
Rheuma
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Junge Menschen können kein Rheuma haben. Wer Rheuma hat, sollte sich schonen. Das wurde bestimmt von einer Impfung ausgelöst. Da kann man doch was mit der Ernährung machen. Über keine andere Krankheit kursieren so viele Mythen wie über Rheuma: ein Sammelbegriff für über 400 Erkrankungen, die in jedem Alter auftreten können. 1,5 Millionen Menschen leiden hierzulande an Rheuma. Nach Kopf– und Rückenschmerzen folgt es auf Platz 3 im Ranking der Beschwerden, gegen die regelmäßig Medikamente genommen werden. Gleichzeitig gilt Rheuma bis heute als Blackbox – Mythen kursieren nicht nur über die Ursachen, sondern auch über mögliche Therapien. Dr. Peer Aries ist wissenschaftlich tätig, arbeitet als praktizierender Rheumatologe und ist für seine lebhaften Vorträge bekannt. Hier räumt er mit falschen Annahmen, Missverständnissen und (gefährlichem) Halbwissen auf: In eingängigen Kapiteln knöpft sich Dr. Peer Aries jeweils einen Mythos vor, unterzieht ihn einem medizinischen Faktencheck und gibt Tipps und Ratschläge, was wirklich hilft.
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Person
Dr. med. Peer Aries ist Internist, Rheumatologe, Immunologe und Ernährungsmediziner, Mitglied unterschiedlicher Kommissionen/Arbeitsgruppen der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie und Co-Autor mehrerer Leitlinien. Er leitet das Immunologikum Hamburg, ein überregionales Zentrum mit dem Schwerpunkt Rheumatologie und klinische Immunologie.
Ana González y Fandiño, Jahrgang 1972, studierte Angewandte Kulturwissenschaften in Lüneburg und Barcelona und war anschließend Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Leuphana Universität Lüneburg. Seither vereint sie ihre Faszination für Wissenschaft und ihre Leidenschaft für Sprache als Autorin, Lektorin und Übersetzerin für wissenschaftliche Publikationen und Sachbücher. Sie lebt mit ihrer Familie in Hamburg.
Content
Teil 1 Entzündlich-rheumatische Erkrankungen - eine Einführung
Rheuma damals und Rheuma heute
Was ist das denn nun eigentlich, dieses Rheuma? Das Wort hat einen altgriechischen Ursprung und bedeutet wörtlich so viel wie «fließender Schmerz». Das bezieht sich darauf, dass es sich historisch betrachtet um einen Sammelbegriff handelt, unter dem jegliche Schmerzen im Bewegungsapparat zusammengefasst wurden, die typischerweise einen wechselhaften Verlauf zeigen: Während es den Betroffenen an dem einen Tag gut geht, können sie sich an einem anderen nicht einmal mehr selbst einen Pullover anziehen.
Bis heute hält sich hartnäckig die Vorstellung, dass Schmerzen im Bewegungsapparat immer gleich Rheuma seien - und es kein Rheuma ohne Gelenkschmerzen gebe. Was allerdings genauso falsch ist wie die weitverbreitete Annahme, dass die Rheumatologie ein Untergebiet der Geriatrie (Altersmedizin) oder Orthopädie darstelle. Die Medizin hat sich im Laufe der Jahrhunderte weiterentwickelt, hinzugelernt und spezialisiert, sodass heute streng genommen ausschließlich entzündliche Erkrankungen unter den Begriff Rheuma gefasst werden. Nicht entzündliche Veränderungen wie Arthrose - der ein fortschreitender Verschleiß der Gelenke zugrunde liegt - oder auch das Fibromyalgie-Syndrom - als nicht entzündliches Weichteilrheuma bekannt - fallen im engeren Sinne nicht unter Rheuma beziehungsweise unter die entzündlich-rheumatischen Erkrankungen, wie die medizinisch korrekte Bezeichnung lautet.
Aber wonach entscheidet die moderne Medizin eigentlich genau, welche Krankheit nun zu Rheuma dazugehört und welche nicht? Als ausschlaggebendes gemeinsames Kriterium gilt, dass es zu einer generalisierten, das heißt systemischen Entzündung kommt, die durch das Immunsystem vermittelt wird. Diese körpereigene Krankheitsabwehr besteht unter anderem aus Knochenmark, Thymus, Milz, Rachenmandeln, Lymphknoten und speziellen weißen Blutkörperchen, die wie in einem Netzwerk miteinander kommunizieren und interagieren. Erkrankt man an Rheuma, dann kommt es also zu einer ungewollten Reaktion des Immunsystems, die sich gegen den eigenen Körper richtet. In der Medizin sprechen wir in solchen Fällen von Autoimmunerkrankungen.
Gehen wir einen Schritt zurück, dann stellt sich die Frage: Was heißt das für die Ursachen von Rheuma? Die ursprüngliche Entzündung, die den rheumatischen Beschwerden zugrunde liegt, entsteht nach heutigem Wissen nicht lokal in einem Organ wie dem Auge, der Niere oder der Lunge beziehungsweise in einem Gelenk wie dem Knie-, dem Hüft- oder dem Fingergelenk. Sie bahnt sich stattdessen zentral im Immunsystem an, um dann von dort durch die weißen Blutkörperchen in die einzelnen Organe oder Gelenke getragen zu werden und sich dort weiterzuentwickeln.
Die meisten rheumatologischen Erkrankungen zählen demzufolge zu den Autoimmunerkrankungen, bei denen das Immunsystem offensichtlich nicht nur gegen Viren und Bakterien kämpft, sondern eben auch gegen den eigenen Körper. Es handelt sich dabei um eine übermäßige Aktivierung des Immunsystems, das dann quasi «hochtourig» - im übertragenen Sinne mit einer Leistung von sozusagen 130 Prozent - läuft. Da der eigentliche Fehler nicht in dem betroffenen Organ oder Gelenk an sich liegt, ist es auch selten sinnvoll, nur die eine entzündete Stelle des Körpers zu behandeln. Denn das Immunsystem sucht sich dann in der Regel einfach eine andere Stelle für die Entzündung. Dementsprechend zielen rheumatologische Therapien nicht nur auf die eine Entzündung, die sich bemerkbar macht, sondern versuchen, «ganzheitlich» anzugreifen, also die Ursachen im Immunsystem an der Wurzel zu packen.
Um einmal aus meinem «beruflichen Nähkästchen» zu plaudern: Es kommt zwar nicht täglich, aber doch immer wieder vor, dass Patient:innen nach Monaten der rheumatologischen Betreuung fragen, ob sie denn wirklich Rheuma hätten. Denn eigentlich ginge es bei ihnen doch zum Beispiel nur um eine Entzündung im Auge und in der Niere, während der Bewegungsapparat überhaupt nicht betroffen sei. Daran erkennt man vor allem eins sehr deutlich: dass leider auch mein Team und ich es offensichtlich nicht immer schaffen, die Patient:innen informativ dort abzuholen, wo es notwendig wäre.
Der wichtigste Grundsatz - sowohl für uns behandelnde Ärzt:innen als auch für unsere Patient:innen - lautet: Rheuma ist nicht gleich Rheuma! Ich habe es zwar selbst nicht genau durchgezählt, aber es gibt über den Daumen gepeilt mehr als 400 unterschiedliche entzündlich-rheumatische Erkrankungen, die sich grob in drei Gruppen unterteilen lassen: Arthritiden, Kollagenosen und Vaskulitiden. Schauen wir uns doch einmal etwas genauer an, was sich dahinter verbirgt.
1. Arthritiden, also verschiedene Formen der Arthritis (Gelenkrheuma)
Die entzündlichen Gelenkrheumaerkrankungen sind diejenigen, die in der Bevölkerung klassischerweise als Rheuma verstanden und pauschal mit diesem Etikett versehen werden. Im Vordergrund steht die Entzündung von Gelenkkapseln, Sehnen und Sehnenansätzen, die unter anderem im Knie, in der Hand, im Kiefer oder in der Wirbelsäule auftreten kann. In der Regel geht das mit Schmerzen und einer gewissen Steifheit der Gelenke einher. Häufig haben Betroffene besonders nach dem Aufwachen beziehungsweise Aufstehen größere Schwierigkeiten, die Wirbelsäule und/oder die Gelenke zu bewegen. Alles ist wie eingerostet.
Dieses als Morgensteifigkeit bekannte Phänomen kennen allerdings viele Menschen mit zunehmendem Alter. Im Normalfall braucht es nur ein paar Schritte und wenige Minuten, in seltenen Fällen können es auch mal bis zu 30 Minuten sein, bis die gewohnte Beweglichkeit wiederhergestellt ist. Bei Menschen mit Rheumatoider Arthritis hingegen vergehen meist mehr als 45 Minuten, bis sich die Morgensteifigkeit legt.
Je nachdem, wie viele Gelenke betroffen sind, spricht man von einer Monoarthritis (ein Gelenk), einer Oligoarthritis (weniger als vier Gelenke) oder einer Polyarthritis (mehr als vier Gelenke). Falls Sie sich fragen, wie es mit der Wirbelsäule aussieht: Sie stellt im Grunde eine Aneinanderreihung von Gelenken dar, darunter die kleinen Wirbelgelenke (zum Beispiel Facettengelenke oder Rippengelenke) sowie die großen Steißbeingelenke (Sakroiliakalgelenke).
Die Entzündungen bei gelenkrheumatischen Erkrankungen beschränken sich aber nicht auf die Gelenke. Sie können auch, wie eingangs erwähnt, sowohl die Sehnen betreffen (= Tendinitis), beispielsweise die Achillessehne, als auch die Schleimbeutel (= Bursitis). Darüber hinaus kann es im Rahmen sämtlicher Arthritiden (Mehrzahl von Arthritis) zu extraartikulären Entzündungen kommen, also zu entzündlichen Veränderungen außerhalb der Gelenke. Hierzu zählen unter anderem Entzündungen des Auges (zum Beispiel Uveitis), des Darms (zum Beispiel chronisch-entzündliche Darmerkrankung), der Haut (zum Beispiel Psoriasis) oder der Lunge (zum Beispiel Lungenfibrose).
Die effektive medikamentöse Entzündungshemmung verfolgt daher das Ziel, sowohl die Entzündungen in den Gelenken herunterzufahren als auch extraartikuläre Entzündungen zu verhindern.
Zu den Arthritiden gehören unter anderem:
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Rheumatoide Arthritis,
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Spondyloarthritis,
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undifferenzierte Spondyloarthritis,
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reaktive Arthritis,
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CED-assoziierte Arthritis,
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Spondylitis ankylosans, eine früher als Morbus Bechterew beschriebene Sonderform,
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Psoriasisarthritis.
2. Kollagenosen, also verschiedene Formen der Kollagenose (Weichteilrheuma)
Bei den unterschiedlichen Formen der Kollagenosen spielen sich die entzündlichen Veränderungen in erster Linie im Bindegewebe ab, das zu einem großen Teil aus Kollagen aufgebaut ist. Bindegewebe findet sich überall im menschlichen Körper. Aufgrund seiner formgebenden und stützenden Funktion stellt es einen unerlässlichen Bestandteil unserer Körperorgane dar - von Herz, Lunge und Niere über das zentrale Nervensystem bis hin zur Haut. Auch unsere Gelenkkapseln bestehen komplett aus Bindegewebe.
Dementsprechend können die entzündlichen Veränderungen, die im Rahmen einer Kollagenose auftreten, nahezu alle Organe betreffen. Sie machen zwar auch vor den Gelenken nicht halt, diese stehen allerdings nicht so sehr im Vordergrund. Die entzündlichen Schwerpunkte konzentrieren sich vielmehr je nach Krankheit auf bestimmte Organe, hierzu zählen unter anderem:
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die Drüsen - zum Beispiel die Speichel- und Tränendrüsen
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die Haut und die Schleimhäute - zum Beispiel die Haut, die das Herz umgibt, bei der Herzbeutelentzündung (Perikarditis); die Haut, die die Lunge umgibt und den Brustraum auskleidet (Pleuritis); die äußere Haut, also die den Körper umgebende Hülle, bei Lichtempfindlichkeit oder Haarausfall,
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die Niere - zum Beispiel das Kapillarsystem der Niere bei der Glomerulonephritis (eine besonders gefürchtete entzündliche Veränderung).
Neben den Symptomen, die mit der akuten Entzündung einhergehen, kann es nach deren Abklingen zu Vernarbungen des...
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