
Mit der Faust in der Hand
Description
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Schon als Kind entdeckte ich, wie aus einzelnen Zeichen Wörter und ganze Geschichten werden. Aus Kurzgeschichten und Gedichten in der Jugendzeit, die teilweise veröffentlicht wurden (unter anderem in der Anthologie 'Der rote Mohn ist abgeblüht' bei der Edition Strahalm in Graz und im 'Großen Jugendbuch' bei Reader's Digest) wurde während des Studiums eher journalistisches Handwerk als freie Mitarbeiterin bei einer Tageszeitung. Immer wieder verfasste ich Beiträge für Zeitschriften, das Fachbuch 'First Steps into English' 2000 beim Verlag an der Ruhr und ein Sachbuch zur Medienerziehung, das 2006 beim AOL Verlag erschien. Mein erster Roman mit dem Titel 'zufällig-alles' erschien 2018, im März 2019 erschienen 'Mohomad' und im November 'Die Rätsel von Regenbach'. Im Herbst 2020 veröffentlichte ich 'Anmerkungen eines ganz gewöhnlichen Hundes', in dem ich unsere Hündin Senta erzählen lasse, wie sie unsere Welt vielleicht sehen könnte. Im Sommer 2021 erschien mein Kinderbuch 'Udos Mütze'. Im Mai 2022 erschien mein sechstes Buch 'Das Kind der Magd', im Dezember 2022 'Udos Mütze und der Zoo'. Ich lebe mit meinem Mann und meinen beiden Kindern im idyllischen Hohenlohe auf einem Hobbybauernhof mit zwei Hunden, zwei Katern, zwei Ponys, mit Schafen und Hühnern. Damit erfüllt sich mein Kindheitstraum. Meinen Beruf als Grundschullehrerin übe ich mit ganzem Herzen aus - er fordert meine Kreativität täglich aufs Neue heraus und macht jeden Tag spannend und einzigartig. Wenn ich neben Familie, Beruf und Bauernhof noch Zeit habe, singe ich im Chor 'drundernêi' und erkunde auf dem Rücken meines Ponys 'Sisco' und begleitet von unseren Hunden Senta und Abby das wunderschöne Hohenloher Land.
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Person
Content
- Intro
- Titelblatt
- Urheberrechte
- Vorwort der Autorin
- Kapitel 1: Schwur - 19. April 1944
- Kapitel 2: Nachricht - 20. Oktober 1944
- Kapitel 3: Meldung - 4. Januar 1945
- Kapitel 4: Kirche - 30. März 1945 (Karfreitag)
- Kapitel 5: Angriff - 31. März 1945 (Karsamstag)
- Kapitel 6: Rothenburg - 1. und 2. April 1945
- Kapitel 7: Abschied - 3. April 1945
- Kapitel 8: Auftrag - 7. April 1945
- Kapitel 9: Befragung - 7. April 1945
- Kapitel 10: Entscheidung - 8. April 1945
- Kapitel 11: Hinrichtung - 10. April 1945
- Eine Chronologie am Beispiel von Brettheim
- Literatur und Quellen
- Webseiten
- Filme
- Rundfunk
- Lieder
- Dokumente
- Bildnachweis
- Erinnerungsstätte Brettheim
- Danke an
- Anhang
- Glossar
- Nachwort Wolf Stegemann
- Nachwort Norman Krauß
Kapitel 2: Nachricht - 20. Oktober 1944
"Du musst das anders machen, sonst tanzen dir die Pimpfe auf der Nase herum!", herrschte Fritz mich an. Ich stand, zugegeben ziemlich hilflos, der Horde Pimpfe gegenüber, denen ich seit Sommer übergeordnet war. Ich sollte sie erziehen, ihnen Drill und Gehorsam beibringen, doch um ehrlich zu sein, verliefen unsere wöchentlichen Zusammenkünfte eher ungeordnet.
Beim Anfangsritual, bei der Unterweisung, da waren wir noch alle zusammen im Jungzug, und dann gingen Walter, die anderen und ich mit unseren jeweils zehn Pimpfen in unsere Jungenschaften. Und genau dann hatte ich eigentlich nichts mehr im Griff. Anstatt sie in Reih und Glied marschieren zu lassen, begannen die Jungs oft eine wilde Keilerei, spalteten sich in zwei Lager und spielten eine Art Räuber und Gendarm, nur wilder und, ehrlich gesagt, brutaler.
Anfangs hatte ich so getan, als sei das mein Konzept. Hatte immer wieder "Aufstehen!", "Hinlegen!", "Aufstehen!", "Hinlegen!" gebrüllt, damit es so aussah, als täten sie das nach meinem Kommando. Dann hatten sich meine Anführer gewundert, weshalb immer mehr Pimpfe zu mir wechseln wollten. Na, und irgendwie hatte sich herumgesprochen, dass man bei mir anscheinend machen konnte, was man wollte. Und da hatte mich der Fritz beiseite gezogen und gesagt, er werde sich das jetzt mal einen Nachmittag lang anschauen, ob ich meiner Aufgabe so nachkam, wie es den Vorstellungen des Führers entsprach.
Fritz muss mir angesehen haben, dass ich zwar wusste, was er unter 'anders machen' verstand, aber es einfach nicht umsetzen konnte. "Zieh dir Einzelne raus, wenn sie nicht spuren. Führ sie vor. Lass sie ackern, bis sie nicht mehr können. Sie müssen dir gehorchen. Pass mal auf." Und dann trat Fritz mitten in den Haufen Pimpfe, die längst vergessen hatten, wozu sie eigentlich gekommen waren, ließ einen Brüller los und brachte innerhalb weniger Minuten militärische Ordnung in den wilden Haufen. Er hielt ihnen eine Standpauke, bei der selbst mir die Ohren klingelten, sprach von großer Mobilmachung, vom Volkssturm und vom Endsieg, und dann vom bedingungslosen Gehorsam.
"Und jetzt du. Unerbittlich. Streng. Grausam. Du hast sie in der Hand! Denk dran!", zischte er mir zu. Da baute sich in mir solch eine Wut auf die Rotzlöffel auf, die teilweise gerade mal ein Jahr jünger als ich selbst waren, und ich brüllte mit ganzer Kraft: "Strammstehen und Schnauze halten!" Und als ich sah, wie einige sich das Grinsen nicht verkneifen konnten, wurde ich noch viel wütender. Was bildeten die sich eigentlich ein? Ich war ihr Anführer! Sie mussten mir gehorchen! Fritz hatte recht!
Noch nie hatte ich eine derartige Wut in mir verspürt, und diese Wut verlieh meiner Stimme eine solche Lautstärke und Kraft, wie sie mich selbst überraschte. Plötzlich musste ich nicht mehr überlegen, was ich zu tun hatte. Ich trat vor die zwei, die wohl meinten, mich nicht ernst nehmen zu müssen, und zog den einen mit der linken, den anderen mit der rechten Hand am Ohr aus der Reihe. Wenn man das Ohr ein bisschen umdrehte, tat das so weh, dass sie mir folgten, wie unser Ochse, wenn man am Ring zog, den er durch die Nase hatte.
Und jetzt tat ich, was mir Fritz befohlen hatte: Ich führte die beiden, die am meisten aus der Reihe tanzten, vor. Hatte es schließlich selbst oft genug erlebt, als ich noch bei den Pimpfen gewesen war. Ich ließ sie sich in den Dreck werfen, meterweit robben, aufstehen, wieder hinwerfen, suchte mir dafür die größten Schlammpfützen aus, und es bereitete mir eine regelrechte Genugtuung, ihre dreckverschmierten Gesichter und schlammbespritzten Uniformen zu sehen, dass ich gar nicht mehr aufhören wollte.
"Und jetzt alle!", brüllte ich, und es fühlte sich gut und richtig an, wie sie nach meiner Pfeife robbten, aufsprangen und sich hinwarfen. Als sie immer langsamer und müder wurden, da wurde ich noch wütender und unerbittlicher und fühlte mich richtig groß. Ich war ihr Anführer, sie gehorchten mir.
"Na also, geht doch", sagte Fritz zufrieden. "Lass sie nochmal in Aufstellung gehen, und dann sollte es gut sein. Die scheißen sich schon fast in die Hose", meinte er und lachte spöttisch vor sich hin.
Als all meine Pimpfe, völlig erschöpft und verdreckt, in Reih und Glied strammstanden, brüllte ich: "Was seid ihr?" "Pimpfe!", riefen sie zurück. "Was wollt ihr werden?" "Soldaten!", schallte die Antwort. Ich nickte zufrieden. Da trat Fritz neben mich und zog die rot-weiße Kordel hervor. Die ganze Jungenschaft verstummte und sah mit weit aufgerissenen Augen, wie Fritz mir die Führerschnur ins linke Knopfloch hängte. "Solche Leute wie dich brauchen wir. Für Volk und Vaterland!"
Welch erhabenes Gefühl war es, mit der Führerschnur an der Hitlerjugend-Uniform durch die Straße zu gehen. Alle konnten es sehen, dass ich aufgestiegen war in den Kreis derer, die was zu sagen hatten. Und es würden noch mehr Abzeichen dazukommen, das hatte ich mir fest vorgenommen! Die Schulterklappen boten noch Platz dafür. Doch die Menschen, denen ich begegnete, zumeist Frauen oder kleine Kinder, nahmen keine Notiz von mir, meiner Uniform oder der Kordel, die sie zierte. Die einen standen am Lebensmittelgeschäft an, um mit ihren Lebensmittelmarken etwas zu essen zu bekommen, die anderen studierten die Aushänge am Rathaus oder unterhielten sich darüber, welche Familien in den letzten Tagen wieder Todesnachrichten erhalten hatten.
Als ich zuhause ankam, saßen meine Eltern am Tisch. Vater war nicht gut auf mich zu sprechen, weil ich an diesem Tag nicht bei der Kartoffelernte geholfen hatte. Trotzdem wollte ich, dass sie von meiner Beförderung Notiz nahmen, und ich stellte mich so vor den Tisch, dass sie beide zu mir schauen mussten. "Auch das noch", stöhnte Vater auf und rollte die Augen, "jetzt bringt der die Affenschaukel mit!" Die Empörung stieg wie eine Welle der Übelkeit in mir hoch. "Wie kannst du so reden!", rief ich, obwohl ich wusste, dass es sich nicht gehörte, seine Stimme gegen die Eltern zu erheben. "Ich sage, was ich sehe und was ich denke, zumindest, solange ich in meinen eigenen vier Wänden bin", murmelte Vater, und meine Mutter legte ihm beschwichtigend die Hand auf den Unterarm. "Lass gut sein, Robert", meinte sie.
"Du weißt, dass wir dich hier brauchen, Georg!", sagte mein Vater und sah mich durchdringend an. "Du hast doch Pawel für den Hof. Ich will für unser Vaterland kämpfen!", rief ich und lief dann nach oben in die Stube, um meine Uniform auszuziehen und gegen die Stallkleidung zu tauschen. Mit Sicherheit gab es noch etwas zu tun, und ich spürte, dass es jetzt wichtig war, den Vater durch Mithilfe zu besänftigen.
Ich war gerade damit beschäftigt, den Kühen mit der Gabel gemähtes Gras im Futtergang zu verteilen, da hörte ich ein Auto vorfahren. Es kam nicht allzu oft vor, dass ein Auto den Weg zu unserem Hof fand, und wir selbst hatten keines. Neugierig hielt ich inne und stand, auf die Gabel gestützt, da. Die Autotür fiel ins Schloss, die Haustür öffnete sich, und mich beschlich ein seltsames Gefühl von Leere, als würde ich etwas ahnen. Als ich den Aufschrei meiner Mutter hörte, ließ ich die Gabel fallen und stürzte zum Haus.
Meine Mutter stand schluchzend da, die linke Hand vor dem Gesicht, in der rechten einen Bogen Papier. Mein Vater war aschfahl im Gesicht, doch er hatte einen Arm tröstend um seine Frau gelegt. Ich musste nicht fragen, welcher Art die Nachricht war, und die Worte von Kreisleiter Höllfritsch, der den Brief überbracht hatte, brannten in meinem Herzen: "Hermann fiel im Kampf um das Großdeutsche Reich. Er hat seine soldatische Pflicht über die Maßen erfüllt. Es tut mir leid, Ihnen diese Nachricht überbringen zu müssen. Vielleicht ist es Ihnen ja ein schwacher Trost, dass er sofort tot war. Leider war es nicht möglich, den Leichnam zu bergen, da sich die Truppe rasch aus dem feindlichen Gebiet zurückziehen musste." Höllfritsch überreichte meinem Vater ein kleines Bündel mit Hermanns persönlichen Gegenständen, den wenigen, die man an der Front dabeihaben konnte.
Ich wollte nichts mehr hören und nichts mehr sehen. Mein zweiter Bruder war auch gefallen! Ein unbändiges Hassgefühl entbrannte in meinem Herzen. Hass auf diejenigen, die Martin und Hermann auf dem Gewissen hatten. Für mich stand fest, dass ich meine Brüder rächen würde. Nur wusste ich noch nicht, wie!
Weil ich wie gelähmt war, brauchte ich eine halbe Ewigkeit zum Füttern der Tiere. Vergeblich versuchte ich, meine Gedanken zu sortieren. Die Tränen wischte ich zornig weg. Ein echter Mann weinte nicht! Erst recht nicht ein deutscher Mann! Ein deutscher Mann kämpfte!
Was tat ich eigentlich noch hier? Die Kühe glotzten mich...
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