
Der Spracherwerb des Kindes
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Das Erlernen einer Fremdsprache ist oft ein mühsamer Weg, und viele von uns, die sich hierbei mit schwierigen Grammatiken und wahren Vokabelbergen herumplagen, blicken sehnsüchtig auf die Zeit zurück, in der sie als Kleinkinder scheinbar mühelos ihre Muttersprache erlernten. Doch diese Erinnerung ist trügerisch. Zwar das Kind phasenweise mit dem gerade Erworbenen, aber auch sein Weg zur Sprache ist voller Hindernisse und Umwege. Der Spracherwerb ist die komplexeste Aufgabe, die ein Kind im Laufe seiner frühen Entwicklung zu bewältigen hat, und so verwundert es nicht, dass auch das Erlernen der Muttersprache über viele kleine Siege errungen werden muss.
In diesem Buch erklärt ein renommierter Sprachwissenschaftler die wichtigsten Stationen des Erwerbs der gesprochenen Muttersprache durch das Kleinkind. Darüber hinaus erläutert er die hierzu wichtigsten Aussagen der modernen Spracherwerbstheorien und vermittelt einen kurzen Einblick in die wichtigsten Störungen des kindlichen Spracherwerbs.
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Person
Jürgen Dittmann war von 1980 bis 2012 Professor für Neuere deutsche Sprachwissenschaft an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i. Br. Seine Forschungsschwerpunkte sind Neurolinguistik und Gegenwartsdeutsch.
Content
1. Das Problem des Spracherwerbs
1.1 Der Spracherwerb - kein Kinderspiel
Im Nachhinein, das heißt aus der Perspektive des Erwachsenen, der seine liebe Not mit dem Erwerb von Fremdsprachen hat, erscheint der Erstspracherwerb vielleicht wie ein Kinderspiel. Doch die Erinnerung trügt: Der Weg zur Sprache ist, bildlich gesprochen, voller Hindernisse und Umwege, und das Kind muss sich jeden Etappensieg erkämpfen. Allerdings ist der Spracherwerb auch die komplexeste aller Aufgaben, mit denen das Kind im Laufe seiner Entwicklung konfrontiert wird. So verwundert es nicht, dass bei gut 10 % der Kinder sog. umschriebene Entwicklungsstörungen des Sprechens und der Sprache diagnostiziert werden (vgl. Kap. 8). Fast alle Kinder erreichen gleichwohl das Ziel des Lernprozesses, die Beherrschung der Muttersprache.
1.2 Das Lernziel
Will man die Aufgabe, vor der das Kind steht, verstehen, sollte man sich zunächst klarmachen, dass alle Sprachen komplex sind, wenngleich die Komplexität unterschiedlich ausgeprägt ist. Auch Steinzeitkulturen haben komplexe Sprachen, was etwa die Sprachen der australischen Aborigines eindrucksvoll belegen. Und entgegen einer anderslautenden Behauptung, die es bis in die Medien geschafft hat, ist auch die Sprache des Amazonas-Stammes der Pirahã komplex (Nevins et al. 2009). Die Einzelsprachen machen allerdings unterschiedlichen Gebrauch vom Repertoire möglicher Ausdrucksmittel. So hat bekanntlich das Lateinische viele Flexionsformen (Deklination des Substantivs, Konjugation des Verbs usw.), das Englische weniger und das Chinesische fast keine. Dafür bedienen sich flexionsarme Sprachen dann anderer Mittel, die sie wiederum komplex machen. Deshalb stehen alle Kinder der Welt, unabhängig davon, ob sie in einem steinzeitlich lebenden Stamm oder einer Industriegesellschaft aufwachsen, vor einer ungemein schwierigen Aufgabe.
Einerseits konstatieren wir also Unterschiede zwischen den Einzelsprachen, die den Fremdsprachenerwerb so schwierig machen, andererseits folgen aber alle Einzelsprachen denselben grundlegenden Strukturgesetzen. Wilhelm von Humboldt (1963) begründet das so: «Da die Naturanlage zur Sprache eine allgemeine des Menschen ist und Alle den Schlüssel zum Verständniss aller Sprachen in sich tragen müssen, so folgt von selbst, dass die Form aller Sprachen sich im Wesentlichen gleich seyn und immer den allgemeinen Zweck erreichen muss.» Wie kann man diese gemeinsamen Eigenschaften aller menschlichen Sprachen, die
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