
Todesruf
Description
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Der neue spannende Krimi um Deutschlands bekannteste Kommissarin Julia Durant von den Bestseller-Autoren Andreas Franz und Daniel Holbe
Ein Fall, der die toughe Kommissarin vor ganz neue Herausforderungen stellt.
Weihnachten in Frankfurt. Eine junge Frau verlässt an Heiligabend spät ihre Familie, um ihrer Arbeit nachzugehen. In dieser Nacht zahlen die Freier erfahrungsgemäß besonders gut. Am nächsten Tag findet man ihre Leiche. Sie war im dritten Monat schwanger. Julia Durant und ihr Chef und zukünftiger Ehemann Claus sind zutiefst berührt. Das Schicksal der jungen Frau trifft Julia hart, die eigentlich mit Hochzeitsplanungen beschäftigt ist. Nach ein paar Tagen meldet sich Peter Brandt, Julias Kollege aus Offenbach: Auch hier wurde eine Tote gefunden, ein Callgirl mit betuchter Kundschaft. Gibt es einen Zusammenhang zwischen den beiden Morden? Die zwei Frauen waren nur scheinbar auf eigene Rechnung tätig, in Wahrheit stand hinter beiden jemand, der abkassierte. Zwei Reviere, zwei Clans? Handelt es sich womöglich um eine Fehde unter Zuhältern?
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Content
Mittwoch
Mittwoch, 25. Dezember, 9:15 Uhr
Auch der erste Weihnachtstag brachte Regen. Das Grau über der Stadt schien sämtliche Lichter und Feierlaune aufzusaugen, doch Julia Durant vermutete, dass es vielmehr an den beiden Schicksalen lag, die ihr und Claus gestern begegnet waren. Er stand gerade unter der Dusche, sie hielt eine Tasse Kaffee in den Händen. Unter den nackten Füßen der Perserteppich, ihre Zehen spielten mit dem Rand. Als das Festnetztelefon klingelte, zuckte sie zusammen. Früher, an Weihnachten, war es stets ihr Paps gewesen, der sich als Erstes gemeldet hatte. Meistens früh am Vormittag, da er wegen der Messen einen vollen Feiertagsfahrplan hatte. Doch heute kam der Anruf nicht aus München, sondern nur aus der Nachbarstadt. Es war Peter Brandt, Offenbach.
»Buon natale«, wünschte er, was seltsam klang, denn Brandt hatte zwar italienische Wurzeln, war aber sowohl dem Aussehen als auch dem Dialekt nach einer der typischsten Hessen, die Durant je erlebt hatte.
»Danke, dir auch. Ich vermute mal, du rufst nicht an, um uns gute, neue Mär zu bringen.«
»Wie misstrauisch du bist. Aber leider hast du recht. Es geht um die Tote an der Staustufe. Ist dein Liebster denn auch in der Nähe?«
»Im Bad.«
Brandt zögerte kurz. »Okay. Ist auch egal, wem von euch beiden ich es erzähle, es bleibt ja in der Familie. Also pass auf: Ich wurde gerade von der Sitte informiert. Es gibt eine Übereinstimmung bei den Fingerabdrücken. Unlängst, ich glaube, bei einer Razzia, wurde eine ganze Reihe von Frauen registriert, die in einem Escort-Ring organisiert sind. Nach außen hin mit einem sauberen, eleganten Anstrich.« Er hüstelte. »Luxusdamen. So verkauft man das wohl heutzutage der zahlungskräftigen Klientel. Auf den ersten Blick scheinen diese Frauen auf eigene Rechnung zu arbeiten.«
»Lass mich raten«, seufzte Durant. »Wenn man lange genug gräbt, führen die Fäden alle in ein gemeinsames Haus und zu denselben Hintermännern.«
Sie kannte das Spiel. In Frankfurt lief es nach demselben Muster.
»Genau so. Und du kannst dir vermutlich denken, dass keine der Frauen etwas preisgegeben hat und dass wir vermutlich auch keine Vermisstenmeldung erhalten werden. Wir sollten wohl dankbar sein, dass wir wenigstens die Personalien feststellen konnten. Bei der Toten handelt es sich um Natalie Markovic, einunddreißig Jahre. Die Mutter kam damals mit ihr aus Ex-Jugoslawien hierher. Viel mehr weiß ich noch nicht.«
»Na ja. Wenigstens ein Anfang.« Durant suchte erfolglos nach einem Stift, fand keinen und tappte daher in Richtung Küche, wo sie sich die Daten auf die Rückseite von Claus' ausgedrucktem Gänserezept notierte. In diesem Moment erklang seine Stimme: »Hast du was gesagt?«
Durant hielt das Mobilteil weg vom Mund und rief: »Peter Brandt ist am Apparat!«
Nasse Schritte patschten in Richtung Küche. Hochgräbe war in seinen Kapuzenbademantel gehüllt. Durant hielt ihm das Telefon hin, er formte ein lautloses Danke mit den Lippen und drückte anschließend die Lautsprechertaste.
»Frohe Weihnachten, Herr Kollege. Was liegt denn an?«
»Ich habe Julia die Identität der Ermordeten mitgeteilt. Eine Edelhure, wenn man das so ausdrücken will.«
»Dachte mir schon so etwas.«
Die beiden wechselten ins Wohnzimmer und nahmen auf dem Sofa Platz. Julia betrachtete verständnislos die nassen Flecke auf dem Boden. Wieso konnte er nicht auf ein Handtuch treten?
»Wir sollten uns im Laufe des Tages abgleichen«, schlug Brandt vor. »Was gibt es denn in Sachen Obduktion?«
Julia musste unwillkürlich lächeln. Theoretisch hätte Peter Brandt das auch direkt bei Andrea Sievers nachfragen können. Lag es wirklich nur daran, dass er die Zuständigkeitsgrenze der beiden Präsidien nicht verletzen wollte, oder rührte es daher, dass einmal mehr zwischen den beiden gewesen war? Sie erinnerte sich noch gut an die Trennung, die ihn weitaus härter getroffen hatte als sie. Andererseits war das viele Jahre her.
Hochgräbe berichtete in ein paar Sätzen vom Auffindeort, dem sexuellen Kontakt und der Strangulation.
»Das mit dem Sex ist ja nun wohl erklärt«, schloss er. »Wir suchen keinen Liebhaber, sondern einen Freier. Und womöglich ist das auch unser Täter.«
»Wie genau läuft das denn ab bei diesen Frauen?«, fragte Durant nach vorn gebeugt, um möglichst nah ins Mikro zu sprechen. »Bucht man übers Internet, ruft man jemanden an, gibt es da irgendein Portal?«
Brandt prustete. »Da fragst du den Falschen! Aber ich bringe euch gerne mit den Leuten von der Sitte zusammen. Es ist sogar jemand, den ihr kennt. Ihr erinnert euch doch noch an Canan Bilgiç?«
Durant wusste sofort, von wem er sprach, und auch in Hochgräbes Gesicht zeichnete sich ab, dass er sich gut an die aufgeweckte Deutschtürkin erinnerte, die zu Brandts Team gehörte.
»Canan ist nicht mehr bei der Mordkommission?«
»Nein.« Brandt klang resigniert. Seit Jahren schon schienen ihm sämtliche guten Kollegen zu entgleiten. Viele neue Gesichter kamen und gingen. Irgendwann würde er das Ganze vermutlich hinschmeißen. Wie gut sie es in dieser Hinsicht doch diesseits des Mains hatten. Noch.
Weiter kam sie nicht, denn Brandt fuhr fort: »Sie hatte das Gefühl, bei der Sitte mehr erreichen zu können. Mehr tun zu können, bevor es zu spät für die Frauen ist. In gewisser Weise kann ich das verstehen. Bei uns ist immer nur Endstation. Keine Hoffnung.«
Es klang düster. Und im Grunde hatte er recht.
»Okay.« Hochgräbe übernahm wieder. »Dann schlage ich vor, wir kommen nachher rüber. Wie lange brauchst du?«
»Je schneller, desto besser. Ich muss nur Canan noch informieren. Sie weiß noch nichts von ihrem Glück.«
»Dann sagen wir, so gegen elf?«
Brandt bejahte, und sie verabschiedeten sich.
Als Claus das Telefon zurück zur Ladestation brachte, fiel ihm auf, dass das Kuvert fehlte. Zumindest vermutete Julia das, denn es war ihr vorhin beim schwungvollen Entnehmen des Geräts vom Tisch geflogen, aber das Gespräch mit Brandt hatte sie zu sehr abgelenkt, um ans Aufheben zu denken. Jetzt lag da etwas im Blick ihres Verlobten, was das Thema wieder wie einen Heißluftballon anschwellen ließ, der sich mitten in ihrem Wohnzimmer entfaltete.
Bevor sie etwas sagen konnte, ergriff er das Wort. »Schatz, es tut mir leid, aber wir müssen das jetzt endlich aus der Welt schaffen.«
Julia schluckte hart. Nun war es also so weit. Sie fuhr sich durchs Haar. »Meinetwegen. Aber ich muss auch noch unter die Dusche.« Sie suchte nach der Stelle, wo sie ihren Kaffee abgestellt hatte. Die Küche. Doch jetzt war nicht der passende Zeitpunkt, sich dorthin zu flüchten. Ihr Puls beschleunigte sich auch ohne Koffein. Beide kannten den Inhalt des Schreibens. Es war im Grunde eine Formsache. Nur hatten sie sich nie damit auseinandergesetzt, wie das Ganze ablaufen würde, wenn es so weit war. Und wen es betreffen würde.
»Du weißt, dass unsere Hochzeit damit nichts mehr zu tun hat«, eröffnete Claus. »Selbst, wenn wir nicht heiraten würden, gäbe es keinen Weg mehr zurück.« Er setzte sich auf den Sessel, dabei hätte sie sich gewünscht, er würde neben ihr Platz nehmen. Sie in den Arm nehmen. Doch eben hatte er mehr wie der Chef geklungen und weniger wie ihr Verlobter. Hatte er vor, die anstehende Entscheidung als ihr Vorgesetzter zu treffen?
Julias Herz klopfte noch schneller.
Sie erinnerte sich noch gut an die Woche vor dem ersten Advent. Claus hatte ein unerfreuliches Treffen mit einem der hohen Tiere gehabt, bei gutem Essen zwar, aber das hatte die bittere Pille nicht versüßen können. Er hatte sich anhören müssen, wie außergewöhnlich es damals gewesen wäre, als er von München nach Frankfurt gewechselt war, um die Leitung der Mordkommission zu übernehmen. Alle hatten gewusst, dass das gegen sämtliche Regeln verstieß, und nur die besondere Situation, in der sich das Präsidium damals befunden hatte, rechtfertigte diesen Schritt. Ein Fall, an dem Julia maßgeblich beteiligt gewesen war, hatte hohe Wellen bis in höchste Kreise geschlagen und so manchen Kopf gekostet. In eine dieser Lücken war Claus getreten. Doch jetzt, wo aus einer Beziehung zu einer ihm untergeordneten Kollegin eine Ehe werden sollte, da wurden die Stimmen laut. Ein anderes Präsidium? Kam nicht infrage. Und andere Abteilungen? Auch dort fand sich nichts, was ihn überzeugte.
»Bevor ich etwas dazu sage«, begann er langsam, »was hast du dir denn gedacht?«
Julia stockte der Atem. War das seine Taktik? Ihr den Schwarzen Peter zuzuschieben?
»Ich .«, stammelte sie, ». ich weiß nicht .«
»Macht nichts.« Sein Lächeln war warm. Das beruhigte sie aber nur wenig. »Es ist eigentlich ganz einfach. Ich habe an der Hochschule schon als Gastdozent Seminare gegeben, wie du weißt. Jetzt ist dort eine Stelle frei, also etwas Regelmäßiges, darüber lohnt es sich nachzudenken. Und ich muss zugeben, gerade gestern Abend, als ich mit meinem Regenschirm bei dieser armen Frau stand, da hat mir der Gedanke daran ganz gut gefallen.«
Julia schüttelte den Kopf. Soweit sie sich erinnerte, hatten die wenigen Seminare, die Claus vorbereitet hatte, ihn regelmäßig ins Rotieren gebracht. War es seinem Hang zum Perfektionismus geschuldet oder schlicht die Vorstellung gewesen, alleine vor einem Hörsaal voller Publikum zu stehen, dem er für neunzig Minuten auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war - jedenfalls war er vor dem ersten Mal nachts schweißgebadet aufgeschreckt. Danach hatte er sich geschworen, so etwas nie wieder zu tun. Beim zweiten Mal war...
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