
Mit Männern leben
Description
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Von den Abgründen von Mazan zur Lebensrealität einer jeden Frau – Eine Reportage zum wichtigsten Gerichtsprozess unserer Zeit
Die monströsen Verbrechen an Gisèle Pelicot, die von ihrem Mann über Jahre betäubt und von ihm und fast 70 anderen Männern vergewaltigt wurde, haben die Welt erschüttert. Das sich anschließende Gerichtsverfahren avancierte zu einem der aufsehenerregendsten Prozesse der letzten Jahrzehnte, nicht nur wegen der Schwere der Schuld, sondern weil weithin klar wurde, dass das dort Verhandelte Millionen von Frauen betrifft.
Manon Garcia, eine der wichtigsten Feministinnen der neuen Generation, reiste zum Prozess nach Avignon, um diesen akribisch zu dokumentieren. Sie verbindet ihre präzisen Beobachtungen über den Verlauf des Verfahrens, die Angeklagten und deren Reaktion auf die Vorwürfe mit Überlegungen zur Rolle der Frau in der patriarchalen Gesellschaft. Und sie verknüpft sie mit eigenen Erfahrungen der alltäglichen Gefahr, Opfer zu werden. Angesichts der Abgründe männlicher Gewalt gelangt sie zu der existenziellen Frage: Wie noch mit Männern leben?
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». extrem lesenswerte, klärende wie kämpferische Überlegungen.«More details
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Einleitung
Als ich an diesem Morgen um 7.15 Uhr am Gericht in Avignon ankomme, fallen mir die Frauen auf, die geduldig vor dem Gitter warten. Ich gehe zu einer englischen Kollegin, die in der Schlange auf mich wartet, neben mir stehen zwei junge Frauen in den Zwanzigern, zu denen sich bald eine dritte gesellt, die ihnen Kaffee und Croissants bringt. Auf der anderen Straßenseite flattert ein riesiges Transparent an der Stadtmauer. »Eine Vergewaltigung ist eine Vergewaltigung«, insistiert es als Antwort auf Äußerungen von Guillaume de Palma, einem der Verteidiger, der in den ersten Prozesstagen erklärt hatte, dass »es Vergewaltigung und Vergewaltigung gibt«, und damit bedeutete, dass die massenhaften Vergewaltigungen, die Gisèle Pelicot zu erdulden hatte, letztlich nicht so schlimm waren, keine »echten Vergewaltigungen«. Feministische Plakatiererinnen trugen den Prozess in die Straßen von Avignon, indem sie Botschaften an die Wände schrieben, vor allem entlang des von Gisèle genutzten Weges. Die Botschaften sind in mehreren Sprachen verfasst; je nach Prozessphase unterstützen sie Gisèle oder greifen empörende Formulierungen der Angeklagten oder ihrer Anwälte auf.
Vor uns befindet sich eine Gruppe älterer Frauen. Es besteht kein Zweifel, sie kommen regelmäßig. Sie kennen sich, reden miteinander und gruppieren sich um eine von ihnen, deren natürliche Autorität ins Auge springt. Brigitte, tadellos gekleidet und geschminkt, der Schal passt zum Lippenstift, nimmt seit September jeden Morgen den Bus um 6.19 Uhr, um zum Gericht zu kommen, obwohl die 12Verhandlungen erst um 9 Uhr beginnen. Brigitte, Bernadette, Dominique und die anderen beeindrucken mich. Diese Frauen, Rentnerinnen, sind zu Beginn dieses Prozesses gekommen, als sie von ihm in der Lokalpresse gehört hatten. Erst an einem Tag, dann an einem anderen, bis sie beschlossen, dass sie den Herbst 2024 hier verbringen würden. Sie sind zu Expertinnen geworden, kennen den Fall in- und auswendig, die Namen der Angeklagten, ihrer Anwält:innen, die Verteidigungsstrategien.
An diesem 4. November, als die Verhandlung nach einer einwöchigen Pause zu Allerheiligen wieder aufgenommen wird, ist das beherrschende Gesprächsthema die Organisation des Prozesses: Das Gericht in Avignon, das sich nicht auf den Fall vorbereitet hatte, dass Gisèle Pelicot die Möglichkeit ablehnen würde, den Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden zu lassen, ist von dem Ausmaß der öffentlichen und journalistischen Aufmerksamkeit überfordert. Der Verhandlungssaal ist zu klein, um das Gericht, die Angeklagten, ihre Anwält:innen, die Nebenklägerinnen, die Journalist:innen und die Zuschauer:innen aufzunehmen. Es wurde beschlossen, dass das Publikum den Prozess von einem Übertragungsraum aus verfolgen soll. Aber auch dieser Raum ist zu klein, sodass die Zuschauer:innen sehr früh kommen müssen, um einen Platz zu ergattern, den sie während der Sitzungsunterbrechungen jedoch zu verlieren drohen. Praktisch bedeutete dies, dass die Frauen, die seit Beginn des Prozesses gekommen sind und jeden Morgen vor Sonnenaufgang aufstehen, bei Gisèle Pelicots Rede vor den Ferien nicht zugegen sein konnten: Bevor Gisèle sprach, wurde eine kurze Pause gemacht, der Übertragungsraum geleert, und die Nachzügler:innen, die draußen warteten, kamen anstelle des Stammpublikums zum Zuge.
13Wie ich sie beklagen höre, dass ihre regelmäßige Anwesenheit keine Berücksichtigung findet, scheint mir dies nicht so dramatisch und die Entrüstung vielleicht ein wenig überzogen. Im Laufe der Zeit werde ich jedoch im Gegenteil denken, dass die Frage der Warteschlange, des Übertragungsraums und wer das Recht hat, etwas zu sehen, entscheidend ist: Sie macht das Finanzierungsproblem der Justiz in Frankreich sichtbar, aber auch das des Platzes der Bürger:innen und Journalist:innen im Strafprozess. Als ich nach drei Tagen im Übertragungsraum dank einer Akkreditierung schließlich in den »echten« Saal eintreten kann, erkenne ich das Ausmaß all dessen, was ich nicht gesehen, nicht gefühlt, nicht verstanden habe. Die Kamera, die im Gerichtssaal filmt, ist starr: Man sieht in der Totalen die Richter:innen, die Staatsanwält:innen und das Pult, an das die Expert:innen, die Zeug:innen und die Angeklagten treten, die als freie Männer vor Gericht erscheinen. Die Polizisten, die Anwält:innen der Verteidigung, die inhaftierten Angeklagten sieht man nie. Genauso wenig die Verständigung unter den Angeklagten, ihr Gekicher, noch, wie Dominique Pelicot von seiner Glaskabine aus physisch über den Prozess zu herrschen scheint. Ich werde darauf zurückkommen. Umgekehrt sehen und hören die Richter:innen, Staatsanwält:innen und Journalist:innen die Reaktionen des Publikums nicht.
Je mehr Zeit vergeht, desto länger wird die Warteschlange vor den Gittern des Gerichtsgebäudes: junge Frauen, die sich für den Prozess interessieren, eine Mutter und ihre Tochter, die von weit her gekommen sind, um »Gisèle« zu sehen und um zu verstehen, eine Schauspielerin aus Westfrankreich. Später kommen noch Männer, aber mir gelingt es nicht, mit ihnen zu sprechen: Für uns, die wir 14an diesem Morgen hier sind, ist ihre Anwesenheit ein Rätsel. Was wollen sie? Sind sie in der Hoffnung hier, Videos vom Missbrauch von Gisèle Pelicot zu sehen? Brigitte beruhigt uns: Heute wird es keine Videos geben. Aber an den Tagen, an denen Aufnahmen gezeigt werden, sagt sie uns, ist der Andrang groß, und man wird »kleine hechelnde Ärsche« im Übertragungsraum sehen können. Wer sind dann diese Männer? Einige scheinen zu denken, dass man sich das nicht entgehen lassen sollte, dass der Besuch ein Muss ist, aber sie sprechen nicht mit uns, mit Ausnahme von zwei Männern, die offensichtlich hoffen, mit den anwesenden Frauen Kontakte zu knüpfen.
Einige Minuten bevor die Tore geöffnet werden, kommen Männer nach vorn zum Gitter, ohne sich in die Schlange einzureihen. Mein erster Gedanke ist, dass sie alle zu überholen versuchen, dann vermute ich jedoch, dass sie sicherlich für andere Fälle, andere Prozesse warten. Mir entgeht so zunächst das Offensichtliche: Einige von ihnen sind Angeklagte in dem Prozess, für den ich mich interessiere. Von den fünfzig, die neben Dominique Pelicot angeklagt sind, ist einer auf der Flucht, einige sind im Gefängnis, doch die Mehrheit befindet sich nicht in Untersuchungshaft. Sie kommen morgens ins Gericht, man begegnet ihnen auf dem Gang auf dem Weg zur Toilette oder zum Kaffeeautomaten. An Tagen mit großem Andrang tragen sie eine Maske und in der Vorhalle eine Kapuze, um nicht fotografiert zu werden, doch das ist nicht immer der Fall. Und da man sie auf dem Bildschirm im Übertragungsraum nicht sieht, wenn sie im Zeugenstand sind, verbringe ich die ersten Tage damit, mich bei jedem Mann ohne Anwaltsrobe, den ich vorbeigehen sehe, zu fragen: Vergewaltiger oder nicht; und sobald ich sie identifiziert und entdeckt habe, wie sehr einige von ihnen die 15bei der Verhandlung anwesenden »rasenden Feministinnen« hassen, bekomme ich ein mulmiges Gefühl.
Noch bevor ich an den Gittern, in der Vorhalle oder im Übertragungsraum angekommen war, hatte ich schon das Gefühl, beim Prozess zu sein, den Prozess zu verstehen, in diesem Prozess zu leben. Als Philosophin und Spezialistin für feministische Fragen und insbesondere für die Begriffe der »Unterwerfung« und der »Zustimmung« war ich seit Monaten von dieser Geschichte, von diesem Prozess gefangen, der mir wie eine endlose Deklination all der Fragen erscheint, die mich seit fast fünfzehn Jahren fesseln. Bereits im Juni 2023, als Lorraine de Foucher in Le Monde über diese Geschichte zu berichten begann, wurde ich von ihr ergriffen. Ich lese jeden Tag bis zur Erschöpfung alle Artikel, die ich finden kann, und habe das Gefühl, nur an sie, nur an diese Männer, nur an dieses Zimmer in Mazan zu denken. Aber an diesem schönen provenzalischen Wintermorgen sehe ich, dass die anderen dort anwesenden Frauen sich von dem Prozess genauso in den Bann ziehen lassen wie ich und genauso den Eindruck haben, dass diese Verhandlungstage etwas von ihrem Leben betreffen. Ich mache hier die Erfahrung einer Solidarität, die weder abstrakt noch unmittelbar politisch ist: Jenseits der Frage, ob Dominique Pelicot ein Monster ist oder nicht, ob Gisèle etwas ahnte oder nicht, ob die anderen Männer gewöhnliche Männer sind oder nicht, sehe ich an diesem Morgen, dass dieser Prozess etwas mit uns macht, mit...
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