
Verunsichernde Orte
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Einführung
Allein das Wissen zu den Orten der nationalsozialistischen Massenverbrechen ist tief verunsichernd, umso mehr braucht pädagogische Vermittlung an diesen Orten Orientierung - für Mitarbeiter(innen) und Besucher(innen) gleichermaßen. Diese Orientierung sollte aber immer wieder in Frage gestellt werden, um noch zeitgemäß und realistisch zu sein. Das vorliegende Buch will beides: verunsichern und (neu) orientieren.
Die Reflexionen und Übungen in diesem Buch sind Ergebnis eines Diskussionsprozesses mit Kolleg(inn)en von KZ- und Euthanasie-Gedenkstätten sowie Jugendbildungsstätten mit gedenkstättenpädagogischem Schwerpunkt in Deutschland, Österreich und Polen im Rahmen des Modellprojektes "Gedenkstättenpädagogik und Gegenwartsbezug - Selbstverständigung und Konzeptentwicklung" (2007-2010). Sie entstammen somit einem sehr spezifischen Arbeitskontext und wurden in erster Linie für Mitarbeiter(innen) an Gedenkstätten entwickelt, die der Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus gewidmet sind. Die theoretischen Beiträge, das "Berufsbild Gedenkstättenpädagogik" und die Mehrzahl der Übungen behandeln jedoch Themen, die ebenso an anderen Gedenkstätten (auch zur Erinnerung an andere Verbrechenskomplexe), Einrichtungen der historisch-politischen Bildung sowie an Schulen relevant sind, an denen pädagogische Fragen zu Gedenkorten zu bedenken und zu entscheiden sind.
Verunsicherung
Der zeitliche Abstand zum Nationalsozialismus ist inzwischen so groß, dass nur noch wenige Jugendliche jemanden persönlich kennenlernen können, die oder der die Zeit des Nationalsozialismus erlebt hat. Die Veränderung der europäischen Gesellschaften zu Migrationsgesellschaften hat den Blick auf das 20. Jahrhundert zudem modifiziert. Zugleich hat sich der Stellenwert von Gedenkstätten in Europa gewandelt: Ein breiter gesellschaftlicher Konsens trägt sie inzwischen, auch wenn diese Errungenschaft in Zukunft sicher immer wieder neu eingefordert werden muss. Vielerorts werden Gedenkstätten institutionalisiert, was auch spezifische Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter(innen) hat. Die Erwartungen an gedenkstättenpädagogische Arbeit waren immer von einem erzieherischen Anspruch geprägt, dies hat sich seit 1989 noch verstärkt und in der Regel werden Demokratieförderung und Menschenrechtsbildung - häufig unhinterfragt - als vorrangige Ziele von Gedenkstätten und ihrer pädagogischen Arbeit beschrieben. All diese Entwicklungen befördern den Eindruck, dass eine (Neu-)Verständigung über realistische Ziele und zeitgemäße Methoden überfällig ist.
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