
Grenze als Ressource
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4.1 Datenerhebung
Welche Rolle spielen Schmuggel und Kleinhandel in Haushaltsstrategien und Lebensführung Einzelner in der Armutsökonomie an der polnisch-russischen Grenze? Wie sehen Lebenswelten von Menschen aus, die Schmuggel über die polnischrussische Grenze treiben? Wie erzeugen sie ihre jeweilige Wirklichkeit? Um Antworten auf solche Fragen finden zu können, reicht es nicht aus, Fragebögen an schmuggelnde Personen zu schicken und auf Antwort zu warten.
Aufgrund der Illegalität dieser Beschäftigung und der Anonymität beim Einsatz quantitativer Methoden, der ein persönliches Kennenlernen und den Aufbau einer Vertrauensbeziehung nicht zulässt, hätte ein quantitativer Zugang keine validen Ergebnisse hervorbringen können. Zunächst einmal musste ich Schmuggler ausfindig machen. Dann musste ich sie kennenlernen, Vertrauen aufbauen, einen Zugang zu ihnen bekommen, um schließlich Interviews mit ihnen führen zu können.
Darüber hinaus musste ich Kontextwissen über Bartoszyce sammeln, was mich in Bibliotheken, an die Universität in Olsztyn, auf ausgedehnte Spaziergänge führte und ins Gespräch mit lokalen „Experten“ brachte. Regelmäßig kaufte ich die Lokalzeitung, war im Ort präsent und beobachtete, was um mich herum passierte – auf dem Markt, an der Grenze, in Geschäften, in der Nachbarschaft. Mit anderen Worten: Ich betrieb ethnographische Feldforschung. In diesem Kapitel werde ich zunächst diese Forschungsrichtung kurz vorstellen, um dann auf die konstitutiven Elemente und Probleme meiner eigenen empirischen Forschung einzugehen.
4.1.1 Ethnographische Feldforschung
„From my viewpoint, ethnography is the more general process of understanding another human group (...)“ (Agar 1996: 121). Dieser Grundannahme folgend, drängen sich Fragen auf: Wie sieht dieser Prozess aus? Welche Methoden gestalten ihn? Ziel des ethnographischen Verfahrens ist die verstehende Beschreibung von kleinen sozialen Lebenswelten, von sozial (mit-)organisierten Ausschnitten individueller Welterfahrungen (vgl. Honer 2004: 195).
Um das zu erreichen, muss eine Perspektivenübernahme durch den Forscher stattfinden, d.h., er sollte möglichst zum beobachtenden Teilnehmer der thematisierten sozialen Veranstaltung werden (vgl. Honer 1994: 89, Girtler 1984: 63f.). Das impliziert zweierlei: Erstens setzt die Aktivität eines beobachtenden Teilnehmers voraus, dass es etwas zu beobachten gibt, und dass der Forscher dazu Zugang hat. Ist dies gelungen, hängt der Erfolg der Datenerhebung zweitens davon ab, wie der Forscher seine Rolle vor den Teilnehmern der ihn interessierenden sozialen Situation plausibilisieren kann.
Diese beiden Vorgänge – Feldzugang und Plausibilisierung der Rolle des Forschers – bilden zwei Voraussetzungen für einen längeren informativen Aufenthalt im Forschungsfeld, was wiederum eine Prämisse jeder ethnographischer Forschung ist (vgl. Lüders 2004: 391f.). „Ethnographic relationships are long-term and diffuse“ (Agar 1996: 120). Der Aufbau von Vertrauensverhältnissen zwischen Forscher und den interessierenden Personen, der eine Voraussetzung für erfolgreiche Feldforschung ist, braucht Zeit. Dies gilt umso mehr für Forschungsgebiete, die wie z.B. der Schmuggel, zu „sensitive topics“ (vgl. Lee 1993) zählen. Erst die umfangreiche Kenntnis der Lebensbedingungen in der Region ermöglicht die "ethnographische Rückversicherung" (vgl. Böhnisch, Funk 1989).
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