Wo wir einst gingen
Roman
Kjell Westö(Author)
btb (Publisher)
Published on 22. September 2008
Book
Hardback
656 pages
978-3-442-75197-6 (ISBN)
Description
Ein reicher, vielschichtiger, lebenspraller Roman aus dem Helsinki des beginnenden 20. Jahrhunderts
Eine Stadt, in der es gärt, ist dieses Helsinki in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Auf das Trauma des finnischen Bürgerkriegs 1918, der einen Riss durch die Gesellschaft zieht, folgen die enthemmten zwanziger Jahre wie ein einziger langer Rausch. Nach den Kriegsgräueln prägen nun Jazz, Fußball, Schwindsucht, Hunger, Fotografie, Champagnerorgien, Prohibition, Tennis, Bubiköpfe und schimmelige Armeekasernen das Bild. Die unterschiedlichsten Menschen treffen sich in dieser Stadt, vereint in ihrer Sehnsucht nach Glück und Bedeutung in ihrem Leben: zum Beispiel der radikale Allu Kajander, der seine Sportlerkarriere opfert, um zur See zu fahren; der hasserfüllte Cedi Lilljehelm, der mit den Visionen der faschistischen Schwarzhemden sympathisiert; seine frivole Schwester Lucie mit ihrem unbändigen Freiheitswillen, die einen Hauch des dekadenten Paris in den Norden trägt und die Männer in Scharen anzieht; und nicht zuletzt der idealistische, hoch sensible Fotograf Eccu, der am Ende an der harschen Wirklichkeit scheitert. Doch bei allem Kampf, bei allem Scheitern und bei aller Bitterkeit gibt es auch hier, in diesen unruhigen Zeiten, die großen menschlichen Gesten, getragen von Liebe und Verständnis und Mitmenschlichkeit, die letztlich triumphieren .
Eine Stadt, in der es gärt, ist dieses Helsinki in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Auf das Trauma des finnischen Bürgerkriegs 1918, der einen Riss durch die Gesellschaft zieht, folgen die enthemmten zwanziger Jahre wie ein einziger langer Rausch. Nach den Kriegsgräueln prägen nun Jazz, Fußball, Schwindsucht, Hunger, Fotografie, Champagnerorgien, Prohibition, Tennis, Bubiköpfe und schimmelige Armeekasernen das Bild. Die unterschiedlichsten Menschen treffen sich in dieser Stadt, vereint in ihrer Sehnsucht nach Glück und Bedeutung in ihrem Leben: zum Beispiel der radikale Allu Kajander, der seine Sportlerkarriere opfert, um zur See zu fahren; der hasserfüllte Cedi Lilljehelm, der mit den Visionen der faschistischen Schwarzhemden sympathisiert; seine frivole Schwester Lucie mit ihrem unbändigen Freiheitswillen, die einen Hauch des dekadenten Paris in den Norden trägt und die Männer in Scharen anzieht; und nicht zuletzt der idealistische, hoch sensible Fotograf Eccu, der am Ende an der harschen Wirklichkeit scheitert. Doch bei allem Kampf, bei allem Scheitern und bei aller Bitterkeit gibt es auch hier, in diesen unruhigen Zeiten, die großen menschlichen Gesten, getragen von Liebe und Verständnis und Mitmenschlichkeit, die letztlich triumphieren .
More details
Series
Language
German
Place of publication
München
Germany
Product notice
With dust jacket
Dimensions
Height: 21.5 cm
Width: 13.5 cm
ISBN-13
978-3-442-75197-6 (9783442751976)
Schweitzer Classification
Persons
Kjell Westö ist einer der bekanntesten finnlandschwedischen Autoren der jüngeren Generation, geboren 1961 in Helsinki, wo er heute noch lebt. Seit seinem literarischen Debüt 1986 hat er drei Gedichtsammlungen, mehrere Bände mit Erzählungen und vier Romane
Content
Erstes Buch
Im ersten Kriegswinter konnte Jali Widing noch den Schnee fallen hören
(1905-1917)
Der stille Allu
Der Zufall wollte es, dass der erste Tag von Vivan Fallenius als Hausmädchen bei den Herrschaften Gylfe in der Achtzimmerwohnung an der Boulevardsgatan auf den ersten Jahrestag der Ermordung des russischen Generalgouverneurs Bobrikoff durch den einsamen und halbtauben Beamten Eugen Schauman fiel. Der stellvertretende Amtsrichter und seine Frau, die Schauman flüchtig gekannt hatten, feierten dies mit einem stummen Champagnertoast zur Consommé. Vivan stand an der Tür zum Flur, mit Rüschen in den Haaren, sie trug einen schwarzen Rock und eine schwarze Bluse mit weißem Spitzenkragen und hatte sich darüber hinaus eine weiße Schürze umgebunden, sie wartete auf die nächste Anweisung und versuchte sich möglichst unsichtbar zu machen. Das mit Schauman und Bobrikoff interessierte sie nicht weiter, stattdessen dachte sie an den Familienbaum daheim in Degerby, an ihre Hofbirke, die während eines überraschenden Maisturms vor gut einem Monat in der Mitte umgeknickt war, und daran, wie seltsam es doch war, dass sie bereits im Januar geträumt hatte, der Baum werde sterben. Träume dieser Art hatte sie in regelmäßigen Abständen, und sie machten ihr Angst, aber inzwischen war schon zartgrün gefärbter Sommer, und sie fragte sich, warum Frau Beata Gylfe nicht die schweren Samtvorhänge aufziehen ließ. Vivan hatte es am Vormittag eigenmächtig getan; wenn die Vorhänge fort waren, sah man, wie schön das Licht auf die Boulevardsgatan fiel, und man konnte sich hinauslehnen und die jungen Linden anschauen und dem Klackern von Pferdehufen und Klappern von Wagen und Karren auf dem Kopfsteinpflaster lauschen. Vivan fand, dass die Gylfeschen Paradezimmer düster und brütend wurden, sobald die Vorhänge zugezogen waren. Sie wusste nicht, dass es dem Wunsch der reichen Stadtbewohner entsprach, wenn ihre Wohnungen so aussahen - dunkel getäfelte Möbel, Ebenholz und Mahagoni, schwarze, dekorativ bemalte Urnen und gipsweiße, auf kleinen Ziertischen ausgestellte Statuetten, üppige Topfpalmen in den Ecken, Seegemälde und glupschäugige Verwandte an den Wänden und dann die Stühle, diese quälende Vielzahl von Zierstühlen und Sesseln, die allerorten herumstanden und zur Folge hatten, dass man sich die Beine blau und wund schlug, wenn man zwischen den Möbelstücken kreuzte, um zu servieren oder abzudecken oder eine soeben abgegebene Visitenkarte zu überreichen oder was einem sonst gerade aufgetragen worden war. 'Es ist gut', sagte der stellvertretende Amtsrichter Gylfe mit Nachdruck und riss sie aus ihren Gedanken, 'die gnädige Frau ruft Fräulein Vivan dann, wenn es Zeit für den Braten ist, wir haben ja die Klingel, Vivan kann zusammen mit Frau Holmström in der Küche warten.' Vivan knickste und öffnete die Tür zum Flur. Auf dem Weg zur Küche sah sie, dass der ältere der beiden Söhne des Hauses ihren Blick einzufangen suchte, aber sie gab vor, ihn nicht zu bemerken.
Es dauerte nicht lange, bis die beiden halbwüchsigen Jungen der Familie anfingen, sie nicht Vivan, sondern Gullvivan, Schlüsselblume, zu nennen. Anfangs sah sie darin nichts Unziemliches, denn schon daheim im Dorf hatten die jungen Männer ihr verschiedene Kosenamen gegeben und freundschaftlich benutzt. Doch wenn Magnus und Carl-Gustaf Gylfe den neuen Namen verwandten, huschte etwas über ihre glatten Gesichter, das Vivan als Geringschätzung und Hohn deutete, und manchmal schob sich Magnus, der ältere, plötzlich aus dem luxuriösen Badezimmer der Herrschaften mit Toilettenlüftung und einer Badewanne, die auf bronzenen Löwenpranken stand, und trällerte daraufhin mit leiser Stimme: Vivan, Vivan, Herz aus Gold, Vivan, Vivan, wann bist du mir hold, und seine Hose beulte sich aus, wenn sie mit pochendem Herzen und einem vollbeladenen Tablett in den Händen im dunklen Flur an ihm vorbeieilte. Die beiden Söhne des Hauses glichen in ihren Augen verhätschelten Hauskatzen, und sie spürte die Blicke der beiden auf ihrem Körper, sie spürte diese Blicke, wenn sie servierte, wenn sie die Palmen goss, wenn sie die Kleider und Bettbezüge einsammelte, um sie zur Wäscherin zu bringen, wenn sie mit klappernden Absätzen die Treppen hinabrannte, um zum Markt zu gehen und Waren einzukaufen, wenn sie von Wahlman oder Silfverberg & Wecksell wieder einmal einen teuren und voluminösen Neuzugang für Frau Gylfes Hutsammlung anschleppte. Sogar wenn sie auf dem Weg zum Abort des Dienstpersonals über den Hof schlich, spürte Vivan die Blicke der beiden Gylfe-Söhne, und es war ihr lieber, erst gar keinen Gedanken daran zu verschwenden, was die Brüder über sie sagten, sobald sie außer Hörweite war.
Vivans Mutter Magda war in der Stadt geboren worden und hatte in Tollander & Klärichs Tabakfabrik und als Aufwärterin im Hotel Kleineh gearbeitet, ehe sie heiratete und die Frau eines Kleinbauern in Inga Degerby wurde. Magda wusste, dass bei weitem nicht jeder eine schwere und einförmige Arbeit ertrug, wenn es einen leichteren Weg gab. Hunderte junger Mädchen arbeiteten für einen kärglichen Lohn in den bürgerlichen Häusern und Fabriken von Helsingfors; die meisten von ihnen waren unerfahren und glaubten bereitwillig den Versprechungen in Restaurants und während anschließender nächtlicher Droschkenfahrten. Und nach Umarmungen und Enttäuschungen endete dies alles mit Nachtschichten in den berüchtigsten Straßen der Stadt und Herrenbesuchen in schneller Folge in einer gemieteten Dachkammer und den Gesundheitskontrollen der Polizei und dann, schließlich, mit der gefürchteten Seuche. Magda hatte ihrer Tochter deshalb eingeschärft, niemals vertraulichen Flüsterern mit wohlduftenden Hemdbrüsten oder verschmitzten Straßenjungen zu vertrauen, die in der Lage waren, Champagner aufzutreiben, wo es eigentlich gar keinen gab. Und am allermeisten, hatte sie erklärt, solle Vivan sich vor Männern in Acht nehmen, die ihr ewige Liebe schworen und sie zu abgelegenen Orten führen wollten.
Doch Vivan wurde von ihrer sieben Jahre älteren Kusine Sandra Söderberg zu einem Junitanz auf Byholmen gelockt, und dort begegnete sie dem Schwerarbeiter und angehenden städtischen Laternenanzünder Enok Kajander. Es war das erste Mal, dass Vivan ihren freien Abend darauf verwandte, tanzen zu gehen, und sie sah weg, als sie die Trauben von Männern sah, die entlang der Waldpfade standen und sich mit Branntwein und süßen Mischgetränken stärkten, ehe sie zum Tanzboden zurückkehrten, um jemanden aufzufordern. An ihrem nächsten freien Abend feierte sie auf Farholmen, wo die Abstinenzlergesellschaft der Arbeiter eine musikalische Soiree veranstaltete. Einer der Programmpunkte war Enok, der mit seiner samtenen Tenorstimme schwedische und finnische Volkslieder sang. Den Juli und den halben August verbrachte Vivan mit Familie Gylfe in deren Sommervilla Miramar draußen in Kallvik, aber als sie zurückkam, dauerte es nicht lange, bis Enok wieder vor der Küchentür stand. Er habe Geld gespart, sagte er, und wolle sie ins Kinematographentheater einladen, um sich bewegte Bilder anzusehen, und er nannte sie helluni mun, meine Liebste, und Vivan errötete - das tat sie immer, wenn er Dinge auf Finnisch zu ihr sagte, ohne ihr zu erklären, was sie bedeuteten.
An einem Samstagabend spät im August war Tanz in der Sommerkolonie Mölylä der Sozialisten östlich der Gammelstadsfjärden. Enok und Vivan trafen sich am Broholmsufer und nahmen zusammen mit fast achtzig anderen Frauen und Männern Platz im riesigen Ruderboot 'Zukunft' des Arbeitervereins. Enok war einer der Ruderer, und als das Boot unter der Langa-Brücke hindurchfuhr, sangen die Männer aus vollem Hals die Marseillaise, und die abendlichen Flaneure auf der Brücke lehnten sich neugierig über das Holzgeländer, um zu schauen, woher der Gesang kam. Vivan hatte das Gefühl, dass Enok jeden kannte und überall zu Hause war, und sie lächelte ihm von ihrem Platz auf der Achterducht aus zu, wo sie gemeinsam mit zehn anderen jungen Frauen saß, die alle ebenso festlich gekleidet waren wie sie selbst.
Draußen in Mölylä spielte die Blaskapelle des Vereins, und Vivan war in ihrer sahnefarbenen Bluse, ihrem kostbarsten Besitzstück, die Mutter Magda aus dem Seidenstoff genäht hatte, den ihr Onkel Heizer-August im Vorjahr aus Shanghai mitgebracht hatte, ehe er an Tropenfieber erkrankte und starb, das schönste Mädchen des Tanzes. Die Musik und Enok und der Mondschein ließen sie die einförmigen Arbeitsaufgaben und die enge Dienstmädchenkammer in der Boulevardsgatan vergessen. Sie bekam eine solche Lust, sich zu befreien und endlich richtig zu leben, sie spürte ihr Herz schnell und hart pochen, und als sie mit Enok tanzte, schloss sie die Augen und lag in seinen Armen und stellte sich vor, vom Scheitel bis zur Sohle in Crêpe de Chine gehüllt zu sein, obwohl der Stoff ihres Rocks schwarz und grob war. Nach Einbruch der Dunkelheit verließen sie den Tanz und das muntere Geplauder und gingen einen Waldweg hinab, auf dem ihre Bluse weiß zwischen den Schatten der Bäume schimmerte. Unten am Ufer zogen sie Schuhe und Strümpfe aus, liehen sich ein Boot und ruderten zu der kleinen Insel Lillkobben hinaus, die von den Finnen Kiimakari genannt wurde - der Name bedeutete Wollustschäre -, doch das wusste Vivan natürlich nicht. Draußen auf der Insel suchten sie ein kleines Wäldchen auf, und Enok breitete sein Jackett und seine Weste auf der Erde aus und griff ihr um die Taille und bat sie, sich zu setzen. Er trank an diesem Abend keine starken Sachen, er war die Zärtlichkeit und Höflichkeit selbst, und Vivan ließ sich auf dem angebotenen Platz nieder und dachte daran, was für eine klare Mondnacht es war und welch große und warme Hände Enok hatte und wie deutlich die Adern seiner Hände zu sehen waren, und sie zog ihre nackten Füße unter sich und löste ihr Haar, während sie gleichzeitig einem Windhauch lauschte, der durch die dünnen Wipfel der Birken strich.
Es war das erste Mal, dass sie sich einem Mann hingab, und hinterher bekam sie dann Angst, Angst davor, dass das Blut in diesem Monat ausbleiben und durch morgendliche Übelkeit und all das andere ersetzt werden würde, wovon Sandra und die anderen jungen Frauen erzählt hatten, und Angst davor, was Enok von ihr denken, aber auch davor, womit er sie angesteckt haben mochte - sie wusste doch, er hatte im Hafen gearbeitet, weshalb sie davon ausging, dass er früher viele Frauen gehabt hatte und es gefallene Mädchen gewesen waren.
Die Sache blieb dieses Mal ohne Folgen. Aber sie gingen das ganze Jahr miteinander, und während der Streikwoche im November, als Enok von sich behauptete, zu Hauptmann Kocks Arbeitergarde zu gehören, sich jedoch in erster Linie in der Stadt herumtrieb und in den Menschenmengen mitlief und Schlagworte grölte, ging Vivan an ihrem freien Abend mit ihm nach Hause, um Tee zu trinken. Enok wohnte im Stadtteil Hermanstad, er war Untermieter bei seinem Onkel Fredrik, der eine Frau und drei kleine Söhne hatte, aber Onkel Fredrik und seine Familie waren zu Beginn der Unruhen aus der Stadt nach Sibbo geflohen. Folglich war es ein leeres und momentan unbeheiztes Zimmer in einem ungestrichenen Holzhaus mit dem nebelverhüllten Byholmen und der herbstgrauen Gammelstads-fjärden tief unter ihnen, in dem Enok und Vivan das zweite Mal miteinander schliefen. Sie schloss die Arme um Enoks Rücken, während er sich auf ihr bewegte, und fror ein wenig, vor allem an Armen und Beinen, und war hinterher nach nur fünf Monaten in den Diensten von Familie Gylfe in anderen Umständen.
Sie begriff sehr schnell, was los war, dennoch dauerte es fast zehn Wochen, bis sie es wagte, mit Beata Gylfe zu sprechen. Frau Beata lauschte, ohne eine Miene zu verziehen, und sagte anschließend mit strenger Stimme, Vivan müsse leider ihre Stelle verlassen, bekomme jedoch drei Monate Abschiedslohn und dürfe im Dienstmädchenzimmer wohnen bleiben, bis die Familie eine neue Dienstmagd gefunden habe. Vivan nahm all ihren Mut zusammen, blickte zu Boden und murmelte: 'Ich bin keine Dienstmagd, die gnädige Frau kann mich Hausgehilfin oder Zofe oder was auch immer nennen, aber ich bin keine Magd.' Frau Beata verstand kein Wort und bat Vivan zu wiederholen, was sie gesagt hatte. Vivan tat, wie ihr geheißen, sie wiederholte die Worte laut und deutlich, und ihr Tonfall glich, fand sie, bis aufs Haar dem Frau Beatas - er war ebenso abgeklärt und präzise. Frau Beata warf ihr allerdings nur einen frostigen Blick zu und fragte: 'Findet Vivan wirklich, dass dies eine Rolle spielt? Ich meine, angesichts der Umstände, in die Vivan sich versetzt hat?' Vivan antwortete nicht. Zurück in der Küche brach sie in Tränen aus, aber Frau Holmström verzog nur den Mund und wandte sich augenblicklich ab, stand da und zermahlte einen großen Hecht zu Fischhack, starrte in den Fleischwolf, sah schroffer aus als je zuvor und weigerte sich, auch nur ein einziges Wort zu sagen.
Am späten Nachmittag bestellte der stellvertretende Amtsrichter Gylfe Vivan in die Bibliothek. Er saß mit einem aufgeschlagenen Buch vor sich an seinem Schreibtisch, die Vorhänge zur Boulevardsgatan waren zugezogen, und er rauchte Pfeife und sagte mit leiser Stimme, es gebe zwei Alternativen, entweder müsse Fräulein Vivan rasch eine Engelmacherin finden oder aber das Kind zur Welt bringen und versuchen, es adoptieren zu lassen, denn sie sei viel zu jung und unerfahren, um als Mutter bestehen zu können, und zu allem Überfluss würde sie im unruhigen Helsingfors allein dastehen. Angesichts der Umstände, lächelte der stellvertretende Amtsrichter säuerlich, müsse er sich leider die Freiheit nehmen, die ernsthaften Absichten des Befruchters zu bezweifeln. Leider Gottes, fügte er anschließend hinzu, könne er ihr selbst jedoch mit keiner konkreten Hilfe beistehen, denn wie Fräulein Vivan sicher verstehe, gehörten weder Engelmacherinnen noch Kinderheimvorsteher zu seinem Bekanntenkreis, und außerdem habe Fräulein Vivan sein und seiner Frau Beatas Vertrauen enttäuscht und sei selber schuld.
An jenem Tag, an dem all diese Worte ausgesprochen wurden, während andere, beispielsweise 'Wir wollen hoffen, dass sich die Dinge für Fräulein Vivan zum Besten wenden', unausgesprochen blieben, war Vivan Fallenius siebzehn Jahre, sechs Monate und drei Tage alt.
Enok Kajander war der Sohn eines Fischers aus Sibbo, aber seine Eltern waren tot und er wohnte seit dem Sommer 1902 in Helsingfors. Er hatte pechschwarze, gewellte Haare und auch im Winter einen dunklen Teint und wurde der Schwarze Enok genannt. Der Schwarze Enok war kürzlich einundzwanzig geworden, stand jedoch bereits weithin in dem Ruf, ein Unruhestifter und Agitator zu sein. Unruhestifter oder nicht, als seine Liebe zum ersten Mal auf die Probe gestellt wurde, bestand er sie. Als er den kurzgefassten Brief erhielt, in dem Vivan von ihrer Not berichtete, suchte er sie auf, stand plötzlich vor der Küchentür in der Boulevardsgatan und fingerte an seiner speckigen Mütze herum, wich Frau Holmströms majestätisch wütendem Blick aus und lud Vivan in ungelenken Formulierungen zu einem Spaziergang am kommenden Wochenende ein.
Es war Februar und der Sonntag wolkenverhangen, aber eiskalt. Am Ende der Östra Henriksgatan verbreitete das alte Gaswerk wie üblich seinen Gestank, und überall in der Stadt spien die elektrischen Kraftwerke graue Asche und schwarzen Rauch, und der Steinkohlenstaub und die Abgase verliehen der Stadtluft eine schmutzig gelbe Note und inmitten der Kälte einen ganz eigenen, beißenden Geruch. Enok und Vivan trafen sich in der Mikaelsgatan, gingen schweigend in nördliche Richtung und kamen am neuen Theatergebäude vorbei, das in wuchtiger und einsamer Majestät am Järnvägstorget stand. Von dort aus spazierten sie in den Kajsaniemipark, und als sie am zugefrorenen Schwanenteich entlanggingen, warf Enok ihr vor, dass sie sich nicht dem Helsingforser Hausangestelltenverein angeschlossen hatte: dann hätte sich der Verein ihrer Sache annehmen können. Vivan sagte, wie es war, die Hausangestelltenvereine hätten gemeinsame Sache mit den Arbeitern gemacht, was man draußen in den Dörfern nicht gern sehe, wo die Großbauern und Gutsbesitzer ein Auge darauf hatten, wohin die armen Leute ihr Mäntelchen hängten. Enok nickte ernst und meinte, es sei gut, dass sie nach Helsingfors gekommen sei, wo es so viele Arme gebe und deren gebündelte Kraft immer weiterwachse. Vivan biss sich auf die Lippe, blickte auf ihre abgetragenen Stiefel und erwiderte schmollend, im Moment sei überhaupt nichts gut, sie habe Schande über ihren Vater und ihre Mutter gebracht, und mit ihrem Abschiedslohn werde sie nicht weit kommen, und ihre Kusine Sandra habe zwar gesagt, sie könne bei ihnen wohnen, solange sie wolle, bis das Kind geboren sei, aber Sandra und ihr Axel hätten bereits zwei Kinder und ein drittes sei unterwegs und Axel habe oft keine Arbeit und das Zimmer dort in der Andra linjen sei eng, und deshalb habe Vivan schon Alpträume, in denen sie vor der Armenverwaltung stehe und die Damen und Herren die Nase rümpfen und sie als eine Hure betrachten sehe.
Darüber hinaus quälten sie auch noch andere Visionen, sie wolle Enok keine Angst machen, aber sie habe von Kindesbeinen an Dinge geträumt, die anschließend in Erfüllung gegangen seien. Als sie sieben gewesen sei, habe sie von einem Nachbarjungen geträumt, ihn nachts vor sich gesehen, und sein Gesicht sei verfärbt und aufgedunsen gewesen und seine Augenhöhlen leer, und zwei Sommer später sei der Junge draußen in Porkala ertrunken, und seine Leiche habe man erst gefunden, als es längst Herbst gewesen sei, und da seien die Aale schon am
Werk gewesen, wenn Enok verstehe, was sie meine. Und nun habe sie von einem der Söhne Gylfe geträumt, von Magnus, dem Mitglied der Familie, das sie am wenigsten mochte, in ihrem Alptraum sei der Kopf des älteren Sohns der Gylfes vom Körper abgetrennt gewesen, er habe frei vor ihren Augen geschwebt, er sei blutüberströmt und der Blick starr und grausig gewesen, während der Rest des Körpers ein Stück entfernt auf einer morastigen Straße gelegen habe.
Im ersten Kriegswinter konnte Jali Widing noch den Schnee fallen hören
(1905-1917)
Der stille Allu
Der Zufall wollte es, dass der erste Tag von Vivan Fallenius als Hausmädchen bei den Herrschaften Gylfe in der Achtzimmerwohnung an der Boulevardsgatan auf den ersten Jahrestag der Ermordung des russischen Generalgouverneurs Bobrikoff durch den einsamen und halbtauben Beamten Eugen Schauman fiel. Der stellvertretende Amtsrichter und seine Frau, die Schauman flüchtig gekannt hatten, feierten dies mit einem stummen Champagnertoast zur Consommé. Vivan stand an der Tür zum Flur, mit Rüschen in den Haaren, sie trug einen schwarzen Rock und eine schwarze Bluse mit weißem Spitzenkragen und hatte sich darüber hinaus eine weiße Schürze umgebunden, sie wartete auf die nächste Anweisung und versuchte sich möglichst unsichtbar zu machen. Das mit Schauman und Bobrikoff interessierte sie nicht weiter, stattdessen dachte sie an den Familienbaum daheim in Degerby, an ihre Hofbirke, die während eines überraschenden Maisturms vor gut einem Monat in der Mitte umgeknickt war, und daran, wie seltsam es doch war, dass sie bereits im Januar geträumt hatte, der Baum werde sterben. Träume dieser Art hatte sie in regelmäßigen Abständen, und sie machten ihr Angst, aber inzwischen war schon zartgrün gefärbter Sommer, und sie fragte sich, warum Frau Beata Gylfe nicht die schweren Samtvorhänge aufziehen ließ. Vivan hatte es am Vormittag eigenmächtig getan; wenn die Vorhänge fort waren, sah man, wie schön das Licht auf die Boulevardsgatan fiel, und man konnte sich hinauslehnen und die jungen Linden anschauen und dem Klackern von Pferdehufen und Klappern von Wagen und Karren auf dem Kopfsteinpflaster lauschen. Vivan fand, dass die Gylfeschen Paradezimmer düster und brütend wurden, sobald die Vorhänge zugezogen waren. Sie wusste nicht, dass es dem Wunsch der reichen Stadtbewohner entsprach, wenn ihre Wohnungen so aussahen - dunkel getäfelte Möbel, Ebenholz und Mahagoni, schwarze, dekorativ bemalte Urnen und gipsweiße, auf kleinen Ziertischen ausgestellte Statuetten, üppige Topfpalmen in den Ecken, Seegemälde und glupschäugige Verwandte an den Wänden und dann die Stühle, diese quälende Vielzahl von Zierstühlen und Sesseln, die allerorten herumstanden und zur Folge hatten, dass man sich die Beine blau und wund schlug, wenn man zwischen den Möbelstücken kreuzte, um zu servieren oder abzudecken oder eine soeben abgegebene Visitenkarte zu überreichen oder was einem sonst gerade aufgetragen worden war. 'Es ist gut', sagte der stellvertretende Amtsrichter Gylfe mit Nachdruck und riss sie aus ihren Gedanken, 'die gnädige Frau ruft Fräulein Vivan dann, wenn es Zeit für den Braten ist, wir haben ja die Klingel, Vivan kann zusammen mit Frau Holmström in der Küche warten.' Vivan knickste und öffnete die Tür zum Flur. Auf dem Weg zur Küche sah sie, dass der ältere der beiden Söhne des Hauses ihren Blick einzufangen suchte, aber sie gab vor, ihn nicht zu bemerken.
Es dauerte nicht lange, bis die beiden halbwüchsigen Jungen der Familie anfingen, sie nicht Vivan, sondern Gullvivan, Schlüsselblume, zu nennen. Anfangs sah sie darin nichts Unziemliches, denn schon daheim im Dorf hatten die jungen Männer ihr verschiedene Kosenamen gegeben und freundschaftlich benutzt. Doch wenn Magnus und Carl-Gustaf Gylfe den neuen Namen verwandten, huschte etwas über ihre glatten Gesichter, das Vivan als Geringschätzung und Hohn deutete, und manchmal schob sich Magnus, der ältere, plötzlich aus dem luxuriösen Badezimmer der Herrschaften mit Toilettenlüftung und einer Badewanne, die auf bronzenen Löwenpranken stand, und trällerte daraufhin mit leiser Stimme: Vivan, Vivan, Herz aus Gold, Vivan, Vivan, wann bist du mir hold, und seine Hose beulte sich aus, wenn sie mit pochendem Herzen und einem vollbeladenen Tablett in den Händen im dunklen Flur an ihm vorbeieilte. Die beiden Söhne des Hauses glichen in ihren Augen verhätschelten Hauskatzen, und sie spürte die Blicke der beiden auf ihrem Körper, sie spürte diese Blicke, wenn sie servierte, wenn sie die Palmen goss, wenn sie die Kleider und Bettbezüge einsammelte, um sie zur Wäscherin zu bringen, wenn sie mit klappernden Absätzen die Treppen hinabrannte, um zum Markt zu gehen und Waren einzukaufen, wenn sie von Wahlman oder Silfverberg & Wecksell wieder einmal einen teuren und voluminösen Neuzugang für Frau Gylfes Hutsammlung anschleppte. Sogar wenn sie auf dem Weg zum Abort des Dienstpersonals über den Hof schlich, spürte Vivan die Blicke der beiden Gylfe-Söhne, und es war ihr lieber, erst gar keinen Gedanken daran zu verschwenden, was die Brüder über sie sagten, sobald sie außer Hörweite war.
Vivans Mutter Magda war in der Stadt geboren worden und hatte in Tollander & Klärichs Tabakfabrik und als Aufwärterin im Hotel Kleineh gearbeitet, ehe sie heiratete und die Frau eines Kleinbauern in Inga Degerby wurde. Magda wusste, dass bei weitem nicht jeder eine schwere und einförmige Arbeit ertrug, wenn es einen leichteren Weg gab. Hunderte junger Mädchen arbeiteten für einen kärglichen Lohn in den bürgerlichen Häusern und Fabriken von Helsingfors; die meisten von ihnen waren unerfahren und glaubten bereitwillig den Versprechungen in Restaurants und während anschließender nächtlicher Droschkenfahrten. Und nach Umarmungen und Enttäuschungen endete dies alles mit Nachtschichten in den berüchtigsten Straßen der Stadt und Herrenbesuchen in schneller Folge in einer gemieteten Dachkammer und den Gesundheitskontrollen der Polizei und dann, schließlich, mit der gefürchteten Seuche. Magda hatte ihrer Tochter deshalb eingeschärft, niemals vertraulichen Flüsterern mit wohlduftenden Hemdbrüsten oder verschmitzten Straßenjungen zu vertrauen, die in der Lage waren, Champagner aufzutreiben, wo es eigentlich gar keinen gab. Und am allermeisten, hatte sie erklärt, solle Vivan sich vor Männern in Acht nehmen, die ihr ewige Liebe schworen und sie zu abgelegenen Orten führen wollten.
Doch Vivan wurde von ihrer sieben Jahre älteren Kusine Sandra Söderberg zu einem Junitanz auf Byholmen gelockt, und dort begegnete sie dem Schwerarbeiter und angehenden städtischen Laternenanzünder Enok Kajander. Es war das erste Mal, dass Vivan ihren freien Abend darauf verwandte, tanzen zu gehen, und sie sah weg, als sie die Trauben von Männern sah, die entlang der Waldpfade standen und sich mit Branntwein und süßen Mischgetränken stärkten, ehe sie zum Tanzboden zurückkehrten, um jemanden aufzufordern. An ihrem nächsten freien Abend feierte sie auf Farholmen, wo die Abstinenzlergesellschaft der Arbeiter eine musikalische Soiree veranstaltete. Einer der Programmpunkte war Enok, der mit seiner samtenen Tenorstimme schwedische und finnische Volkslieder sang. Den Juli und den halben August verbrachte Vivan mit Familie Gylfe in deren Sommervilla Miramar draußen in Kallvik, aber als sie zurückkam, dauerte es nicht lange, bis Enok wieder vor der Küchentür stand. Er habe Geld gespart, sagte er, und wolle sie ins Kinematographentheater einladen, um sich bewegte Bilder anzusehen, und er nannte sie helluni mun, meine Liebste, und Vivan errötete - das tat sie immer, wenn er Dinge auf Finnisch zu ihr sagte, ohne ihr zu erklären, was sie bedeuteten.
An einem Samstagabend spät im August war Tanz in der Sommerkolonie Mölylä der Sozialisten östlich der Gammelstadsfjärden. Enok und Vivan trafen sich am Broholmsufer und nahmen zusammen mit fast achtzig anderen Frauen und Männern Platz im riesigen Ruderboot 'Zukunft' des Arbeitervereins. Enok war einer der Ruderer, und als das Boot unter der Langa-Brücke hindurchfuhr, sangen die Männer aus vollem Hals die Marseillaise, und die abendlichen Flaneure auf der Brücke lehnten sich neugierig über das Holzgeländer, um zu schauen, woher der Gesang kam. Vivan hatte das Gefühl, dass Enok jeden kannte und überall zu Hause war, und sie lächelte ihm von ihrem Platz auf der Achterducht aus zu, wo sie gemeinsam mit zehn anderen jungen Frauen saß, die alle ebenso festlich gekleidet waren wie sie selbst.
Draußen in Mölylä spielte die Blaskapelle des Vereins, und Vivan war in ihrer sahnefarbenen Bluse, ihrem kostbarsten Besitzstück, die Mutter Magda aus dem Seidenstoff genäht hatte, den ihr Onkel Heizer-August im Vorjahr aus Shanghai mitgebracht hatte, ehe er an Tropenfieber erkrankte und starb, das schönste Mädchen des Tanzes. Die Musik und Enok und der Mondschein ließen sie die einförmigen Arbeitsaufgaben und die enge Dienstmädchenkammer in der Boulevardsgatan vergessen. Sie bekam eine solche Lust, sich zu befreien und endlich richtig zu leben, sie spürte ihr Herz schnell und hart pochen, und als sie mit Enok tanzte, schloss sie die Augen und lag in seinen Armen und stellte sich vor, vom Scheitel bis zur Sohle in Crêpe de Chine gehüllt zu sein, obwohl der Stoff ihres Rocks schwarz und grob war. Nach Einbruch der Dunkelheit verließen sie den Tanz und das muntere Geplauder und gingen einen Waldweg hinab, auf dem ihre Bluse weiß zwischen den Schatten der Bäume schimmerte. Unten am Ufer zogen sie Schuhe und Strümpfe aus, liehen sich ein Boot und ruderten zu der kleinen Insel Lillkobben hinaus, die von den Finnen Kiimakari genannt wurde - der Name bedeutete Wollustschäre -, doch das wusste Vivan natürlich nicht. Draußen auf der Insel suchten sie ein kleines Wäldchen auf, und Enok breitete sein Jackett und seine Weste auf der Erde aus und griff ihr um die Taille und bat sie, sich zu setzen. Er trank an diesem Abend keine starken Sachen, er war die Zärtlichkeit und Höflichkeit selbst, und Vivan ließ sich auf dem angebotenen Platz nieder und dachte daran, was für eine klare Mondnacht es war und welch große und warme Hände Enok hatte und wie deutlich die Adern seiner Hände zu sehen waren, und sie zog ihre nackten Füße unter sich und löste ihr Haar, während sie gleichzeitig einem Windhauch lauschte, der durch die dünnen Wipfel der Birken strich.
Es war das erste Mal, dass sie sich einem Mann hingab, und hinterher bekam sie dann Angst, Angst davor, dass das Blut in diesem Monat ausbleiben und durch morgendliche Übelkeit und all das andere ersetzt werden würde, wovon Sandra und die anderen jungen Frauen erzählt hatten, und Angst davor, was Enok von ihr denken, aber auch davor, womit er sie angesteckt haben mochte - sie wusste doch, er hatte im Hafen gearbeitet, weshalb sie davon ausging, dass er früher viele Frauen gehabt hatte und es gefallene Mädchen gewesen waren.
Die Sache blieb dieses Mal ohne Folgen. Aber sie gingen das ganze Jahr miteinander, und während der Streikwoche im November, als Enok von sich behauptete, zu Hauptmann Kocks Arbeitergarde zu gehören, sich jedoch in erster Linie in der Stadt herumtrieb und in den Menschenmengen mitlief und Schlagworte grölte, ging Vivan an ihrem freien Abend mit ihm nach Hause, um Tee zu trinken. Enok wohnte im Stadtteil Hermanstad, er war Untermieter bei seinem Onkel Fredrik, der eine Frau und drei kleine Söhne hatte, aber Onkel Fredrik und seine Familie waren zu Beginn der Unruhen aus der Stadt nach Sibbo geflohen. Folglich war es ein leeres und momentan unbeheiztes Zimmer in einem ungestrichenen Holzhaus mit dem nebelverhüllten Byholmen und der herbstgrauen Gammelstads-fjärden tief unter ihnen, in dem Enok und Vivan das zweite Mal miteinander schliefen. Sie schloss die Arme um Enoks Rücken, während er sich auf ihr bewegte, und fror ein wenig, vor allem an Armen und Beinen, und war hinterher nach nur fünf Monaten in den Diensten von Familie Gylfe in anderen Umständen.
Sie begriff sehr schnell, was los war, dennoch dauerte es fast zehn Wochen, bis sie es wagte, mit Beata Gylfe zu sprechen. Frau Beata lauschte, ohne eine Miene zu verziehen, und sagte anschließend mit strenger Stimme, Vivan müsse leider ihre Stelle verlassen, bekomme jedoch drei Monate Abschiedslohn und dürfe im Dienstmädchenzimmer wohnen bleiben, bis die Familie eine neue Dienstmagd gefunden habe. Vivan nahm all ihren Mut zusammen, blickte zu Boden und murmelte: 'Ich bin keine Dienstmagd, die gnädige Frau kann mich Hausgehilfin oder Zofe oder was auch immer nennen, aber ich bin keine Magd.' Frau Beata verstand kein Wort und bat Vivan zu wiederholen, was sie gesagt hatte. Vivan tat, wie ihr geheißen, sie wiederholte die Worte laut und deutlich, und ihr Tonfall glich, fand sie, bis aufs Haar dem Frau Beatas - er war ebenso abgeklärt und präzise. Frau Beata warf ihr allerdings nur einen frostigen Blick zu und fragte: 'Findet Vivan wirklich, dass dies eine Rolle spielt? Ich meine, angesichts der Umstände, in die Vivan sich versetzt hat?' Vivan antwortete nicht. Zurück in der Küche brach sie in Tränen aus, aber Frau Holmström verzog nur den Mund und wandte sich augenblicklich ab, stand da und zermahlte einen großen Hecht zu Fischhack, starrte in den Fleischwolf, sah schroffer aus als je zuvor und weigerte sich, auch nur ein einziges Wort zu sagen.
Am späten Nachmittag bestellte der stellvertretende Amtsrichter Gylfe Vivan in die Bibliothek. Er saß mit einem aufgeschlagenen Buch vor sich an seinem Schreibtisch, die Vorhänge zur Boulevardsgatan waren zugezogen, und er rauchte Pfeife und sagte mit leiser Stimme, es gebe zwei Alternativen, entweder müsse Fräulein Vivan rasch eine Engelmacherin finden oder aber das Kind zur Welt bringen und versuchen, es adoptieren zu lassen, denn sie sei viel zu jung und unerfahren, um als Mutter bestehen zu können, und zu allem Überfluss würde sie im unruhigen Helsingfors allein dastehen. Angesichts der Umstände, lächelte der stellvertretende Amtsrichter säuerlich, müsse er sich leider die Freiheit nehmen, die ernsthaften Absichten des Befruchters zu bezweifeln. Leider Gottes, fügte er anschließend hinzu, könne er ihr selbst jedoch mit keiner konkreten Hilfe beistehen, denn wie Fräulein Vivan sicher verstehe, gehörten weder Engelmacherinnen noch Kinderheimvorsteher zu seinem Bekanntenkreis, und außerdem habe Fräulein Vivan sein und seiner Frau Beatas Vertrauen enttäuscht und sei selber schuld.
An jenem Tag, an dem all diese Worte ausgesprochen wurden, während andere, beispielsweise 'Wir wollen hoffen, dass sich die Dinge für Fräulein Vivan zum Besten wenden', unausgesprochen blieben, war Vivan Fallenius siebzehn Jahre, sechs Monate und drei Tage alt.
Enok Kajander war der Sohn eines Fischers aus Sibbo, aber seine Eltern waren tot und er wohnte seit dem Sommer 1902 in Helsingfors. Er hatte pechschwarze, gewellte Haare und auch im Winter einen dunklen Teint und wurde der Schwarze Enok genannt. Der Schwarze Enok war kürzlich einundzwanzig geworden, stand jedoch bereits weithin in dem Ruf, ein Unruhestifter und Agitator zu sein. Unruhestifter oder nicht, als seine Liebe zum ersten Mal auf die Probe gestellt wurde, bestand er sie. Als er den kurzgefassten Brief erhielt, in dem Vivan von ihrer Not berichtete, suchte er sie auf, stand plötzlich vor der Küchentür in der Boulevardsgatan und fingerte an seiner speckigen Mütze herum, wich Frau Holmströms majestätisch wütendem Blick aus und lud Vivan in ungelenken Formulierungen zu einem Spaziergang am kommenden Wochenende ein.
Es war Februar und der Sonntag wolkenverhangen, aber eiskalt. Am Ende der Östra Henriksgatan verbreitete das alte Gaswerk wie üblich seinen Gestank, und überall in der Stadt spien die elektrischen Kraftwerke graue Asche und schwarzen Rauch, und der Steinkohlenstaub und die Abgase verliehen der Stadtluft eine schmutzig gelbe Note und inmitten der Kälte einen ganz eigenen, beißenden Geruch. Enok und Vivan trafen sich in der Mikaelsgatan, gingen schweigend in nördliche Richtung und kamen am neuen Theatergebäude vorbei, das in wuchtiger und einsamer Majestät am Järnvägstorget stand. Von dort aus spazierten sie in den Kajsaniemipark, und als sie am zugefrorenen Schwanenteich entlanggingen, warf Enok ihr vor, dass sie sich nicht dem Helsingforser Hausangestelltenverein angeschlossen hatte: dann hätte sich der Verein ihrer Sache annehmen können. Vivan sagte, wie es war, die Hausangestelltenvereine hätten gemeinsame Sache mit den Arbeitern gemacht, was man draußen in den Dörfern nicht gern sehe, wo die Großbauern und Gutsbesitzer ein Auge darauf hatten, wohin die armen Leute ihr Mäntelchen hängten. Enok nickte ernst und meinte, es sei gut, dass sie nach Helsingfors gekommen sei, wo es so viele Arme gebe und deren gebündelte Kraft immer weiterwachse. Vivan biss sich auf die Lippe, blickte auf ihre abgetragenen Stiefel und erwiderte schmollend, im Moment sei überhaupt nichts gut, sie habe Schande über ihren Vater und ihre Mutter gebracht, und mit ihrem Abschiedslohn werde sie nicht weit kommen, und ihre Kusine Sandra habe zwar gesagt, sie könne bei ihnen wohnen, solange sie wolle, bis das Kind geboren sei, aber Sandra und ihr Axel hätten bereits zwei Kinder und ein drittes sei unterwegs und Axel habe oft keine Arbeit und das Zimmer dort in der Andra linjen sei eng, und deshalb habe Vivan schon Alpträume, in denen sie vor der Armenverwaltung stehe und die Damen und Herren die Nase rümpfen und sie als eine Hure betrachten sehe.
Darüber hinaus quälten sie auch noch andere Visionen, sie wolle Enok keine Angst machen, aber sie habe von Kindesbeinen an Dinge geträumt, die anschließend in Erfüllung gegangen seien. Als sie sieben gewesen sei, habe sie von einem Nachbarjungen geträumt, ihn nachts vor sich gesehen, und sein Gesicht sei verfärbt und aufgedunsen gewesen und seine Augenhöhlen leer, und zwei Sommer später sei der Junge draußen in Porkala ertrunken, und seine Leiche habe man erst gefunden, als es längst Herbst gewesen sei, und da seien die Aale schon am
Werk gewesen, wenn Enok verstehe, was sie meine. Und nun habe sie von einem der Söhne Gylfe geträumt, von Magnus, dem Mitglied der Familie, das sie am wenigsten mochte, in ihrem Alptraum sei der Kopf des älteren Sohns der Gylfes vom Körper abgetrennt gewesen, er habe frei vor ihren Augen geschwebt, er sei blutüberströmt und der Blick starr und grausig gewesen, während der Rest des Körpers ein Stück entfernt auf einer morastigen Straße gelegen habe.