
RikschaTango
Description
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Oskar, leidenschaftlicher Tangotänzer, hält sich mit Rikschafahren über Wasser. Dank seiner Tanzkunst glaubt er auch mit sechzig noch, bei allen Frauen sein Glück finden zu können. Die souveräne Beate ist ihm zu spröde, die Kindergärtnerin Katja will ihn nur vereinnahmen, mit der jungen Blonden könnte er glänzen. Doch er lässt alle stehen, als er auf Sophie trifft, eine rätselhafte und begehrte Schönheit. Mit ihr zu tanzen ist wie ein Traum.
Aber Herzen können brechen.
Ein Liebesroman zwischen Tango und Rikscha.
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I
1
Irgendwo musste der Eingang sein. Oskar hastete über zerbrochene Steinplatten durch einen Hinterhof, an Müll und Bauabfällen vorbei; kein Fenster erleuchtet. Es roch nach Keller und Urin. Trauten sich attraktive Frauen überhaupt hierher? Ein Trippeln näherte sich. Er ging langsamer. Eine jüngere Frau, einen Kopf größer als er. Sie trug einen Stoffbeutel, eindeutig Tanzschuhe.
»Finster hier«, sagte Oskar. »Soll ich Sie begleiten?«
Sie lachte. »Kommen Sie!«
Im dritten Hinterhof schienen aus Fenstern im ersten Stock rote Lichter, als wäre er schillernden Sumpfblüten auf der Spur. Dort musste die Tangofabrik sein, auch wenn sich unten kein Hinweis, kein Plakat, nicht mal ein Schild fand.
Oskar folgte der Frau in den dunklen Flur, weiter hinauf über brüchige, von Kerzen erhellte Stufen. Klangfetzen eines Bandoneons wehten herab.
Den Saaleingang schmückten rote Samtvorhänge; feuchtwarme Luft strömte ihm entgegen. Parfümduft. An der Kasse vor ihm Frauen, ihre Gesichter im diskreten Licht erwartungsvoll. Nackte Schultern versprachen eine verheißungsvolle Nacht: Eine Frau eng im Arm führen, vielleicht sogar verführen, wer weiß.
Sechs Euro Eintritt, das kriegte er hin. In der Garderobe hängte er seine Jacke auf und wechselte die Schuhe. Dann schlängelte er sich durch Reihen jüngerer Männer. Das vielsprachige Stimmengewirr erinnerte ihn an Madrid und Buenos Aires. Nach seiner Scheidung vor zehn Jahren war er viel zum Tanzen verreist gewesen. Die Männer hier waren sorgfältig frisiert, in gebügelten Hemden und Stoffhosen.
Gut, dass er ein frisch gewaschenes Hemd trug, das dunkelrote, gemustert mit kleinen Fahrrädern. Man erkannte sie erst, wenn man ihm nah, ganz nah, kam. Seine verbeulte schwarze Jeans hatte er geglättet und die Tanzschuhe auf Hochglanz gebürstet. Die abgelaufenen Sohlen würden die Frauen im Halbdunkel nicht sehen. Seinen Bauch schon. Nur nicht vergessen, ihn einzuziehen.
Auf der Theke luden Wasserkaraffen und Gläser sowie Gefäße voller Salzstangen ein. Der Barkeeper schaute freundlich. Oskar begnügte sich mit Gratiswasser.
Plüschsofas und Sessel säumten die Tanzfläche. Das kannte er von anderen Locations. Auf kleinen Tischen davor Kerzenleuchter mit Wachsbergen. Die Wände voller Spiegel und Schwarz-Weiß-Fotografien in abgestoßenen Goldrahmen, - die Mischung aus Wohnzimmer und Trödelladen gefiel ihm. Diesen Ort hatte er schon früher testen wollen, aber der Weg war ihm zu weit gewesen. Eine junge Frau, die als Argentinierin vorgestellt wurde, spielte in der Saalmitte unter orientalischen Hängelampen auf einem Klavier und sang. Sehnsuchtsvoll zog sie die Silben lang. Oskar wurde feierlich zumute. Sie endete mit corazón.
Auch er suchte etwas fürs Herz, eine Frau, die sich aus Liebe auf ihn einließ, nicht wie die, die er bezahlen musste, um sich ein bisschen Wärme zu gönnen. Er erhob sich, ließ die Reihen umherstehender Männer an der Theke hinter sich, ging zur Fensterseite, im Blick die tanz- und flirtbereiten Schönen. Rotes Licht zeichnete ihre Gesichter, Schultern und Arme weich. Lust, gesehen zu werden, nahm er in ihren Mienen wahr, im Lächeln, im Aufblühen sehr roter Lippen, in Gebärden, im Übereinanderschlagen nackter Beine. Ja, sie wollten umworben werden, und er wusste, was er an seinen Tanzkünsten hatte.
Die Klavierspielerin stimmte den schwungvollen Tango De mi flor - Von meiner Blume an. Der Rhythmus mit dem staccatohaften Beat reizte Oskar. Er fand Blickkontakt mit einer Schlanken und zwinkerte; sie lächelte. Das Prickeln in seinem Rücken zog sich über die Schultern in die Arme bis in die Fingerspitzen. Er ging auf sie zu und forderte mit Kopfnicken auf. Ein wortloses Ritual, üblich auf allen Milongas der Welt.
Sie schaute weg.
Mist! Hätte er sie aus größerer Distanz aufgefordert, wäre der Korb nicht so blamabel gewesen. Gäbe es doch Tischtelefone wie im Ballhaus in der Chausseestraße! Weiter hinten saßen ältere Frauen, geschminkt und in eng anliegenden, kurzen Kleidern. Manche der Älteren tanzten schon seit dem Tangoboom der Achtzigerjahre und waren anspruchsvoll. Wenn man nicht gut genug tanzte, konnte man sich leicht einen Korb einhandeln, das wusste er und ging an ihnen vorbei. Noch hatten sie ihn nicht tanzen gesehen!
Die Frau, die er über den Hof begleitet hatte, blickte ihn entfernt an. Er nickte ihr zu. Sie beugte sich vor, zupfte an den Schuh-Riemchen. Störte sie sein Alter? Oder seine Größe? Eine Jüngere mit Smaragd-Ohrringen, die er anblinzelte, betrachtete ihn, kramte dann in der Tasche und fischte nach ihrem Taschentuch. Was war los mit den Frauen hier? Er drehte sich auf dem Absatz und ging mit geradem Rücken und erhobenem Kopf zur Theke.
Die Tangofabrik hat Weltruf, hatte er beim Googeln gelesen. Die größten Stars aus Buenos Aires wirbeln hier über das Parkett. Beschiss! Es gab attraktivere Lokale. Er musste nicht bleiben. Draußen waren Nacht und Sterne und frische Luft. Auf einem Barhocker neben jüngeren Männern goss er sich Gratiswasser nach und studierte die Drehungen der Tänzerinnen und ihre kurvigen Gestalten.
Immerhin.
2
Eine Frau kam herein, im blauen Kleid mit weißen Punkten, das kastanienbraune Haar zum Zopf geflochten. Katja! Einen halben Kopf kleiner als er und füllig. Ihre Rundungen mochte er - immer noch. Sie hatte ihm gutgetan, aber zu oft von Zusammenziehen gesprochen. Er wollte nicht gleich wieder in einer Ehe festgenagelt werden. Wie sollte er sie begrüßen, wo er ihr doch seit dem letzten Herbst ausgewichen war? Nach der Trennung von ihrem Mann hatte er viel mit ihr getanzt. Und die Nächte danach in ihrer Wohnung, da waren sie übereinander hergefallen.
Er ging ihr entgegen. Sein Blick glitt von ihren roten Schuhen, den Beinen zum Figur betonenden Kleid, zur molligen Taille, den bloßen Armen, ihrer gutmütigen Miene. »Du siehst wieder wunderbar aus!«
»Schön, dich wiederzusehen.« Sie schlang die Arme um ihn und küsste ihn auf den Mund. »Sportlich, dein Hemd!« Ihre Stimme klang wie das Gurren einer Taube.
Sein Rückzieher war wohl vergessen.
Ergänzt durch ein Bandoneon spielte das Klavier den sanft schwingenden Vals Un placer - Ein Vergnügen. Oskar fiel in die Umarmung mit Katja, seine Wange fand ihre. Er folgte der Melodie, dem anspruchsvollen, wechselnden Rhythmus und führte sie in überraschende Wendungen.
»Entschuldige!« Katja bemühte sich, seine Impulse auszuführen und glaubte, einen falschen Schritt gemacht zu haben. Sie kicherte. Ihre nackte Schulter, die sich an seine Hemdbrust schmiegte, ihr Busen, weich und weiblich, und der warme Hauch ihrer Lippen an seinem Ohr belebten ihn, je länger sie tanzten, als hätte er neues - mit Champagner versetztes - Blut erhalten.
Das Bandoneon säuselte den süßlich-behäbigen Vals Bailando me Diste un Beso - Beim Tanzen hast du mich geküsst. Das Leben hielt doch immer die passende Musik bereit. Oskars Hand glitt von der Taille hinauf zu ihrem Hals und fuhr durch ihr Haar. Er steuerte ein rotes Sofa in einem halbdunklen Winkel an, das gerade frei geworden war. Kurz bevor sie darauf landen konnten, lachte Katja auf und bremste ihn. Sie übernahm die Führung, machte einen gekurvten Rückschritt und ging mit ihm in die Drehung, weg vom Sofa. Sie zuckte mit den Schultern. »Ich muss erst abschalten. In der Kita war wieder viel los.«
Nach weiteren Tanzrunden rann ihm Schweiß über den Rücken. »Lust auf einen Sekt?« Er lotste Katja zur Theke.
Dort stieß er mit ihr an. »Dich im Arm zu haben, ist ein Vergnügen.«
»Das gefällt mir auch.«
Oskar schob ihr das Ende einer Salzstange in den Mund.
Sie lächelte. »Läuft's gut mit der Rikscha?«
»Jetzt im Frühling ist Berlin voller Touristen.«
Sie umgriff einen seiner Oberschenkel. »Du bist gut trainiert.«
Er nickte. Seine Locken fielen ihm vor die Augen. »Die Kutsche ist ganz schön in die Jahre gekommen. Und leider ist der Akku schwach.«
»Wolltest du dir nicht eine neue anschaffen?« Katja schob ihm die Haarsträhnen nach hinten und strubbelte durch seine Mähne. »Schön, deine blonden Locken! Jung siehst du aus.«
Kaum ein 60-jähriger trug solch eine Pracht. Er schaute ihr in die Augen. »Ich habe schon überlegt, wer mir was leiht.«
Katja rieb sich das Ohrläppchen und drehte sich zur Tanzfläche. Sie hatte ihm im letzten Herbst dreihundert Euro geborgt.
»Die dreihundert kriegst du ganz sicher zurück.« Sollte er ihr noch einen Sekt anbieten? Nein, in einen zweiten wollte er nicht investieren. Er zückte sein Portemonnaie, kramte darin.
»Lass mal!« Katja streckte dem Barkeeper einen Zehner hin.
Oskar gab ihr einen Kuss auf die Wange. »Ich kann jeden Cent gebrauchen. Ein Wunder müsste geschehen.«
Ein schlanker Mann stolzierte mit großen Schritten auf Katja zu, in schwarz-weißen Schuhen und im dunkelgrauen Anzug mit Weste. Trug hier kein Mensch - viel zu warm beim Tanzen. Der Mann verneigte sich steif vor ihr und hielt ihr die Hand hin. Zu feierlich. Katja ergriff sie und schloss schon beim ersten Tanzschritt die Augen.
So ein steifer Anzugkerl passte gar nicht zu ihr.
3
Nur die dunkelroten Strahler und Kerzen leuchteten. Der melodische und ruhig dahinfließende Tango Flores negras - Schwarze Blumen verlangsamte die Bewegung der Paare. Oskar beobachtete das sanfte Wiegen und das gemessene Schreiten, die Frauen meist mit geschlossenen...
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