
Mach dich locker
Description
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Planst du noch, oder lebst du schon?
(Noch) nicht perfekt, aber verdammt nah dran: Kontrollfreak Marie hat ihr Leben exakt durchgeplant. Einfach locker laufen lassen? Bloß nicht. Dafür sind ihre Ansprüche an Job, Ehe und Familienalltag viel zu hoch. Dumm nur, dass ihre Familie zunehmend rebellisch reagiert. Vor allem ihr Mann Alexander ist genervt von der ewigen Kritik - und zeigt sich umso interessierter an der provozierend lockeren Babette. Langsam muss sich Marie fragen, ob Perfektionismus wirklich glücklich macht. Doch wie rettet man eine Ehe nach fünfzehn Jahren Beziehungsroutine? Und - will Marie das überhaupt?
Ein wunderbar beobachteter Roman von Bestsellerautorin Ellen Berg über das Glück jenseits des Planbaren.
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Person
Ellen Berg, geboren 1969, studierte Germanistik und arbeitete als Reiseleiterin und in der Gastronomie. Heute schreibt und lebt sie mit ihrer Tochter auf einem kleinen Bauernhof im Allgäu.
Ihre Romane "Du mich auch. (K)ein Rache Roman", "Das bisschen Kuchen. (K)ein Diät-Roman", "Den lass ich gleich an. (K)ein Single-Roman", "Ich koch dich tot. (K)ein Liebes-Roman", "Gib's mir, Schatz! (K)ein Fessel-Roman", "Zur Hölle mit Seniorentellern! (K)ein Rentner-Roman", "Ich will es doch auch! (K)ein Beziehungs-Roman", "Alles Tofu, oder was? (K)ein Koch-Roman", "Blonder wird's nicht. (K)ein Friseur-Roman", "Ich schenk dir die Hölle auf Erden. (K)ein Trennungs-Roman, "Manche mögen's steil. (K)ein Liebes-Roman", "Wie heiß ist das denn? (K)ein Liebes-Roman", "Ich küss dich tot. (K)ein Familien-Roman", "Trau dich doch. (K)ein Hochzeits-Roman", "Der ist für die Tonne. (K)ein Männer-Roman" und "Willst du Blumen, kauf dir welche. (K)ein Romantik-Roman" liegen im Aufbau Taschenbuch vor und sind große Erfolge.
Besuchen Sie die Autorin auch auf www.ellen-berg.de.
Content
Kapitel 1
Das Leben konnte so wundervoll sein, nahezu perfekt! Marie atmete auf. Soeben hatte sie ihre Präsentation beendet, offensichtlich mit durchschlagendem Erfolg. Unter dem Applaus ihrer Kollegen schwebte sie zu einem der Ledersessel, die sich um einen Konferenztisch aus poliertem Schiefer gruppierten. Präsentationen in der Chefetage waren in etwa so angenehm wie Balancieren auf einer Rasierklinge, umso erleichterter sank sie jetzt auf ihren Platz. Geschafft!
Ihr Blick wanderte zu den bodentiefen Fenstern. Hier oben im zweiundzwanzigsten Stock des vollverglasten Bürogebäudes hatte man eine spektakuläre Aussicht auf die Stadt. Wie hellblaue Seide wölbte sich der Himmel über den Dächern, nur ein paar kleine weiße Wölkchen glitten wie hingetupft durch das unendliche Blau. Fast konnte man ins Träumen geraten bei diesem Anblick. Nein, nicht träumen, ermahnte sich Marie. Du hast die perfekte Präsentation abgeliefert, aber auch eine dicke Suppe muss durch einen dünnen Strohhalm - beziehungsweise durch die anschließende Diskussion. Also bleib konzentriert.
Sieben Männer befanden sich in dem lichtdurchfluteten Raum, sieben Männer und eine Frau: Marie Hasemann, das Kaninchen im Raubtiergehege. Seit fünf Monaten arbeitete sie bei FeelBetterFood, auf Deutsch: Essen zum Besserfühlen, auf Ehrlich: überteuerte, mit Nahrungsergänzungsmitteln vollgepumpte Trendprodukte. Aber irgendwie musste man ja sein Geld verdienen, und Marie brannte leidenschaftlich für alles, was mit gesunder Ernährung zu tun hatte. Warum nicht als Food-Designerin?
Ja, so was gab es wirklich. Ihre Aufgabe bestand darin, Dinge zu erfinden, die frühere Generationen nicht mal hätten aussprechen können. Power-Kichererbsen-Chili-Chips mit Zink und Magnesium zum Beispiel. Oder Advanced-Lavendel-Grapefruit-Popcorn, dem ein Vitamincocktail von A bis K den zeitgemäßen Gesundheitskick verlieh. Und das waren nur zwei der Zungenbrecher, die sie heute vorgestellt hatte.
Vorerst schien alles bestens zu laufen. Sogar ihr Chef, ein smarter Mittdreißiger mit modischem Dreitagebart, hob anerkennend beide Daumen. Dankbar lächelte sie ihm zu und wunderte sich mal wieder im Stillen, wie erfolgreich er seine Firma managte. Holger Christiansen war der Typ Mann, den man sich eher auf einem Surfbrett als am Schreibtisch vorstellen konnte: durchtrainiert, braun gebrannt, lässig und dynamisch zugleich. Wie bei einem berufsjugendlichen Start-up-Unternehmer kaum anders zu erwarten, trug er einen schwarzen Designer-Hoodie zu sündteuren durchlöcherten Designer-Jeans und schneeweißen Sneakers.
»Sehr cool, Frau Hasemann.« Beiläufig zog er sich die Kapuze vom Kopf. »Ihr Konzept zur Erweiterung der Produktpalette ist mega. Sie sind unsere Star-Performerin!«
»Vielen Dank«, hauchte Marie.
Am liebsten hätte sie jetzt einen hüftwackelnden Freudentanz auf der Tischplatte hingelegt. Auch ein bisschen Konfetti wäre schön gewesen. Das Kind in ihr wollte tanzen und jubeln und in die Hände klatschen. Doch Maries Pokerface saß so untadelig wie ihr grauer Hosenanzug. Gut, äußerlich gab man sich hier betont locker; die Kollegen hingen entspannt in ihren Sesseln, statt Anzug und Krawatte dominierten Jeans, T-Shirts und Pullover. Was allerdings nichts daran änderte, dass Marie in ihrem Job perfekt rüberkommen musste, perfekt und professionell.
Es war ein harter Lernprozess gewesen. Anfangs hatte sie gedacht, Kompetenz spreche für sich, und war in hübschen Kleidern im Job erschienen, immer freundlich, immer lustig, immer locker drauf. Mit dem Resultat, dass sie keiner ernst genommen hatte. Es war wirklich schlimm, als Frau immer noch um Akzeptanz kämpfen zu müssen. Dass sie diplomierte Ernährungswissenschaftlerin war, interessierte hier keinen. Nach wie vor zählten das Auftreten und die äußere Erscheinung. Seither trug sie bei der Arbeit nur noch uniformartige Hosenanzüge - dress for success! -, verkniff sich jeglichen Hinweis auf ihr Privatleben und setzte eine unverbindliche Maske auf.
Vor allem die Familie ließ man besser unerwähnt. Eine Frau, die von Kindergeburtstagen und Schulfesten erzählte, wurde rasch als unbedarftes Weibchen ohne Ahnung von nix abgestempelt. Deshalb hätte Marie niemals verraten, dass sie heute schon in aller Frühe Muffins für den Elternabend gebacken, den Turnbeutel ihrer siebenjährigen Tochter Lilli gepackt und die Hockeyklamotten ihres pubertierenden Sohns Robin zusammengesucht hatte. Genauso wenig hätte Marie erzählt, dass sie in Gedanken bereits die Einkaufsliste fürs Abendessen durchging. Außerdem musste sie noch zwei Anzüge des werten Gatten von der Reinigung abholen, ein Geburtstagsgeschenk für ihre Schwiegermutter besorgen und die Themenliste für den heutigen Elternabend vervollständigen.
Multitasking war Maries täglich Brot. Weil sie eben eine Frau war, und daran hatte auch der Feminismus nichts ändern können, leider. Mein Leben ist wie Jonglieren mit Dynamit, dachte sie. Einmal die Kontrolle verlieren, und schon fliegt mir alles um die Ohren.
Unhörbar seufzend schaute sie in die Runde. Keiner dieser Herren musste sich so einen irren Hindernisparcours antun. Wenn die mittags zum Lunch verschwanden, koordinierte Marie die Termine ihrer Kinder. Vom Kieferorthopäden über Nachhilfestunden bis zu Lillis Playdates gab es immer was zu regeln. Zischten die lieben Kollegen ein Feierabendbier, sprintete Marie im Zickzack durch Bioläden und Supermärkte. Obendrein kümmerte sie sich auch noch um die Termine ihres Mannes: Tennisclub, Friseurbesuche, ärztliche Kontrolluntersuchungen, es nahm einfach kein Ende. Eigentlich stand sie ständig unter Druck.
Kommt Zeit, kommt Spaß, beruhigte sie sich. Freu dich, dass du alles im Griff hast, weil du die Kunst der perfekten Organisation beherrschst: im Job, im Alltag, bei den Kindern, bei deinem Ehemann. Wobei der neuerdings .
»Besonders hat mir der Quinoa-Proteinriegel mit Goji-Beeren und Coenzym 17 gefallen«, unterbrach der Chef ihre Grübeleien. »Noch Fragen, Leute?«
Marie klappte ihren Laptop auf. Das Palaver, das unweigerlich folgen würde, betrachtete sie als reine Zeitverschwendung. Sie hatte die perfekt durchgegarten Würstchen serviert, nun würde jeder seinen Senf dazugeben. Männer eben. Großes Ego, viel, viel Senf. Da arbeitete sie doch lieber an ihrer Themenliste für den heutigen Elternabend.
Nachdem sie eine geschäftsmäßige Miene aufgesetzt hatte, öffnete sie die Datei Robins Schule, Elternabend XII und überflog ihre bisherigen Stichpunkte. Vollwertigeres Schulessen. Ideen für das alljährliche Schulfest. Erörterung der bevorstehenden Klassenfahrt. Das konnte sich doch schon mal sehen lassen. Auch als Elternsprecherin legte sich Marie selbstverständlich voll ins Zeug. Eskimos hatten fünfzig verschiedene Wörter für Schnee, Marie hatte mindestens hundert für ihre Vorstellung von Perfektion. Was immer sie tat, erledigte sie engagiert und strukturiert.
»Es gibt da noch einigen Gesprächsbedarf«, mäkelte jemand. »Ehrlich, Holger, deine Begeisterung in allen Ehren, aber das war mir jetzt zu viel Konsensklebstoff.«
Marie sah auf. Ein rundlicher junger Mann hatte sich zu Wort gemeldet, Ben Haller, seines Zeichens für die Pressearbeit zuständig. Das Milchgesicht. Als Expertin für Ernährung kannte sich Marie mit dem sogenannten Face Mapping aus. Demnach waren Gesichter Landkarten, von denen man die Essgewohnheiten ablesen konnte. Ben Haller hatte ein typisches Milchgesicht: Zu viel Laktose sorgte für geschwollene Augenlider, weiße Flecken auf der Haut und kleine Unreinheiten im Kinnbereich. Es gab auch Glutengesichter, Koffeingesichter und Zuckergesichter. Marie las darin wie in einem offenen Buch.
»Man müsste erst mal sehr genau prüfen, ob die Kunden solche Produkte wollen«, fügte das Milchgesicht hinzu.
»Die Leute wissen gar nicht, was sie wollen, bevor man es ihnen vorsetzt«, entgegnete der Chef. »Im Ernst, Bennie, hättest du vor zehn Jahren gedacht, dass du deine Kohle mal mit Banane-Kresse-Spinat-Smoothies machen würdest? Früher hieß das: Spiel nicht mit dem Essen. Heute ist das Power Food.«
»Trotzdem.« Ben Haller feuerte einen vorwurfsvollen Blick auf Marie ab. »Mir ging das alles viel zu schnell.«
»So was höre ich öfter.«...
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