
Der doppelte Tod
Description
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»Der doppelte Tod« ist der 23. Teil der Krimi-Reihe um die toughe Frankfurter Kommissarin Julia Durant.
Mitten in der Frankfurter Innenstadt kommt es zu einer blutigen Messerstecherei: Am Ende gibt es einen Toten, vom flüchtigen Täter fehlt jede Spur. Kommissarin Julia Durant und das K11 ermitteln in alle möglichen Richtungen, am ehesten scheint eine Beziehungstat oder ein Fall von Bandenkriminalität infrage zu kommen.
Doch dann taucht ein Handy-Video auf, auf dem zu erkennen ist, dass das vermeintliche Opfer der Bluttat in Wahrheit der Angreifer war. Ein Fall von Notwehr also?
Während Julia Durant und ihr Team erfolglos versuchen, die Identität des Geflüchteten zu festzustellen, gibt es einen Treffer bei der DNA-Analyse: Der Getötete hatte offenbar Kontakt zu einer Frau, deren Leiche man wenige Tage zuvor in einem Steinbruch gefunden hat .
Temporeich und ganz nah an der Realität setzt Bestseller-Autor Daniel Holbe auch im 23. Fall für Julia Durant das Erbe von Andreas Franz fort, der mit seiner Kult-Kommissarin zum erfolgreichsten deutschen Krimi-Autor wurde.
Die Krimi-Reihe »Julia Durant ermittelt« ist in folgender Reihenfolge erschienen:
- Jung, blond, tot
- Das achte Opfer
- Letale Dosis
- Der Jäger
- Das Syndikat der Spinne
- Kaltes Blut
- Das Verlies
- Teuflische Versprechen
- Tödliches Lachen
- Das Todeskreuz
- Mörderische Tage
- Todesmelodie
- Tödlicher Absturz
- Teufelsbande
- Die Hyäne
- Der Fänger
- Kalter Schnitt
- Blutwette
- Der Panther
- Der Flüsterer
- Julia Durant. Die junge Jägerin
- Todesruf
- Der doppelte Tod
Reviews / Votes
"Der doppelte Tod [...] besticht auch im 23. Band wieder durch Tempo, brisante Themen und knifflige Fälle. [...] Ein unterhaltsamer Sommer-Krimi, den man gerne mit in den Urlaub nimmt."
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Content
Prolog
Er nannte sich Dave.
Es war nicht sein richtiger Name, aber er wollte so angesprochen werden. Dave hing gelegentlich bei den DJs rum, einen Guaranadrink in der Hand, doch meistens saß er einfach nur da und wippte mit dem Kopf zu den Beats. So wie es in dem Technokeller üblich war. Hier legte niemand Kommerz auf, hierher kam man nicht zum Herumhüpfen. Hier landete man zu später Nachtstunde, wenn der neue Tag schon an der Tür kratzte, und ließ sich außerhalb von Raum und Zeit tragen.
Dave war ein Durchschnittstyp, vielleicht machte ihn genau das interessant. Kein Poser, kein Macho, aber auch kein sich anbiedernder Softie. Mehr so der Unnahbare, der zwar am weiblichen Geschlecht interessiert war, um dessen Aufmerksamkeit man sich aber bemühen musste. Sexy Schlaghosen mit tief sitzendem Bund und bauchfreie Tops, die nur wenig verbargen, genügten da nicht.
Ein Kleidungsstil, mit dem sie sich ohnehin schwertat, was nicht zuletzt daran lag, dass sie das, was ihr an Busen fehlte, entlang der Hüfte trug. Jedenfalls war das ihre Sicht der Dinge. Es gab so viele Tussis, die besser aussahen. Die sich einfach neben Dave pflanzten und ihre Reize feilboten. Sie fand das abstoßend. Aber gleichzeitig ließ irgendetwas an ihm sie nicht los.
Zwei Wochen später war es dann so weit. Eine Party auf der Jagdhütte irgendeines Typen, der vor zwei Jahren Abi gemacht hatte. Sein Bruder verteilte Flyer. Farbdrucke, die professionell wirkten und einem das Gefühl gaben, eine exklusive Einladung in Händen zu halten. Sie wusste noch nicht, wie sie dorthin gelangen sollte, denn die Hütte lag zwischen zwei abgelegenen Käffern im Taunus. Andererseits war sie auch schon ins FUN nach Usingen gelangt und wieder zurückgekommen. Der Rückweg war ja meist noch viel komplizierter, vor allem, wenn der Fahrer sich dann doch entschied, zu trinken oder etwas einzuwerfen.
Aber sie wusste genau, dass sie sich diese Party nicht entgehen lassen durfte. Ihre Eltern waren auf Reisen. Sie hatte sturmfrei. Sie hatte ihnen Stein und Bein geschworen, keinen Unfug zu machen und sich auf die bevorstehenden Klausuren zu konzentrieren. Ein gutes Abi, bla, bla .
Auf der Party waren sicher viele Ältere aus dem Jahrgang des Hüttenbesitzers. Zügellose Typen aus reichem Elternhaus. Doch die gab es auch in ihrer Klasse. Die meisten würden an diesem Abend dort feiern.
Vor allem aber Dave.
*Der Subaru Allrad holperte über den Waldweg. Ein häufig frequentierter Weg. Mehrere Wanderrouten nahmen hier ihren Anfang oder ihr Ende, dazu kamen Mountainbiker und regelmäßig auch Reiter. Hochsitze gab es hier kaum, und wenn, dann standen sie ein gutes Stück abseits. Zu dieser Stunde war hier niemand zu erwarten. Nieselwetter und eine mondlose Nacht. Keiner würde ihn sehen, keiner würde ihn stören.
Und falls doch?
Das Ziel näherte sich, und er unterbrach seinen Gedanken. Erinnerungen strömten auf ihn ein. Wie oft schon war er hier draußen gewesen? In besseren, nein, anderen Zeiten. Waren sie wirklich besser gewesen? Darüber wollte er nicht nachdenken. Zum Trinken, zum Knutschen, was man als Heranwachsender eben so trieb, wenn man die Entfernung bis in den alten Steinbruch überwunden hatte. Zu Fuß, per Fahrrad, später auch mit dem Motorroller. Wie oft hatte es Ärger mit dem alten Förster gegeben! Er hatte sie regelmäßig verscheucht, und sie waren mit derselben Beharrlichkeit wiedergekommen. Bis zum Ende der Schulzeit. Danach waren die Lebenswege in unterschiedliche Richtungen verlaufen, wie das eben so war. Doch ausgerechnet heute endete der Kreislauf des Lebens genau hier.
Der Motor erstarb. Es knisterte. Er schaltete die Innenbeleuchtung aus, bevor er am Hebel des Türöffners zog. Er rutschte ab, griff ein zweites Mal zu. Wischte sich den Schweiß von den Händen; er war nervös. Sein Herz klopfte. Wieder tauchte ein Bild in seinem Kopf auf. Der alte Eugen. So war der Name des Försters gewesen. Mit seinem schlammgesprenkelten Land Cruiser, der nach alter Hundedecke roch. Und nach Apfelwein. Was, wenn er plötzlich vor ihm stünde?
Nein!
Gab es den Alten überhaupt noch? War da nicht .
Er zwang sich zur Konzentration und stieg aus. Die Kühle der Nacht half ihm dabei. Einatmen, ausatmen. Orientieren. Er kannte das Areal wie seine Westentasche, das half ihm in der milchigen Schwärze, die ihn umgab. Er konnte die Wasseroberfläche erst erkennen, als sie wenige Schritte vor ihm lag.
Es war noch gar nicht so lange her, da hatte man hier Quarzit abgebaut. Ein graues, witterungsbeständiges Gestein, das für Schotter, Bodenbeläge und auch in der Glasproduktion seine Verwendung fand. Er schluckte, denn er musste an die Kunstszene denken. Auch den alten Tutenchamun hatten die Ägypter einst als Quarzitbüste verewigt.
Was tust du hier eigentlich?
Er schüttelte das Altertum und die Schatten, die es warf, von sich, drückte die Autotür so leise wie möglich zu und umrundete das Fahrzeug. Was hatte er sich nur dabei gedacht? Mitten in der Nacht, im dünnen Verkehr. Eine leblose Frau auf der Rückbank. Was sich in seinem Kopfkino als völlig plausibel dargestellt hatte, war rückblickend der blanke Wahnsinn gewesen. Was, wenn er in eine Kontrolle geraten wäre? Alkoholisiert, in einem Fahrzeug, das nicht auf ihn zugelassen war. Dazu das Mädchen. Sie war bestimmt noch keine achtzehn.
Doch das Drehbuch war wie von allein in seinen Kopf gelangt.
»Fahrzeugpapiere bitte.«
»Tut mir leid. [Das Beben in der Stimme hätte er nicht einmal spielen müssen.] Das ist nicht mein Wagen.«
Der Uniformierte beugte sich argwöhnisch nach unten. »So, so. Haben Sie getrunken?«
Die blauen Lichtblitze des Polizeiwagens fielen auf das blasse Gesicht im Fond des Wagens.
Ein zweiter Beamter trat herbei.
[Mittlerweile war er allein vom Gedanken daran schweißnass. Nein. Das konnte man nicht spielen. Aber er antwortete ungemein überzeugend.]
»Das ist . ich kenne sie nicht . wir müssen ins Krankenhaus! Ich glaube . sie hat eine Alkoholvergiftung.«
Ob er damit durchgekommen wäre? Natürlich, dachte er. Wie immer. Im Zweifelsfall hätte ihn das Geld seiner Familie aus der Sache rausgepaukt. Er hatte nur helfen wollen. Alles andere musste man ihm erst mal nachweisen.
Er dachte daran, dass er kein Kondom benutzt hatte. Na und? Auf Partys hatte man nun mal Sex. Genau wie hier am Steinbruch.
Nachdem er die Autobahnunterführung der A5 zwischen Friedrichsdorf und Rosbach genommen hatte, war er der B455 weiter gefolgt bis zur ersten Abbiegung. Dann nach links in Richtung Tennisclub. Hier hatte sein Vater ihn einmal unterbringen wollen. Nicht, weil er in ihm einen neuen Boris Becker sah, sondern vielmehr, um ihm Anschluss zu den »richtigen« Leuten zu verschaffen. Ein Unterfangen, das schon beim ersten Besuch in der Halle zum Scheitern verurteilt gewesen war. Er hasste sowohl den Sport als auch die Leute, mit denen sein Vater zu tun hatte. Außer vielleicht, wenn man eine Gefälligkeit brauchte.
Doch es war alles gut gegangen. Auf dem kleinen Parkplatz hatte er einen Zwischenstopp eingelegt. Parkte rückwärts, öffnete den Kofferraum und entblätterte eine Folie, die er für diesen Zweck mitgenommen hatte. Danach war er zur hinteren Beifahrertür gegangen. Zuerst fiel ihm das Reisekissen entgegen, das er zwischen Gurt und Fenster geklemmt hatte, damit ihr Kopf nicht ziellos hin und her fiel. Ihre Haut war noch warm. Er löste den Gurt. Hob sie an und trug sie nach hinten. Als er sie in den Kofferraum gleiten ließ, mischte sich ein Röcheln unter das Knistern des verrutschenden Plastiks. Sofort war sein gesamter Körper mit einer Gänsehaut des Entsetzens überzogen. Für mehrere Sekunden stand er wie erstarrt. Dann gewannen seine logischen Gedanken die Oberhand.
Leichen machen solche Dinge.
Es hätte viel schlimmer kommen können, dachte er weiter. Er wollte es sich gar nicht im Detail vorstellen.
Das Drehbuch für den Waldweg war ein anderes. Würde man ihn hier anhalten, dann fiele die Erklärung mit dem Krankenhaus wohl weg. Dafür verkehrten im Wald keine Bullen. Schlimmstenfalls musste er sich mit Eugens Nachfolger herumschlagen. Eine Erklärung, weshalb er ausgerechnet hierherfuhr, hatte er sich noch nicht zurechtgelegt.
Nostalgie? Ein spontaner Entschluss, weil er zufällig in der Gegend war?
Er atmete schwer. Hätte es nicht tausend andere Möglichkeiten gegeben? Bessere Möglichkeiten?
Wieder schüttelte er sich.
Der Weg hinunter zum Wasser war beschwerlich. Dave war kein Schwächling, aber allein der nasse Boden und das karge Licht hielten ihn davon ab, das Mädchen zu tragen. Also zerrte er sie halb neben, halb hinter sich her. Eventuelle Schleifspuren würde er auf dem Rückweg zertrampeln müssen. Einerseits war es idiotisch, ausgerechnet hierher zu kommen. Hierhin, wo er in den Sommern seiner Jugend schwimmen gewesen war. Wo er jeden Quadratzentimeter kannte. Andererseits war genau das der Grund, weshalb es hier sein musste. Dave hatte seine Verbindungen zu diesem Ort gekappt, aber er wusste sehr genau, in welche Bereiche nie jemand ging. Sei es wegen der Steine, wegen des knietiefen Schlamms oder wegen irgendwelcher Giftschlangen, von denen man sich Schauermärchen erzählte.
Das Wasser reichte ihm bald bis zu den Knien. Schilfblätter fuhren ihm durchs Gesicht. Aus der Entfernung plumpste es. Ein Frosch, der zurück ins Wasser sprang? Unmittelbar vor ihm flatterte ein Vogel auf. Kreischend. Vor Schreck ließ Dave das Mädchen...
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