
Internetkatzen
Description
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Doch jetzt kommen die Internetkatzen.
Sie haben im Netz einen eigenen Raum besetzt, zu dem der Mensch keinen Zugang mehr hat.
Wir können nur noch davor stehen und uns wundern.
Genau das tun im ersten eBook der neuen Wissenschaftsreihe GENERATOR Stephan Porombka, Kulturwissenschaftler an der Universität der Künste Berlin, und die Verlegerin Christiane Frohmann. Und sie erklären auf unterhaltsame Weise, was die Inflation des Cat Content im Netz für unsere Welt- und Selbstwahrnehmung bedeutet.
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Persons
In verschiedenen Formaten, dem Frohmann Verlag, dem Katersalon und der Radiosendung Ladyland widmet sie sich theoretisch und praktisch der Frage, wie man bewusst halbbewusst an neuen Kulturen mitwirken kann, die sich noch rationalem, begrifflich fassbaren Verstehen entziehen.
Stephan Porombka war zuerst Germanist, dann Literaturwissenschaftler mit dem Schwerpunkt Neue Medien und Literaturbetrieb, Hypertext-Experte, Slammer, Kulturjournalist und Projektemacher.
Heute ist er experimenteller Kulturwissenschaftler und produktiver Gegenwartsbeobachter, der sich ganz besonders für die Formen und Formate des "Nächsten" interessiert.
An der Universität Hildesheim hat Stephan Porombka das universitätsweite Qualitätsmanagement aufgebaut und die Studiengänge "Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus" und "Literarisches Schreiben" entwickelt und geleitet. Im Mittelpunkt steht seither die Aufgabe, die alten, immer noch buchbasierten Konzepte literarischer, essayistischer und journalistischer Produktivität und Kreativität zu transformieren und den Bedingungen der neuen - vor allem: der nächsten! - Schrift- und Schreibkulturen anzupassen.
Das transdisziplinäre, auf die Verbindung von Theorie und Praxis ausgerichtete Konzept des Studiengangs GWK bietet dafür das optimale Umfeld. Hier forscht und lehrt Stephan Porombka seit 2013 als Professor für Texttheorie und Textgestaltung.
http://www.stephanporombka.de http://gwk.udk-berlin.de/personen/porombka
Content
Autoren
Internetkatzen. Ein Gespräch über Cat Content
Internetkatzen
"Die Katze ist jetzt, also zu Beginn des 21. Jahrhunderts, zu einem Kult-Tier der Netzkultur geworden. Es ist ein Tier der absoluten Gegenwart. Damit kann man dann auch annehmen, dass uns die Katzen viel uber das erzählen, was gerade im Netz und mit dem Netz passiert."
Marketingkatzen
"Der böse Lagerfeld ist fort. Es bleiben Karl & Choupette. Es ist die Verbindung von reiner Schönheit und wahrer Liebe. Schau sie Dir bitte an: So niedlich sind die beiden mit ihren weißen Katzenohren. Das ist Haute Cat Content."
Fotografiekatzen
"In der Fotograe steht der Mensch im Mittelpunkt. Die Katze dient der Erweiterung seines Images. Im Internet druckt die Katze den Menschen zur Seite. Sie ruckt in den Mittelpunkt und macht sich so breit, dass niemand sonst noch Platz hat."
Memkatzen
"Internetkatzen haben einen Manager. Er gehört zu einem ganzen Team. Und dieses Team ist darauf angesetzt, das Image der Katze aufzubauen, zu erweitern und immer richtig zu platzieren."
Erzählkatzen
"Es gibt einen ganz wichtigen Unterschied zu den alten Medien. Cat Content wird anders erzählt. Wir haben keine richtigen Storys mehr. Es gibt keine abgeschlossenen Geschichten. Das Leben der Internetkatzen wird im Netz in Echtzeit fortgeschrieben."
Netzerklärkatzen
"Der Cat Content ist im Netz so erfolgreich,weil mit den Katzen etwas konkretisiert wird, was das Netz ausmacht. Es ist nämlich ein Raum, uber den wir nicht verfugen. Den wir aber brauchen."
Weltsichtkatzen
"Im Netz verschließen sich die Katzen. Sie leben fur sich in ihrem abgeschlossenen Raum. Wir sitzen davor und begreifen, dass wir da nicht rankommen. Und zugleich nden wir das total lustig, wenn wir es sehen."
Nachfolgekatzen
"Deshalb kann es sein, dass der Cat Content, so wie wir ihn kennen, nur fur das 'alte' Netz interessant ist. Ob er es auch noch fur das 'neue' Netz ist, weiß ich nicht. Ich glaube fast, dass es neue Spiele mit neuen Tieren geben wird."
Quellen
Impressum
cfr Internetkatzen- und -kätzchen-Meme dürfen also seit 2013 offiziell als unwiderstehliche Aufmerksamkeitstrigger gelten. Seither läuft der Cat Content auf Hochtouren. Kein Wunder also, dass nun auch der aufmerksamkeitsadelige Karl Lagerfeld mit einem Kätzchen auf dem Arm in den Medien erscheint.
stp Darf ich, bevor wir auf diese Inszenierung kommen, kurz an ein anderes Beispiel erinnern? Das führt uns gleich zu Lagerfeld zurück. Auf den internationalen Bestsellerlisten steht nämlich gerade die Autobiographie eines Londoner Straßenmusikers.12
Du siehst hier im Bild die englische Originalausgabe des Buchs zusammen mit der Titelfigur, also zweimal „A Street Cat Named Bob“. Er hat der Katze einen blöden Strickschal umgemacht. Passend zur Fellfarbe. Und die Katze scheint zu betteln. Vor ihr liegen Münzen.
Abb. 2: Screenshot13
Es ist ein großartiges Melodram. Ich denke, dass die Filmrechte schon weg sind. Wahrscheinlich wird es auch ein Musical geben. Das Ganze wird also nicht nur im Buch, sondern ganz sicher auch in allen anderen Retro-Medien auftauchen, pass mal auf.
Also, die Geschichte, die der Straßenmusiker in seinem Buch erzählt, ist in etwa die folgende: Eines Tages kommt er, vom Drogenkonsum physisch und psychisch völlig zerstört nach Hause. Er hat gerade noch versucht, auf der Straße ein bisschen Geld für den nächsten Trip zusammenzuschnorren. Als er im Treppenhaus ankommt und nun eigentlich gar nicht mehr weiter weiß und auch nicht mehr weiter will, stößt er auf eine herrenlose Katze.
Er setzt sich zu ihr, streichelt sie, spürt ihre unglaubliche Wärme, ihre Kraft, ihren Stolz und – Bäm! Er beschließt, sein Leben zu ändern. Also nimmt er sein letztes Geld, kauft Essen und Medikamente und schließt sich mit der Katze in seinem heruntergekommenen Zimmer ein.
Was folgt, ist der kalte Entzug. Den steht er natürlich nur durch, weil die Katze da ist. Und, na klar, er schafft es. Er überlebt. Er wird clean. Er wird gesund.
Seither sind er und die Katze ein unzertrennliches Paar. Sie habe ihn adoptiert, sagt er. Sie sagt natürlich nichts. Aber sie sitzt, wenn er durch London geht, auf seiner Schulter, auf seinem Schoß oder direkt neben ihm.
cfr Das ist so Charles Dickens! Mir kommen die Tränen.
stp Ja, alle, die das Buch lesen, müssen weinen. Wie man auf folgendem Bild gut sehen kann, wird die Katze nicht nur zugerichtet. Sie wird umfassend inszeniert. Indem sie bewusst in den Vordergrund gerückt wird.
Abb. 3: Screenshot14
Sie sieht damit gleich nach einer Filmkatze aus. In den Fernsehberichten wirkt sie wirklich computeranimiert. So als würde sie gleich durch digitale Tricks in der Lage sein, wie ein Mensch zu sprechen. Walt Disney ist da nicht weit. Das Ganze ist Teil einer großen Marketingkampagne. Der Typ ist jetzt nicht nur clean. Er ist auch reich.
Aber warum erzähle ich das? Weil ich, wenn wir über Karl Lagerfeld und seine Katze sprechen, daran erinnern will, dass die Katze ein Tier ist, das scheinbar keinen sozialen Standort hat.
Genauer: Die Katze interessiert sich gar nicht für solche Koordinaten. Sie tritt den Erzählungen nach immer eher von außen in soziale Räume ein und verändert etwas an ihnen. Sie setzt etwas in Bewegung. Das tut sie, wenn sie auf Arme trifft. Sie tut es auch, wenn sie mit Reichen in Kontakt kommt. Sie löst milieuübergreifend etwas aus. In Anknüpfung an Peter Glaser formuliert: Katzen-Kulturphänomene, wie Katzenbücher, „Katzenfilme und Katzenfotos erleichtern das Verstehen zwischen Menschen unterschiedlichsten Herkommens.“15
Wir sollten das im Blick behalten und uns jetzt auch im Falle Lagerfelds fragen, was da eigentlich passiert, wenn die Katze auftaucht, welche Veränderungs- oder Aufladungsgeschichten erzählt werden. Oder anders: welche Veränderungs- oder Aufladungsenergien der Katze jeweils zugesprochen werden.
Die Geschichte vom englischen Straßenmusiker ist eine melodramatische Wendegeschichte. Das Tier tritt in den heruntergekommensten Ort ein. Allein durch ihre Anwesenheit lädt der sich dann mit neuer Kraft auf und bringt den Menschen dazu, sich zu retten.
So, und nun kommt Karl Lagerfeld und erzählt uns auch davon, wie eine Katze in sein Leben tritt. Bitte. Ich bin gespannt, wie Du das nun weitererzählst.
cfr Meine Geschichte ist keine, die uns zum Weinen bringen wird, das sage ich Dir gleich. Sie geht so:
Der mittlerweile vermutlich achtzigjährige Karl Lagerfeld trägt sein Haar seit langem zu einem Zopf zusammengebunden. Dieser Zopf ist so schneeweiß wie das Fell der zweijährigen Siamkatze Choupette, die er seit gut einem Jahr transmedial als Model, Muse und Geliebte inszeniert. Zusammen sind sie Karl & Choupette. Neben William & Kate das prominenteste Liebespaar der Gegenwart. Küsschen!
Abb. 4: Screenshot16
Dabei ist Lagerfeld zunächst gar kein Katzenfreund gewesen und Choupette die Katze eines anderen. Sie gehörte nämlich Baptiste Giabiconi, Lagerfelds letzter Muse...
stp ...seiner letzten Muse vor Choupette...
cfr ...vor Choupette, exakt. Genau darum geht’s. Lagerfeld, so weiß der Karl & Choupette-Ursprungsmythos, sollte sich eigentlich nur, während Baptiste Giabiconi im Urlaub war, um die Katze kümmern. Doch was passiert? – Achtung: Aus dramaturgischen Gründen jetzt Tempuswechsel. – Ein Drama. Karl verfällt dem Tier. Unrettbar natürlich. Wirklich ein Drama? Nein, denn Giabiconi, der sich ja gern als Model mit makelloser Oberfläche und Innerlichkeit präsentiert – „Ein hübsches Gesicht und ein gut gebauter Körper sind nur Leihgaben, das sollte man nicht vergessen.“17 –, er macht das Kätzchen seinem Mentor ganz großherzig zum Geschenk.
stp Darf ich vielleicht doch weinen!?
cfr Nein, warte noch. Plötzlich setzt nämlich ein bis dahin undenkbarer Transformationsprozess ein. Mit der Katze verwandelt sich der Modezar. Er wolle Choupette heiraten, sagt er.18 Sie sagt natürlich nichts. Er aber redet. Über sie. Ununterbrochen. Neben ihr wirkt er empathischer, sympathischer. Nicht mehr so streng und preußisch diszipliniert, sondern irgendwie lockerer. Er erscheint plötzlich als besserer Mensch.
Karl Lagerfeld ist, um es auf die kürzeste Formel zu bringen, gegenwärtig eher „Karl“ als „Lagerfeld“. Ein Schelm, wer Marketing dabei denkt. Wurde nicht 2012 das neue Label Karl gelauncht?! Bitte trockne Deine Tränen.
Karl ist jetzt also, Choupette sei Dank, ein Guter: Er würde niemals hässliche Dinge wie „Entfernen Sie den Krüppel!“19 oder „Adele ist etwas zu fett“20 sagen. Böse Worte, die Journalisten Lagerfeld wie in ersterem Fall in den Mund legten, die aber in der Prä-Choupette-Ära plausibel geklungen haben und deshalb geglaubt worden sind.
Nein, der böse Lagerfeld ist fort. Es bleiben Karl & Choupette. Es ist die Verbindung von reiner Schönheit und wahrer Liebe. Schau sie Dir bitte an auf dem Bild. So niedlich, posen- und imagekongruent sind die beiden mit ihren weißen Katzenohren und den riesigen Augen ... halt, Karls Augen sind überhaupt nicht zu sehen, was ja eigentlich nicht gut ist für die, ich nenne es mal ‚Empathiebilanz’, aber ... sieh nur, mit einem Mal scheint die abweisende Sonnenbrille wie von Zauberhand irgendwie in riesige dunkle, dem Betrachter zugewandte Pupillen zu morphen. Das ist großartig! Haute Cat Content.
Abb. 5: Screenshot21
stp So cute!...
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