
Erstmal für immer
Description
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Die mit der Kuh tanzt
Als Madeleine zum Campen nach Österreich fährt, ahnt sie noch nicht, welche Wendung ihr Leben hier nehmen wird. Auf einem Bauernhof in Kärnten findet sie zwischen Heuernte, Hühnerstall und Melkmaschinen ihr Glück. Seitdem lebt sie ein Leben zwischen Bauernhofidylle und landwirtschaftlicher Realität.
Mit Herz und Humor erzählt Madeleine vom Sommer auf der Alm, vom Winter im Tiefschnee und von den täglichen Herausforderungen im Umgang mit Mensch und Tier. Ein Buch über den Mut zur Veränderung und die Suche nach dem eigenen Weg.
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Person
Madeleine Becker, geboren 1992 in Speyer, Rheinland-Pfalz, zog mit sechs Jahren in die Nähe von Köln. Später studierte sie Geschichte, Politik- und Kommunikationswissenschaften in Jena. Seit 2019 lebt und arbeitet die selbsternannte "Kuhschelfachkraft" auf einem Bauernhof in Mörtschach in Österreich. Seitdem unterhält sie ihre stetig wachsende Followerschaft auf Instagram mit Fotos und Storys vom Hof.
Content
Prolog
8. März 2019
Um 5:45 Uhr klingelte der Wecker. Mir entfuhr ein Stöhnen. Wenn ich die Geräuschkulisse von draußen richtig deutete, regnete es. Ich hob meinen Kopf und blickte aus dem Fenster. Es regnete nicht, es schüttete.
Mit einem weiteren Ächzen quälte ich mich aus dem Bett. In 45 Minuten würde ich bei Katharina vor der Tür stehen. Sie musste selbst zeitig ins Büro und kam daher nicht umhin, sich eine zusätzliche Kinderbetreuung zu leisten. Ich würde ihre drei Sprösslinge für den Kindergarten und die Schule fertig machen und danach direkt die Vormittagsschicht im Café übernehmen. Ich griff nach meinen Klamotten, stapfte ins Bad und hielt mein Gesicht unter das kalte laufende Wasser. Rasch anziehen, die beiden bettelnden Kaninchen in meiner Küche mit etwas Heu und Grünzeug versorgen, die Tasche packen, den Regenschirm suchen und nach der wärmsten Jacke greifen, die ich hatte.
Um kurz nach sechs verließ ich meine Wohnung. Genau 25 Minuten später steckte ich den Schlüssel in Katharinas Wohnungstür. Frühstück für die Kinder herrichten, anziehen, Schulbrote schmieren. Die Jüngste davon überzeugen, dass mein liebevoll geschnittener Apfel dem der Mama in nichts nachsteht. Um 7:25 Uhr verließen wir das Haus. Zehn Minuten später erreichten wir den Kindergarten, weitere 15 Minuten später die Grundschule. Um 7:50 Uhr hatte ich die Kinder alle abgeliefert, also blieben mir noch ganze zehn Minuten, um mit einem kleinen Umweg zum Bäcker pünktlich im Café anzukommen.
Nachdem ich die Kaffeemaschine zum Laufen gebracht, die Tische und Stühle abgewischt und sämtliche Kerzen angezündet hatte, hatte ich noch einen kleinen Moment Zeit, bevor wir um 9:00 Uhr die Tür für die ersten Gäste öffneten. Ich griff also in meine Tasche und holte das trockene Brötchen hervor, das ich zuvor beim Bäcker um die Ecke noch hatte ergattern können. Im Café durften sich die Aushilfen nichts nehmen. Selbst die Sachen vom Vortag waren tabu. Ich kaute auf meinem doch auch recht pappigen Brötchen herum, als plötzlich die Chefin vor mir stand.
»Ich erwarte, dass ihr gefrühstückt habt, wenn ihr hier ankommt. Du wirst von mir nicht fürs Essen bezahlt!«
Ich schluckte meinen Ärger mitsamt der zähen Backware herunter. »Sechs Stunden, dann bist du hier wieder raus. Sechs Stunden nur .«, beruhigte ich mich. Wenig später war das Café - wieder einmal - völlig überfüllt. Das Personal war - wieder einmal - katastrophal unterbesetzt. Wir rannten uns alle die Hacken wund. Erst gegen 13:30 Uhr kehrte Ruhe ein. Ich griff nach einem Glas Wasser, lehnte mich an die Theke und atmete tief durch.
Natürlich kam just in diesem Moment meine Chefin ums Eck. Es ging - wieder einmal - um die Sonntagsschichten. Sonntags war im Café immer die Hölle los und normalerweise sollte jeder Mitarbeiter gleich viele Sonntagsschichten übernehmen, doch das war bei mir einfach nicht möglich. An den Wochenenden arbeitete ich auf Hochzeiten und - wie Hochzeiten das eben so an sich haben - das dauert auch gern mal etwas länger. Wenn ich in der Nacht von Samstag auf Sonntag bis morgens um drei Cocktails mixte und Getränke servierte, ging meine Motivation für eine Sonntagsschicht im Café gegen null. Wir diskutierten eine Weile hin und her, doch ich blieb stur. Auch in den nächsten Wochen würde ich bei den Sonntagsschichten raus sein.
Meine Chefin schürzte die Lippen und machte auf dem Absatz kehrt. Nach zwei Schritten drehte sie sich nochmal um und sagte: »Wenn dir gerade eh langweilig ist, kannst du gerne noch die Regale ausräumen, auswischen und wieder neu einsortieren!« Ich seufzte.
Meine Ablösung kam pünktlich, sodass ich es problemlos zu dem Termin mit meinem Professor um 14:30 Uhr schaffen würde. Wir besprachen meine Abschlussarbeit und die entsprechenden Seminare. Es dauerte eine schiere Ewigkeit. Gegen 16 Uhr waren Katharinas Kinder wieder abzuholen und nach Hause zu bringen. Um 17:30 Uhr war ich endlich wieder zurück in meiner Wohnung. Ich fühlte mich müde und gestresst. Mein erster Impuls schrie nach einer gemütlichen Jogginghose, etwas zu essen und meinem Bett. Doch die Vernunft siegte. Also packte ich meine Sporttasche und eilte los, um es noch pünktlich zum 18-Uhr-Yoga zu schaffen. Schließlich sollte ich mich nach so einem Tag dringend entspannen.
Doch entspannt war an dieser Stunde rein gar nichts. Ich kam völlig abgehetzt an, schaffte es gerade noch so, pünktlich meine Yogamatte auszurollen, und war dann die folgenden 60 Minuten angestrengt damit beschäftigt, endlich zur Ruhe zu kommen. Aber meine Gedanken kreisten nur wieder um die nächsten Termine und die endlose To-do-Liste. Eigentlich war es gut so. Ich bin ein bestens organisierter Mensch. Das Abhaken eines Punktes auf der To-do-Liste verschafft mir eine innerliche Befriedigung. Aber trotzdem - ich war müde. Sehr müde.
Frustriert trat ich den Heimweg an, schaffte es kurz vor Ladenschluss gerade noch so in den Supermarkt und konnte mich am Ende doch nicht dazu durchringen, richtig zu kochen. Es gab also Nudeln mit Fertigsoße. Nachdem ich diese lieblos zubereitete Mahlzeit verputzt hatte, warf ich mich in mein Bett. Endlich.
Ich konnte noch ein halbes Jahr so weitermachen. Vielleicht sogar zehn Monate. Doch dann würde ich meinen Abschluss in der Tasche haben und mich für einen Weg entscheiden müssen. Für einen Weg, für eine Aufgabe, für einen richtigen Beruf. Die meisten meiner Kommilitonen und Kommilitoninnen hatten einen Plan. Sie wollten Geschichtslehrer oder Geschichtslehrerin werden, im Archiv arbeiten, an der Uni bleiben und promovieren oder eine politische Laufbahn einschlagen. Mich reizte nichts davon. Ich wollte keine große Karriere, hatte nicht das Bedürfnis, Unmengen Geld zu verdienen oder in wenigen Jahren noch einen Doktortitel auf meine Visitenkarten drucken zu können. Während ich also genau wusste, was ich nicht wollte, konnte ich meine Wünsche und Vorstellungen von der Zukunft nur schwerlich in Worte fassen. Irgendwo im Nirgendwo einen kleinen Bauernhof besitzen, sich weitestgehend selbst versorgen und einfach nur sein Leben leben - ja, das wär's. Aber das konnte man doch nicht laut aussprechen. Der Gedanke war einfach nur utopisch. Denn wie sollte mir das gelingen?
21. Mai 2019
Es war genau 5:30 Uhr, als der Wecker klingelte. Ich drückte nicht wie gewöhnlich die Schlummertaste, nur um mich nochmal umzudrehen und den Wecker weitere fünfmal in die Warteschleife zu schicken. Nein - heute war ich sofort hellwach. Es war einer dieser Tage, auf die man sich schon seit Wochen freut. Die man so herbeigesehnt hat, dass man im Geiste (und ja, tatsächlich auch auf Papier) seit 98 Tagen einen Countdown abzählt und nun endlich beim Tag aller Tage angekommen ist.
Ich sprang aus dem Bett und erledigte alles, was noch zu tun war. Im Grunde war das nicht viel, denn ich hatte bereits am Vortag sämtliches Gepäck im Auto verstaut, die Wohnung aufgeräumt und mir ein kleines Proviantpäckchen für die Fahrt hergerichtet. Bevor ich die Wohnungstür hinter mir schloss, drehte ich mich noch ein letztes Mal um. Ich ließ den Blick durch meine Wohnung schweifen. Kurz kam mir die Idee, dass ich vielleicht doch zumindest eine meiner Pflanzen mitnehmen könnte. Eine einzige Stellvertreterpflanze für die restlichen 76, die in meiner Wohnung verbleiben würden. »Blödsinn«, schimpfte ich mit mir. Zu Recht, schließlich hatte ich vermutlich schon mehr als genug Gepäck dabei. Das Auto war zum Bersten voll.
Ich schüttelte den Gedanken ab, kontrollierte ein letztes Mal, ob auch alle Fenster geschlossen waren, und griff nach meiner Jacke. Auf der Kleiderstange herrschte gähnende Leere. Auch wenn sich an der Wohnung nach außen hin nichts verändert hatte, so war zumindest meine Garderobe der ultimative Beweis dafür, dass dies ein etwas längerer Ausflug werden würde. Als ich die Tür endlich hinter mir schloss und den Schlüssel zweimal herumdrehte, wurde ich für einen kurzen Moment etwas wehmütig. Doch das Gefühl war schnell verflogen.
Keine 20 Minuten nach dem Klingeln meines Weckers...
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