
Die Tragödie der Moderne
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Die moderne Tragödie formiert sich um 1800 in beständiger Auseinandersetzung mit einem philosophischen Tragödiendiskurs, der überkommene, noch vornehmlich an der aristotelischen Dramenästhetik orientierte Gattungskriterien in den Hintergrund treten lässt und kulturtheoretisch fundierte Definitionsversuche in den Mittelpunkt rückt. Die Spannung zwischen philosophischem Diskurs und konkreter Theaterpraxis führt im Verlauf des 19. und 20. Jahrhunderts zu dramenästhetischen Innovationsschüben, welche die Physiognomie der modernen Tragödie nachhaltig verändern.
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Content
2 - Einleitung [Seite 10]
3 - »Ähnlichkeit zwischen uns und dem leidenden Subjekt« [Seite 30]
4 - Tragödie der Scham, Trauerspiel der Schuld [Seite 50]
5 - Schillers Braut von Messina [Seite 76]
6 - Ultima Katharsis [Seite 94]
7 - Der »gräßliche Fatalismus der Geschichte« und die Funktion des Theodizee-Diskurses in Georg Büchners Dantons Tod [Seite 116]
8 - »Eine Tragödie von der erschütterndsten Wirkung« [Seite 136]
9 - >Dionysos< [Seite 170]
10 - Katharsis und Ekstasis [Seite 186]
11 - Zwischen Assimilation und Selbstbehauptung [Seite 216]
12 - Existentialismus und Tragödie [Seite 244]
13 - »Parodierte Peripetie« oder »Der Endpunkt liegt schon hinter uns« [Seite 268]
14 - Pathos versus »Wurstelei« [Seite 288]
15 - Wirtschaft als Tragödie [Seite 304]
16 - Wiederholung, Kollektivierung und Epik [Seite 328]
17 - Formen der Tragödie in der Moderne [Seite 348]
18 - Autorenverzeichnis [Seite 364]
19 - Personenregister [Seite 370]
20 - Sachregister [Seite 374]
Roland Galle
Existentialismus und Tragödie (S. 235-236)
Der Existentialismus kann – partiell zumindest – als Aufgipfelung der Moderne verstanden werden. Sind ihm das Heraustreten aus religiösen und sozialen Ordnungen, das Abstreifen der Tradition sowie das Setzen eines autonom gewonnenen Lebensentwurfs eigen, so konturiert er solcherart auch Hauptströmungen der Moderne. Seine Partialität gegenüber der Moderne wird man daran ablesen können, dass das von ihm getragene Subjekt seine emanzipatorischen und progressiven Ansprüche an die Einsicht in die Absurdität der menschlichen Existenz und die entsprechende Beschaffenheit der Welt zurückbindet. Ob man in dieser Fokussierung des Existentialismus auf das Absurde eine Zuspitzung oder eine Einschränkung seiner Bindung an die Moderne sehen will, muss hier nicht entschieden werden. Maßgeblich für unsere Untersuchung ist die Affinität, in welche die im Existentialismus ausagierte Absurdität zu dem Phänomen des Tragischen und der Form der Tragödie tritt.
Wenn auch die als absurd gefassten Grundformen menschlichen In-der- Welt-Seins (Camus) und menschlicher Interaktion (Sartre) für sich allein noch nicht die Qualität des Tragischen erfüllen, so lässt sich doch vorgreifend festhalten, dass im und durch den Existentialismus Konstellationen von agonaler Schubkraft, von fallenartiger Aussichtslosigkeit und irreduzibler Un-Ordnung freigesetzt werden, die sich dazu anbieten, über Modi des Tragischen und Formelemente der Tragödie angereichert und ausdifferenziert zu werden. Es geschieht dies unter zweierlei Voraussetzungen: Während der Mensch in den Anfängen des Existentialismus noch in seiner gleichsam ahistorischen Nacktheit vor Augen geführt wird, gewinnt schließlich die Einsicht in seine geschichtliche Situiertheit als Ergebnis eines historischen Prozesses, des Zweiten Weltkriegs nämlich, Gestalt.
Unter dem Erfahrungsdruck der Kriegsjahre wird die Geschichtlichkeit der Welt für die führenden Autoren des Existentialismus unabweisbar. Aus rezeptionsästhetischer Perspektive ist zu ergänzen, dass die spektakuläre Dominanz des Existentialismus in den vierziger und fünfziger Jahren sich erst erschließt, wenn man ihn als Antwort auf die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs liest. Eine ganze Epoche erkennt sich im Existentialismus insofern wieder, als sie ihren Traditionsverlust, ihre Verzweiflung, ihre Ängste, ihre Hoffnungen und ihren Stolz authentisch im Existentialismus gespiegelt und gebrochen sieht. Die Spuren der Vernichtung und die mit ihr verknüpfte Erfahrung einer vollkommenen Sinn-Auflösung gehen im Existentialismus einher mit dem Pathos einer doch möglichen Hoffnung, die sich aus der Neubegründung des Menschen speist. Indem der Existentialismus solcherart als Antwort auf die große europäische Katastrophe des 20. Jahrhunderts zu figurieren vermag, wird er seinerseits zu einem Explorationsfeld über das Verhältnis von Individuum, Geschichte und Moderne. Eben diese Figuration von Individuum, Geschichte und Moderne bestimmt auch den Stellenwert und die Ausprägung, welche dem Tragischen beziehungsweise der Tragödie in einer zweiten Phase des Existentialismus schließlich zuwachsen.
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