
Das Ende des Kapitalismus
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Demokratie und Wohlstand, ein längeres Leben, mehr Gleichberechtigung und Bildung: Der Kapitalismus hat viel Positives bewirkt. Zugleich ruiniert er jedoch Klima und Umwelt, sodass die Menschheit nun existenziell gefährdet ist. "Grünes Wachstum" soll die Rettung sein, aber Wirtschaftsexpertin und Bestseller-Autorin Ulrike Herrmann hält dagegen: Verständlich und messerscharf erklärt sie in ihrem neuen Buch, warum wir stattdessen "grünes Schrumpfen" brauchen.
Die Klimakrise verschärft sich täglich, aber konkret ändert sich fast nichts. Die Treibhausgase nehmen ungebremst und dramatisch zu. Dieses Scheitern ist kein Zufall, denn die Klimakrise zielt ins Herz des Kapitalismus. Wohlstand und Wachstum sind nur möglich, wenn man Technik einsetzt und Energie nutzt. Leider wird die Ökoenergie aus Sonne und Wind aber niemals reichen, um weltweites Wachstum zu befeuern. Die Industrieländer müssen sich also vom Kapitalismus verabschieden und eine Kreislaufwirtschaft anstreben, in der nur noch verbraucht wird, was sich recyceln lässt.
Aber wie soll man sich dieses "grüne Schrumpfen" vorstellen? Das beste Modell ist ausgerechnet die britische Kriegswirtschaft ab 1940.
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Inhaltsverzeichnis I. Der Aufstieg des Kapitals
1. Ein Segen: Wachstum schafft Wohlstand
Der Kapitalismus hat keinen guten Ruf. Weltweit geben die Menschen in Umfragen an, dass er dringend reformiert werden muss. In Deutschland glauben nur noch zwölf Prozent, dass ihnen das jetzige Wirtschaftssystem nützt und sie vom Wachstum ausreichend profitieren. 55 Prozent hingegen sind der Meinung, dass der Kapitalismus in seiner derzeitigen Form mehr schadet als hilft.[9]
Dieser Unmut ist verständlich, und dennoch ist der Kapitalismus besser als sein Image. Bevor die Industrialisierung einsetzte, waren Hungersnöte weit verbreitet. Auch in Deutschland starben regelmäßig Menschen, weil die Nahrung nicht für alle reichte. 1846/47 kam es zur letzten europaweiten Hungersnot, als schlechtes Wetter einen großen Teil der Getreideernte vernichtete und gleichzeitig die Kartoffelfäule grassierte.[10]
Seither war Nahrung in Westeuropa nie mehr knapp, solange keine Weltkriege angezettelt wurden. Nur in Finnland brach 1867 eine allerletzte Hungerkrise aus; durch eine Missernte starben 100.000 der 1,6 Millionen Einwohner.[11] Der Kapitalismus hat den Hunger überwunden und stattdessen Überfluss produziert, hat »Butterberge« aufgetürmt und »Milchseen« gefüllt.
In den Industrieländern lebt heute jeder gesünder und komfortabler als einst die Könige. Adelige residierten zwar in Schlössern und hatten stets reichlich zu essen, aber auch sie starben oft jung und wurden von den grassierenden Seuchen dahingerafft - ob es Pest, Typhus, Scharlach, Diphtherie, Tuberkulose oder Pocken waren. Gleiches ließ sich auch bei Mönchen beobachten: Die Klöster waren meist bestens versorgt, aber die wohlgenährten Kleriker wurden im Durchschnitt nicht älter als die Laienschar.[12]
Selbst harmlose Krankheiten konnten tödlich enden: Der bedeutende Ökonom David Ricardo starb 1823 an einer schlichten Mittelohrentzündung; und der damals reichste Mann der Welt, der Bankier Nathan Mayer Rothschild, erlag 1836 einem Furunkel am Gesäß.
Heute hingegen können neugeborene Mädchen in Deutschland erwarten, dass sie im Durchschnitt mehr als 83 Jahre alt werden, bei Jungen sind es fast 79 Jahre. Die maximal mögliche Lebenszeit des Menschen ist zumindest in den reichen Industriestaaten schon weitgehend ausgereizt: Selbst wenn es gelingen würde, alle Krebsarten zu besiegen, würden wir im Durchschnitt nur vier bis fünf Jahre länger leben.[13]
Doch nicht nur die schiere Lebenszeit hat sich mehr als verdoppelt; auch die Lebensqualität ist weitaus besser: Verschlissene Knie und Hüften werden routinemäßig ausgetauscht und befreien die Patienten von quälenden Schmerzen, während früher schon ein normaler Knochenbruch bedeuten konnte, dass man hinterher lebenslang schwerbehindert war.[14]
Auch der Alltag wurde viel angenehmer. Selbst Arme leben heute bequemer als Könige im 18. Jahrhundert. Um nur ein paar Annehmlichkeiten aufzuzählen, die früher gänzlich undenkbar gewesen wären: Fast alle Haushalte verfügen heute über Autos, Handys, Computer, fließendes Wasser, Heizungen, Waschmaschinen, Kühlschränke, Fernseher, Fahrräder und künstliches Licht.[15]
Zudem ist immer weniger Arbeit nötig, um sich diese Annehmlichkeiten leisten zu können. 1919 musste ein Beschäftigter in den USA rund 1.800 Stunden arbeiten, damit er sich einen Kühlschrank kaufen konnte. Ein Jahrhundert später reichen dafür weniger als 24 Stunden.[16]
Zugleich werden die Geräte ständig leistungsfähiger: Ein normales Smartphone ist derzeit ab etwa 200 Euro zu haben, aber dafür erhält man nicht nur ein Telefon, sondern zusätzlich einen Computer, eine Kamera, einen Taschenrechner, ein GPS-Gerät, einen Wecker, eine Taschenlampe, ein Fernsehgerät und einen Videorekorder. Die Rechenleistungen eines Smartphones sind heute 160.000-mal höher als die Computerkapazitäten der Apollo 11, mit der 1969 die erste Mondladung gelang.[17]
Vor allem Frauen haben vom Siegeszug der Konsumgüter profitiert, denn die Hausarbeit verschlingt deutlich weniger Zeit. Vor 100 Jahren war es weit mehr als ein Vollzeitjob, eine Familie zu versorgen: Es fielen ungefähr 58 Stunden Arbeit pro Woche an. Heute sind es im Durchschnitt noch 11,5 Stunden. Allein das Waschen der Kleider erforderte früher knapp zwölf Stunden in der Woche und beansprucht jetzt nur noch 1,5 Stunden.[18] Der südkoreanische Ökonom Ha-Joon Chang übertreibt kaum, wenn er pointiert behauptet: »Die Waschmaschine hat die Welt stärker verändert als das Internet.«[19]
Allerdings sind Hausarbeit und Kinderbetreuung noch immer sehr ungleich verteilt zwischen den Geschlechtern: 2016 erledigten Männer in Paarbeziehungen etwa 37 Prozent der Hausarbeiten.[20] Aber gerade weil Familienarbeit überwiegend weiblich ist, hätten Frauen keine Chance gehabt, am Erwerbsleben teilzunehmen, wenn ihnen nicht Haushaltsgeräte zur Hilfe kämen.
Es ist keine neue Erkenntnis, dass der Kapitalismus ein Segen ist. Die schönste Hymne stammt ausgerechnet von Karl Marx. Wortgewaltig beschrieb er im Kommunistischen Manifest, wie die neue Bourgeoisie die Welt verändert hat: »Erst sie hat bewiesen, was die Tätigkeit des Menschen zustande bringen kann. Sie hat ganz andere Wunderwerke vollbracht als ägyptische Pyramiden, römische Wasserleitungen und gotische Kathedralen.«
Marx und Engels waren lebenslang fasziniert von den technischen Erfindungen ihrer Zeit, und penibel wurden die »Wunderwerke« aufgezählt: »Unterjochung der Naturkräfte, Maschinerie, Anwendung der Chemie auf Industrie und Ackerbau, Dampfschifffahrt, Eisenbahnen, elektrische Telegrafen, Urbarmachung ganzer Weltteile, Schiffbarmachung der Flüsse, ganze aus dem Boden hervorgestampfte Bevölkerungen - welches frühere Jahrhundert ahnte, dass solche Produktionskräfte im Schoß der gesellschaftlichen Arbeit schlummerten.«
Es wäre also ein Missverständnis zu glauben, dass Marx und Engels den Kapitalismus abgelehnt hätten. Sie begrüßten das entfesselte Wachstum. Der Wohlstand sollte kräftig zunehmen, damit es danach bei der kommunistischen Revolution möglichst viel zu verteilen gäbe.[21]
Der Kapitalismus ist aber weit mehr als nur ein Wirtschaftssystem, das Wachstum und Wohlstand ermöglicht. Er prägt uns von der Wiege bis zur Bahre und ist längst in unser intimstes Privatleben vorgedrungen. Wen wir heiraten, wie wir unsere Kinder erziehen oder unsere Freizeit verbringen - wir leben völlig anders als unsere Vorfahren vor 250 Jahren, die noch nicht im Kapitalismus aufgewachsen sind.
Menschen haben immer geliebt, aber meist konnten sie diese Liebe nicht leben. Früher dienten Heiraten vor allem dazu, die Besitztümer der eigenen Großfamilie zu erhalten und zu mehren. Ob bei Bauern, Handwerkern oder Adligen: Ehen waren eine Art Lebensversicherung und oft arrangiert. Die Väter suchten sorgfältig aus, wen ihre Töchter und Söhne zu erwählen hatten. Liebesheiraten konnten erst zur Norm werden, als der steigende Wohlstand dafür sorgte, dass die jungen Familien nicht mehr materiell von ihren Eltern abhängig waren, sondern eigenes Geld verdienten.
Der Kapitalismus ist also ein totales System. Er durchdringt nicht nur die Wirtschaft, sondern das gesamte Leben. Deswegen ist es auch so schwer, gedankliche Alternativen zu entwickeln. Dieses Dilemma wurde auf den legendären Spruch gebracht: »Es ist einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus.«[22]
Zudem sind viele Errungenschaften des Kapitalismus so segensreich, dass niemand sie missen möchte. Der materielle Wohlstand hat immaterielle Folgen. Nicht nur die Lebenserwartung hat sich verdoppelt; auch allgemeine Bildung, Gleichberechtigung und Demokratie werden erst möglich, wenn eine Gesellschaft reicher wird.
Um noch einmal auf Marx zurückzukommen: Als er 1835 in Trier sein Abitur ablegte, ging in Preußen nur etwa ein Prozent der Jungen aufs Gymnasium.[23] Bildung erhielten nur die Söhne der oberen Stände, zu denen auch Marx gehörte. Sein Vater war ein bedeutender Anwalt und zählte zu den Honoratioren der Stadt. Die restlichen Jungen besuchten, wenn überhaupt, für wenige Jahre die Volksschule, um in völlig überfüllten Klassen ein bisschen Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen. Mädchen erhielten oft gar keinen Unterricht. Kinder wurden als Arbeitskräfte auf den Feldern oder im Handwerk gebraucht; Eltern konnten es sich deshalb nicht leisten, dass ihre Söhne und Töchter zur Schule gingen.
Doch obwohl Akademiker damals so rar waren, gab es immer noch zu viele: Theologen und Juristen mussten oft zwölf Jahre warten, bis sie endlich eine Pastoren- oder Richterstelle erhielten - und durften vorher nicht heiraten und eine Familie gründen. Arme Agrarstaaten benötigen fast keine Akademiker und können sie auch nicht ernähren.
Bildung ist ein Menschenrecht, aber erst der Kapitalismus hat zahllose Stellen geschaffen, die gut geschultes Personal erfordern. Heute machen in Deutschland über 50 Prozent eines Jahrgangs Abitur, wobei die Mädchen sogar leicht überwiegen.[24] Die...
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