
Aus einem dunklen Garten
Description
Alles über E-Books | Antworten auf Fragen rund um E-Books, Kopierschutz und Dateiformate finden Sie in unserem Info- & Hilfebereich.
Die Suche nach dem normalen Leben, nach dem "Drumschen Garten" der Großeltern, wird so letztlich zur Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit der Vätergeneration und mit Flucht und Vertreibung, zugleich aber auch zur Hommage an eine heute versunkene Zeit in Schlesien vor dem Zweiten Weltkrieg.
Die Autorin
Sophie Brandes, 1943 in Breslau geboren und in Bayern aufgewachsen, war nach ihrer Ausbildung zunächst als Grafi kdesignerin tätig. Während ihrer Tätigkeit als Illustratorin entstanden eigene Bilderbücher, außerdem Kinder- und Jugendromane. Aus der Feder von Sophie Brandes, die heute in Neckargemünd und auf Mallorca lebt, stammen auch Fernseh-Drehbücher und teilanimierte Bildergeschichten für das ZDF.
More details
Content
2 - 2 [Seite 22]
3 - 3 [Seite 39]
4 - 4 [Seite 59]
5 - 5 [Seite 77]
6 - 6 [Seite 83]
7 - 7 [Seite 113]
8 - 8 [Seite 133]
9 - 9 [Seite 158]
10 - 10 [Seite 174]
11 - 11 [Seite 190]
12 - 12 [Seite 204]
13 - 13 [Seite 219]
14 - 14 [Seite 233]
15 - 15 [Seite 244]
16 - 16 [Seite 258]
Verena war vor mir her in die Küche gegangen. Wie immer trug sie Hosen, darüber ein weiches Lederhemd. Ich betrachtete ihren Rücken und verfolgte ihre robusten Handgriffe, die schon beim ersten Mal eine unerklärliche Zuversicht in mir geweckt hatten. Wie diese Frau aus kleinen und überaus problematischen Verhältnissen ihr Leben arrangiert hat, erzeugt bei mir Anerkennung und Respekt. Wie sie einem Bruder, der im Mondphasenrhythmus zwischen Euphorie und der Zwangseinweisung in die Nervenheilanstalt pendelt, konstant die Treue hält, dazu einen früher gewalttätigen, heute in Altersdemenz verloren dahindämmernden Stiefvater erträgt und es auch noch fertig bringt, zwei Mal im Jahr ihre anklammernde Mutter in ein schönes heilgebliebenes Dorf zu begleiten und dort ihrer Lebensklage zu lauschen, erscheint mir bewundernswert.
Die Freundin wandte sich um und musterte mich interessiert. »Du hast eine neue hochinteressante Haarsträhne und Wangen wie Goldparmänen. «
Und während sie den Tee durchlaufen ließ, legte sie mir eine kleine rote Hand auf die Schulter. Die Nägel daran waren bis auf die Wurzel gekürzt. »Ja, du siehst leider ganz recht - ich habe wieder gekratzt.« Und mit einem Anfl ug von Scham und Selbstverachtung wies sie mir den roten schorfi gen Handrücken vor, ihr seelisches Ventil in allen kritischen Lebenslagen. Die alten Wunden heilten eben doch nicht oder brachen, wenn sie gerade vernarbt zu sein schienen, erneut auf. »Besonders nachts«, sagte sie, »da bricht es bei mir durch, wilder als die Krallen eines Tigers. Glaubst du, ich schäme mich dafür.«
Es hätte keiner vertraulichen Mitteilungen bedurft, ich wusste Bescheid. Ihre Freundschaft zu der anderen Frau, eine dämonische Beziehung zwischen euphorischen Hochs und Zerstörung wie alles, was ihr Familienleben bestimmte, war gerade wieder in die Untergangsphase geraten. Verena hob den Teefilter aus der Kanne.
»Im Augenblick trinkt sie wieder«, erklärte sie ruhig und stellte die Musikanlage auf Lautstärke. »Und als wenn das nicht schon genug wäre, kifft sie sich auch noch zu.« Das Porträt der Freundin blickte uns aus einem merkwürdig unpassenden Goldrahmen mit großen melancholischen Augen an, die mich an etwas oder an jemand erinnerten - ich wusste nur nicht an was und wen. Gewiss hatte sie jüdische Vorfahren, war mein plötzlicher Gedanke. »Und du?«
»Was uns beide verbindet, ist nichts anderes als die gleiche Leidensbereitschaft und eine unerklärliche Neigung, unsere frühesten Schrecken bis in alle Ewigkeit zu wiederholen.«
Verena nickte zu meiner umständlichen Erklärung. Und ist es nicht seltsam, dabei sehnen wir uns beide nach nichts weiter als einem harmonischen Miteinander. Und ich stelle mir vor, wie sie denkt: warum eigentlich nicht wir zwei?
Doch daraus kann nichts werden, meine Liebe. Zwei Feuerzeichen wie wir beide, das würde nicht lange gut gehen. Ganz abgesehen davon, dass Zärtlichkeiten von Frauen mir nicht nur peinlich, sondern fast schon unangenehm sind.
Eine Zeit lang hatten unsere Augen nichts anderes zu tun, als den geheimnisvollen Rauchzeichen aus der Teekanne und den verschlungenen Linien auf den dampfenden Tassen zu folgen und ab und zu den Blick auf das Fenster zu richten, hinter dem heftige Windstöße die Jalousien zum Klappern brachten.
Bestimmte Triebe sind mir einfach fremd. Und insgeheim wunderte ich mich über Verena, diese in allen Lebensbereichen so erfahren und tüchtig erscheinende Frau. Warum brachte sie es nicht fertig, die Person neben sich weiter ein Rätsel sein zu lassen? Und zu Zeiten, wenn das schlafende Wesen sich anfi ng zu wandeln, einfach zu alten Freunden zu gehen oder auf eine provozierende Äußerung von ihr weiter zu schweigen? Ein Augenblick des Nachdenkens - darauf gibt sie mir zu erkennen, dass es in ihrem speziellen Fall um das Gefühl der Macht gehe, eine tatsächliche oder eingebildete, die diese Frau auf sie ausübe. All die Schuldzuweisungen, Weinkrämpfe und Abhängigkeiten.
System requirements
File format: PDF
Copy-Protection: Adobe-DRM (Digital Rights Management)
System requirements:
- Computer (Windows; MacOS X; Linux): Install the free reader Adobe Digital Editions prior to download (see eBook Help).
- Tablet/smartphone (Android; iOS): Install the free app Adobe Digital Editions or the app PocketBook before downloading (see eBook Help).
- E-reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino and many more (only limited: Kindle).
The file format PDF always displays a book page identically on any hardware. This makes PDF suitable for complex layouts such as those used in textbooks and reference books (images, tables, columns, footnotes). Unfortunately, on the small screens of e-readers or smartphones, PDFs are rather annoying, requiring too much scrolling.
This eBook uses Adobe-DRM, a „hard” copy protection. If the necessary requirements are not met, unfortunately you will not be able to open the eBook. You will therefore need to prepare your reading hardware before downloading.
Please note: We strongly recommend that you authorise using your personal Adobe ID after installation of any reading software.
For more information, see our eBook Help page.