
Else
Description
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Else ist eine Frau, die wir von all ihren Seiten kennenlernen dürfen: als sudetendeutsches deportiertes Kind, bei ihrem sozialen Aufstieg, der angeblich nur ihrem Ehemann Willy zu verdanken ist, und bei ihrer emotionalen Emanzipationsreise, als sie entscheidet heimlich einen Taxischein zu machen.
Sie fährt uns stolz, fein und modern durch die Frankfurter Nächte der Sechziger- bis Achtzigerjahre und parkt uns in einer berührenden Szenerie an der Côte d’Azur, wo sie mit ihrer Enkelin auf eine letzte große Reise geht.
Inklusive QR-Codes mit multimedialen Inhalten und zeitgeschichtlichen Hintergrundinfos.
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„Frauen wie Else motivieren nicht nur, sie treten uns regelrecht in den Hintern. Aufstehen und das Glück anpacken!“ Kerstin Weng, Vogue
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Content
Alles noch da
2020
Sie starren in dieses Loch. Wie zwei neugierige Tiere stehen sie vor dem fast perfekten Rechteck des Eingangs zum Orakel von Delphi. Schön wär's. Ob sich darin auch so viel Weisheit versteckt? Es ist fraglich. Zumindest darf man das infrage stellen, denn es ist viel passiert. Viel Fragliches, Wildes.
Zurück zum viel zu ordentlich gebuddelten Loch, das viel zu tief ist, um nur ansatzweise auf den Grund schauen zu können. Zumindest stelle ich mir das so vor. Denn ich wäre lebensmüde, bis an die Kante des Abgrunds zu gehen, nach Narnia, ans Ende der Welt, den Eingang zum Paradies, und genau in dem Moment, in dem ich mich in der Philosophie vom Beginn und dem Ende verliere, erheben sich - Achtung! - ihre Köpfe. Sie schauen sich um und beobachten die Szenerie. Manch einer scheint beeindruckt von dem Werk, mehr von Flora als von Fauna vermutlich. Manche kennen den Anblick schon sehr gut, sind eher gelangweilt. Kommt ja öfter vor in letzter Zeit. Ein bisschen wie ein Unfall, man will nicht hinsehen, muss aber. Es ist unangenehm. Die meisten würden jetzt aber auch gerne fragen: Na, wie fühlt es sich an? Da unten. In dem Loch. Das fragen sich vermutlich auch die beiden Köpfe neben mir, die nun wieder den Blick von der aufregenden Menge ins noch tristere Loch schweifen lassen.
Der eine Kopf gehört zu Marta, der andere gehört zu Antje, meiner Mutter. Marta war die beste Freundin meiner Großmutter. Sie ist Teil der Familie und wird von meiner Generation, auch wegen ihres Humors, als lebende Legende bezeichnet. Sie ist zierlich, meine Oma hätte gesagt ein Rippchen. Ihre schwarzen Haare, die sie heute färbt, unterstreichen ihr markantes Gesicht und lassen ihre grünen Augen noch mehr strahlen. Plötzlich werde ich nach vorne geschoben. Aha, wegen meines aufdringlichen Großcousins hinter mir trete ich nun doch an den Abgrund. Ah, gar nicht so tief wie gedacht, aber immer noch gruselig. Wenigstens bekomme ich jetzt das vermeintliche Geflüster der beiden neugierigen Damen mit, denn wenn Marta ihr Schlappmaul öffnet, ist eine gute Unterhaltung garantiert.
»Weißt du, was das Schlimmste am Totsein ist?«, sagt meine Mutter dramatisch zu Marta, die sich gerade angestrengt ihren Pelzmantel zurechtrückt.
»Nein. Offensichtlich nicht?«, blafft Marta trocken zurück.
»Du kannst nicht mehr für dich einstehen. Du kannst dich für deine Taten nicht mehr rechtfertigen. Du kannst dich weder entschuldigen, noch kannst du dich um Wiedergutmachung bemühen.«
Marta schaut Mama entgeistert an und kontert.
»Ja, und weißt du, was noch schlimmer ist? Wenn du nie für dich eingestanden bist.«
Meine Mutter blickt irritiert zu Marta, dann zu mir, und ich leite den Blick direkt weiter in den noch dramatischer anmutenden Himmel. Das Wetter passt zu diesem traurigen Tag; es ist kalt und feucht, ein typischer Herbsttag eben. Ich hoffe, ich sterbe im Sommer, oder will man es so apokalyptisch?! Bis ich sterbe, ist wahrscheinlich jeden Tag Sommer, auf der ganzen Welt. Okay, Emma, komm von der Gen-Z-Wolke herunter, es geht heute nicht um Klimakrise oder Weltfrieden. Es geht um Tante Britta und die ist tot.
Der Friedhof ist überschaubar. Ein Dorffriedhof, direkt neben einem Rapsfeld und einer Apfelbaumwiese. Ich folge den Augen meiner Mutter, wie sie den wahrlich übertriebenen Blumenschmuck fixiert, wohl gemerkt, am noch nicht mal vorhandenen Grabstein, also am Holzkreuz. Ich weiß genau, was sie denkt und was sie da macht, sie urteilt genau wie ich. Die Anzahl der Gäste passt nicht wirklich zu den vermeintlich mitgebrachten Kränzen. Die Gäste passen auch nicht zu den Widmungen auf den Kränzen. Eigentlich passt hier gar nichts zusammen. Ist es nicht immer so: Die, die am meisten weinen, zusammenbrechen, die standen der gestorbenen Person am nächsten? Das Gute ist, dass wir drei mit der Verstorbenen nicht verwandt oder verschwägert sind. Das bedeutet, nachdem wir kurz Front-Row-Luft geschnuppert haben, dürfen wir uns wieder in die dritte Reihe zurückziehen, samt Martas Mann Richie. Marta sieht sich um. Alles wird aufgesaugt, um später auf dem Rückweg feinst säuberlich auseinandergenommen zu werden. Neben den falschen Tränen wird die meiste Zeit des Gesprächs wohl die Kleidung der Leute in Anspruch nehmen. Ein ganzes Leben wurde doch generationsübergreifend beigebracht, dass es für jeden Anlass eine Kleiderordnung gibt. Zumindest in dieser Blase zwischen Altkanzler-Attitüde und intellektueller Elite. Auch an die Alternativen wie mich oder »Linksradikalen«, wie sie wahrscheinlich sagen, wurden diese Gesetze weitergereicht, was nicht bedeutet, dass das jedem gefällt.
Schon allein der Fakt, dass meine Mutter sich im Gegensatz zu den jungen Leuten, die hier in Jeans und Turnschuhen auftauchen, in ihre unbequemen Pumps zwängt, und das, obwohl sie sowieso schon 1,80 Meter groß ist, sich ihre langen blonden Haare stundenlang geföhnt hat, nur damit sie jetzt bei dem Ekelwetter wieder ruiniert werden, regt die Leute auf. Wenn wir uns hier umschauen, ist keine klare modische Linie zu erkennen. Vom recycelten Kommunionanzug der Enkel, dem Uralt-Pelz der feineren Damen, Regenjacken über Polohemden, Cord- und Chinohosen bis hin zum Wollsocken, Leggings und orthopädischem Schuh - hier ist alles dabei. Nicht zu vergessen das sexy Kleid mit Spitze der Großcousine. Hauptsache schwarz. Vorne rechts direkt hinter der Verwandtschaft steht einer der schickeren Sorte. Er muss sich anscheinend seines Platzes bewusst sein. Ihm ist die Hierarchie der Trauergemeinde bekannt. Herr Ackermann. Marta beschrieb ihn immer als »En klaaner Uffgestumpter«. Ich finde »Gockel« sehr passend. Mit schütterem Haar und silbernem Schnörres. Er trägt außerhalb des Tennisplatzes ausschließlich Maßanzüge. Der Herr Wichtig eben, wie alle ihn hinter seinem Rücken heimlich schimpfen. Viele von ihnen sind da. Viele Frau und Herr Wichtig. Diese Leute, die wichtigen. Das sind nicht die, die anderthalb Stunden vor Beerdigungstermin in den Blumenladen rennen - so wie meine Mutter -, um nach einem sehr, sehr schönen, aber auch sehr, sehr günstigen Kranz zu fragen. Nein, diese Leute sind aber auch nicht die, die sich einen inspirierenden Spruch einfallen lassen, um ihn hier kurz aufzusagen. Manchmal heißt die Rettung natürlich Ehefrau. Von Beruf leidenschaftlich, ja, die gibt es auch, Hausfrau und Lebensmanagerin. Die ein oder andere hat die Muße, Rilke-Bände herauszukramen und die Person mit einem schönen Gedicht, selbst wenn fast unbekannt, auf ihre letzte Reise zu entsenden.
Die Ehefrau hat direkt bei der Benachrichtigung über den Tod der lieben Bekannten die Nachbarin angerufen und gefragt, ob sich die eine Familie mit der anderen zusammentut und gemeinsam einen schönen, aber nicht zu teuren Trauerkranz mit der Aufschrift Ruhe in Frieden oder Als letzter Gruß besorgt.
Meine Aufmerksamkeit wandert zu einem der einfallsreicheren Kränze. Eine riesige rosa Schleife und die Aufschrift: Im Glauben an das ewige Leben und unsere ewige Liebe.
Andere Aufschriften lauten: Dein Wille geschehe, Für immer dein. Auf dem mit den roten Rosen steht natürlich: Für dich soll's rote Rosen regnen. Könnte der wohl von Herrn Ackermann sein? Meinen angewiderten Blick teile ich mir mit Marta und ich weiß, dass wir einer Meinung sind. Nur meine Mutter blickt etwas naiv in Richtung Kranzmenge und sagt: »Schön haben sie das aber gemacht. Das Grab, die Blumen, die Musik .«
»Hat sie sich vermutlich noch selbst ausgesucht«, unterbricht sie Marta.
»Meinst du, die Tante Britta hat sich das hier alles selber ausgedacht? Hmm. Schön.«
Marta lächelt.
»Pff, die Tante Britta. Die hat sich doch immer genommen, was sie wollte!«
Die Augen meiner Mutter schwanken verwirrt zwischen links und rechts und irritiert von Martas herrischem Ton zieht sie die Augenbrauen hoch.
»Meine Damen, es wäre angemessen, den Moment der Stille zu nutzen, um Frieden mit sich und den Toten zu schließen?!«, ruft der Pfarrer den beiden mahnend zu.
»Mein ganzes Leben war ich still!«, sagt Marta laut und haut ihrem Mann Richie mit dem Gehstock gegen die Wade.
Ich persönlich empfand Richie als Kind immer recht gruselig, da ihm der linke Zeigefinger fehlt und er generell nicht der sympathischste Zeitgenosse war.
»Marta! Was soll das?«
»Kannst du dir aussuchen, für was das war!«
Ich bin irgendwie nur noch peinlich berührt.
Nacheinander werfen die Gäste der Trauergemeinde Blumen in das Grab und verabschieden sich. Die Stimmung ist jetzt endlich intim, ruhig und traurig.
Wie immer, wenn jemand geht, stellt sich die Frage, was die Person hinterlassen wird. Nicht in Bezug auf das materielle Erbe, sondern eher das geistige, emotionale. Wer ist am Ende da zum Trauern? Zeig mir deine Freunde und ich sag dir, wer du bist. Zeig mir, wer du warst, wenn überhaupt noch jemand da ist, der über dich sprechen kann.
Hier ist es gerade ganz schön still. Antje lässt ihren Blick über die Traube von Menschen schweifen. Es sind viele. Also ein Zeichen dafür, dass Britta beliebt war. Hier sind auch viele Tränen. Die Britta, sie wurde auch geliebt.
Jetzt ist es vollbracht. Die Menge zieht am Grab vorbei, Richtung Ausgang. Es ist ein ganzes Stück bis zum Parkplatz, er führt durch das kleine Feld am Waldrand. Entlang des Weges gibt es einen Eingang, wie ein Tor, einen Pfad, der in den Wald hineinführt, so dunkel und irgendwie so wunderschön beruhigend. Ich sehe mich hier als kleines Kind voller Neugier hineinrasen, mit blindem Vertrauen. Augen auf...
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