6.4 - Josef Horas Bergsonismus [Seite 346]
6.4.1 - Grundzüge des Bergson'schen Denkens [Seite 348]
6.4.2 - Horas bergsonistische Weltbilder [Seite 349]
6.4.3 - Bergsonismus und die Entideologisierung der Geschichte [Seite 361]
6.5 - Die Differenz im Ich. Lorinc Szabó: "Az Egy álmai" [Seite 370]
6.6 - Bewegte Figuren. Lorinc Szabó: "A belso végtelenben" [Seite 386]
6.6.1 - Die Problematik der Transgression [Seite 386]
6.6.2 - "Du und die Welt" als dichtungsgeschichtlicher Übergang [Seite 387]
6.6.3 - Transkription: "In der inneren Unendlichkeit" [Seite 390]
6.6.4 - Trans.gurative Bewegung im Text [Seite 393]
6.6.5 - Transitivität oder Intransitivität [Seite 393]
6.6.6 - Bewegte Figuren: die Inversion [Seite 395]
6.6.7 - Anhang [Seite 400]
6.7 - "Auf dem Ast des Nichts...". Epochenkonstruktionen und die Erfahrung des Ich in der späten Lyrik von Attila József [Seite 404]
6.8 - Srecko Kosovel zwischen Moderne, Avantgarde und Modernismus [Seite 414]
6.8.1 - Anhang [Seite 428]
6.9 - Der Widerruf des Subjekts. Einige Beispiele aus der kroatischen Lyrik des frühen 20. Jahrhunderts [Seite 434]
6.9.1 - I. [Seite 434]
6.9.2 - II. [Seite 435]
6.9.3 - III. [Seite 436]
6.9.4 - IV. [Seite 437]
6.9.5 - V. [Seite 441]
6.9.6 - Anhang [Seite 443]
Dichtungsgeschichte und mediale Kulturtechniken (S. 23-24)
Jedes Wort ist eine Augenblicksverbindung eines Klanges mit einem Sinn, die in keiner Entsprechung zueinander stehen. (Paul Valéry Poésie et pensée abstraite) Farben und Klänge gibt es in der Natur, Worte nicht. (Gottfried Benn Probleme der Lyrik)
Der Einzug kulturwissenschaftlicher Verfahren selbst in den engeren Bereich der einzelnen Philologien hat zwar seine Gründe, die sich von mehreren diskursiven Positionen beleuchten lassen. Dennoch ist es nicht selbstverständlich, dass die ins Netzwerk von Kulturwissenschaften extensiv eingefügte Literaturwissenschaft - bloß, weil ohne ihren Gegenstand, die Literatur, kaum irgendeine kulturelle Form der Welt zu denken wäre - Fragerichtungen und Einsichten gewinnen könnte, die (von der jeweiligen Partialität des Verstehens bis hin zur "Unlesbarkeit" der Texte) nicht im Horizont der beiden letzten großen Paradigmen der Textdeutung bereits vorhanden gewesen wären. Friedrich Nietzsche ebnete nämlich einer Kritik der Kulturalität gerade durch die Erschließung des ideologischen Ursprungs jenen kulturellen Techniken den Weg, die - von der "heilsgeschichtlichen" Anthropologie bis zur These von einer mit der rationalen Struktur der Welt "in eins fallenden" (vernünftigen) sprachlichen Form - der Erfahrung vom befristeten menschlichen Dasein wohl den Zwang ständiger Bedeutungsbildung auferlegt haben: "Die ,Vernunft' in der Sprache", lesen wir in der "Götzen-Dämmerung", "oh was für eine alte betrügerische Weibsperson! Ich fürchte, wir werden Gott nicht los, weil wir noch an die Grammatik glauben [...]."
Die Möglichkeiten dieser obigen disziplinären Eingliederung sind freilich nicht ganz zeitgenössischer Herkunft: Der Reiz einer kulturwissenschaftlichen Integration erwächst vor allem aus dem Paradigmenwechsel um die Jahrhundertwende, der die mit kritischer Intention erneut aktualisierten Frageinteressen der Kant'schen Wahrnehmungsphilosophie auch auf den "Gegenstand" der Geisteswissenschaften erweiterte. Dabei handelt es sich nicht nur um die von Ernst Cassirer eingeleitete Wende, welche die Funktionen der symbolischen Formen (Sprache, Kunst, Religion usw.) mit einer im erweiterten Sinne kulturellen Konstitution der Lebenswelt in Zusammenhang brachte. Denn als mindestens genauso bedeutend erwies sich auch die - nicht weniger antipositivistisch ausgerichtete - geisteswissenschaftliche Er kenntnis (1904), der zufolge den Arbeitsgebieten der Wissenschaften "nicht die ,sachlichen' Zusammenhänge der ,Dinge', sondern die gedanklichen Zusammenhänge der Probleme [...] zugrunde [liegen]". Und zwar deshalb - und an Hand ihres so aufgefassten Gegenstandes wurde der Literaturwissenschaft so zum ersten Mal gewährt, sich mit anderen Disziplinen an der umfassenden Erfahrung von der Möglichkeit einer kulturwissenschaftlichen Integration zu beteiligen -, weil in Max Webers Auffassung Wirklichkeit und Reflexion der Kultur nun in einer völlig neuen Kontamination in Erscheinung traten, die (damals natürlich noch mit den erheblichen Einschränkungen der Rickert'schen Wertemetaphysik) im Prinzip geeignet war, die volle "Archäologie" der geschaffenen ("wertvollen") kulturellen Welt in den Horizont der geisteswissenschaftlichen Untersuchungen mit einzubeziehen:
"Der Begriff der Kultur ist ein Wertbegriff. Die empirische Wirklichkeit ist für uns ,Kultur', weil und sofern wir sie mit Wertideen in Beziehung setzen, sie umfasst diejenigen Bestandteile der Wirklichkeit, welche durch jene Beziehung für uns bedeutsam werden, und nur diese."
Angesichts der individuellen Vielfalt sozial- und geisteswissenschaftlicher Phänomene erkannten diese geistigen Positionen - von Heinrich Rickert bis Ernst Cassirer und von Werner Sombart bis Oskar Walzel - zwar zahlreiche fragliche und unhaltbare Elemente des erkenntnistheoretischen Erbes vom methodologischen Universalismus, waren aber nicht darauf bedacht, Ambivalenzen dieser Erfahrung kraft einer sich von Friedrich Schleiermacher bis Wilhelm Dilthey herausbildenden - und im autozentrischen Wirkungszusammenhang der historisch-sozialen Welt begründeten - hermeneutischen Konsistenz aus der Welt zu schaffen.
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