
Der dunkle Sommer
Description
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Ein Haus in einem alten Geisterdorf in Italien, ein Traum, der zum Albtraum wird – der nervenaufreibende neue Pageturner von Vera Buck
Ein Haus in Italien für einen Euro: Für die deutsche Architektin Tilda ist die verfallene Villa auf Sardinien ein Glücksgriff. Sie will alle Brücken hinter sich abbrechen und stürzt sich in die Renovierung. Doch die vermeintliche Idylle des verwinkelten Ortes trügt. Ist das Geisterdorf wirklich so verlassen, wie es den Anschein hat? Sonntags läuten die Glocken, und Unbekannte behaupten, ein Fluch liege auf Tildas Haus.
Zusammen mit dem Journalisten Enzo, der die Geschichte des Dorfes erforscht, versucht Tilda herauszufinden, was hier geschehen ist. Doch der einzige Bewohner, der mehr weiß, ist der alte Silvio. Und der schweigt beharrlich. Als plötzlich Tildas jüngerer Bruder Nino vor ihrer Tür steht, lässt Tilda ihn zähneknirschend bei sich unterkommen. Er bringt Erinnerungen mit, die sie dringend vergessen will. Dann verschwindet Nino auf mysteriöse Weise. Getrieben von der verzweifelten Suche nach ihm offenbart sich Tilda und Enzo im schroffen Hinterland der Insel eine Wahrheit, die düsterer ist als jede Geistergeschichte – und die eng mit Tildas eigener Vergangenheit verwoben scheint.
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Tilda
Die Häuser sind Haut und Knochen. Ein Elefantenfriedhof aus verlassenen Gebäuden, auf einer Bergkuppe in der wilden Barbagia, dem Land der Barbaren. Was für eine Ironie, dass ausgerechnet ich hierherkommen und eins dieser Gerippe mit neuem Leben füllen will.
Ich steige über heruntergefallene Dachziegel und Steine, während ich der Maklerin durch die eng gewundenen Gassen folge. Das Haus, vor dem wir stehen bleiben, ist das letzte in der Straße. Es trägt die Nummer fünfzehn, ist zweistöckig und größer als die anderen. Schief steht es zwischen den Nachbarhäusern eingeklemmt, denen ebenfalls die rechten Winkel fehlen. Bis hin zu den schmalen Balkonen vor den Fenstern im zweiten Stock gibt es praktisch keine geraden Linien. Als hätte ein Kleinkind es entworfen.
Die Maklerin, eine energische Frau mit streng zurückgebundenen Haaren, holt einen Schlüsselbund heraus, der aussieht wie der eines Schlosswarts oder Kerkermeisters. Sie geht einen nach dem anderen durch, bis sie den Schlüssel findet, der in das Schloss in der Holztür passt. Die Tür öffnet sich mit einem Knarren.
Im Haus ist es trotz der Jahreszeit kalt. Die Tapeten sind verblasst und an den Rändern aufgerollt. Die rechteckigen Verfärbungen, die sich vom Fußboden bis zur niedrigen Zimmerdecke ziehen, lassen auf Fotorahmen schließen, die hier viele Jahre gehangen haben müssen.
Links von uns befindet sich die Küche mit ihren gemauerten Wänden. Töpfe und Pfannen hängen an dicken Eisenstiften zwischen den Ziegeln. Von dem Herd selbst sind die Fliesen abgefallen und liegen überall auf dem Fußboden. In der ebenfalls gemauerten Spüle stapeln sich weitere Töpfe, überzogen von Rost und Staub.
«Es hat alles seinen eigenen Charme, nicht wahr?», versucht die Maklerin, die Situation zu retten. «Und die Möbel sind selbstverständlich im Preis enthalten.»
Sie muss von dem kleinen Holztisch und den vier Stühlen sprechen. Dreieinhalb Stühle, korrigiere ich mich und steige über den vierten, zerbrochenen hinweg, um durch die Fenstertür in den Hinterhof zu sehen. Er ist verwildert, die Steintreppe völlig mit Pflanzen überwuchert. Die Wildnis der Berge, die man von hier aus sehen kann, hat den kleinen Ort längst an sich gerissen.
Wir setzen unsere Tour fort. Hinter der Küche befindet sich ein kleiner, fensterloser Raum mit einem WC, in dem der Putz von den Wänden bröckelt. Ein blinder Spiegel hängt über einem Waschbecken, das mir nur bis zu den Oberschenkeln reicht. Ich stelle den Wasserhahn an. Er quietscht und rumpelt und gibt sich alle Mühe. Doch es kommt nichts.
Die Maklerin runzelt die Stirn, bevor sie den Hahn ein paarmal energisch schlägt wie einen störrischen Esel. Daraufhin hustet er mehrere Spritzer rostbraunes Wasser aus und beginnt zu laufen.
«Ecco!», sagt sie. «Na bitte!»
Zufrieden klemmt sie ihre Mappe vor die Brust und führt mich in den letzten Raum im Erdgeschoss, das Wohnzimmer, dessen Wände von Rissen durchzogen sind wie von alten Narben. Es gibt auch in diesem Raum noch ein paar Möbel, aber alle versteckt unter weißen Tüchern. Ich mache mir nicht einmal die Mühe, die Laken abzuziehen. Mir fallen die dunklen Flecken auf dem Boden auf. Probeweise reibe ich mit dem Schuh darüber. Sie sind überall. Sind das Wasserflecken? Schwarzer Schimmel? Sie sind ungewöhnlich dunkelbraun. Ich blicke auf und stelle fest, dass auch die Wände voll davon sind. Versprenkelte dunkle Flecken. Und Löcher. Sind das . Einschusslöcher? Ich drehe mich zur Maklerin um, die mit ihrem Klemmbrett im Eingang steht und mich mit einem gezwungenen Lächeln ansieht.
«Wer hat hier früher gewohnt?», frage ich.
«Eine Familie», sagt sie ziemlich vage.
«Und kennt man den Grund für den Auszug?»
Das Lächeln der Maklerin verrutscht. Ihre manikürten Finger krallen sich fester um das Klemmbrett.
«Derselbe Grund wie bei allen anderen Bewohnern. Der Ort wurde 1982 komplett verlassen. Seitdem steht das Haus leer.»
Ich nicke und lasse das Thema fallen. Mehr werde ich von ihr nicht erfahren. Über eine Holztreppe gelangen wir ins obere Stockwerk. Zwei Schlafzimmer. In einem davon stehen ein großes Bett und ein verlassener Kleiderschrank, in dem anderen ein schmaleres Bett und eine Kommode. Auch hier ist alles mit Laken abgedeckt. Im Badezimmer offenbart sich uns dann geradezu ein Anblick der Verwüstung. Das Fenster ist kaputt. Die Scherben liegen überall auf dem Boden verteilt. Selbst in der alten, halb zertrümmerten Badewanne.
Diesmal bleibt die Maklerin stumm. Sie zeigt mir nicht einmal mehr den Dachboden, woraus ich schließe, dass sie nicht die geringste Hoffnung hat, mir das Haus zu verkaufen. Gut so. Dann können wir das ganze Prozedere abkürzen.
«Möchten Sie sich noch andere Objekte im Ort ansehen?», fragt sie halbherzig. Genug gäbe es, das weiß ich, denn ich habe vorab den Katalog studiert. Das ganze Dorf steht zum Verkauf.
«Nein danke», sage ich. Die Maklerin nickt verständnisvoll. Wir verlassen das Gebäude und gehen zu den Autos zurück, die wir auf der gepflasterten Straße vor dem Ortseingang abgestellt haben. Botigalli ist nicht für Autos gebaut. Die Straßen haben Eselskarrenbreite. Selbst mit eingeklappten Spiegeln wäre ich nicht bis zu der Gasse gekommen, in der das Haus liegt.
Vor uns breitet sich die bergige Landschaft von Sardinien aus. Fast eine Stunde Autofahrt durch wilde Serpentinen hat es gedauert, um herzukommen. Ich blicke mich noch einmal um, zum Dorf. Wie Bienenwaben ziehen sich die Häuser den Gebirgskamm entlang. Einige sehen aus, als würde der Berg sie verschlucken. Dahinter ragen steile Felsen in den Himmel. Und ganz oben, auf der Spitze des Grats, thront die Kirche. Es ist ein irrer Anblick.
Die Maklerin holt einen Stapel Mappen aus ihrem Kofferraum. «Wissen Sie, wir haben natürlich auch noch Objekte in anderen Dörfern. Bonnanaro beispielsweise, ein paar Kilometer nordwestlich von hier, ist ein ganz entzückender Ort.» Sie deutet in die Ferne, auf die karg bewachsene gebirgige Landschaft. «Oder, mein persönlicher Favorit, Osilo, nahe der Stadt Sassari. Da müssten Sie sich allerdings beeilen, die meisten Häuser sind nämlich schon verkauft. Die Gemeinde erlebt gerade einen richtigen Aufschwung durch die Neuzugezogenen. Da gibt es jetzt sogar Restaurants und Geschäfte. Und ich möchte ganz ehrlich zu Ihnen sein: All das sehe ich in absehbarer Zeit für Botigalli nicht. Nicht bei der Reputation, die diesem Ort anlastet.»
Ich brauche einen Moment, um zu begreifen, von welcher Reputation sie spricht. Ich hatte im Vorfeld kurz darüber gelesen, als ich mich über das Dorf schlaugemacht habe, dem Ganzen dann aber keine weitere Beachtung geschenkt. Die Wahrscheinlichkeit, beim Kauf eines alten Hauses an eine Immobilie zu geraten, in der schon mal jemand gestorben ist, ist immerhin ziemlich hoch und hat mich noch nie abgeschreckt. Wenn ich mich überhaupt vor Geistern fürchten sollte, dann vor denen, die ich selbst hierhin mitbringe.
«Sie wären ohnehin ziemlich alleine hier. Und dann derart abgelegen. Und als Frau.»
Die Dame hat wirklich ihren Job verfehlt.
«Ich nehme es», sage ich, bevor sie es für uns beide noch unangenehmer machen kann.
«Bitte?»
«Ich möchte das Haus gerne kaufen.»
Sie starrt mich kurz an, als erwarte sie, dass ich den Scherz auflöse. Als das nicht passiert, wendet sie sich hastig ab und klopft unnötigerweise ihren Mappenstapel in Form, bevor sie ihn zurück in den Kofferraum legt.
«Entschuldigung, das kommt jetzt wirklich etwas überraschend! Aber dann . herzlichen Glückwunsch!»
«Danke.» Ich ringe mir ein unverbindliches Lächeln ab.
«Es ist durchaus ein Haus mit Potenzial.»
«Absolut.»
«Und für den Preis von einem Euro - da kann man ja eigentlich gar nichts falsch machen, nicht wahr?»
Ich lächle weiter. Sie sieht noch immer verlegen aus.
«Es muss natürlich eine offizielle Bewerbung stattfinden, aber wie Sie wahrscheinlich schon herausgehört haben, sind Sie derzeit die einzige Interessentin, das sollte also kein Problem sein. Dann gibt es noch die Prüfung Ihrer finanziellen Mittel für die Renovierung. Die amtlichen Mühlen in Italien mahlen da langsam, Sie müssen etwas Geduld haben .»
«Natürlich.»
«Aber - wenn Ihr Entschluss trotz alldem noch fest steht .», sie wirft einen Blick zurück auf den Ort, als könne sie es noch immer nicht glauben, «dann habe ich natürlich eine Liste mit Adressen von Handwerkern, die wir empfehlen können. Es ist wirklich nicht einfach, in dieser Region zuverlässige Leute zu finden, darum würde ich stark dafür plädieren, unseren Empfehlungen zu folgen. Wir haben außerdem gute Erfahrungen mit einem Architekten gemacht, der die meisten Häuser in Osilo renoviert hat. Möchten Sie, dass ich Ihnen den Kontakt gebe?»
Ich lächle noch breiter. «Das wäre sehr nett, danke», sage ich. Die Dame hat wirklich keine Ahnung,...
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