
Der Schatten-Code
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Ein Hacker im Graubereich. Ein Unterweltboss mit finsteren Plänen. Baltimore ist nicht groß genug für beide.
C.T. Ferguson nutzt seine zweifelhaften Hackerkünste als Privatermittler. Als ein Teenager ihn bittet, seinen vermissten Bruder zu finden, nimmt C.T. den Fall an. Schon bald entdeckt er, dass der Vermisste ebenfalls ein begnadeter Hacker ist - was sein Interesse weckt.
Dann tauchen plötzlich überall zwielichtige Gestalten auf. Ein aufstrebender Gangsterboss macht ihm ein Angebot, das er besser nicht ablehnen sollte. C.T. lehnt trotzdem ab. Doch was hat das alles mit dem verschwundenen Hacker zu tun?
Als die Ermittlungen eine gefährliche Wendung nehmen, muss C.T. sich gegen die Polizei behaupten, die ihn hinter Gitter bringen will - und gegen eine Bande Schläger, die ihn endgültig zum Schweigen bringen wollen. Kann er der Spur im Netz und auf der Straße rechtzeitig folgen, um eine Familie wieder zusammenzuführen?
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KAPITEL 1
Manche Menschen akzeptieren Dinge ohne Weiteres, und andere brauchen eine Menge Überzeugungsarbeit. Das hat nichts mit Skepsis zu tun - die ich selbst reichlich hege und bei anderen schätze -, sondern mit einem sturen Unglauben daran, dass jemand einem überhaupt etwas verweigern könnte. Die Frau am Telefon verkörperte genau diesen Charakterzug.
»Ich übernehme keine Beziehungsfälle«, sagte ich mindestens zum dritten Mal.
»Aber ich bin sicher, dass mein Mann mich betrügt!« Ich hörte ein Weinen am Rand ihrer Stimme. Die Tränen mochten aufrichtig sein, oder sie waren kalkuliert, um Mitleid zu erregen. So oder so, ich nahm mir vor aufzulegen, falls sie anfangen sollte zu heulen. Ich habe meine Grenzen.
»Dann brauchen Sie mich also nicht, oder?«
Meine Frage brachte sie ins Stocken. Sie brauchte ein paar Sekunden, um einen Konter zu finden. »Ich muss es vor Gericht beweisen«, sagte sie.
Für einen Konter war es kein Meisterstück. »Haben Sie ein Smartphone?«, fragte ich, wohl wissend, dass heutzutage fast jeder in Amerika eines besitzt.
»Ja, ein neues iPhone.«
»Wissen Sie, wie man die Kamera bedient?«
»Natürlich weiß ich das.«
»Dann muss ich noch einmal betonen: Sie brauchen mich nicht«, erwiderte ich.
»Aber ich brauche Sie doch«, beharrte sie. »Sie machen das beruflich.«
»Das bedeutet nicht, dass ich bessere Fotos mache als der Durchschnittsbürger. Wenn Sie Ihrem Anwalt eine Fotostrecke liefern wollen, rufen Sie einen Fotografen an.«
»Aber -«
Ich unterbrach sie. »Ich übernehme keine Beziehungsfälle. Es gibt genügend Leute, die das machen.«
»Aber ich kann es mir nicht leisten, sie zu bezahlen.« Jetzt flossen die Tränen. Ich erinnerte mich an meinen Vorsatz.
»Dann schlage ich vor, Sie üben mit Ihrem iPhone«, sagte ich und legte auf, bevor sie mich erneut anflehen konnte. Mein erster Fall hatte als Beziehungsangelegenheit begonnen und sich zu deutlich mehr entwickelt. In meiner glorreichen achtmonatigen Karriere als Pro-bono-Privatermittler war er mein einziger Beziehungsfall gewesen. Ich beschloss, es dabei zu belassen.
Die Frau, die überzeugt war, dass ihr Mann sie betrog, rief zurück. Manche Leute können einfach kein Nein akzeptieren. Ich ignorierte den Anruf und tat dasselbe, als sie es noch zweimal versuchte. Beim vierten Mal musste sie es endlich kapiert haben. Die ganze Klientenabwehr machte mich hungrig. Nachdem ich ein paar Minuten lang Spam-Mails gelöscht hatte, stand ich auf, schloss ab und machte mich auf den Weg, um in Federal Hill Mittag zu essen.
Ich hatte das Haus vor etwas mehr als einem Monat gekauft. Die Wohnung in Fells Point war in Ordnung, aber mir gefiel die Idee nicht, von dort aus ein Geschäft zu führen. Die Hausverwaltung war einverstanden. Sie erlaubten mir, den Mietvertrag sechs Monate vorzeitig aufzulösen, ohne ihre wucherische Gebühr zu zahlen. Fells Point gefiel mir gut genug, um dort zu bleiben, aber ich fand ein großartiges Haus im Viertel Federal Hill in Baltimore. Es war ein Eck-Reihenhaus, und der Vorbesitzer war irgendein Arzt gewesen, weshalb das Haus über ein Büro im Erdgeschoss verfügte.
In Federal Hill zu wohnen bedeutete: kein Mangel an Essensmöglichkeiten. Während des Arbeitstages ist Baltimore eine Stadt voller Menschen, die in ihre Büros gepfercht sind. Die Ausnahme ist die Mittagszeit, wenn die gedrängten Massen danach lechzen, frei zu atmen und zu essen, und die Straßen von Leuten überschwemmt sind, die zu irgendeinem Mittagslokal hin- oder davon zurückströmen. Ich wohnte nur ein paar Blocks vom Cross Street Market entfernt und machte mich auf den Weg dorthin.
Der Cross Street Market ist ein langes Gebäude, vollgepackt mit Essensständen und Verkäufern verschiedener Nippsachen. Zwischen den Ständen gibt es ein paar Plätze zum Sitzen und Essen. Es war ein warmer Tag Mitte Juli, und viele Menschen tummelten sich herum, strapazierten die Klimaanlage und ließen mich hoffen, dass ich schnell rein und wieder raus käme. Ich schnappte mir einen Lachsburger und Süßkartoffelpommes bei Frank's und lief zurück zu meinem Haus. Gesamtzeit: fünfundzwanzig Minuten.
Das Essen war den Weg und die Menschenmenge wert. Wie üblich aß ich an meinem Büroschreibtisch und las dabei über die Orioles und Baseball allgemein. Die Orioles hatten in der vergangenen Nacht ein nervenaufreibendes Auswärtsspiel in Boston erst in den Extra Innings gewonnen. Ich hatte versucht, das ganze Spiel zu sehen, war aber im zwölften Inning eingeschlafen, als es auf Mitternacht zuging. Mit achtundzwanzigeinhalb Jahren fühlte ich mich alt.
Ich schaute mir gerade die Highlights an, als es an der Tür klingelte. Wegen des Heimbüros bedeutete ein Klingeln an der Tür nicht zwangsläufig einen potenziellen Klienten. Manchmal war es nur meine tägliche Amazon-Lieferung. Diesmal blickte ein junger Mann, der etwa siebzehn wirkte, von der anderen Seite des Spions zurück. Er schien kein Lieferbote zu sein. Das Ausschlussverfahren machte ihn zum potenziellen Klienten. Falls ja, wäre er mein jüngster. Ich öffnete die Tür.
»C.T. Ferguson?«, fragte er.
»Der einzig wahre.«
»Ich möchte . ich brauche vielleicht deine Hilfe.«
»Reden wir darüber.« Ich bat ihn herein und führte ihn den Flur entlang zu meinem Büro. Es war etwa drei mal drei Meter groß, mit Holzböden und kahlen Wänden, mit denen ich noch irgendwas machen musste. Ein großer Schreibtisch mit drei Monitoren, angeschlossen an einen leistungsstarken, maßgefertigten Laptop, nahm den größten Teil des Raumes ein. Wenn ich mich genau richtig hinter den Schreibtisch setzte, versperrten die Bildschirme den Blick auf potenzielle Klienten. Das war Absicht. Mein junger Besucher nahm auf einem meiner Besucherstühle Platz, ich ließ mich in meinem Leder-Chefsessel nieder. Der Junge blickte auf die verbliebenen Süßkartoffelpommes auf dem Schreibtisch und runzelte die Stirn.
»Ich wollte nicht dein Mittagessen unterbrechen«, sagte er.
»Mach dir keine Sorgen«, sagte ich. »Wenn ich hungrig werde, esse ich vor dir weiter.« Er wusste nicht, was er sagen sollte, und entschied sich fürs Nichts. Getreu meinem Wort knabberte ich an ein paar Pommes. Er wusste immer noch nicht, wie er anfangen sollte. Ich half nach. »Ich nehme an, du bist nicht hergekommen, um mir beim Essen zuzusehen.«
»Nein«, sagte er und löste sich aus seinen Gedanken. »Ich glaube, ich brauche deine Hilfe.«
»Ich höre.«
»Mein Name ist Brian, Brian Sellers. Ich mache mir Sorgen um meinen älteren Bruder, Chris. Ich habe ihn seit ein paar Tagen nicht gesehen.«
»Ist seine Abwesenheit ungewöhnlich?«, fragte ich.
»Ich wohne bei ihm. Normalerweise sehe ich ihn jeden Tag.«
»Du wohnst bei deinem älteren Bruder?«
Er nickte. »Unser Vater ist abgehauen, kurz nachdem ich geboren wurde. Ich kann mich nicht mal an ihn erinnern. Unsere Mutter . ist vor ein paar Monaten gestorben.«
»Das tut mir leid.«
Brian lächelte schwach und holte tief Luft, bevor er fortfuhr. »Chris und ich waren schon immer eng verbunden, also hat er mich eingeladen, bei ihm und seiner Freundin zu wohnen.«
»Ist sie auch weg?«
»Vielleicht machen sie Urlaub«, sagte ich.
»Nein, das hätte er mir gesagt.«
»Vielleicht sind sie nach Vegas gefahren, um zu heiraten.«
»So etwas würde er mir sagen«, erwiderte Brian kopfschüttelnd. »Deshalb bin ich besorgt.«
Ich zog ein Notizbuch aus der obersten Schublade meines Schreibtischs und notierte ein paar Details, vor allem die Namen, die Brian mir hingeworfen hatte. »Wie heißt die Freundin?«, fragte ich.
»Anna. Anna Blair.«
Ich schrieb es auf. »Ach, und ich muss fragen - schreibst du Brian mit i oder Y?«
»Mit i.«
»Gott sei Dank.«
Meine gespielte Erleichterung brachte ihn zum Grinsen. »Ich mochte das Y auch nie«, sagte er.
»Ich brauche einen zeitlichen Überblick«, sagte ich und lenkte das Gespräch zurück auf den Grund für Brians Besuch. »Heute ist Dienstag. Wann hast du deinen Bruder zuletzt gesehen?«
Brian überlegte kurz. »Samstagabend«, sagte er.
»Bist du sicher?«
»Ja. Er war noch wach und machte irgendwas an seinem Computer, als ich ins Bett ging. Er schien ziemlich vertieft. Wahrscheinlich wieder irgendein Raid oder so. Ich konnte mich für solche Spiele nie begeistern. Jedenfalls waren er und Anna weg, als ich Sonntagmorgen aufstand. Seitdem habe ich sie nicht mehr gesehen.«
»Ich nehme an, du hast versucht, ihn zu erreichen.«
»Er geht nicht an sein Handy. Keine Antwort auf Textnachrichten oder E-Mails.«
»Was ist seine Handynummer?«
»410-555-9190.«
Ich rief von meinem Bürotelefon aus an und schaltete auf Lautsprecher. Nach fünf Klingelzeichen sprang die Mailbox an. Ich legte auf, ohne eine Nachricht zu hinterlassen.
»Du warst also die letzten zwei Tage allein zu Hause«, sagte ich.
»Ja.«
»Wie alt bist du?«
»Sechzehn«,...
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