
Der König von Mexiko
Roman
Stefan Wimmer(Author)
Heyne (Publisher)
Published on 5. October 2009
Book
Paperback/Softback
320 pages
978-3-453-40732-9 (ISBN)
Description
Ingo F. ist ein Desperado, wie er im Buche steht - hauptsächlich interessieren ihn Koks, Alkoholika und die süßen Dinge des Lebens - beispielsweise Analverkehr. Um all dies zu ergattern, begibt er sich nach Mexiko City, doch statt der erhofften Genüsse warten Pein, Wahnwitz und Schrecken. Dann lernt er unvermittelt eine Tochter aus reichem Hause kennen - deren Familie jedoch alles daran setzt, den Nichtsnutz wieder loszuwerden. Und als er schließlich einen Job bei einem Busenmagazin an Land zieht, geraten die Dinge vollends außer Kontrolle.
Die Staffel 2 der beliebten Falkenhorst-Saga!
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More details
Language
German
Place of publication
München
Germany
Dimensions
Height: 18.7 cm
Width: 11.8 cm
ISBN-13
978-3-453-40732-9 (9783453407329)
Schweitzer Classification
Content
Majestätischer konnte man den Tag nicht beginnen. Es war zwölf Uhr mittags, und am Tresen standen nur die fanatischsten Getreuen des Centenario: der Polizeifahnder Gaspar mit den ausgemergelten Wangen, dem Günter-Netzer-Schnitt und der Kellerporno-Brille; Humberto der Ex-Ringer, der jeden Gast aufgekratzt an seinen Brustkasten quetschte und mit "Monsieur, welch große Ehre!" anredete; der kleinwüchsige Makler Pepe del Diaz, der in seinem gemütlichen nordmexikanischen Dialekt am liebsten von den Schlägereien seiner Jugend erzählte und jeden einzelnen Leberhaken liebevoll detailliert nachstellte. Sie alle waren Menschen, die sich eher die Hand hätten abhacken lassen, als auch nur eine Stunde von den Öffnungszeiten des Centenario zu verpassen. Ich setzte mich an einen freien Tisch, zündete mir eine Zigarette an und pustete den Rauch zur Decke hoch, wo er sich mit der Qualmwolke vereinigte, die die anderen Gäste seit Stunden produzierten.
"W-w-was t-trinkst du?", fragte der Geschäftsführer des Centenario. Sein Indianergesicht war wie immer lila angelaufen, die Augen von einer Schilddrüsenkrankheit aus den Höhlen getrieben. Vom Geschäftsführer des Centenario war bekannt, dass er keine - wie auch immer gearteten - Fähigkeiten besaß und sich in seine Position vermutlich hochgesoffen hatte. Normalerweise stand er in einem abgetragenen Anzug neben der Bar und kontrollierte die Kasse, doch heute hatten die Gäste die Ehre, von ihm persönlich bedient zu werden. Ich warf einen Blick auf die Preistafel an der Wand. Mit Steckbuchstaben stand da D m cq S l ra 30 $ und C s R ga 45 $, was irgendwann einmal "Domecq Solera" und "Chivas Regal" geheißen haben mochte, aber so raffinierte Spirituosen bestellte im Centenario schon lange niemand mehr. Ich entschied mich für einen "Bull" - ein Glas Bier mit einem Schuss irgendwas, je nach Gusto des Barkeepers Zuckerrohrschnaps, Tequila, Rum, Brandy oder Anis, oft auch alles zusammen kombiniert.
"B-B-BULL!", schrie der Geschäftsführer in Richtung Bar. Binnen Sekunden stand der Bull auf meinem Tisch, ich nippte am Glas und bekam eine Gänsehaut: Der Barkeeper war ein Freund der Kombination.
Zur Mittagszeit herrschte im Centenario eine ganz besondere Atmosphäre: Das leise Klirren der Gläser, die Gedämpftheit der Geräusche, das intime Flüstern der Gäste - das alles hatte etwas Unschuldiges, Jungfräuliches, Morgendliches. Außer den Trinkern am Tresen versammelten sich mittags vor allem Menschen, die sich durch Höflichkeit und Ruhe auszeichneten: Politiker aus den umliegenden Ministerien, die Dominosteine auf die Tische klopften und einander mit zuvorkommender, fast tuntiger Zärtlichkeit behandelten. Geschäftsmänner in altmodischen Anzügen, die unter den
Tischen die Händchen ihrer Sekretärinnen hielten und mit ihnen Cuba Libres und Brandy Colas vertilgten. Journalisten der angrenzenden Verlagshäuser, die das Weltgeschehen erörterten und sich beim Sprechen gegenseitig den Vortritt ließen. Liebenswürdigkeit, Eintracht und Streicheleinheiten, wohin man blickte. Und was das Bild des Friedens krönte: All diese Menschen tranken. Jeder hatte hochprozentige Gemische vor sich zu stehen, und jeder wirkte entschlossen, die nächsten Stunden stetig nachzubestellen.
Während ich knappe Schlucke von meinem Bull nahm, dachte ich an die grauenvolle Woche, die ich einmal in San Antonio, Texas, hatte verbringen müssen. Schon in der ersten Nacht hatte ich einen Kulturschock erlitten: In San Antonio trank niemand, egal zu welcher Uhrzeit und an welchem Wochentag! Ich klapperte dort jedes Pub, jede Bar und jedes Ale-House ab, doch nirgendwo saß ein Mensch, der einem beim Trinken Gesellschaft geleistet hätte. Nach zwei Tagen war ich so verzweifelt, dass ich das Telefonbuch auf der Suche nach Zechkumpanen durchblätterte und kurz davor stand, mir unbekannte Bürger wie Biersack Robert (Timberwild Drive 1001), Saufweib Ginna (Montford Road 622) oder Trinkerlein Timothy (Settler's Valley 2883) anzurufen, um sie zu einer Kneipentour zu beschwatzen.
Mexiko dagegen wimmelte von Männern und Frauen, die ein klares, deutliches Ja zur Sucht sprachen. Die befreiende Heiterkeit, mit der in den Cantinas die Mittagspausen angegangen wurden, gab jedem Tag ein Urlaubsflair. Sicher, gegen Abend wandelte sich die Atmosphäre: Konflikte kochten hoch, die Handlungen der Gäste entgleisten, und die Gesichter ähnelten immer mehr den Fratzen eines Höllensturzes von Pieter Bruegel. Doch in den Mittagspausen waren Cantinas wie der Centenario ein Ort tantrischer Ruhe.
Zugegeben: Vielleicht waren all die anwesenden Politiker korrupte Ausbeuter, die das Land molken und sich mit schmutzigen Tricks auf den Thron gehievt hatten, vielleicht waren all die Geschäftsmänner unfähige Betrüger, die nur durch Nepotismus ihre Posten ergattert hatten. Aber andererseits: Waren wir wirklich fähiger und rechtschaffener? Befummelten wir nicht irgendwelche Mätressen in roten Bums-Kostümchen, unter denen sich Fettschwarten abzeichneten, kurz nachdem wir unsere Freundinnen mit denselben Phrasen von ewigwährender Liebe ruhiggestellt hatten, die Luis Miguel gerade aus der Musikbox sang? Es war der Waffenstillstand zwischen uns und dem Schmutz des Lebens, der den Centenario mittags so kostbar machte. Mittags im Centenario zu sitzen - das bedeutete das größtmögliche Einverständnis mit der Welt.
Diese Wurstigkeit, die man hier spürte, war im selben Maß schon bei den Azteken und ihrer Jenseitsvorstellung zu finden. Die Bevölkerung von Tenochtitlän glaubte an drei verschiedene Bereiche für die Seelen der Toten. Die Zugangsberechtigung entschied sich dabei nicht durch das Verhalten im Leben, sondern allein durch die Todesart: Das Gros der Menschen siedelte nach dem Tod in eine obskure, ereignislose Geisterwelt über, in der man sein Dasein als Schatten fristete. Die Menschen, die entweder a) im Krieg fielen, b) vom Gegner geopfert wurden oder c) als Spione starben, durften mit dem Gott Tezcatlipoca um die Sonne kreisen - ein ebenso elitäres wie langweiliges Vergnügen. Das wirkliche Paradies dagegen war das Unterweltreich Tlalocän, das der Regengott Tlaloc verwaltete. Es winkte denen, die am flüssigen Medium zugrunde gingen: Ertrunkene, vom Blitz Erschlagene und, so durfte man ergänzen, die Trinker des Centenario.
Bei diesem Gedanken bestellte ich einen neuen Bull.
Schwer vorstellbar, dass es während meines Aufenthalts in Mexiko einmal eine Zeit ohne den Centenario gegeben hatte. Und doch war das der Fall gewesen. Es hatte Monate gegeben - Monate der Düsternis! -, in denen ich vom Centenario noch nicht einmal etwas geahnt hatte. Auf diese bitteren Monate war eine Periode gefolgt, in der ich zwar schon von seiner Existenz wusste, aber noch nicht reif für die Mitgliedschaft war.
"W-w-was t-trinkst du?", fragte der Geschäftsführer des Centenario. Sein Indianergesicht war wie immer lila angelaufen, die Augen von einer Schilddrüsenkrankheit aus den Höhlen getrieben. Vom Geschäftsführer des Centenario war bekannt, dass er keine - wie auch immer gearteten - Fähigkeiten besaß und sich in seine Position vermutlich hochgesoffen hatte. Normalerweise stand er in einem abgetragenen Anzug neben der Bar und kontrollierte die Kasse, doch heute hatten die Gäste die Ehre, von ihm persönlich bedient zu werden. Ich warf einen Blick auf die Preistafel an der Wand. Mit Steckbuchstaben stand da D m cq S l ra 30 $ und C s R ga 45 $, was irgendwann einmal "Domecq Solera" und "Chivas Regal" geheißen haben mochte, aber so raffinierte Spirituosen bestellte im Centenario schon lange niemand mehr. Ich entschied mich für einen "Bull" - ein Glas Bier mit einem Schuss irgendwas, je nach Gusto des Barkeepers Zuckerrohrschnaps, Tequila, Rum, Brandy oder Anis, oft auch alles zusammen kombiniert.
"B-B-BULL!", schrie der Geschäftsführer in Richtung Bar. Binnen Sekunden stand der Bull auf meinem Tisch, ich nippte am Glas und bekam eine Gänsehaut: Der Barkeeper war ein Freund der Kombination.
Zur Mittagszeit herrschte im Centenario eine ganz besondere Atmosphäre: Das leise Klirren der Gläser, die Gedämpftheit der Geräusche, das intime Flüstern der Gäste - das alles hatte etwas Unschuldiges, Jungfräuliches, Morgendliches. Außer den Trinkern am Tresen versammelten sich mittags vor allem Menschen, die sich durch Höflichkeit und Ruhe auszeichneten: Politiker aus den umliegenden Ministerien, die Dominosteine auf die Tische klopften und einander mit zuvorkommender, fast tuntiger Zärtlichkeit behandelten. Geschäftsmänner in altmodischen Anzügen, die unter den
Tischen die Händchen ihrer Sekretärinnen hielten und mit ihnen Cuba Libres und Brandy Colas vertilgten. Journalisten der angrenzenden Verlagshäuser, die das Weltgeschehen erörterten und sich beim Sprechen gegenseitig den Vortritt ließen. Liebenswürdigkeit, Eintracht und Streicheleinheiten, wohin man blickte. Und was das Bild des Friedens krönte: All diese Menschen tranken. Jeder hatte hochprozentige Gemische vor sich zu stehen, und jeder wirkte entschlossen, die nächsten Stunden stetig nachzubestellen.
Während ich knappe Schlucke von meinem Bull nahm, dachte ich an die grauenvolle Woche, die ich einmal in San Antonio, Texas, hatte verbringen müssen. Schon in der ersten Nacht hatte ich einen Kulturschock erlitten: In San Antonio trank niemand, egal zu welcher Uhrzeit und an welchem Wochentag! Ich klapperte dort jedes Pub, jede Bar und jedes Ale-House ab, doch nirgendwo saß ein Mensch, der einem beim Trinken Gesellschaft geleistet hätte. Nach zwei Tagen war ich so verzweifelt, dass ich das Telefonbuch auf der Suche nach Zechkumpanen durchblätterte und kurz davor stand, mir unbekannte Bürger wie Biersack Robert (Timberwild Drive 1001), Saufweib Ginna (Montford Road 622) oder Trinkerlein Timothy (Settler's Valley 2883) anzurufen, um sie zu einer Kneipentour zu beschwatzen.
Mexiko dagegen wimmelte von Männern und Frauen, die ein klares, deutliches Ja zur Sucht sprachen. Die befreiende Heiterkeit, mit der in den Cantinas die Mittagspausen angegangen wurden, gab jedem Tag ein Urlaubsflair. Sicher, gegen Abend wandelte sich die Atmosphäre: Konflikte kochten hoch, die Handlungen der Gäste entgleisten, und die Gesichter ähnelten immer mehr den Fratzen eines Höllensturzes von Pieter Bruegel. Doch in den Mittagspausen waren Cantinas wie der Centenario ein Ort tantrischer Ruhe.
Zugegeben: Vielleicht waren all die anwesenden Politiker korrupte Ausbeuter, die das Land molken und sich mit schmutzigen Tricks auf den Thron gehievt hatten, vielleicht waren all die Geschäftsmänner unfähige Betrüger, die nur durch Nepotismus ihre Posten ergattert hatten. Aber andererseits: Waren wir wirklich fähiger und rechtschaffener? Befummelten wir nicht irgendwelche Mätressen in roten Bums-Kostümchen, unter denen sich Fettschwarten abzeichneten, kurz nachdem wir unsere Freundinnen mit denselben Phrasen von ewigwährender Liebe ruhiggestellt hatten, die Luis Miguel gerade aus der Musikbox sang? Es war der Waffenstillstand zwischen uns und dem Schmutz des Lebens, der den Centenario mittags so kostbar machte. Mittags im Centenario zu sitzen - das bedeutete das größtmögliche Einverständnis mit der Welt.
Diese Wurstigkeit, die man hier spürte, war im selben Maß schon bei den Azteken und ihrer Jenseitsvorstellung zu finden. Die Bevölkerung von Tenochtitlän glaubte an drei verschiedene Bereiche für die Seelen der Toten. Die Zugangsberechtigung entschied sich dabei nicht durch das Verhalten im Leben, sondern allein durch die Todesart: Das Gros der Menschen siedelte nach dem Tod in eine obskure, ereignislose Geisterwelt über, in der man sein Dasein als Schatten fristete. Die Menschen, die entweder a) im Krieg fielen, b) vom Gegner geopfert wurden oder c) als Spione starben, durften mit dem Gott Tezcatlipoca um die Sonne kreisen - ein ebenso elitäres wie langweiliges Vergnügen. Das wirkliche Paradies dagegen war das Unterweltreich Tlalocän, das der Regengott Tlaloc verwaltete. Es winkte denen, die am flüssigen Medium zugrunde gingen: Ertrunkene, vom Blitz Erschlagene und, so durfte man ergänzen, die Trinker des Centenario.
Bei diesem Gedanken bestellte ich einen neuen Bull.
Schwer vorstellbar, dass es während meines Aufenthalts in Mexiko einmal eine Zeit ohne den Centenario gegeben hatte. Und doch war das der Fall gewesen. Es hatte Monate gegeben - Monate der Düsternis! -, in denen ich vom Centenario noch nicht einmal etwas geahnt hatte. Auf diese bitteren Monate war eine Periode gefolgt, in der ich zwar schon von seiner Existenz wusste, aber noch nicht reif für die Mitgliedschaft war.